Sexueller Missbrauch – auch beim Deutschen Orden?
Ein Wort aus templerischer Verantwortung
Als Templer stehen wir für Wahrheit, Gewissen und den Schutz der Schwachen. Gerade deshalb dürfen wir vor schmerzhaften Themen nicht schweigen – auch dann nicht, wenn sie Orden, Kirche oder geistliche Gemeinschaften betreffen, die sich selbst dem Dienst an Gott und den Menschen verschrieben haben.
Die jüngsten öffentlichen Aussagen zum Deutschen Orden und die Stellungnahme des Ordens in Südtirol führen uns dies erneut vor Augen.
Das Leid der Betroffenen steht über allem
Der Fall des Priesters Dr. Anno Schulte-Herbrüggen, der nach Jahrzehnten den Mut fand, über die ihm als junger Mann zugefügte sexuelle Gewalt zu sprechen, ist erschütternd. Sein Zeugnis macht deutlich, was viele Betroffene eint:
Scham, Schweigen, jahrzehntelanges inneres Leiden – und der späte, schwere Weg zur Wahrheit.
Dass der Deutsche Orden dieses Leid ausdrücklich anerkennt und das Unrecht benennt, ist ein notwendiger Schritt. Noch wichtiger ist jedoch, dass der Orden Betroffene aktiv zur Meldung von Verdachtsfällen aufruft und sexuelle Übergriffe uneingeschränkt verurteilt. Worte allein heilen keine Wunden – doch sie können der Anfang eines ernsthaften Weges der Aufarbeitung sein.
Schuld endet nicht mit dem Tod des Täters
Der beschuldigte Ordenspriester P. Theo Neuking ist bereits 2002 verstorben. Doch aus templerischer Sicht gilt:
Schuld vergeht nicht mit dem Tod, solange Wahrheit und Verantwortung nicht anerkannt sind.
Aufarbeitung bedeutet nicht Rache. Sie bedeutet Gerechtigkeit, Anerkennung des Leids und Schutz künftiger Generationen. Dass der Orden seit 2022 im Kontakt mit dem Betroffenen steht, Therapiekosten übernommen hat und Gespräche unter Einbindung kirchlicher Verantwortungsträger führte, zeigt zumindest die Bereitschaft, sich der Vergangenheit zu stellen.
Das Schweigen brechen – ein Akt des Dienstes
Besonders bedeutsam ist, dass durch das öffentliche Wort von Dr. Schulte-Herbrüggen weitere Betroffene den Mut fanden, sich zu melden. Bis Anfang Dezember gingen 16 Hinweise ein, darunter neue Fälle aus Tirol sowie weitere Meldungen aus Südtirol und Deutschland.
Dies zeigt eine bittere Wahrheit:
Sexueller Missbrauch ist kein Einzelfall, kein zeitliches Relikt und kein Problem „anderer“.
Er entsteht dort, wo Macht missbraucht, Kontrolle nicht hinterfragt und geistliche Autorität über das Gewissen gestellt wird.
Was bedeutet das aus templerischer Sicht?
Der Templerweg – ob historisch oder geistig verstanden – gründet auf klaren Prinzipien:
-
Schutz der Schutzlosen
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Verantwortung statt Vertuschung
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Wahrheit vor institutioneller Selbstverteidigung
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Dienst statt Macht
Ein Orden oder eine Kirche verliert ihre geistige Legitimation nicht durch das Offenlegen von Schuld –
sondern durch das Verbergen derselben.
Wahre Reinigung geschieht nur durch Licht.
Ein abschließendes Wort
Als Templer verurteilen wir jede Form sexualisierter Gewalt ohne Einschränkung.
Wir stehen an der Seite der Betroffenen.
Und wir rufen alle geistlichen Gemeinschaften auf, sich nicht hinter Mauern, Titeln oder Traditionen zu verstecken.
