Das Geheimnis der Tempelritter

Was man ihnen vorwarf, muss in den Ohren des 14. Jahrhunderts grauenvoll geklungen haben: gotteslästerliche Handlungen, Götzenanbetung, Kontakte zu Geheimbünden und muslimischen Bruderschaften und – besonders pikant – homosexuelle Praktiken. Ausgerechnet der Eliteorden des Mittelalters sollte sich so vergangen haben – die Tempelritter, dessen Mitglieder im Heiligen Land zu Hunderten für ihren Glauben gestorben waren?
Um das Jahr 1120 hatten französische Ritter eine bewaffnete Truppe gegründet, um die Pilger auf ihrem Weg zu den heiligen Stätten zu schützen. Weil sie ihre erste Niederlassung auf dem Jerusalemer Tempelberg errichteten, nannten sie sich „Ritter vom Tempel Salomons“. Bald waren sie nicht nur in Palästina präsent, sondern in allen Teilen Europas. Der Buchautor und Globetrotter Franjo Terhart hat die Geschichte des Templerordens erforscht:
„Kämpfende Mönche, das ist schon sehr ungewöhnlich. Also das ist die eine Geschichte des Templerordens. Die andere ist, dass sie das Christentum doch sehr anders gesehen haben. Wenn man Texte liest, dass sie, ja auch bestimmte Stellen des Neuen Testamentes, Stellen aus dem Alten Testament völlig anders ausgelegt haben, eben nicht-christlich, ketzerisch. Das finde ich sehr spannend, dass sie sich das getraut haben! Denn im Mittelalter traute sich niemand, freiheitlich zu denken.“

Geheime Symbole
Diese unorthodoxe Frömmigkeit sollte dem Templerorden zum Verhängnis werden. Die Mönchskrieger führten ein sehr asketisches Gemeinschaftsleben, aber sie waren so frei, auf ihren Friedhöfen Selbstmörder, Ketzer, Verbrecher zu beerdigen, und sie hatten geheime Rituale und Symbole. Zum Beispiel das Ordenssiegel: Es zeigt zwei Ritter, die hintereinander auf einem Pferd sitzen. Im Prozess machten ihre Ankläger daraus einen Beweis für homosexuelle Verirrungen.
Das Leben der einzelnen Ordensritter in Armut stand in auffallendem Kontrast zum wirtschaftlichen Erfolg und zur wachsenden politischen Macht der Gemeinschaft. Das rief Neider auf den Plan. Der Orden sammelte Grundbesitz und Privilegien, rüstete eine eigene Flotte aus und betrieb Geldgeschäfte im großen Stil.
„Sie haben sich über ganz Europa ausgebreitet, haben eine Struktur geschaffen, auch eine logistische Struktur, die es ihnen ermöglichte, Nachrichten damals in sehr kurzer Zeit über mehrere Länder hinweg zu transportieren. Sie haben den Scheck erfunden, wenn man so will: Wenn ein Kaufmann in England sagte, ich reise ins Heilige Land, aber ich will mein Geld nicht mitnehmen, da haben die Templer gesagt, hier hast du einen Brief von uns, einen Scheck, darauf zahlst du dein Geld ein und wenn du dort in Jerusalem bist, dann zahlen wir dir das Geld wieder aus.“
Die frommen Mönche waren Kaufherren und Bankiers geworden. Ihr Orden agierte längst international, träumte von einer Art christlichem Völkerbund, entzog sich mehr und mehr der Kontrolle durch die Nationalstaaten und ihre Könige.

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