✠✠✠✠✠✠ TEMPLER MAGAZIN ✠✠✠✠✠✠

Das wahre Kreuz und das Antlitz Jesus

Als Bruder des Ordens vom Tempel richte ich meinen Blick auf zwei der tiefsten Zeichen unseres Glaubens: das wahre Kreuz unseres Herrn Jesus und das Bild seines Antlitzes. Beide stehen im Zentrum der christlichen Verehrung, doch beide sind zugleich von Geheimnis umgeben.

Das Kreuz als Zeichen des Heils

Für uns Christen ist das Kreuz mehr als ein Instrument des Todes. Es ist das Zeichen des Sieges über den Tod und das Tor zur Erlösung. Auf Golgatha wurde das Holz des Leidens zum Holz des Lebens. Darum tragen wir, die Brüder des Tempels, das rote Kreuz auf unserer weißen Tunika – nicht als Schmuck, sondern als Erinnerung an das Opfer Christi und an unsere Verpflichtung, ihm in Mut und Demut nachzufolgen.

Die Verehrung des wahren Kreuzes, jenes Holzes, an dem der Erlöser starb, entstand schon früh in der Kirche. Seit der Zeit der heiligen Helena, der Mutter Kaiser Konstantins, wird berichtet, dass Teile dieses Kreuzes gefunden und als Reliquien verehrt wurden. Für die Gläubigen waren sie sichtbare Zeichen der Nähe zum Leiden Christi.

Doch wichtiger als das materielle Holz bleibt das geistliche Kreuz, das jeder Christ in seinem Leben trägt. So lehrt es die Schrift: Wer Christus folgen will, muss sein Kreuz auf sich nehmen.

Das Bild Christi – zwischen Unsichtbarkeit und Darstellung

Während das Kreuz bald zum sichtbaren Symbol unseres Glaubens wurde, blieb das Antlitz Jesu Christi lange ein Geheimnis. Die frühen Christen standen unter dem Einfluss des Judentums, das eine große Zurückhaltung gegenüber Bildern kannte. Daher entstand zunächst keine eigentliche Porträtüberlieferung Christi.

Stattdessen suchten die ersten Gläubigen nach symbolischen Darstellungen. In den Fresken der römischen Katakomben erscheint Christus häufig als der Gute Hirte, der ein Schaf auf seinen Schultern trägt. Diese Darstellung verband das antike Ideal des edlen Menschen – des kalos kagathos – mit den Worten des Psalms: „Du bist schöner als die Menschenkinder.“

Andere Kirchenväter – darunter Justin, Tertullian und Clemens von Alexandrien – erinnerten jedoch an die Worte des Propheten Jesaja, der vom leidenden Gottesknecht spricht, dessen Gestalt „ohne Schönheit“ war. In einigen Darstellungen um das Jahr 300 erscheint Christus daher als bärtiger Wanderphilosoph, schlicht und unscheinbar.

Zwei Bilder – göttlich und menschlich

So entstanden zwei Arten der Darstellung, die auch den zwei Naturen Christi entsprechen:

  • eine idealistische Darstellung, die seine göttliche Würde betont

  • eine realistische Darstellung, die seine menschliche Natur hervorhebt

In frühen Bildern erscheint Christus häufig bartlos und jugendlich, fast wie ein griechischer Gott oder ein edler Jüngling. Besonders in der von griechischem Denken beeinflussten Welt der Gnostiker war dieser Typus verbreitet.

Doch daneben entwickelte sich auch der bärtige Christus, besonders in Szenen der Passion. Auf manchen Sarkophagen finden sich sogar beide Darstellungsweisen nebeneinander.

Die Entwicklung des Christusbildes

Die frühesten Katakombenbilder zeigen Christus mit kurz gelocktem Haar ohne Scheitel. Doch in der Zeit Kaiser Konstantins verändert sich die Darstellung. Nun erscheinen Merkmale, die später zum klassischen Bild Christi werden:

  • Mittelscheitel im Haar

  • lange, bis zu den Schultern fallende Locken

  • ein ernstes, majestätisches Antlitz

Seit der Mitte des 4. Jahrhunderts wird die Heiligkeit Christi zusätzlich durch den Nimbus, den Strahlenkranz um das Haupt, betont. Häufig trägt dieser Nimbus das Zeichen des Kreuzes.

In dieser Darstellung erinnert Christus in seiner jugendlichen Schönheit fast an die antiken Darstellungen des Gottes Apollon. Besonders eindrucksvoll wirken die großen Augen und der ernste Blick, die bereits in frühen Katakombenfresken zu finden sind.

In der christlichen Kunst der Spätantike und der byzantinischen Zeit verstärkt sich dieser Ausdruck. Die großen Augen verleihen dem Antlitz Christi eine majestätische Würde. Kirchenvater Hieronymus schrieb, dass in diesem Blick eine Macht liege, die Freund und Feind zugleich durchdringe.

Der würdige Christus des Mittelalters

Seit dem 6. Jahrhundert setzte sich zunehmend der bärtige Christus durch. Dieser Typus erschien den Gläubigen würdevoller und ernster. Das Antlitz Christi wurde nun immer stärker als Porträt dargestellt – nicht als historisch gesichertes Abbild, sondern als geistliches Bild, das den Gläubigen vertraut war.

Dieses Bild prägt bis heute die christliche Kunst: der Christus mit langem Haar, Bart, ernstem Blick und dem Kreuznimbus.

Das wahre Bild Christi

Doch als Bruder des Tempels weiß ich: Kein Bild kann das wahre Antlitz unseres Herrn vollständig zeigen.

Das wahre Bild Christi findet sich nicht allein in Fresken, Mosaiken oder Ikonen. Es zeigt sich in seinem Leben, in seinem Opfer und in seinem Wort.

Das Kreuz erinnert uns an dieses Opfer.
Und das Antlitz Christi erinnert uns an seine Gegenwart.

So bleiben Kreuz und Bild nicht nur Zeichen der Vergangenheit, sondern Wegweiser für jeden Christen, der versucht, dem Herrn nachzufolgen.

Denn das wahre Bild Christi soll am Ende nicht nur auf Wänden erscheinen – sondern im Herzen der Menschen.

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