✠✠✠✠✠✠ TEMPLER MAGAZIN ✠✠✠✠✠✠

Wer Glück hat, stirbt in Varanasi

Im Westen sprechen wir ungern über den Tod. Wir schieben ihn an den Rand unseres Lebens, hinter Krankenhausmauern, in Pflegeheime, in eine Sprache der Beschönigung. Der Tod gilt als Scheitern, als etwas, das man möglichst lange hinauszögern, am besten ganz vergessen möchte. Und doch holt er uns ein – oft einsam, oft still, oft ohne Rituale, die ihm Sinn geben.

In Varanasi ist das anders. Dort ist der Tod kein Fremder, sondern ein ständiger Begleiter. Am Ufer des Ganges brennen Tag und Nacht die Feuer der Verbrennungen. Rauch liegt in der Luft, Gebete mischen sich mit dem Lachen spielender Kinder, Händler preisen ihre Waren an. Leben und Tod existieren nebeneinander, ohne sich gegenseitig zu verdrängen. Für westliche Augen wirkt das befremdlich – und zugleich tief bewegend.

Menschen aus ganz Indien kommen nach Varanasi, wenn ihr Lebensende naht. Sie pilgern dorthin mit der Hoffnung, dort sterben zu dürfen. Denn im Hinduismus heißt es: Wer in Varanasi stirbt, wird erlöst, entkommt dem Kreislauf der Wiedergeburten. Der Tod ist hier kein endgültiger Verlust, sondern ein Übergang, vielleicht sogar ein Geschenk. Wer Glück hat, stirbt in dieser Stadt.

Mich hat besonders die Haltung der Menschen beeindruckt, die die Sterbenden begleiten. Sie bleiben bis zum letzten Atemzug. Sie halten Hände, sprechen Mantras, singen, schweigen gemeinsam. Der Tod wird nicht versteckt, sondern getragen – von der Gemeinschaft, vom Glauben, von einer tiefen Selbstverständlichkeit. Niemand ist allein in seinem letzten Moment.

Diese Sichtweise verändert alles. Wenn selbst am Ende des Lebens noch Erlösung, noch Glück wartet, verliert der Tod einen Teil seines Schreckens. Er wird nicht zum Feind, sondern zu einem Abschnitt des Weges. Vielleicht liegt darin eine Lehre für uns im Westen: dass wir den Tod nicht erst am Ende unseres Lebens denken sollten, sondern ihn als Teil davon annehmen. Nicht um ihn zu verherrlichen, sondern um ihm seine lähmende Macht zu nehmen.

Varanasi zeigt, dass Würde im Sterben möglich ist. Dass Nähe, Rituale und Sinn selbst dort bestehen können, wo wir sonst nur Angst sehen. Und vielleicht ist es genau diese Haltung, die den Lebenden hilft, mutiger zu leben – weil sie wissen, dass selbst der letzte Schritt nicht leer ist, sondern getragen von Hoffnung.

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