Das passiert, wenn die Alpengletscher verschwinden

Gletscherfreie Alpen haben fatale ökologische und wirtschaftliche Folgen. Technisch ist es vielleicht möglich, Gletscher zu schützen. Aber ist das auch sinnvoll?

Die Alpengletscher verschwinden
Noch gibt es Gletscher in den Alpen. Und sie speichern gigantische Wassermassen. Die riesigen Gletscher gelten als Hauptquellorte für Donau, Po, Rhein und Rhone. Es ist aber nur eine Frage der Zeit, bis auch die letzten geschmolzen sind. Um 1850 betrug die vergletscherte Fläche in den Alpen 4500 Quadratkilometer. Die Gesamtfläche der heute noch existierenden circa 4400 Alpengletscher summiert sich auf nur noch 1806 Quadratkilomter. Das entspricht etwa der doppelten Ausdehnung Berlins.
Der Klimawandel nagt mit stetig steigenden Temperaturen an den gewaltigen Eismassen, die von den Bergen in die Täler fließen. Kleinere Gletscher trifft es dabei zuerst. 500 sind in den letzten Jahrzehnten schon verschwunden, viele weitere werden in den kommenden 30 Jahren folgen. Die Prognose von Gletscher-Forschern und -Forscherinnen: Gegen Ende dieses Jahrhunderts droht auch den großen Gletschern das Aus. Wo heute Aletsch und Mittelbergferner, La Grande Motte und Glaciers de la Meije ihre mächtigen Eiszungen in die Täler wälzen, erstrecken sich dann trostlose Steinwüsten.

Deutschland hat kaum noch Gletscher
Deutschland hat fünf Gletscher, alle liegen im Berchtesgadener Land sowie auf der Zugspitze. Verglichen mit ihren Geschwistern in Frankreich, Österreich, der Schweiz und Italien sind sie allerdings Zwerge.

Gletscher, so die wissenschaftliche Definition, sind ganzjährige Eisflächen von mindestens 0,1 Quadratkilometern. Drei der deutschen Eisflächen unterschreiten diese Marke und sind streng genommen also gar keine Gletscher. Ihre Eisflächen zusammengerechnet ergeben gerade mal 45 Hektar. Das entspricht der Größe der Münchner Theresienwiese.

Schweiz: Auch der Aletsch-Gletscher schrumpft
Im schweizerischen Wallis liegt der Große Aletsch, mit 20 Kilometern der längste Talgletscher in den Alpen. Natürlich leidet auch er unter dem Klimawandel. Seit 1870 büßte der Aletsch 3,3 Kilometer seiner Länge ein, 1,5 Kilometer davon in den letzten 40 Jahren. Für ihn sehen die Vorhersagen miserabel aus. Im schlechtesten Fall, wenn die globalen Durchschnittstemperaturen um bis zu 5,4 Grad Celsius ansteigen, verschwindet er bis Ende des Jahrhunderts völlig.

In der Wissenschaft ist man uneins darüber, wie realistisch ein solcher Temperaturanstieg wirklich ist. Während es einige Wissenschaftler:innen für unwahrscheinlich halten, gehen andere davon aus, dass die Temperaturen sogar noch stärker ansteigen könnten. Doch unabhängig von dieser Diskussion steht fest, dass der Klimawandel die Gletscherlandschaft der Alpen grundlegend verändert.

Österreich: Längster Gletscher des Landes schmilzt
Noch immer ist die Pasterze am Großglockner mit acht Kilometer Länge der längste Gletscher Österreichs. „Doch das ändert sich bald“, sagt Andrea Fischer, Professorin am Institut für Interdisziplinäre Gebirgsforschung Innsbruck. „Wir erwarten in Kürze einen sogenannten Abriss an der Pasterze, wodurch die Gletscherzunge zum Toteis erstarrt.“ So etwas passiert, wenn Gletscherflächen durch Risse den Kontakt zum Hauptgletscher verlieren. Folge: Das Eis bewegt sich nicht mehr, es schmilzt langsam ab.

Mit zwölf Kilometer Länge ist das Mer de Glace der längste Gletscher Frankreichs. Seit 1810 hat er 2,5 Kilometer verloren, wobei der mächtige Eisstrom immer schneller schmilzt. Allein im Zeitraum von 2000 bis 2020 sind 700 Meter abgetaut. Eine gewaltige Menge, bedenkt man, dass das Eismeer, so die deutsche Übersetzung, bis zu 1950 Meter breit und 420 Meter dick ist.

Gletscher werden immer dünner
Aber nicht nur die Länge der Gletscher leidet, sie werden auch immer dünner. In der Schweiz zum Beispiel verlieren sie derzeit bis zu zwei Meter pro Jahr. Dabei taut das Eis gleichermaßen von oben und von unten, nicht nur die Luft wird wärmer, sondern auch der Gletscheruntergrund. „Die großen Gletscherzungen, die weit ins Tal reichen, werden wir in den nächsten Jahrzehnten mit hoher Wahrscheinlichkeit verlieren“, sagt Professor Matthias Huss, Glaziologe an der ETH Zürich.

Darum müssen wir drüber sprechen:
Das Verschwinden der Gletscher hat nicht nur weitreichende Folgen für Ökologie und Wirtschaft, es macht die Alpen auch gefährlich
Dass die Alpen gefährlich sind, wird deutlich, wenn man einen Blick auf die Unfallstatistik wirft. Allein in Österreich sind 2019 mehr als 300 Menschen im Gebirge tödlich verunglückt. Das war schon immer so, aber das Gletschersterben steigert das Unfallrisiko. Denn Felsen, die über Jahrtausende durch die Gletscher zusammengehalten wurden, fallen nun ohne Gletscher auseinander.
Letzte Chance: Touristen wollen Gletscher sehen, bevor sie weg sind
Die Alpengletscher haben mit ihrer Schönheit schon immer Besucher:innen in ihren Bann gezogen. Derzeit hat der Gletscherschwund allerdings noch keine messbaren Folgen für den Tourismus. Forschende führen dies auf den „Last Chance Effekt“ zurück. Touristen und Touristinnen reisen vermehrt in die Alpen, um die Gletscher vielleicht ein letztes Mal zu bewundern.

„Im Corona-Sommer 2020 sind gefühlt so viele Besucher zum Aletsch gekommen wie noch nie!“, erinnert sich der Schweizer Berg- und Gletscherführer Martin Nellen. Seit 1974 bietet er geführte Touren an, nur wenige kennen den Aletsch so gut wie er. Der Klimawandel hat ihn mittlerweile fünfmal gezwungen, den Einstiegspunkt für Wanderungen zu verlegen. „So schnell wie der Aletsch heute abschmilzt, bin ich sicher, dass wir in spätestens zehn bis 15 Jahren wieder neue Wege auf den Aletsch finden müssen. Es wird immer schwieriger, auf den Gletscher zu kommen“, erzählt Nellen.

Auswirkungen auf den Wasserhaushalt
Gletscher übernehmen vor allem in trockenen Phasen eine wichtige Rolle für den Wasserhaushalt. Wilfried Hagg von der Fakultät für Geoinformation an der Hochschule München erklärt das so: „In extrem trockenen Jahren, wie zum Beispiel 2018, kann es zu regionalen Wasserdefiziten kommen. In solchen Jahren geben Gletscher mehr Wasser ab und erhalten damit eine wichtige Ausgleichsfunktion.“

Sollten die Gletscher verschwinden, fehlt diese Kompensation. „Der Wasserhaushalt in den Alpen wird in erster Linie durch den Niederschlag bestimmt. Es ist deshalb noch schwer vorstellbar, dass es in den Alpen zu einem überregionalen Wasserdefizit kommen könnte. Dennoch ist es nicht ausgeschlossen, dass sich auch die Niederschläge verändern“, ergänzt Matthias Huss von der ETH Zürich. Dies könnte regionale Folgen für die Verfügbarkeit von Wasser mit sich bringen.

Wasserspeicher: Gletscher nur mit großem Aufwand zu ersetzen
„Wenn es in den Alpen keine Gletscher mehr gibt, muss man auf andere Reservoirs ausweichen“, erklärt Wilfried Hagg. „So können Staudämme beispielsweise die Funktionen von Gletschern bis zu einem gewissen Grad ersetzen. Für reiche Länder wie die Schweiz wäre das vergleichsweise einfach umzusetzen. Andere Regionen auf der Welt, zum Beispiel Südamerika oder Zentralasien, hätten für solche Projekte wahrscheinlich nicht die finanziellen Ressourcen.“

Der Gletscherrückzug wird sich in Zukunft wahrscheinlich auch negativ auf die europäische Binnenschifffahrt auswirken. Im Hochsommer stammt heute bis zu einem Viertel des Wassers in Rhone, Rhein, Donau und Po aus der Schmelze der Alpengletscher. In heißen, trockenen Jahren kann es sogar noch mehr sein. Versiegen diese Wasserquellen, könnten Europas Flüsse schwerer schiffbar und manche Passagen sogar unbefahrbar werden. Einen Vorgeschmack auf die Probleme gab es im Sommer 2018, als wegen des extremen Niedrigwassers die Rheinschifffahrt teilweise eingestellt werden musste.

Schmelzende Gletscher: Gebirge wird instabil
Gletscher bewegen sich, das ist normal. Der Klimawandel kann aber dazu führen, dass gewaltige Gletscherblöcke plötzlich ins Rutschen geraten. Gefährlich wird es immer dann, wenn dies oberhalb von Siedlungen geschieht. Im Sommer 2020 wäre es auf der italienischen Seite des Mont Blanc beinahe zu einer Katastrophe gekommen. 500.000 Kubikmeter Gletschereis des Planpincieux drohten die Ortschaft Courmayeur unter sich zu begraben. Es war pures Glück, dass die Katastrophe ausblieb.

Am Aletsch passiert Vergleichbares. Im Gegensatz zum Planpincieux-Gletscher droht hier aber ein ganzer Berghang ins Tal zu rutschen. 1850, am Ende der Kleinen Eiszeit, übte der Aletsch noch enormen Druck auf die Bergflanken aus, die sich links und rechts von ihm erstrecken. Dieser Druck stabilisierte die Hänge. Durch den Klimawandel hat der Eisstrom aber einen großen Teil seiner Masse verloren, die früher für diesen Druck verantwortlich war. Folge: Die Hangflanken sind instabil geworden.

Böden unterm Gletscher tauen auf
Das Abtauen der Permafrostböden hat die Situation weiter verschärft. Permafrostböden sind ganzjährig gefroren, nur im Sommer schmelzen die oberen Zentimeter. Weil die Böden in den letzten Jahren immer öfter vollständig auftauen, verliert der Hang zusätzlich Stabilität. Nach Informationen der zuständigen Behörden ist ein gefährlicher Hangrutsch im Moment zwar unwahrscheinlich, allerdings kann es jederzeit zu größeren Felsstürzen kommen. Derzeit verschiebt sich der Hang mehrere Zentimeter pro Jahr.

Der Planpincieux und der Aletsch sind nur zwei Beispiele dafür, wie Gletscher zur akuten Bedrohung werden könnten. Der Klimawandel macht die Alpen damit zumindest regional unsicher. Dabei stellt sich nicht die Frage, ob etwas passiert, sondern wann und wie zerstörerisch das Ausmaß solcher Katastrophen wird.

Aber:
Vor rund 6000 Jahren waren die Alpen schon einmal fast eisfrei
Vor 6000 Jahren waren die Alpen bis in eine Höhe von mindestens 3500 Meter eisfrei. Das belegt eine neue Studie an Eiskernen, die von der Weißseespitze stammen. In unmittelbarer Nähe wurde die Mumie Ötzis aus der Jungsteinzeit gefunden. Heute liegt die Gletschergrenze in den Alpen etwa zwischen 2100 und 2400 Metern. Wo wir heute eine Gletscherausrüstung brauchen, konnte sich vor 5300 Jahren Ötzi also problemlos bewegen.
Vor 5000 Jahren war es deutlich wärmer
Der Grund für diesen großen Unterschied: Vor rund 11.500 Jahren nahm das Holozän seinen Anfang, die Warmzeit, in der wir noch heute leben. Nun darf man sich das Holozän aber nicht als allzu temperaturstabil vorstellen. Innerhalb dieser Warmzeit schwankten die globalen Durchschnittstemperaturen zum Teil sehr kräftig. Eine herausragend warme Phase war das sogenannte „Holozäne Temperaturoptimum“ zwischen 9000 und 5000 Jahren vor heute. Damals lagen die globalen Durchschnittstemperaturen im Juli mindestens um ein bis zwei Grad Celsius höher als vor der Industrialisierung.

„Warum es in diesem Zeitraum wärmer war, wissen wir noch nicht 100-prozentig. Das heißt aber nicht, dass wir nichts wissen. Im Gegenteil, wir sind dabei diese Prozesse immer besser zu verstehen“, erklärt Andrea Fischer. Die Klimamodelle werden ständig verbessert, die Klimafolgen präziser benannt. Fischer ergänzt: „Die Mechanismen dieser Phasen weiter zu erforschen und zu verstehen ist wichtig, da sie den menschengemachten Klimawandel zusätzlich verstärken könnten.“

Wie der natürliche Klimawandel funktioniert, erklären wir hier.

Und jetzt?
Können technische Eingriffe die Alpengletscher noch retten?
Am Morteratschgletscher im Schweizer Kanton Graubünden verfolgen Forschende und Ingenieure ein ehrgeiziges Projekt. Seit 1878 hat der Gletscher sich um 2870 Meter verkürzt. Wird nichts getan, verschwindet auch er bis spätestens Ende des Jahrhunderts. Der Schweizer Glaziologe Dr. Felix Keller ist Leiter des MortAlive Projekts. Ein Projekt, das noch ganz am Anfang steht. Er und seine Partner:innen aus Wissenschaft und Privatwirtschaft versuchen, die Lebensdauer des Gletschers zu verlängern.

Um ein schnelles Abschmelzen des Gletschers zu verhindern, müsse man ihn „pflegen“, so Keller. Darunter versteht er das künstliche Beschneien des Eisflusses. Zehn Prozent der Fläche werden dauerhaft mit künstlichem Schnee versorgt.

Innovativ ist die Methode, weil sieben sogenannte Schneiseile von 700 bis maximal 1000 Meter Länge über den Gletscher gespannt werden. Fließt Wasser durch die Leitungen der Schneiseile, das aus höheren Lagen des Gletschers stammt, entsteht ein natürlicher Druck. Der reicht aus, den Gletscher ohne zusätzliche Energie zu beschneien. Der Vorteil: Der gesamte Prozess ist emissionsfrei – und dringend notwendig.

100 Millionen Franken, um den Gletscher zu retten
An einem sommerlichen Hitzetag verliert der Morteratsch bis zu eine Million Tonnen Eis. Um diesen Verlust auszugleichen, produziert jedes Schneiseil pro Tag 32.000 Tonnen Schnee, übers Jahr gerechnet ist es an 160 Tagen im Einsatz. So die Theorie – in der Praxis muss sich der Plan erst noch beweisen. Keller rechnet mit Projektkosten von 100 Millionen Schweizer Franken verteilt über 30 Jahre.

Er weiß, dass es nicht leicht wird und er den Klimawandel und den Gletscherrückzug damit nicht aufhalten kann. Zumindest wolle er aber versuchen, die Folgen des Klimawandels am Morteratsch zu verlangsamen. „Wenn wir nur darauf vertrauen, worin wir sicher sind, kommen wir nicht weiter.“

Wissenschaftler:innen: Gletschersterben kaum aufzuhalten
Andere Wissenschaftler:innen beurteilen solche Rettungsmaßnahmen deutlich skeptischer. Wilfried Hagg drückt es so aus: „Einen Gletscher künstlich zu schützen kann nicht das richtige Herangehen sein. Das ist in keiner Weise sinnvoll, da es nicht die Ursache bekämpft.“ Allenfalls könne man mit sehr hohem finanziellem Aufwand das Sterben eines oder weniger Gletscher verzögern, niemals aber aufhalten.

Und Andrea Fischer ergänzt: „In den österreichischen Ostalpen ist unter den derzeitigen Klimabedingungen kein einziger Gletscher überlebensfähig. Es hilft nichts, an der Gletscherzunge einige Flecken abzudecken, wenn oben kein Schnee mehr liegt!“

Es ist fraglich, ob Rettungsaktionen für Gletscher erfolgreich sind. Die meisten Fachleute halten es für unwahrscheinlich. Auch das Experiment von Felix Keller wird infrage gestellt. Gelingt es, würde dem Morteratsch immerhin etwas Zeit geschenkt. Zeit, die man dafür nutzen könnte, den Klimaschutz voranzutreiben. Hier sind die Gesetzgeber gefragt. Doch es scheint, als käme für die Alpengletscher jegliche Hilfe zu spät.

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