Von Gott gezeichnet – oder doch ein heiliger Betrüger?

Niemand verschaffte der katholischen Kirche solchen Zulauf wie Padre Pio. Der Mystiker empfing 1918 wie einst Franz von Assisi die Wunden Jesu Christi. Doch lange zweifelte die Amtskirche – bis Karol Wojtyla kam.

Die Anerkennung von oben ließ Jahrzehnte auf sich warten. Eigentlich erfolgte sie ohnehin nur aufgrund des hohen, sogar zunehmenden Drucks von unten. Die Amtskirche hat lange wirklich fast alles versucht, um den Priester und Kapuzinermönch Francesco Forgione in die Schranken zu weisen. Allein, die Frömmigkeit der Gläubigen wollte es anders.

Am 20. September 1918, so jedenfalls heißt es in der offiziellen Version, seien am Körper des damals gerade 31-Jährigen, der in seinem Orden den Name Pio trug, nach einer Vision Christi im Chor der Klosterkirche Santa Maria delle Grazie in Giovanni Rotondo bei Foggia auf einmal fünf Wunden aufgetreten: in beiden Handflächen, beiden Füßen sowie am Brustkorb.

Sie entsprachen der üblichen Darstellung der Wunden Jesu Christi während der Kreuzigung: Nägel wurden durch beide Hände und die Füße getrieben, außerdem stieß ihm der Centurio Longinus eine Lanzenspitze in den Leib. Ähnliche Stigmata waren zum Beispiel bei Franz von Assisi aufgetreten, dem Gründer des Franziskanerordens, aber auch bei den Ordensschwestern Anna Katharina Emmerick und Marthe Robin.

Padre Pio hatte schon 1912 schriftlich bekannt, seiner Überzeugung nach werde er eines Tages selbst die Wundmale Jesu tragen – und genauso kam es sechs Jahre später. Grund genug für Skepsis?

Kaum waren Gerüchte über die „Zeichnung“ des 1887 als achtes Kind einer Bauernfamilie geborenen Priester über das Kloster hinaus gedrungen, setzte Hörensagen über wundersame Heilungen, die Padre Pio ermöglicht habe. Seine Messen hatten starken Zulauf, und auf die Gläubigen wirkte der 1910 zum Priester geweihte Mann entrückt. Viele begehrten, bei ihm zu beichten, und berichteten danach, Pio habe ihnen neue Kraft gegeben und ihren Glauben gefestigt. Dass er sich meist mystisch-unverständlich äußerte, passte zur in Italien ohnehin starken Volksfrömmigkeit.

Vertreter der Amtskirche betrachteten diese Entwicklung sehr kritisch. Bald nannte man ihn einen „Hysteriker“, wurde zunehmend in der Ausübung seiner seelsorgerischen Pflichten eingeschränkt. So durfte er das Sakrament der heiligen Beichte nicht mehr abnehmen, von 1931 bis 1933 sogar nicht einmal mehr öffentliche Gottesdienste abhalten. Jedoch führten diese Maßnahmen nur zum Gegenteil: Die Begeisterung für den volkstümlichen Priester, der von der Elite der Kirche so offensichtlich diskriminiert wurde, nahm zu statt ab. Die Kirchenoberen knickten ein.

Fast immer trug Padre Pio fingerlose Handschuhe, die seine Handflächen verbargen. Zwar gibt es einzelne Fotos, die ihn mit nackten Händen und den Wundmalen zeigen, doch darauf kann man nur dunkle Flecken erkennen. Weitere Zweifel weckt ein Bild, das Padre Pios rechte Hand nach seinem Tod zeigen soll – und zwar völlig unversehrt.

Ungeklärt ist, warum der Vatikan Indizien zurückhielt, die nahelegten, Pio sei ein Betrüger. Seit 1920 war der Amtskirche bekannt, dass der Kapuziner ab 1918 mehrfach bei einem lokalen Apotheker größere Mengen Phenol gekauft hatte, besser bekannt als Karbolsäure – ein starkes Desinfektionsmittel. Warum aber sollte er von Gott empfangene Stigmata desinfizieren müssen? Nötig wäre das freilich, falls er sich selbst Wunden zugefügt hätte. (Die Welt)

Schreibe einen Kommentar