Ein Bericht eines amerikanischen Bruders
Sind christlich-nationalistische Gemeinschaften die neue Normalität?
Ich schreibe diese Zeilen als Bruder des Tempels jenseits des großen Ozeans, aus einem Land, das sich selbst gern als Bollwerk der Freiheit versteht. Und doch erkenne ich hier Entwicklungen, die mir aus alten Chroniken nur allzu vertraut erscheinen: Gemeinschaften, die sich im Namen des Glaubens abschotten, Macht bündeln und Andersdenkenden mit Misstrauen begegnen.
Unter dem wohlklingenden Ruf „Glaube, Familie und Freiheit“ wirbt der Immobilienunternehmer Josh Abbotey für neue Wohnsiedlungen tief in den Hügeln der Appalachen, vor allem in Tennessee und Kentucky. Seine Firma RidgeRunner verspricht eine Rückkehr zu traditionellen Werten des Bible Belt: sichere Nachbarschaften, klare Moralvorstellungen und vor allem die Gewissheit, dass die Nachbarn „so denken wie man selbst“.
Doch wie so oft verbirgt sich hinter einfachen Parolen eine komplexere Wirklichkeit. Denn zu den ersten Käufern dieser Grundstücke zählen zwei Männer mit landesweiter Reichweite, die sich offen als christliche Nationalisten bezeichnen: Andrew Isker und C. Jay Engel. Sie sind keine zufälligen Siedler. Berichten zufolge wurde Isker gezielt angeworben, um früh Land zu erwerben, und beide betreiben ihren Podcast sogar aus Räumen von RidgeRunner.
Was dort verkündet wird, lässt viele Einheimische erschaudern. Die Forderung, das 20. Jahrhundert „rückgängig zu machen“, geht einher mit radikalen Positionen zu Rasse, Religion, Frauenrechten und der LGBTQ+-Gemeinschaft. Isker träumt offen von der Auflösung demokratischer Institutionen zugunsten eines souveränen Herrschers, Engel stellt das Frauenwahlrecht infrage und idealisiert eine Vergangenheit, die für viele nie gerecht war.
Als Templer erkenne ich hier ein altes Muster: der Wunsch nach Reinheit, Ordnung und Einheit – erkauft durch Ausgrenzung. Genau dies beunruhigt die Menschen vor Ort. Einige fürchten, dass ihre ländliche Heimat zu einer Hochburg eines weißen, christlichen Nationalismus werden könnte. Selbst konservative Christen der Region sprechen von Angst und Alarm. Geschäftsleute verweigern den radikalen Neuankömmlingen den Zutritt, Schilder verkünden demonstrativ: „Alle sind willkommen.“
Was diese Entwicklung besonders brisant macht, ist ihre Wiederholung. Ähnliche Projekte sind andernorts bereits entstanden, etwa streng abgeschottete Gemeinschaften mit offen diskriminierenden Regeln. Jedes Mal wird betont, man prüfe keine politischen Ansichten – und doch richtet sich das Marketing gezielt an eine bestimmte Ideologie. Abbotey selbst spricht davon, „unsere Leute“ in kleinen Städten zu versammeln und die „Überlegenheit dieser Lebensweise“ zu demonstrieren.
Als Bruder des Ordens frage ich nicht, ob Glaube Gemeinschaft stiften darf – das tat er immer. Ich frage, wann Gemeinschaft zur Festung wird und Glaube zum Banner der Abgrenzung. Die Geschichte lehrt uns, dass Bewegungen, die sich für auserwählt halten, selten beim Rückzug ins Private stehen bleiben.
Ob diese Siedlungen Randerscheinungen oder Vorboten eines größeren Trends sind, vermag niemand mit Gewissheit zu sagen. Doch viele kleine Städte in diesem Land werden sich dieser Frage bald stellen müssen. Und sie werden entscheiden müssen, ob „Normalität“ auf Ausschluss oder auf dem mühsamen, aber fruchtbaren Nebeneinander verschiedener Menschen beruht.
