Heute ist der Todestag des 9. Templergrossmeisters

Arnaldus de Turre rubea (de Torroja).

Großmeister und Seneschall des Ordens waren gefallen, die Burg an
der Jakobsfurt zerstört, ihre Besatzung umgebracht oder wie ihr Präzeptor
in den Flammen umgekommen. Als Saladin 1180 nach Tripolis
zog, blieben Templer und Johanniter auf ihren Burgen und wagten
keinen Angriff (WvT 22,2); ihre junge, kampffreudige Mannschaft war
in den Kämpfen der letzten Monate geblieben. Der Großmeister war nicht
leicht zu ersetzen. Die Templer wählten einen spanischen Baron, der
dreizehn Jahre in Aragon und der Provence als Provinzialmeister gewirkt
hatte, zum 9. Großmeister: Arnaldus de Turre rubea (de Torroja).
Ob er schon im Heiligen Lande war — die Provinzialmeister mußten zu
bestimmten Zeiten vor dem Generalkapitel in Jerusalem Rechenschaft
ablegen — oder ob er gerufen werden mußte, ist nicht bekannt. Er war,
als er sein erstes Amt antrat, „einer der bedeutendsten und einflußreichsten
Templer, der zu einer der ersten Familien des Landes gehörte“.
Die katalanische Familie Torroja stattete das Templerhaus von Barbens
aus; sie war mit dem aragonesischen Königshause verwandt.

Arnald war vor dem Jahre 1163 in den Orden getreten; in diesem Jahre
unterzeichnete er schon an zweiter Stelle nach dem aragonesischen
Templermeister Urkunden8). 1166 wurde er commendator Ispanie oder
magister Ispanie et Provincie6). In Aragon gehörte der Templermeister,
wie man ihn hier nennen darf, zum Rate des Königs. Dem Orden waren
die wichtigsten Grenzfestungen anvertraut. Als Grundbesitzer verfügten
die Templer über ein beträchtliches Vermögen, so daß sie hier in der
Lage waren, Geld zu verleihen, und so nicht nur durch ihre streitbare
Mannschaft den König unterstützten. Die große Verantwortung eines
Provinzialmeisters zeigen die unzähligen Urkunden über Schenkungen,
Verträge, Verkäufe, testamentarische Verfügungen, die er unterzeichnete.
Mußten auch größere Abschlüsse den Großmeistern vorgelegt werden,
so lag doch die Entscheidung zunächst bei ihm. Daß Arnaldus ein Chartular
dieser Erwerbungen anlegen ließ, zeigt ihren Umfang. Es enthielt
444 Dokumente, von denen nur wenige nach seiner Zeit eingetragen sind.
450 Männer und Frauen traten im 12. Jahrhundert in Spanien in die
confratemitas des Ordens, und zwar in großer Zahl ricos hombres, Ritter
und Edelfrauen aus Kastilien, Aragon und Navarra. Es ist anzunehmen,
daß Arnald auch erfahren war im Kampf mit den Sarazenen, wenn dies
auch nicht belegt werden kann wie seine Verwaltungstätigkeit.

Es war ein konservativer Wählerkreis, der zu Odos Nachfolger einen
Mann von hohem Adel wählte, der schon im Westen mit Königen und
Prälaten verhandelt hatte und ihnen genehm war. Arnaldus de Turre
rubea wurde wohl 1180 gewählt und kam im Laufe des Jahres 1181 ins Heilige
Land. Er gewann auch König Balduins Vertrauen. Zusammen mit
dem Patriarchen von Jerusalem und dem Johanniter-Großmeister wurde
er im Winter 1181 zu dem jungen Boemund III. von Antiochia gesandt,
über dessen Gebiet das Interdikt verhängt worden war, weil er zwei Gemahlinnen,
Theodora und Orgueilleuse, verstoßen hatte, mit einer Mätresse
lebte, die Kirchen seines Landes beraubte und seine fähigsten
Barone des Landes verwies, so daß Unruhe und Aufruhr herrschten;
vermutlich war wieder der alte Streit zwischen dem griechischen und
lateinischen Klerus ausgebrochen9). Was die Gesandtschaft ausrichtete,
ist nicht bekannt.

Im Frühjahr 1180 schloß Saladin einen Waffenstillstand für zwei
Jahre mit dem Königreich1, da er erst seine Herrschaft über die Teilreiche
befestigen mußte. Doch das Reich kam nicht zur Ruhe. Die Mutter
des Königs, Agnes von Courtenay, intrigierte mit ihrem Bruder Joscelin
gegen Raimund von Tripolis, der das Vertrauen der Barone und des
Volkes besaß. Auf den Rat seiner Verwandten vermählte König Balduin,
wie es scheint überstürzt, in der Fastenzeit 1180 seine verwitwete Schwester
Sibylle mit Guido von Lusignan, der wegen einer Fehde aus dem
Westen flüchten mußte und auf Rat seines Bruders Aimerich, des Marschalls
des Königs, nach Jerusalem gekommen war. Er war „schön
von Angesicht“, aber ne preus ne sage. Der unfähige und sittenlose
Heraclius, der im selben Jahre 1180 Patriarch von Jerusalem wurde, gehörte
auch zu dieser „Hof-Partei“. Der Templerorden stand traditionsgemäß
an der Seite des Königs. Von einer Parteinahme in dieser Zeit ist
nichts bekannt. Dasselbe gilt von den Johannitern, deren confrater
Raimund von Tripolis war; sie hatten ihm eine große Summe zur Lösung
aus der Gefangenschaft vorgestreckt.

Während eines ganzen Jahres — 1182/83 — griffen die Franken an
den Grenzen von Damaskus, in Galiläa, in der Wüste Sinai und am
Roten Meer Streitkräfte der Ajjübiden an. Dieser Einsatz ist in der Geschichte
des Königreichs ohne Beispiel14). Aller Kräfte waren aufs Äußerste
angespannt. Die Orden werden nicht erwähnt.

Im Juni 1183 ergab sich Aleppo Saladin. Das Königreich war nun, wie
Bertrand de Blanchefort vorausschauend befürchtet hatte, zu Lande ganz
von Saladins Macht eingeschlossen. Eine erstmalig erhobene Kriegssteuer
zur Verteidigung des Landes ermöglichte die Aufstellung eines ungewöhnlich
großen christlichen Aufgebots. Die feindlichen Heere trafen sich in
Galiläa zwischen La Feve (Merhavya) und Beisan (Bet Sche’an); die Christen
lagerten bei den Quellen von „Ein Jälüd (En Harod). Saladins Lager
war nicht weit entfernt; er ließ durch seine Truppen die umliegenden
Siedlungen bis zum Tabor hinauf zerstören. Zum Kampf kam es nicht.
Nach Wilhelm von Tyrus verhinderten die fränkischen Barone, daß es zu
einem Gefecht und damit, wie es durchaus möglich gewesen wäre, zu
einem Erfolg Guidos käme. Saladins Kraft wäre geschwächt, vielleicht
sogar hätte er eine weitere Niederlage erlitten. Jedenfalls hatte Guido
durch sein Zögern das Vertrauen des Königs und des Heeres verwirkt;
eine Stellungnahme der wohl anwesenden Großmeister ist nicht überliefert.
Am 20. November 1183 ließ der König nach dem Wunsch der
Barone seinen fünfjährigen Neffen, Balduin V., einen Sohn der Sibylle
aus ihrer ersten Ehe mit Wilhelm von Montferrat, als seinen Nachfolger
krönen und bestellte noch einmal Raimund von Tripolis zum Reichsverweser.
Guido, der sich um seine Aussicht auf eine Nachfolge
Balduins IV. betrogen sah, zog sich nach seiner Stadt Askalon zurück,
deren Tore er dem König verschloß. Es gelang dem Patriarchen und den
beiden Großmeistern trotz kniefälliger Bitten nicht, den König, den seine
Krankheit hilflos und argwöhnisch hatte werden lassen, einer Versöhnung
geneigt zu machen. Die Großen des Reiches mißtrauten einander.
Rainald von Chätillon, Herr von Krak und Montreal, forderte auf eigene
Verantwortung Saladins Zorn heraus, indem er Karawanen überfiel
und sich aufs Rote Meer hinauswagte, dessen Küste er bedrohte. Zweimal
— 1183 und 1184 — wurde Saladin gezwungen, die Belagerung von Krak
aufzugeben. Dennoch war mehr als je zuvor die Existenz des Königreichs
in Gefahr. Nur das christliche Abendland konnte Hilfe bringen. Da man
dem Kinderkönig kein langes Leben gab, wünschte Raimund, um einem
Streit zwischen ihm und Guido vorzubeugen, die Entscheidung über die
Nachfolge dem Papst, dem Kaiser, dem englischen und dem französischen
König zu überlassen1; die Verteidigung der Burgen des Landes wollte
Raimund während seiner Regentschaft den Templern und Johannitern
übergeben, car il n’en voleit estre en nule riens mescreus et que il n’en fust
retez (arrete) de ntde mauvaiste. Um Hilfe zu erbitten und den Rat der
Fürsten einzuholen, sandte König Balduin IV. den Patriarchen, den erfahrenen
Johannitergroßmeister Roger des Moulins und den Templergroßmeister
Arnaldus de Turre rubea im Frühjahr 1184 nach Italien. Sie
erreichten wohlbehalten Brindisi. Zum Unglück für den Orden und
für das Königreich starb Arnaldus am 30. September 1184 in Verona,
wo die Gesandten Papst und Kaiser treffen sollten. Die beiden andern
setzten ihre Reise nach England und Frankreich fort.

Schon seine umfassende Wirksamkeit als Landeskomtur, magister
Ispanie et Provincie, sichert Arnaldus einen bedeutenden Platz in der
Geschichte des Templerordens. Im Heiligen Land scheint er eher vermittelnd
als parteinehmend in den Streit um die Thronfolge eingegriffen
zu haben. Westliche Chronisten berichten, daß Sibylle sich mit Guido
von Lusignan unter dem Einfluß „der Templer“ vermählt habe. Hier
wird Arnaldus, der zur Zeit der Vermählung noch nicht im Lande war,
mit seinem Nachfolger verwechselt, dessen Einflußnahme zu dieser Zeit
nicht erwiesen ist. Wenn Arnaldus zusammen mit dem Patriarchen und
dem Johannitergroßmeister für Guido eintrat, wie Wilhelm von Tyrus
im letzten Kapitel seines Werks berichtet, obwohl dieser offen gegen seinen
König rebellierte, so geschah es, um die beiden zu versöhnen, um den Frieden
im Königreich wieder herzustellen. Für Roger des Moulins ist diese
vermittelnde Haltung bis zu seinem Tode am 1. Mai 1187 bezeugt.
Der Orden hat zu dieser Zeit im Orient die größte Ausdehnung seiner
Besitzungen erreicht. Urkunden darüber fehlen. Theodericus beschreibt
in seinem Reisebericht vom Heiligen Lande um 1172 die Wohn- und
Wirtschaftsgebäude und die Kirche des Ordens auf dem Tempelplatz,
westlich der Aqsä-Moschee, und einige seiner Burgen und Befestigungen.
Er spricht mit Staunen von dem Reichtum der Templer und Johanniter.
Es war ein Reichtum, dem ständig Gefahr drohte und der wegen
der hohen Kosten der Instandhaltung dieses Besitzes ständig in Anspruch
genommen wurde.

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