Noch einmal Venezuela und sein Präsident
Ein templarischer Kommentar zur Grenzüberschreitung
Die USA haben in der Nacht zum Samstag auf Befehl von Präsident Donald Trump Venezuela angegriffen und den dortigen Diktator Nicolás Maduro gefangen genommen und in New York inhaftiert.
Und dennoch gilt: Was geschehen ist, mag politisch erklärbar sein, rechtlich ist es nicht zu rechtfertigen.
Der Befehl kam aus Washington, aus dem Machtzentrum der westlichen Welt, von Donald Trump. Ziel war der venezolanische Machthaber Nicolás Maduro, seit Jahren Symbol einer gescheiterten, repressiven und korrupten Herrschaft. Viele mögen innerlich Beifall empfinden. Ein Diktator weniger. Ein Regime gestürzt. Doch der Templer fragt nicht zuerst nach Sympathien, sondern nach Maß und Recht.
Ein militärischer Angriff auf einen souveränen Staat, die gewaltsame Festnahme seines amtierenden Präsidenten und dessen Inhaftierung im Ausland sind ein eklatanter Bruch des Völkerrechts und der UN-Charta. Es spielt keine Rolle, wie verwerflich der Betroffene ist. Das Recht ist gerade für die schlimmsten Fälle gemacht – sonst ist es wertlos.
Die Gegenfrage ist zwingend: Was würden wir sagen, wenn Russland oder China so handelten? Wenn Moskau einen osteuropäischen Staatschef entführen ließe? Wenn Peking einen unliebsamen Präsidenten nachts aus seiner Hauptstadt holte? Die Antwort kennen wir. Wir würden von Aggression sprechen, von Imperialismus, vom Ende der internationalen Ordnung. Wer heute schweigt oder jubelt, verliert morgen das Recht zur Empörung.
Die Folgen dieses Angriffs reichen weit über Venezuela hinaus. Autokraten weltweit werden enger zusammenrücken. Nicht aus Ideologie, sondern aus Angst. Der Schulterschluss der Diktatoren wird stärker werden, und jeder von ihnen wird sagen: Wenn sie Maduro holen, können sie auch uns holen. Zugleich werden all jene, die westliche Demokratien ohnehin für heuchlerisch halten, lauter denn je mit dem Finger auf die USA zeigen. „Ihr macht es genauso.“ Dieses Argument ist nun mächtig geworden.
Und ja, die Frage nach den Motiven drängt sich auf. Wäre Venezuela ohne seine gewaltigen Erdölreserven Ziel eines solchen Eingreifens geworden? Oder hätte man sich – wie in anderen Ländern – mit der Diktatur arrangiert, sie beklagt, aber hingenommen? Wer ehrlich ist, weiß: Interessen und Werte lassen sich hier kaum trennen, und genau das beschädigt die Glaubwürdigkeit westlicher Politik.
Besonders hart trifft dieser Bruch jene in Deutschland und Europa, die Trump bislang als das Gegenteil eines Kriegstreibers verteidigt haben. Der Mann der Deals, nicht der Bomben. Der Pragmatiker, nicht der Missionar. Dieses Bild ist nun zerbrochen. Und viele seiner Unterstützer stehen vor einer unbequemen Entscheidung:
Kritisiert man diesen Angriff – und widerspricht damit dem eigenen Trump-Narrativ?
Oder rechtfertigt man ihn – und verrät den eigenen Grundsatz: Nie wieder Krieg?
Der Templer kennt kein Ausweichen. Prinzipien gelten oder sie gelten nicht. Wer Frieden fordert, darf Gewalt nicht selektiv entschuldigen. Wer das Völkerrecht verteidigt, muss es auch dann verteidigen, wenn der Gegner ein Diktator ist.
Was in Venezuela geschehen ist, markiert eine gefährliche Schwelle. Nicht weil ein Tyrann gestürzt wurde, sondern weil das Recht selbst beschädigt wurde. Und wo das Recht fällt, bleibt am Ende nur noch Macht.
