Bezahlbares Wohnen auf Kirchengrund?
England zeigt, wie christliche Verantwortung praktisch wird
Die Church of England will auf kirchlichen Grundstücken rund 2.000 bezahlbare Wohnungen ermöglichen. Dieses Vorhaben verdient Anerkennung, weil die anglikanische Kirche damit nicht nur über Nächstenliebe, soziale Verantwortung und christliche Gemeinschaft spricht, sondern vorhandenen Besitz konkret in den Dienst notleidender Menschen stellt. Gerade in einer Zeit, in der hohe Mieten, fehlender Wohnraum und steigende Lebenshaltungskosten immer mehr Familien, Alleinerziehende, ältere Menschen und junge Erwachsene bedrängen, wird bezahlbares Wohnen zu einer der wichtigsten sozialen Fragen unserer Gesellschaft.
Als Templer sehen wir darin ein überzeugendes Beispiel dafür, wie eine Kirche ihren geistlichen Auftrag mit ihren materiellen Möglichkeiten verbinden kann. Ein Grundstück, ein Pfarrhof oder ein nicht mehr benötigtes kirchliches Gebäude darf nicht allein als Vermögenswert betrachtet werden. Kirchlicher Besitz ist immer auch an eine besondere Verantwortung gebunden. Wo aus ungenutztem Grund und leer stehenden Gebäuden sichere Wohnungen entstehen können, sollte eine Kirche sorgfältig prüfen, ob sie diese Möglichkeit im Sinne des Gemeinwohls ergreifen kann.
Die Church of England macht aus kirchlichem Besitz sozialen Wohnraum
Die englische Initiative ist keine unverbindliche Absichtserklärung. Ein fachkundiges Projektteam unterstützt Pfarreien und Diözesen dabei, ungenutzte Grundstücke, veraltete Gemeindehäuser und andere kirchliche Liegenschaften auf ihre Eignung für Wohnbauprojekte zu untersuchen. An dem Programm sind bereits etwa 85 Pfarreien beteiligt. Für 54 Projekte wurden mehr als 1,2 Millionen Pfund bereitgestellt, um Gutachten, Machbarkeitsstudien und die notwendigen Vorarbeiten bis zur Beratung durch die Planungsbehörden zu finanzieren. Nach den vorliegenden Teildaten befinden sich insgesamt 3.356 Wohnungen auf pfarrlichen oder diözesanen Grundstücken in Vorbereitung oder Planung; 1.952 davon sollen bezahlbar sein.
Dahinter steht eine vernünftige Erkenntnis: Eine kleine Pfarrei kann ein Wohnbauprojekt nicht allein bewältigen. Sie besitzt vielleicht ein geeignetes Grundstück, aber gewöhnlich fehlen ihr Architekten, Stadtplaner, Finanzfachleute, Juristen und Experten für den sozialen Wohnungsbau. Die Church of England stellt deshalb nicht nur Forderungen auf, sondern schafft eine Struktur, die den Gemeinden bei der Umsetzung hilft.
Das ist der entscheidende Unterschied zwischen einer gut gemeinten Idee und einer ernsthaften kirchlichen Initiative. Man überlässt die einzelnen Pfarreien nicht ihrem Schicksal, sondern bündelt Wissen, Geld und Verantwortung. Die Church Housing Association, eine eigene Entwicklungsgesellschaft, Fachleute und das Forum for Church Housing arbeiten zusammen. Auf diese Weise wird aus einem kirchlichen Grundstück nicht vorschnell ein Verkaufsobjekt für den Meistbietenden, sondern möglicherweise ein Ort, an dem Menschen ein dauerhaftes Zuhause finden.
Wohnungsnot ist auch eine geistliche Frage
Wohnen ist mehr als ein Dach über dem Kopf. Eine Wohnung bedeutet Sicherheit, Privatheit, Zugehörigkeit und Würde. Wer ständig fürchten muss, die nächste Miete nicht bezahlen zu können, lebt nicht in wirklicher Sicherheit. Wer mit Kindern in überfüllten oder ungeeigneten Räumen wohnt, erfährt täglich, dass materielle Not auch das seelische und familiäre Leben belastet. Wer im Alter seine vertraute Wohnung verliert, verliert häufig zugleich Nachbarschaft, Halt und einen Teil seiner Lebensgeschichte.
Deshalb dürfen Kirchen die Wohnungsfrage nicht lediglich als Aufgabe des Staates oder der Wirtschaft betrachten. Natürlich tragen Politik, Gemeinden, Bauträger und Wohnungsgesellschaften eine große Verantwortung. Doch auch Kirchen besitzen Grundstücke, Gebäude, Kapital, Erfahrung und ein weitverzweigtes Netz örtlicher Gemeinschaften. Wo solche Möglichkeiten vorhanden sind, erwächst daraus eine Verpflichtung.
Der Bericht „Coming Home“, den die Erzbischöfe von Canterbury und York veranlassten, formulierte eine christliche Vorstellung guten Wohnens. Danach sollen Wohnungen nicht nur errichtet werden, um eine statistische Zahl zu erhöhen. Es sollen sichere, beständige und lebenswerte Gemeinschaften entstehen, in denen Menschen Wurzeln schlagen können. Der Bericht forderte ausdrücklich, kirchlichen Grund stärker für tatsächlich bezahlbare Wohnungen zu verwenden.
Damit wird ein Grundgedanke christlicher Sozialverantwortung sichtbar: Der Mensch braucht nicht nur Almosen für den nächsten Tag, sondern Lebensbedingungen, die ihn vor dauerhafter Not schützen. Eine Lebensmittelspende lindert augenblicklichen Hunger. Eine Beratungsstelle hilft in einer Krise. Eine bezahlbare Wohnung kann jedoch für viele Jahre Sicherheit schaffen und verhindern, dass Menschen überhaupt in Obdachlosigkeit oder soziale Abhängigkeit geraten.
Ein Beispiel für die katholische Kirche
Das englische Vorhaben könnte auch der katholischen Kirche als Beispiel dienen. Die katholische Kirche besitzt in vielen Ländern zahlreiche Grundstücke, Pfarrhöfe, Klöster, Bildungshäuser, Nebengebäude und andere Immobilien. Nicht jedes davon ist für Wohnzwecke geeignet, und nicht jedes leer stehende Gebäude kann wirtschaftlich sinnvoll umgebaut werden. Denkmalschutz, Baurecht, notwendige Sanierungen und örtliche Widerstände können erhebliche Schwierigkeiten verursachen.
Doch solche Hindernisse dürfen nicht als allgemeine Ausrede dienen. Es geht nicht darum, jedes Kloster in Wohnungen umzuwandeln oder Pfarreien die für ihre Arbeit notwendigen Räume wegzunehmen. Es geht um eine systematische und ehrliche Prüfung: Welche kirchlichen Liegenschaften werden nicht mehr benötigt? Wo gibt es ungenutzte Grundstücksteile? Welche Pfarrheime müssen ohnehin erneuert werden? Wo könnte ein Neubau Gemeinderäume und bezahlbare Wohnungen miteinander verbinden? Welche Ordenshäuser stehen weitgehend leer? Wo könnten ältere Menschen, Familien oder betreute Wohngemeinschaften ein neues Zuhause finden?
Eine solche Bestandsaufnahme müsste nicht jede Pfarrei allein durchführen. Die katholischen Bischofskonferenzen könnten gemeinsam mit Diözesen, Ordensgemeinschaften, Caritas, gemeinnützigen Bauvereinigungen und Kommunen eigene kirchliche Wohnbauinitiativen aufbauen. Die englische Kirche zeigt gerade, dass dafür eine zentrale Beratungsstelle, Fachwissen und eine ausreichende Anschubfinanzierung notwendig sind.
Am Geld allein dürfte es nicht scheitern
Der Einwand, ein solches Vorhaben sei für die katholische Kirche nicht finanzierbar, überzeugt nur bedingt. Natürlich besitzt nicht jede Pfarrei große Rücklagen. Manche Gemeinden kämpfen selbst mit hohen Kosten, sinkenden Einnahmen und dringend notwendigen Sanierungen. Außerdem besteht das Vermögen der Kirche nicht aus einem einzigen frei verfügbaren Geldbetrag. Es ist auf Diözesen, Pfarreien, Stiftungen, Orden und andere selbstständige Rechtsträger verteilt und häufig zweckgebunden.
Trotzdem dürfte ein ernsthaftes Programm für bezahlbaren Wohnraum nicht am Geld allein scheitern. Die katholische Kirche müsste keineswegs sämtliche Baukosten aus eigenen Mitteln tragen. Sie könnte Grundstücke im Baurecht zur Verfügung stellen, langfristige Kooperationen mit gemeinnützigen Wohnbauträgern eingehen, öffentliche Förderungen nutzen und vorhandene kirchliche Gebäude in gemeinsame Projekte einbringen. Entscheidend wäre, dass sie das Grundstück nicht einfach zum höchsten Marktpreis verkauft.
Gerade kirchlicher Boden eröffnet besondere Möglichkeiten. Wo ein Grundstück nicht teuer erworben werden muss, sinkt eine wesentliche Kostenbelastung des Wohnbaus. Die Kirche könnte Eigentümerin des Bodens bleiben und ihn auf viele Jahrzehnte für gemeinnützige Zwecke vergeben. Dadurch bliebe das Vermögen erhalten, während gleichzeitig dauerhaft bezahlbare Wohnungen entstünden.
Das wäre verantwortungsvoller als ein kurzfristiger Verkauf, dessen Erlös nach einigen Jahren aufgebraucht sein kann. Ein gut geplantes Wohnprojekt schafft einen dauerhaften sozialen Wert. Je nach Modell könnten zugleich regelmäßige, maßvolle Einnahmen entstehen, die der Pfarrei oder dem kirchlichen Träger bei der Erfüllung seiner Aufgaben helfen.
Kirchlicher Besitz ist an einen Auftrag gebunden
Wir Templer betrachten Besitz nicht grundsätzlich als etwas Verwerfliches. Ohne Gebäude, Grundstücke und finanzielle Mittel können weder Kirchen noch karitative Einrichtungen ihre Aufgaben dauerhaft erfüllen. Entscheidend ist nicht allein, wie viel eine Kirche besitzt, sondern wofür sie ihren Besitz verwendet.
Christlicher Besitz darf niemals bloß der Selbsterhaltung einer Verwaltung dienen. Er ist an einen Auftrag gebunden. Eine Kirche, die große Grundstücke besitzt und zugleich die Wohnungsnot in ihrer Umgebung beklagt, muss sich fragen lassen, ob sie ihre Möglichkeiten ausreichend nutzt. Diese Frage ist keine Feindseligkeit gegenüber der Kirche. Sie entspringt gerade dem Wunsch, dass die Kirche ihrem eigenen Anspruch glaubwürdig entspricht.
Im Evangelium begegnet uns Christus nicht als Verwalter eines abgeschlossenen religiösen Systems. Er wendet sich Menschen zu, die arm, krank, heimatlos oder gesellschaftlich ausgegrenzt sind. Wer sich auf ihn beruft, kann die materielle Not der Menschen nicht als nebensächlich abtun. Der Glaube verliert an Überzeugungskraft, wenn er ausschließlich gepredigt, aber nicht in sichtbare Taten übersetzt wird.
Der Jakobusbrief bringt diesen Zusammenhang unmissverständlich zum Ausdruck: Wenn einem Menschen Nahrung und Kleidung fehlen, genügen freundliche Segenswünsche nicht. Der Glaube muss sich in Werken bewähren. Auf unsere Gegenwart übertragen bedeutet das: Wer von Menschenwürde und Nächstenliebe spricht, sollte nach seinen Möglichkeiten dazu beitragen, dass Menschen menschenwürdig wohnen können.
Nicht nur Häuser, sondern Gemeinschaften errichten
Die Church of England verbindet ihr Wohnungsprogramm mit fünf Grundwerten. Gute Wohnungen sollen sicher, beständig, nachhaltig, gemeinschaftsfördernd und zufriedenstellend sein. Das ist wichtig, denn sozialer Wohnbau darf nicht bedeuten, möglichst viele Menschen in lieblosen Gebäuden unterzubringen. Die Initiative versteht ihre Aufgabe ausdrücklich als Schaffung von Zuhause und Gemeinschaft, nicht bloß von umbautem Raum.
Auch die katholische Kirche könnte ihre Erfahrung in der Gemeindearbeit in solche Projekte einbringen. Neben den Wohnungen könnten Begegnungsräume, Gärten, Beratungsstellen, kleine Pflegedienste oder Räume für Nachbarschaftshilfe entstehen. Eine Pfarrei wäre dann nicht nur sonntags ein Gottesdienstort, sondern während der ganzen Woche ein lebendiger Mittelpunkt der Gemeinschaft.
Besonders sinnvoll wären gemischte Wohnprojekte. Junge Familien, alleinstehende Menschen, Senioren und Personen mit Unterstützungsbedarf könnten in einer Anlage wohnen, ohne voneinander abgesondert zu werden. Ältere Bewohner könnten Gemeinschaft erleben, während junge Eltern gelegentlich Unterstützung fänden. Menschen unterschiedlicher Herkunft könnten einander im Alltag begegnen, statt nur übereinander zu sprechen.
Solche Gemeinschaften entstehen allerdings nicht von selbst. Sie benötigen eine kluge Planung, soziale Begleitung und Räume, in denen Begegnungen möglich werden. Auch darin liegt eine Aufgabe für kirchliche Träger. Sie verfügen über Ehrenamtliche, Seelsorger und soziale Einrichtungen, die ein Wohnprojekt menschlich begleiten können.
Eine neue Form kirchlicher Mission
Die für den Wohnungsbau zuständige anglikanische Bischöfin Guli Francis-Dehqani weist darauf hin, dass solche Projekte nicht nur benötigte Wohnungen schaffen. Sie können auch das Ansehen der Kirche innerhalb der örtlichen Gemeinschaft stärken und neue Möglichkeiten kirchlicher Präsenz eröffnen.
Dieser Gedanke verdient Beachtung. Die Kirchen verlieren seit Jahren Mitglieder und gesellschaftliches Vertrauen. Darauf wird häufig mit neuen Werbeformen, moderner Sprache und organisatorischen Reformen reagiert. All das kann sinnvoll sein. Doch die überzeugendste Werbung für eine Kirche bleibt ihr konkretes Handeln.
Wenn eine junge Mutter dank eines kirchlichen Projekts eine bezahlbare Wohnung erhält, wird sie die Kirche anders wahrnehmen. Wenn ein älterer Mensch in seiner gewohnten Umgebung bleiben kann, weil auf einem kirchlichen Grundstück barrierefreie Wohnungen entstanden sind, wird christliche Fürsorge greifbar. Wenn eine Familie nicht mehr die Hälfte oder mehr ihres Einkommens für die Miete ausgeben muss, gewinnt sie Sicherheit und Lebensqualität.
Das ist Mission ohne aufdringliche Bekehrungsabsicht. Menschen sollten bei der Wohnungsvergabe selbstverständlich nicht nach ihrer Konfession beurteilt werden. Kirchliche Hilfe muss Bedürftigen offenstehen, unabhängig davon, ob sie katholisch, evangelisch, einer anderen Religion verbunden oder ohne religiöses Bekenntnis sind. Gerade darin zeigt sich eine glaubwürdige christliche Haltung.
Die Kirche darf nicht zum gewöhnlichen Immobilienkonzern werden
Wo kirchliche Gebäude geschlossen oder Grundstücke nicht mehr benötigt werden, stellt sich regelmäßig die Frage nach ihrer Verwertung. Aus wirtschaftlicher Sicht erscheint es naheliegend, an den Höchstbietenden zu verkaufen. Doch eine Kirche ist kein gewöhnliches Immobilienunternehmen. Sie muss ihre Entscheidungen nicht nur nach dem erzielbaren Verkaufspreis beurteilen, sondern ebenso nach ihrem geistlichen und sozialen Auftrag.
Wer kirchlichen Grund an einen privaten Bauträger verkauft, der darauf hochpreisige Eigentumswohnungen errichtet, erzielt vielleicht einen großen einmaligen Erlös. Für die Menschen mit niedrigen oder mittleren Einkommen in der Umgebung ist damit jedoch nichts gewonnen. Im Gegenteil: Ein Grundstück, das einmal verkauft wurde, steht für eine gemeinnützige Nutzung nicht mehr zur Verfügung.
Deshalb sollten kirchliche Liegenschaften vor einem Verkauf eine verbindliche Sozialprüfung durchlaufen. Dabei müsste untersucht werden, ob das Grundstück ganz oder teilweise für bezahlbares Wohnen, Pflege, betreute Wohnformen oder andere gemeinnützige Zwecke genutzt werden kann. Erst wenn solche Möglichkeiten ernsthaft geprüft und ausgeschlossen wurden, sollte ein Verkauf auf dem freien Markt erwogen werden.
Ebenso wichtig ist Transparenz. Gemeinden sollten erfahren, welche Gebäude aufgegeben werden, nach welchen Kriterien darüber entschieden wird und was mit den Erlösen geschieht. Kirchlicher Besitz wurde häufig über Generationen durch Spenden, Stiftungen und Opfer gläubiger Menschen aufgebaut. Daher darf über seine Verwendung nicht wie über privates Eigentum weniger Verantwortlicher entschieden werden.
Was die katholische Kirche konkret tun könnte
Der erste Schritt wäre eine umfassende Erfassung geeigneter kirchlicher Liegenschaften. Nicht jedes Grundstück müsste öffentlich aufgelistet werden, aber jede Diözese sollte wissen, wo ungenutzte oder nur teilweise genutzte Flächen vorhanden sind. Danach müssten Fachleute prüfen, welche Standorte für Wohnprojekte infrage kommen.
Als Zweites sollte eine katholische Fachstelle für kirchlichen Wohnbau eingerichtet werden. In ihr müssten Architekten, Stadtplaner, Juristen, Finanzexperten, Sozialarbeiter und Vertreter kirchlicher Einrichtungen zusammenarbeiten. Diese Fachstelle könnte Pfarreien von der ersten Idee bis zum fertigen Projekt begleiten.
Drittens wäre ein eigener Fonds für Machbarkeitsstudien notwendig. Das englische Beispiel zeigt, dass bereits die frühen Planungsschritte Geld kosten. Viele gute Vorhaben scheitern, bevor überhaupt geklärt ist, ob sie realisierbar wären. Ein kirchlicher Fonds könnte diese Anfangshürde beseitigen.
Viertens sollten Grundstücke möglichst im kirchlichen Eigentum bleiben und langfristig für gemeinnützigen Wohnbau bereitgestellt werden. Baurechts- und Erbpachtmodelle können dabei helfen, den Boden einer spekulativen Nutzung zu entziehen.
Fünftens braucht es klare Vergaberichtlinien. Vorrang sollten Menschen haben, die auf dem gewöhnlichen Wohnungsmarkt nur schwer eine angemessene Wohnung finden: Familien mit Kindern, Alleinerziehende, ältere Menschen, Menschen mit Behinderung und Personen mit niedrigen Einkommen. Die Auswahl müsste transparent, gerecht und unabhängig von religiöser Zugehörigkeit erfolgen.
Schließlich sollte jedes Vorhaben sorgfältig in seine Umgebung eingebunden werden. Ein Wohnprojekt gegen den Willen der örtlichen Bevölkerung durchzusetzen, schafft neue Konflikte. Frühzeitige Gespräche, verständliche Informationen und die Beteiligung der Nachbarschaft können dazu beitragen, Vorurteile abzubauen und gemeinsame Lösungen zu finden.
Was wir Templer daraus lernen können
Auch wir Templer müssen uns von einem solchen Vorhaben angesprochen fühlen. Unsere Möglichkeiten sind nicht mit denen großer Kirchen vergleichbar. Dennoch gilt der gleiche Grundsatz: Besitz verpflichtet zum Dienst. Jeder Orden, jede Gemeinschaft und jeder einzelne Mensch muss sich fragen, wie vorhandene Mittel verantwortungsvoll eingesetzt werden können.
Nicht jeder von uns kann Wohnungen bauen. Aber wir können Wohnungsnot wahrnehmen, statt an ihr vorbeizusehen. Wir können Hilfsorganisationen unterstützen, Menschen bei Behördenwegen begleiten, vorübergehende Not lindern und uns für gerechte Lösungen einsetzen. Vor allem dürfen wir nicht vergessen, dass hinter jeder Statistik ein konkreter Mensch steht.
Die alten Templer errichteten Burgen, Hospitäler, Herbergen und Niederlassungen. Sie gaben Pilgern Schutz und boten Reisenden sichere Orte. Der heutige Templer führt kein Schwertgeleit mehr durch gefährliche Länder. Doch der Gedanke des Schutzes bleibt bestehen. In unserer Zeit kann ein sicherer, bezahlbarer Wohnraum ein ebenso notwendiger Schutz sein.
Die glaubwürdigste Predigt besteht aus Taten
Das englische Programm für bezahlbares Wohnen ist noch nicht vollendet. Zwischen einer Machbarkeitsstudie und einer bezugsfertigen Wohnung liegen Planung, Genehmigungen, Finanzierung und Bau. Deshalb wird sich erst in den kommenden Jahren zeigen, wie viele der angekündigten Wohnungen tatsächlich entstehen. Dennoch ist bereits die geschaffene Struktur bemerkenswert: Die Church of England hat das Problem erkannt, einen Bericht erarbeitet, Fachleute eingesetzt, Geld bereitgestellt und Pfarreien zur Mitarbeit eingeladen.
Die katholische Kirche könnte diesem Beispiel folgen und aufgrund ihrer internationalen Erfahrung sogar noch weiter gehen. Sie besitzt nicht überall dieselben Möglichkeiten, aber vielerorts ausreichend Grund, Gebäude, institutionelles Wissen und Kontakte, um konkrete Projekte zu verwirklichen. Wenn Hindernisse bestehen, müssen Lösungen gesucht werden. Am Geld allein sollte eine solche Aufgabe nicht scheitern.
Als Templer erwarten wir von einer Kirche nicht, dass sie sämtliche Wohnungsprobleme eines Landes löst. Das kann sie weder finanziell noch organisatorisch leisten. Wir dürfen aber erwarten, dass sie ihre eigenen Möglichkeiten gewissenhaft prüft und dort handelt, wo sie wirksam helfen kann. Eine Kirche, die auf eigenem Grund bezahlbare Wohnungen errichtet, bewahrt nicht nur Menschen vor Not. Sie gewinnt auch Glaubwürdigkeit zurück.
Wer einen Menschen ohne Wohnung in ein sicheres Zuhause führt, baut mehr als Mauern und Dächer. Er schafft Schutz, Würde und Hoffnung. Er setzt einen sichtbaren Stein in jenen geistigen Tempel, den wir gemeinsam errichten sollen. Denn der christliche Glaube bewährt sich nicht allein am Altar und in der Predigt. Er bewährt sich überall dort, wo aus Besitz Verantwortung, aus Mitgefühl Hilfe und aus einem ungenutzten Grundstück ein Zuhause für Menschen wird.
