Berliner Amt warnt vor Zwangsheirat – und tut nichts
Ein Staat, der Probleme sieht – und entschieden wegsieht
Stellen Sie sich vor: Ihre Tochter kommt aus den Sommerferien zurück – verheiratet. Nicht aus Liebe. Nicht freiwillig. Sondern weil irgendwo in Anatolien, im Libanon oder in Kabul ein „Familienrat“ entschieden hat, dass es jetzt Zeit ist. Dieses Szenario klingt wie ein Albtraum – und ist doch in Berlin so real, dass das Bezirksamt Neukölln davor warnt. Mit Plakaten. Mit Broschüren. Mit gut gemeinten Tipps zur „Selbstbestimmung“.
Man muss diesen Satz mehrmals lesen:
„In den Sommerferien kommt es in einigen Familien vor, dass junge Menschen gegen ihren Willen verheiratet werden.“
Er steht nicht etwa in einem investigativen Bericht – sondern ganz nüchtern auf der offiziellen Webseite des Bezirksamts. Ein Satz, der alles sagt: Der Staat weiß Bescheid. Und der Staat kapituliert.
Worte statt Taten
Keine Polizei an Flughäfen. Keine systematische Kontrolle durch Jugendämter. Keine entschlossenen Maßnahmen, um das zu verhindern, was eigentlich ein klarer Verstoß gegen Grundrechte ist. Stattdessen gibt es eine Broschüre mit dem Namen Free to love – ein „niedrigschwelliges Angebot“ für Berliner Schüler*innen. Wenn du Angst hast, im Ausland zwangsverheiratet zu werden, dann melde dich. Vielleicht kann man noch was tun.
Vielleicht.
Zwischen Rechtsstaat und Realitätsverweigerung
Zwar wird vage auf den Rechtsstaat verwiesen – aber eben nur als theoretisches Konzept. Denn wo der Staat nicht konkret schützt, sondern abstrakt aufklärt, wird aus dem Hinweis ein Feigenblatt. Die eigentliche Botschaft lautet: Wenn du stark genug bist, kannst du dich selbst retten. Wenn nicht – tja.
Ein kulturelles Tabu
Was die Kampagne vor allem zeigt, ist ein verdrängter Kulturkonflikt. Denn das Problem ist nicht nur die Zwangsheirat – sondern die Wertewelt, die sie ermöglicht. Doch genau darüber darf man nicht sprechen. Nirgendwo steht, dass es sich fast ausschließlich um patriarchalisch-muslimisch geprägte Milieus handelt. Dass dort der Begriff „Ehre“ über dem Grundgesetz rangiert. Dass Mädchen nicht als autonome Subjekte, sondern als Besitz betrachtet werden. Stattdessen: Sprachsensibilität, Diversity-Floskeln, und ein tiefes Schweigen.
Täter im Schatten, Opfer im Fokus
Besonders perfide: Nicht die Täter stehen im Zentrum der Aufmerksamkeit, sondern die potenziellen Opfer. Die Mädchen sollen stark, selbstbewusst und aufgeklärt sein – während der Staat sich still zurückzieht, mit einem PDF-Dokument in der Hand und der Hoffnung im Blick, dass schon alles gut geht.
Eine stillschweigende Preisgabe
Der deutsche Staat – insbesondere auf kommunaler Ebene – hat sich arrangiert mit einem rechtsfreien Raum. Dort, wo das Grundgesetz eigentlich kompromisslos gelten müsste, wird es zum optionalen Angebot erklärt. Während andere gesellschaftliche Gruppen bei kleinsten Abweichungen mit Sanktionen rechnen müssen, dürfen patriarchale Parallelstrukturen auf Milde, Verständnis und vor allem Untätigkeit hoffen.
Fazit
Es ist ein toxischer Pragmatismus, der hier sichtbar wird: Aufklärung statt Intervention, Broschüren statt Schutz. Der Staat sieht die Gefahr – und sieht weg. Er hat nicht nur die Kontrolle verloren. Er hat die Entscheidung getroffen, sie gar nicht erst anzustreben.
Was bleibt, ist ein zutiefst beschämendes Bild: Ein Rechtsstaat, der seine Schwächsten alleinlässt – und sich dabei noch tolerant fühlt.
Ein Staat, der nicht schützt, verliert seine Glaubwürdigkeit. Und irgendwann auch seine Legitimation.
