Missbrauchskrise wie Skandal um Ablasshandel

Auf der Kinderschutzkonferenz in Warschau hat der tschechische Soziologe, Religionsphilosoph und Priester Tomáš Halík einen Bezug zwischen der Missbrauchskrise und dem Ablasshandel der Kirche im Hochmittelalter hergestellt.

Kinderschutzkonferenz Warschau: Schonungslose Bestandsaufnahme
Der Missbrauchsskandal sei eine tiefe „Krise des Systems“, die allein durch Disziplinarmaßnahmen nicht überwunden werden könne, so Halík. Es brauche vielmehr einen Wandel auf Ebene des theologischen, pastoralen und spirituellen Verständnisses der Kirche und des Priesteramtes. Radio Vatikan dokumentiert hier die Kurzversion des original auf Englisch gehaltenen Vortrages in einer deutschen Arbeitsübersetzung.

1. Im Geiste der Demut und mit schmerzhaftem Herzen – in spiritu humilitatis et in animo contrito – wollen wir eine der schmerzhaftesten Wunden der Kirche ansprechen. Auch der mystische Leib des Auferstandenen Christus trägt Wunden, und wenn wir diese Wunden ignorieren würden, wenn wir sie nicht berühren wollten, hätten wir nicht das Recht, mit dem Apostel Thomas zu sagen: „Mein Herr und mein Gott!“ Ein Christus ohne Wunden, eine Kirche ohne Wunden, ein Glaube ohne Wunden, ist nur eine teuflische Illusion.
Im Vertrauen auf die heilende und befreiende Kraft der Wahrheit wollen wir die Wunden berühren, die die offiziellen Vertreter der Kirche den Wehrlosen, vor allem den Kindern und Jugendlichen, zugefügt haben; damit haben sie auch der Glaubwürdigkeit der Kirche in der heutigen Welt Wunden zugefügt, die nur langsam und schwer zu heilen sind.

Eine Krankheit des Systems
2. Die allmählich aufgedeckte, lange Zeit vertuschte und verharmloste Pandemie des sexuellen, psychologischen und geistlichen Missbrauchs, des Missbrauchs von Macht und Autorität durch Mitglieder des Klerus ist ein Aspekt der tiefen Krise der Kirche in der heutigen Welt. Es handelt sich nicht um eine Krankheit von Einzelpersonen, sondern um eine Krankheit des Systems. Sie muss in einem breiteren Kontext gesehen werden und kann nur durch den Mut zur Reform der vielen damit zusammenhängenden Probleme auf der Ebene des theologischen, pastoralen und spirituellen Verständnisses der Kirche und des Priesteramtes überwunden werden. Disziplinarmaßnahmen allein werden das Problem nicht lösen.

3. Es handelt sich nicht um einen Randaspekt. Das Phänomen des Missbrauchs spielt heute eine ähnliche Rolle wie im Hochmittelalter die Skandale um den Ablasshandel, die die Reformation auslösten. Was zunächst als Randphänomen erschien, offenbart heute wie damals noch tiefere Probleme, die Krankheiten des Systems: die Beziehungen zwischen Kirche und Macht, Klerus und Laien und viele andere. Die Situation der katholischen Kirche in unserer heutigen Zivilisation ähnelt stark der Situation kurz vor der Reformation.

Die Kirche braucht eine tiefgreifende Reform. Wenn wir die Reform auf Fragen des institutionellen Wandels beschränken, könnte das an der Oberfläche bleiben oder zu einer Spaltung führen. Die „katholische Reform“ des 16. Jahrhunderts sollte als Inspiration genommen werden – ihr wesentlicher Bestandteil war eine Vertiefung der Spiritualität (man denke an die Rolle von Mystikern wie Teresa von Avila, Johannes vom Kreuz und Ignatius von Loyola), aber auch eine Vertiefung des pastoralen Stils und des bischöflichen und priesterlichen Dienstes (man denke an Karl von Boromea und andere).

Eine unerfüllte Reform
4. Die Kirche hat auf dem Zweiten Vatikanischen Konzil versucht, ihren pastoralen Stil und ihr Verhältnis zur modernen säkularen Welt zu reformieren. Sie verstand, dass das Führen eines Kulturkampfes gegen die Moderne die Kirche in die Sackgasse der Geschichte führen würde. Sie versuchte einen „Übergang vom Katholizismus zur Katholizität“. Diese Reform blieb weitgehend missverstanden und unerfüllt, vor allem in den Ländern unter kommunistischer Herrschaft. Vor allem in diesen Ländern ist das System des Klerikalismus nicht überwunden worden.

5. Die Bemühungen des Konzils, sich mit der modernen Welt zu arrangieren, kamen zu spät. Während die Moderne in den 1960er Jahren ihren Höhepunkt erreichte (mit der Kulturrevolution der 1960er Jahre), endete die Moderne bald darauf. Das Konzil hat die Kirchen nicht auf das neue postmoderne Zeitalter vorbereitet. Heute hat sich der gesamte soziokulturelle Kontext verändert. Die Kirchen haben ihr Monopol auf Religion verloren. Die Säkularisierung hat die Religion nicht zerstört, sondern transformiert. Der Hauptkonkurrent der Kirche ist heute nicht der säkulare Humanismus, sondern es sind neue Formen von Religion und Spiritualität, die sich von der Kirche emanzipiert haben. Für die Kirche ist es schwierig, ihren Platz in einer radikal pluralistischen Welt zu finden. Vor allem die von der kommunistischen Vergangenheit geprägten Kirchen haben große Schwierigkeiten, diese Welt zu verstehen. (Die derzeitige dramatische Säkularisierung der polnischen Gesellschaft ist ein typisches Beispiel dafür).

Vormoderne Versuchungen
6. Es gibt große Unterschiede zwischen den Kirchen in der postkommunistischen Welt; die harte Säkularisierung während des Kommunismus und die „weiche Säkularisierung“ in der postkommunistischen Ära haben stattgefunden und finden mit unterschiedlicher Intensität statt. Die Versuchung der Nostalgie für die vormoderne Gesellschaft ist groß, und es gibt ein gefährliches Bündnis der Kirche mit populistischen und nationalistischen Strömungen in der Politik.

7. Der sexuelle Missbrauch ist nur ein Aspekt. Die Antwort der Kirche auf die sexuelle Revolution der 1960er Jahre war Angst und Panik. Die Betonung der Sexualmoral wurde zum beherrschenden Thema der Predigten, und es entstand eine Kluft zwischen der Lehre der Kirche und der Praxis vieler Katholiken, einschließlich der Priester. Papst Franziskus nannte es eine „neurotische Besessenheit“. Die Reaktion der säkularen Öffentlichkeit war: Schaut in euren eigenen Reihen nach. Die Kirche begann erst spät, sich mit der Heuchelei und den Skandalen zu befassen, erst als Reaktion auf die Aufdeckung dieser Phänomene in den säkularen Medien.

8. Die Tendenz, diese Phänomene in den Kirchen der postkommunistischen Welt zu vertuschen und herunterzuspielen, hat eine Reihe von spezifischen Ursachen.

Krise des Klerus insgesamt
9. Es handelte sich nicht nur um sexuellen Missbrauch, sondern auch um psychologischen und geistlichen Missbrauch. Die Hauptursache war „Klerikalismus“ und „Triumphalismus“, der Missbrauch von Macht und Autorität. In den postkommunistischen Ländern gab es dafür eine Reihe spezifischer Gründe.

10. Die Missbrauchsfälle weisen auf die Krise des Klerus insgesamt hin. Diese Krise kann nur durch ein neues Verständnis der Rolle der Kirche in der heutigen Gesellschaft überwunden werden – die Kirche als „pilgerndes Gottesvolk“ (communio viatorum), die Kirche als „Schule der christlichen Weisheit“, die Kirche als „Feldlazarett“ und die Kirche als Ort der Begegnung, des Austauschs und der Versöhnung.

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