„Gottes Wort“ – nicht wörtlich diktiert, sondern inspiriert
Wenn die Kirche sagt, dass die Evangelien (und die gesamte Heilige Schrift) „Gottes Wort“ sind, dann meint sie damit nicht, dass Gott die Texte wörtlich diktiert hat, wie ein Autor seinem Sekretär. Vielmehr geht es um ein tieferes Verständnis von Inspiration.
Die katholische Kirche, ebenso wie viele andere christliche Konfessionen, lehrt, dass die Verfasser der Bibel Menschen waren, die in ihrer jeweiligen historischen, kulturellen und sprachlichen Umgebung lebten – mit all ihren Stärken, Schwächen, Sichtweisen und Grenzen. Und dennoch wirkten sie unter dem Einfluss des Heiligen Geistes. Das bedeutet:
Gott wirkt durch Menschen – nicht anstelle von Menschen.
Die Evangelien sind also zugleich menschliche Worte und Gottes Wort. Sie geben die Erfahrungen, den Glauben und das Zeugnis der frühen Christen über Jesus Christus weiter – und darin begegnet den Gläubigen das Wort Gottes selbst.
Die Bibel ist ein Zeugnis des lebendigen Wortes
Christen glauben, dass das wahre „Wort Gottes“ nicht zuerst ein Buch ist, sondern eine Person: Jesus Christus selbst. Das steht deutlich im Johannesevangelium:
„Im Anfang war das Wort, und das Wort war bei Gott, und das Wort war Gott […] Und das Wort ist Fleisch geworden.“ (Joh 1,1–14)
Die Evangelien sind daher Zeugnisse dieses fleischgewordenen Wortes. Sie berichten von Jesu Leben, Worten, Tod und Auferstehung – aus dem Glauben der Jünger heraus und für den Glauben kommender Generationen.
Die Kirche und das lebendige Wort
Die Kirche glaubt, dass der Heilige Geist sie durch die Jahrhunderte begleitet hat – nicht nur beim Entstehen der Bibel, sondern auch bei ihrer Auslegung. Deshalb versteht die Kirche die Schrift nicht isoliert, sondern im Kontext der lebendigen Überlieferung (Tradition) und des kirchlichen Lehramts.
Die Bibel ist nicht einfach ein Geschichtsbuch oder ein Dokument antiker Spiritualität – sondern ein geistliches Buch, das durch den Glauben gelesen werden will. In ihm spricht Gott heute zu uns – durch menschliche Worte, die von göttlichem Geist erfüllt sind.
Fazit: Gottes Wort in menschlicher Sprache
Die Evangelien sind Gottes Wort, weil Gott durch sie spricht – nicht trotz, sondern durch die menschlichen Verfasser, mit all ihren zeitlichen und kulturellen Eigenheiten.
Sie sind wie ein Fenster, durch das das Licht Gottes fällt – nicht das Licht selbst, aber ein geöffneter Zugang. Sie laden den Leser ein, in der Tiefe des Glaubens das lebendige Wort zu hören, das in Jesus Mensch geworden ist.
