Kälber sind „Abfallprodukte“ der Milchwirtschaft

In der Milchindustrie sind Kühe einen großen Teil ihres Lebens schwanger – denn nur, wenn sie etwa jährlich ein Kind gebären, produzieren sie Milch in wirtschaftlichem Maß, die eigentlich für ihre Kinder gedacht ist. Doch was passiert mit Kälbern, wenn die eigentlich für sie produzierte Milch abgepumpt, verarbeitet, abgefüllt und im Supermarkt verkauft wird?

Die Werbeindustrie gaukelt oft vor, dass Kühe ein glückliches Leben auf grünen Weiden führen – mit der Realität hat das nicht viel zu tun: Mutter und Kind werden meist bereits kurz nach der Geburt voneinander getrennt und sehen sich nie wieder, ihr Leben verbringen sie in den meisten Fällen ganzjährig im Stall.

Was passiert mit dem Kalb nach der Geburt?
Wenn eine Kuh in einem Milchbetrieb ein Kalb auf die Welt bringt, dürfen Mutter und Kind meist keine Zeit miteinander verbringen. Die Mutter wird dann zeitnah wieder zurück in den Stall gebracht, während das Kalb getrennt von der Mutter in dem sogenannten Aufzuchtbereich untergebracht wird. Mutter und Kind rufen teilweise tagelang verzweifelt nacheinander. Wenn Kühe brüllend auf Weiden oder im Stall umherlaufen, suchen sie oftmals ihr Kalb.

Manchmal verdrängen die Mütter dann den Verlust ihres Babys, doch nach einer Weile beginnen sie teilweise erneut mit der Suche nach ihrem Kind. Dabei brauchen Kälber ihre Familie und andere Rinder so dringend: Wenn Kälber in einer Herde aufwachsen, beobachten sie den Kontakt ihrer Mütter zu Artgenossen. Dadurch erlernen sie soziales Verhalten und werden stressresistenter – denn Kühe sind intelligente und soziale Tiere, die in komplexen sozialen Gefügen leben.

Statt liebevoll von ihren Müttern umsorgt zu werden, stehen Kälber in der Milchindustrie nach der Trennung jedoch meist einzeln in sogenannten Kälberiglus und erhalten nach der Erstmilch meist billige Ersatznahrung. Denn jeder Tropfen Milch bedeutet für den Milchbetrieb Profit – für Kuhmutter und Kalb bedeutet es eine schmerzliche Trennung. Oftmals leiden die einsamen Tierkinder an starkem Durchfall oder anderen Infekten. Auch Hitze und Kälte sind sie in den kargen Boxen nicht selten schutzlos ausgeliefert. Die Sterblichkeitsrate von jungen Kälbern liegt deshalb bei bis zu 15 Prozent, in manchen Betrieben aber weitaus höher.

Zudem dürfen ihnen in den ersten sechs Lebenswochen ihre Hornansätze ohne Betäubung mit einem heißen Stab ausgebrannt werden und in den ersten Lebenstagen bekommen sie Ohrmarken in die Ohren geschossen – ihr Dasein als bloße Nummer ist damit endgültig besiegelt. Manche männlichen Kälber werden ohne Betäubung kastriert – auch dies ist in den ersten Lebenswochen erlaubt. In der Milchindustrie erleiden junge Tierkinder somit bereits mehrere traumatische Erlebnisse.

Beschäftige in Milchbetrieben erhoffen sich, dass die Kühe möglichst weiblichen Nachwuchs bekommen – denn nur dieser kann Milch produzieren; doch die Hälfte der neugeborenen Kälber ist männlich, sofern das Sperma nicht gesext ist, und daher für die Industrie wertlos.

Was passiert mit männlichen Kälbern?
Etwa die Hälfte der neugeborenen Kälber ist männlich und erfüllt somit für die Milchindustrie keinen „Nutzen“. In den vergangenen Jahren lag der Fokus bei der Zucht von Kühen auf einer möglichst großen „Milchleistung“ – statt ursprünglich acht bis zehn Litern am Tag für ihr Kalb produzieren sie heute durchschnittlich 8.000 Liter Milch im Jahr. Aufgrund dieser Züchtung setzen die Tiere kaum noch Fleisch an: Die männlichen Kälber, die keine Milch geben, sind also eigentlich auch für die Mast unwirtschaftlich.

Die Bullenkälber werden daher meist im Alter von wenigen Wochen vom Hof transportiert und entweder für Kalbfleisch einige Monate gemästet oder sie werden zu Sammelstellen verfrachtet und von dort aus in spezialisierte Mastanlagen nach Spanien oder in die Niederlande gekarrt. Viele Jungtiere sterben oder kommen völlig kraftlos am Zielort an. So werden die jungen Rinder nach der Mast beispielsweise aus Spanien oftmals in Drittländer außerhalb der EU verkauft. Das bedeutet zum Teil wochenlange Transporte und einen meist brutalen Umgang und betäubungslosen Tod im Schlachthaus.

Der hohe Milchkonsum der Deutschen befeuert dieses Problem: Die steigende Nachfrage nach Kuhmilch bedeutet, dass immer mehr Kälber geboren werden, die keiner haben möchte. Unter dem wirtschaftlichen Druck werden männliche Kälber teilweise – auch vorsätzlich – illegal vernachlässigt oder sogar kurz nach der Geburt getötet.

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