Klerikat der Tempel-Herren
Ursprung, Überlieferung und geistiger Auftrag eines verborgenen Zweiges
Wer in die Tiefen der templarischen Geschichte und der freimaurerischen Überlieferung eintaucht, stößt früher oder später auf ein wenig bekanntes, doch bedeutsames Kapitel: das sogenannte Klerikat der Tempel-Herren. Dieses System, das seinen Ursprung in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts fand, wurde maßgeblich von Johann August von Starck begründet und verstand sich als Weiterführung eines angenommenen klerikalen Zweiges des historischen Templerordens. Aus der Sicht eines Templers lohnt es, diesen Zweig nicht nur als historische Kuriosität, sondern als Ausdruck eines ernsthaften geistigen Suchens zu betrachten.
Historischer Hintergrund: Starcks System und seine Quellen
Johann August von Starck, Gelehrter und Theologe, kam während seiner Lehrtätigkeit in St. Petersburg mit einer Loge in Kontakt, die den geheimnisvollen Grad Magnus Sacerdos Templariorum verliehen haben soll. In dieser Überlieferung wurde vertreten, dass die mittelalterlichen Templer neben ihrer militärischen und administrativen Struktur auch einen Klerikerzweig besessen hätten, der Träger besonderen arkanen Wissens gewesen sei – insbesondere alchemistischer und spiritueller Natur.
Starck griff diese Idee auf und entwickelte daraus ein eigenständiges freimaurerisches System, das sowohl klerikale als auch ritterliche Elemente verband. Unterstützt wurde er dabei von Friedrich von Vegesack, der behauptete, bereits 1749 in Paris in einen wirklichen Templerorden aufgenommen worden zu sein.
Historische Genauigkeit dieser Behauptungen steht auf einem anderen Blatt, doch sie zeigen die ernsthafte Absicht Starcks, eine geistige Kontinuität zum alten Orden herzustellen.
Die Verbindung mit der Strikten Observanz
Starck war bemüht, sein Klerikat innerhalb der damals dominierenden freimaurerischen Richtung, der Strikten Observanz, zu verankern. Diese verstand sich selbst als Erbin der mittelalterlichen Tempelritter.
Auf dem Konvent von Kohlo im Jahr 1772 kam es zu einer formalen Verbindung zwischen beiden Systemen. Doch der inneren Harmonie diente dies kaum. Bereits wenige Jahre später, 1778, trennte Starck sein System wieder ab – eine Folge tiefgreifender Differenzen bezüglich Autorität, Tradition und Lehrinhalten.
Starcks spätere Korrespondenz, in der er wiederholt Konflikte, Machtfragen und spirituelle Uneinigkeiten schildert, zeigt das Spannungsfeld der damaligen Zeit: ein Ringen um Deutungshoheit, um wahre Nachfolge und um das Verständnis dessen, was „Templer“ im 18. Jahrhundert bedeuten sollte.
Der Fortbestand: Von den „Clerici“ zu den „Sieben Verbündeten“
Nach Starcks Rückzug hörte das Klerikat keineswegs auf zu existieren. Es entwickelte sich weiter im Verborgenen und tauchte schließlich in den 1830er Jahren unter neuem Namen auf: als „Vereinigung der Sieben Verbündeten“.
Damit zeigt sich eine typische Eigenschaft solcher Geheimsysteme: Sie transformieren sich, doch ihre Kernidee bleibt bestehen – die Bewahrung eines klerikal-spirituellen Erbes, das über die Fassade freimaurerischer Symbolik hinausweist.
Die Legende: Eine Traditionslinie von den Essenern bis in die Neuzeit
Wie viele esoterische Systeme jener Zeit besaß auch das Klerikat eine ausführliche Ordenslegende, die seine geistige Autorität begründen sollte.
Die behauptete Überlieferungslinie
Nach dieser Tradition:
-
stammte das geheime Wissen ursprünglich von den Essenern, jener asketisch-spirituellen Gemeinschaft im antiken Judäa,
-
gelangte von dort zu den Kanonikern des Heiligen Grabes,
-
und wurde schließlich in den Templerorden übertragen.
Ein eigener Regeltext für die Kleriker will man 1151 von André de Montbard, einem der Gründungsmitglieder des historischen Ordens, herleiten.
Nach der Auflösung des Ordens sollen der Provinzmeister Aumont und der Komtur Harris (beide Gestalten der Ordenslegende) den geheimen klerikalen Zweig nach Irland und später nach Schottland übertragen haben.
Im Jahr 1361 sei der Sitz des Ordens nach Aberdeen verlegt worden – ein Motiv, das sich auch in anderen Templerlegenden findet.
Diese Kontinuitätslinien entziehen sich historischer Beweisbarkeit, spiegeln jedoch ein geistiges Bedürfnis: die Vorstellung eines kontinuierlichen Priestertums, das die inneren Lehren des Templertums bewahrt.
System und Ritus: Die drei Grade der Templer-Kleriker
Das Klerikat selbst bestand aus drei Graden, die eine klare spirituelle Progression bilden sollten:
-
Postulat – die vorbereitende Phase,
-
Noviziat,
-
Kanonikat – der eigentliche Weihegrad.
Das Noviziat: Vom Dunkel zum Licht
Die Aufnahme in das Noviziat erfolgte mit einem Ritus, der stark an katholische Liturgie erinnerte:
-
Lesungen aus der Heiligen Schrift,
-
Gebete in lateinischer Sprache,
-
das Durchschreiten von drei symbolischen Kammern, die den Weg vom Dunkel zum Licht repräsentierten,
-
eine Gewissensprüfung,
-
ein Eid auf die Bewahrung der heiligen Geheimnisse,
-
und der traditionelle Friedenskuss.
Diese Elemente zeigen den geistlichen Anspruch des Klerikats deutlich: Es sah sich nicht als reine Maurerei, sondern als geistliche Einweihungsgemeinschaft.
Das Kanonikat: Altar, Menorah und Baphomet
Für den dritten Grad, das Kanonikat, war eine regelrechte „Konsekration“ notwendig, ausgestattet mit:
-
lateinischen Benediktionen,
-
Exorzismusformeln,
-
Weihwasser,
-
und der Salbung mit heiligem Öl.
Auf dem Altar standen:
-
eine Bibel,
-
eine Menorah,
-
und ein Baphomet.
Letzteras wird in den überlieferten Dokumenten nicht weiter beschrieben. Ob es sich um ein abstraktes Symbol, eine Figur oder eine esoterische Allegorie handelte, bleibt offen. In jedem Fall deutet die Kombination von jüdisch-christlicher Symbolik und templarischer Esoterik auf eine bewusst universale, synkretistische Ausrichtung hin.
Der Weihekandidat verpflichtete sich auf die Regel des André de Montbard und empfing den Segen der Brüder.
Veränderungen am Ritual
Ein Schreiben des Mitglieds A. Schleiermacher aus dem Jahr 1831 erwähnt Anpassungen, die Starck während seiner Darmstädter Zeit vorgenommen habe. Details nennt Schleiermacher nicht – doch bereits diese Notiz zeigt, dass das System lebendig war und sich weiterentwickelte.
Schlussbetrachtung: Das Klerikat als Ausdruck templarischer Suchbewegung
Aus der Sicht eines Templers ist das Klerikat der Tempel-Herren weniger als historisches Faktum, sondern vielmehr als geistige Erscheinung zu verstehen.
Es verkörpert:
-
den Wunsch nach einer inneren priesterlichen Kontinuität,
-
die Suche nach dem verborgenen Wissen,
-
und den Versuch, Rittertum und Spiritualität zu vereinen.
Ob die behaupteten Traditionslinien historisch haltbar sind, tritt gegenüber der Bedeutung dieser geistigen Intention zurück. Starcks Klerikat zeigt, wie stark die Idee des Templerpriestertums im Bewusstsein des Abendlandes verankert blieb – als Symbol für eine Einweihung, die über das Äußere hinaus in die Tiefen des Heiligen führt.
