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Zum Blogartikel: „Kinder als Freimaurer?“

Ein weiterer Blick nach Amerika

Unser Artikel „Kinder als Freimaurer?“ hat ungewöhnlich viele Reaktionen ausgelöst. Zahlreiche Leserinnen und Leser haben uns geschrieben, manche interessiert, manche verwundert und einige auch besorgt. Deshalb möchten wir noch einmal genauer hinsehen: Was zeigt das amerikanische Lern-, Mal- und Beschäftigungsbuch „Little Builders“ tatsächlich – und was unterscheidet den Umgang mit der Freimaurerei in den Vereinigten Staaten von unseren europäischen Vorstellungen?

Zunächst muss eine mögliche Fehlinterpretation berichtigt werden: Die Kinder werden durch dieses Buch nicht zu Freimaurern aufgenommen. Es findet keine Einweihung statt, sie legen kein Gelöbnis ab und gehören keiner regulären Loge an. Das Buch richtet sich hauptsächlich an Kinder und Enkelkinder von Freimaurern. Es soll ihnen auf spielerische Weise erklären, weshalb sie in ihrer Familie immer wieder bestimmten Zeichen, Werkzeugen und Begriffen begegnen.

Im Inneren finden die Kinder Ausmalbilder, Rätsel und einfache Beschäftigungen rund um Winkelmaß, Zirkel, Wasserwaage, Lot, Bienenkorb sowie den rauen und den behauenen Stein. Diese Symbole werden nicht in ihrer tieferen rituellen Bedeutung erklärt. Vielmehr dienen sie dazu, allgemein verständliche Werte wie Ehrlichkeit, Fleiß, Hilfsbereitschaft, Selbstbeherrschung und die Arbeit am eigenen Charakter zu vermitteln.

In Amerika läuft manches anders

Wer europäische Logen kennt, verbindet die Freimaurerei gewöhnlich mit einer gewissen Feierlichkeit. Zur Tempelarbeit erscheinen die Brüder ordentlich gekleidet, häufig im dunklen Anzug, mit weißem Hemd und Krawatte oder Fliege. Dazu kommen Schurz, Handschuhe und die jeweiligen Abzeichen des Amtes oder Grades. Die Kleidung soll verdeutlichen, dass man den Alltag hinter sich lässt und einen besonderen, symbolisch geordneten Raum betritt.

In den Vereinigten Staaten sind die Verhältnisse vielfältiger. Auch dort gibt es zahlreiche Logen, in denen großer Wert auf dunklen Anzug, Smoking oder festgelegte Kleidung gelegt wird. Daneben finden sich jedoch wesentlich lockerere Zusammenkünfte und örtliche Traditionen. Besonders in warmen Regionen, können Freimaurer auch in kurzen Hosen, Freizeithemden oder anderer legerer Kleidung erscheinen.

Ein Bild, auf dem ein Freimaurer in kurzen Hosen zu sehen ist, wirkt auf europäische Betrachter deshalb zunächst überraschend. Viele von uns würden einen Bruder in dieser Kleidung kaum mit einer feierlichen Logenarbeit in Verbindung bringen. Für amerikanische Familien scheint eine solche Darstellung jedoch weniger ungewöhnlich zu sein.

Von der geheimnisvollen Loge zum Familienprojekt

In Europa hat sich die Freimaurerei über lange Zeit als diskrete Männergemeinschaft verstanden. Was innerhalb der Loge geschieht, wird gewöhnlich nicht zum Gegenstand eines Familiengesprächs mit Kindern gemacht. Der Bruder geht zur Logenarbeit, seine Familie weiß möglicherweise, wann und wohin er geht, doch über Rituale und Einzelheiten wird nicht gesprochen. Dadurch entsteht zwangsläufig ein Geheimnisraum.

Die amerikanischen Herausgeber von „Little Builders“ wählen einen anderen Weg. Sie gehen davon aus, dass Kinder ohnehin Fragen stellen: Was bedeutet das Zeichen auf dem Ring des Großvaters? Weshalb trägt der Vater einen besonderen Schurz? Warum befinden sich Winkelmaß und Zirkel an einem Gebäude? Weshalb spricht die Familie von einer Loge?

Statt diese Fragen mit Schweigen zu beantworten, erhalten Eltern und Großeltern ein Hilfsmittel. Sie können sich mit den Kindern an einen Tisch setzen, gemeinsam Bilder ausmalen und dabei über die allgemein verständlichen Werte hinter den Symbolen sprechen. Das Geheimnis wird dadurch nicht vollständig enthüllt. Es wird jedoch auch nicht zu einem künstlichen Tabu gemacht, das die kindliche Neugier womöglich noch verstärkt.

Diese Offenheit entspricht einer amerikanischen Tradition, Gemeinschaften stärker in das Familienleben einzubeziehen. Vereine, Kirchen, Veteranenverbände, Bruderschaften und auch Logen treten dort häufig sichtbarer an die Öffentlichkeit. Es gibt Familienfeste, Wohltätigkeitsveranstaltungen, Jugendprogramme und öffentlich erkennbare Zeichen der Zugehörigkeit. Was bei uns eher zurückhaltend und feierlich behandelt wird, erhält in Amerika mitunter einen praktischen, familiären und sogar werbenden Charakter.

Was uns an dem Buch fremd bleibt

Aus der Sicht eines Templers begegnen wir dieser Entwicklung mit einer gewissen Zurückhaltung. Symbole sind nicht bloß hübsche Bilder. Sie tragen Bedeutungen, die sich dem Menschen erst nach und nach erschließen sollen. Wer ein Symbol zu früh vereinfacht, läuft Gefahr, ihm seine Tiefe zu nehmen. Aus dem Werkzeug geistiger Erkenntnis könnte dann ein bloßes Erkennungszeichen oder eine Figur in einem Malbuch werden.

Auch die Verbindung von Kindern und einer erwachsenen Initiationsgemeinschaft bleibt heikel. Selbst wenn keine formelle Aufnahme stattfindet, kann bei einem Kind der Eindruck entstehen, es gehöre bereits zu dieser Gemeinschaft oder solle später selbstverständlich in die Fußstapfen des Vaters beziehungsweise Großvaters treten. Eine solche Erwartung darf nicht aufgebaut werden.

Der geistige Weg muss aus freier Entscheidung gewählt werden. Weder Freimaurerei noch Templertum sollten vererbt werden wie ein Familienname oder ein Besitzstück. Eltern dürfen ihre Werte vorleben und Fragen beantworten. Sie sollten jedoch nicht über die spätere geistige Zugehörigkeit ihrer Kinder bestimmen.

Für unseren Orden wäre deshalb ein entsprechendes Buch, das Kinder unmittelbar mit internen Templersymbolen, Rangstufen oder Ordenslehren vertraut macht, kaum vorstellbar. Der Templerweg verlangt Reife, persönliche Verantwortung und die Fähigkeit, eine bewusste Entscheidung zu treffen. Kinder sollen nicht auf eine spätere Mitgliedschaft vorbereitet oder gar als „Templernachwuchs“ betrachtet werden.

Dennoch enthält die Idee eine wertvolle Lehre

Trotz aller Vorbehalte sollten wir den Grundgedanken nicht vorschnell verwerfen. „Little Builders“ erinnert Eltern und Großeltern daran, dass Werte nur weiterleben, wenn sie der nächsten Generation verständlich gemacht werden. Ein Kind muss kein Freimaurer werden, um zu verstehen, dass ein rauer Stein für die noch unvollkommene Persönlichkeit stehen kann. Es muss kein Templer werden, um zu lernen, dass Mut nicht im Angriff, sondern häufig im Schutz eines Schwächeren besteht.

Wir könnten daraus eine andere, zu unserem Orden passendere Anregung gewinnen: kein Lehrbuch für „Templerkinder“, sondern ein allgemeines Ritter- und Tugendbuch für Kinder. Es könnte von Hilfsbereitschaft, Wahrhaftigkeit, Treue, Höflichkeit, Mut und Verantwortung erzählen, ohne interne Ordenslehren zu berühren. Geschichten, Rätsel und Bilder könnten zeigen, dass ein wahrer Ritter sein Wort hält, Schwächere schützt, Fehler eingesteht und seine Kraft niemals missbraucht.

Ein solches Buch würde nicht für eine Mitgliedschaft werben. Es würde Kindern auch keine religiöse oder geistige Entscheidung vorwegnehmen. Es könnte Eltern und Großeltern lediglich dabei helfen, über Werte zu sprechen, die unserer Gesellschaft zunehmend verloren zu gehen drohen.

Kleidung, Formen und der innere Mensch

Das Bild des Freimaurers in kurzen Hosen führt schließlich zu einer tieferen Frage: Wie wichtig ist die äußere Form? Als Templer wissen wir, dass Kleidung allein keinen würdigen Menschen hervorbringt. Ein tadellos gekleideter Mann kann hochmütig, unzuverlässig und selbstsüchtig sein. Ein einfach gekleideter Mensch kann hingegen Mut, Güte und große innere Würde besitzen.

Dennoch sind äußere Formen nicht völlig bedeutungslos. Eine besondere Kleidung kann uns daran erinnern, dass wir einen besonderen Raum betreten und unser alltägliches Denken für eine gewisse Zeit zurücklassen sollen. Sie drückt Achtung vor der Gemeinschaft, vor dem Ritual und vor den anwesenden Brüdern und Schwestern aus. Wer sich sorgfältig vorbereitet und kleidet, zeigt damit auch: Diese Zusammenkunft ist mir wichtig.

Amerikanische Lockerheit und europäische Förmlichkeit müssen deshalb nicht gegeneinander ausgespielt werden. Die Amerikaner erinnern uns daran, dass eine geistige Gemeinschaft menschlich, zugänglich und familiennah bleiben sollte. Die europäische Tradition erinnert uns daran, dass Würde, Sammlung und angemessene Formen einen geistigen Raum schützen.

Vielleicht liegt die richtige Haltung zwischen beiden Seiten. Wir müssen unsere Kinder nicht in einen Orden einführen. Wir sollten ihre Fragen aber auch nicht unbeantwortet lassen. Wir müssen unsere Symbole nicht zu bloßen Malvorlagen vereinfachen. Wir dürfen jedoch verständlich erklären, welche menschlichen Tugenden hinter ihnen stehen.

In den Vereinigten Staaten läuft tatsächlich manches anders – manchmal überraschend locker und aus unserer Sicht vielleicht sogar befremdlich. Doch gerade der Blick auf andere Gewohnheiten kann uns helfen, die eigenen Formen neu zu bedenken. Wir müssen nicht alles übernehmen. Aber wir sollten prüfen, ob sich hinter einer ungewohnten Darstellung nicht doch ein bedenkenswerter Gedanke verbirgt: Manche Werte sind es wert, an Kinder und Enkelkinder weitergegeben zu werden – nicht als Verpflichtung zur späteren Mitgliedschaft, sondern als Hilfe auf ihrem eigenen Weg zu einem aufrechten Menschen.

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