Die Tempelritter in Goa und auf Madagaskar?
Spurensuche zwischen Mythos und Missverständnis
Der Mythos um die Tempelritter ist ungebrochen. Immer wieder regen Filme, Dokumentationen und Theorien die Fantasie von Geschichtsinteressierten an – so auch der Film „Die legendären Schätze der Tempelritter“, der gelegentlich im Fernsehen wiederholt wird. Der Historiker Scott Wolter und der Meeresarchäologe Barry Clifford begeben sich darin auf die Spuren eines der größten Geheimnisse des Mittelalters: des angeblich verborgenen Schatzes der Tempelritter.
Die Recherchen der beiden führen sie an Orte wie Goa (Indien) und Madagaskar, wo sie symbolische Spuren, angebliche Wappen und rätselhafte Bauwerke untersuchen. Doch so spannend der dokumentarische Ansatz auch ist – mehrere zentrale historische Ungenauigkeiten trüben das Gesamtbild und laden zu einer differenzierten Betrachtung ein.
Mythos trifft auf Realität – Templer oder Christusorden?
Einer der entscheidenden Fehler des Films besteht in der Verwechslung der portugiesischen Templer mit dem Christusorden. Nach der Auflösung des Templerordens im Jahr 1312 durch Papst Clemens V. wurden viele seiner Mitglieder in Portugal vom damaligen König Dionysius (D. Dinis) in einen neuen Orden übernommen – den Orden der Ritter von Christus (Ordem de Cristo).
Dieser Orden übernahm:
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einen Teil des Besitzes der ehemaligen Templer,
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einige ihrer spirituellen und militärischen Strukturen,
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aber nicht ihre direkte Identität.
Der Christusorden entwickelte sich unter königlicher Kontrolle und wurde zum zentralen Motor der portugiesischen Seefahrerzeit. Es waren nicht mehr die Templer, sondern vielmehr dieser Nachfolgeorden, der in Goa (Indien) aktiv wurde – als Teil des portugiesischen Kolonialreichs.
Daher ist es historisch nicht korrekt, von „Templern in Goa“ zu sprechen. Es waren Christusritter, auch wenn manche symbolische Elemente übernommen wurden.
Das Triple Tau – Freimaurerisches Symbol oder Templerzeichen?
Im Film wird besonderes Augenmerk auf ein rätselhaftes Symbol gelegt, das als „Triple Tau“ bezeichnet wird – eine in der Freimaurerei bekannte Darstellung, die wie ein dreifach überlagertes „T“ aussieht.
Hier muss dringend differenziert werden:
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Das Triple Tau stammt aus der königlichen Arch-Freimaurerei, also einer deutlich neueren esoterischen Tradition.
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Die Form ähnelt einem T mit Serifen, wie man es an barocken Inschriften oder alten Metallbarren erkennt. Dreht man den Barren um, wirkt das Symbol wie ein geometrisches Zeichen, das sich leicht als freimaurerisch deuten lässt.
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In Wahrheit handelt es sich in vielen Fällen nicht um ein freimaurerisches Symbol, sondern schlicht um stilisierte Buchstaben oder Reste von Kreuzen.
Besonders in Goa wurde ein solches Triple-Tau-Symbol in einem Wappen gefunden, das auf den ersten Blick rätselhaft erscheint. Doch bei genauerem Hinsehen erkennt man deutlich, dass es sich vermutlich um ein stark verwittertes Kreuz handelt – bei dem der untere Teil entfernt oder verloren gegangen ist. Die Auslegung als „Triple Tau“ ist daher spekulativ und irreführend, zumindest im Kontext der mittelalterlichen Templer.
Madagaskar und die Suche nach dem Schatz
Auch Madagaskar wird im Film als potenzieller Aufbewahrungsort für Templerschätze thematisiert. Clifford, bekannt für seine archäologischen Arbeiten zu Piraten und Schiffwracks, bringt hier seine Expertise ein.
Die These: Ehemalige Templer hätten sich nach ihrer Verfolgung im 14. Jahrhundert über Seewege nach Afrika abgesetzt – unter anderem nach Madagaskar – und dort ihr Wissen, Symbole und möglicherweise sogar einen Teil ihrer Schätze versteckt.
Diese Vorstellung ist faszinierend, aber bislang nicht durch belastbare archäologische oder dokumentarische Funde belegt. Der Hinweis auf symbolische Strukturen oder „versteckte Zeichen“ bleibt spekulativ – ohne konkrete Hinweise auf eine Verbindung zum mittelalterlichen Tempelorden.
Was realistischer erscheint: Nachfahren oder Sympathisanten der Templer – möglicherweise auch Mitglieder esoterischer Bruderschaften – könnten Jahrhunderte später symbolische Spuren gelegt haben, etwa durch den Einfluss europäischer Freimaurerlogen im Kolonialzeitalter. Doch das ist ein anderer Kontext – nicht der ursprüngliche Orden der Templer.
Zwischen Faszination und Faktentreue
„Die legendären Schätze der Tempelritter“ reiht sich in eine lange Tradition von Dokumentationen ein, die spannende Theorien mit symbolischen Rätseln verknüpfen, aber dabei oft historische Trennlinien verwischen.
Fazit:
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Die portugiesischen „Templer“ in Goa waren in Wirklichkeit Mitglieder des Christusordens.
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Das Triple Tau ist kein mittelalterlich-templerisches Symbol, sondern gehört zur späteren Symbolsprache der Freimaurerei.
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Viele „geheime Zeichen“ entpuppen sich bei näherer Betrachtung als veränderte, beschädigte oder zweckentfremdete christliche Darstellungen, wie z. B. abgebrochene Kreuze.
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Madagaskar bleibt ein spannender Ort für Entdeckungen – aber nicht als gesicherter Templerstützpunkt.
Empfehlung
Wer sich ernsthaft mit dem Thema „Templer und ihre symbolischen Hinterlassenschaften“ beschäftigen möchte, sollte:
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zwischen ursprünglichen Ritterorden,
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freimaurerischen Adaptionen
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und neuzeitlichen Mythen klar unterscheiden.
Denn der wahre Schatz der Templer liegt weniger in Gold oder geheimen Lagern – sondern in spirituellem Erbe, architektonischem Wissen und einem tiefen inneren Kodex, der bis heute inspiriert.

