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Exorzismus in der Geschichte

Von Mesopotamien bis zum Christentum

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Die Vorstellung, dass schädliche Geister oder Dämonen Krankheiten, Unglück oder irrationales Verhalten verursachen können, gehört zu den ältesten religiösen Vorstellungen der Menschheit. Praktiken zur Austreibung solcher Mächte – Exorzismen – sind aus vielen Kulturen bekannt. Sie existierten im Alten Orient, im Alten Ägypten, im Judentum, im Hellenismus, im Islam sowie in schamanischen Traditionen.

Diese Rituale spiegeln den Versuch früher Gesellschaften wider, unerklärliche Ereignisse zu deuten und spirituelle Ordnung wiederherzustellen.

Exorzismus im Alten Orient

In Mesopotamien spielte der Exorzismus eine wichtige Rolle im religiösen Leben. Spezielle Priester, sogenannte mašmāšu oder ašīpu, waren dafür verantwortlich, böse Geister auszutreiben, die man häufig als Ursache von Krankheiten ansah.

Diese Priester arbeiteten oft in Tempeln und führten neben Heilritualen auch Reinigungszeremonien durch. Exorzisten konnten sogar in Gerichtsverfahren auftreten, etwa wenn Zeugen glaubten, durch magische Praktiken bedroht zu sein.

Ein bedeutendes archäologisches Zeugnis ist das sogenannte „Haus des Exorzisten“ in der assyrischen Stadt Aššur (713–612 v. Chr.). Dort wurden über 800 Keilschrifttafeln gefunden. Viele dieser Texte enthalten Anleitungen für Exorzismen, darunter die Serie „Wenn der Exorzist zu dem Haus eines kranken Menschen geht“.

Auch die berühmte Bibliothek des Königs Aššurbanipal in Ninive enthielt zahlreiche Texte über Rituale zur Abwehr böser Mächte.

In der mesopotamischen Religion galt der Gott Anu als Schutzgott der Exorzisten. Einer seiner Beinamen beschreibt ihn als denjenigen, der den Exorzismen Macht verleiht, um schlechte Vorzeichen und verwirrende Träume zu bannen. Auch der Gott Asalluḫi wurde mit solchen Ritualen verbunden.

Exorzismus im Judentum

Tanach

Im Tanach finden sich einzelne Stellen, in denen schädliche Geister erwähnt werden. Anders als in späteren Traditionen erscheinen diese Geister jedoch meist als von Gott gesandt.

So wird berichtet, dass ein „böser Geist“ über König Saul kommt, nachdem der Geist Gottes von ihm gewichen ist (1 Sam 16,14; 1 Sam 18,10). In einer anderen Erzählung sendet Gott einen Lügengeist, um die Könige Israels und Judas in eine militärische Katastrophe zu führen (1 Kön 22).

Eine eigenständige Welt von Dämonen, die unabhängig von Gott handeln, kennt der Tanach allerdings nicht.

Volksglaube

Im jüdischen Volksglauben entwickelte sich später die Vorstellung des Dibbuk. Dabei handelt es sich um den Geist eines Verstorbenen, der einen lebenden Menschen besetzt.

Der Überlieferung nach verursacht ein Dibbuk irrationales Verhalten oder schwere seelische Störungen. In traditionellen Erzählungen kann ein solcher Geist durch eine Zeremonie eines chassidischen Mystikers ausgetrieben werden.

Exorzismus im Christentum

Neues Testament

Das Neue Testament setzt die Existenz von Dämonen voraus. Im Epheserbrief (Eph 6,12) werden sie als „Beherrscher dieser finsteren Welt“ bezeichnet.

Besonders die Evangelien berichten von zahlreichen Exorzismen durch Jesus Christus. Oft gehen diese Austreibungen mit Heilungen von Krankheiten einher.

Das Markusevangelium beschreibt etwa, wie Jesus in Galiläa predigt und Dämonen austreibt. Eine der bekanntesten Erzählungen ist die Austreibung der Dämonen „Legion“ aus einem Besessenen (Mk 5,1–20). Auch die Apostel erhalten laut Evangelium die Vollmacht, Dämonen auszutreiben (Mk 3,15).

Exorzismus in der Kirchengeschichte

In der frühen Kirche war der Glaube an Dämonen weit verbreitet. Viele Gemeinden besaßen einen offiziellen Exorzisten, der für solche Rituale zuständig war.

Christliche Autoritäten empfahlen verschiedene Mittel zur Dämonenaustreibung. Dazu gehörten unter anderem:

  • das Kreuzzeichen

  • der Name Jesu Christi

  • das Taufsiegel

  • Gebete und Beschwörungsformeln

Daneben wurden auch symbolische Handlungen eingesetzt, etwa das Anblasen, Räucherwerk, Glockenläuten oder die Verwendung bestimmter Materialien wie Eisen oder Feuer.

Kirchenväter wie Origenes, Kyrill von Jerusalem und Johannes Chrysostomos schrieben über die Praxis des Exorzismus und sahen sie als Teil des geistlichen Kampfes gegen das Böse.

Entwicklung in der römisch-katholischen Kirche

In den ersten Jahrhunderten des Christentums galt die Fähigkeit zur Dämonenaustreibung teilweise als besondere Gnadengabe, die auch Laien besitzen konnten.

Um Missbrauch zu verhindern, führte die Kirche im 3. Jahrhundert eine besondere Exorzistenweihe ein. Damit sollte sichergestellt werden, dass nur autorisierte Personen solche Rituale durchführen.

Später wurde festgelegt, dass Exorzismen nur mit Genehmigung des Bischofs erfolgen dürfen. Diese Regelung entstand unter anderem auf dem Konzil von Laodicea.

Im Zuge der Liturgiereform nach dem Konzil von Trient erschien 1614 unter Papst Paul V. das Rituale Romanum. Dieses liturgische Buch enthielt den offiziellen Ritus des sogenannten „großen Exorzismus“ für Besessenheitsfälle.

Mit der Zeit verlor das kirchliche Amt des Exorzisten als eigene Weihe seine Bedeutung, doch die Praxis selbst blieb bestehen und wurde in den folgenden Jahrhunderten immer wieder neu geregelt.

Ein religiöses Phänomen vieler Kulturen

Die Geschichte zeigt, dass Exorzismus kein ausschließlich christliches Phänomen ist. Vielmehr gehört die Vorstellung von schädlichen Geistern und deren Austreibung zu einem weltweiten religiösen Erbe.

Von den Priestern Mesopotamiens über jüdische Mystiker bis zu christlichen Geistlichen versuchten Menschen über Jahrtausende hinweg, durch Rituale Ordnung in eine Welt zu bringen, die sie auch als von unsichtbaren Kräften geprägt wahrnahmen.

Der Exorzismus ist daher nicht nur ein religiöses Ritual, sondern auch ein Spiegel der menschlichen Suche nach Erklärung, Heilung und Schutz vor dem Unbekannten.

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