Das Geheimnis hinter Wladimir Putin
Wer Wladimir Putin beim Gehen beobachtet, dem kann ein ungewöhnliches Detail auffallen: Während sein linker Arm natürlich mitschwingt, bleibt der rechte Arm häufig auffallend nahe am Körper. Diese asymmetrische Bewegung ist seit Jahren Gegenstand medialer Spekulationen. Manche wollten darin ein Anzeichen einer Erkrankung erkennen, andere sahen lediglich eine persönliche Eigenart.
Im Jahr 2015 untersuchte eine internationale Gruppe von Neurologen dieses Phänomen genauer. Ihre überraschende Vermutung lautete: Putins Gang könnte weniger mit einer Krankheit als mit seiner Ausbildung beim sowjetischen Geheimdienst KGB zusammenhängen.
Die Forscher bezeichneten diese Bewegungsweise als „gunslinger’s gait“ – als „Revolverhelden-Gang“. Gemeint ist selbstverständlich keine Bande von Revolverhelden, sondern eine besondere Gangart: Die rechte Hand wird beim Gehen möglichst nahe am Körper gehalten, damit sie im Ernstfall rasch eine Waffe erreichen kann.
Doch hinter dieser scheinbar nebensächlichen Beobachtung verbirgt sich eine weiterführende Frage: Wie stark prägt eine frühere Ausbildung den Menschen – und kann eine jahrelang eingeübte Haltung schließlich zu einem Teil seines Wesens werden?
Wenn ein Arm kaum mitschwingt
Beim natürlichen Gehen schwingen beide Arme gewöhnlich gegengleich zu den Beinen mit. Setzt der Mensch den rechten Fuß nach vorn, bewegt sich normalerweise der linke Arm nach vorn – und umgekehrt. Diese unbewusste Bewegung stabilisiert den Körper und unterstützt den Bewegungsablauf.
Bei Putin scheint dieses Muster verändert zu sein. Sein linker Arm bewegt sich deutlich, während der rechte häufig nahe am Oberkörper bleibt. Der niederländische Neurologe Bastiaan Bloem und seine Kollegen untersuchten zahlreiche öffentlich zugängliche Videoaufnahmen Putins und weiterer russischer Spitzenpolitiker.
Die 2015 im British Medical Journal veröffentlichte Arbeit stellte fest, dass Putin einen beständig verminderten rechten Armschwung zeigte. Die gleiche Auffälligkeit fanden die Forscher auch bei Dmitri Medwedew sowie drei weiteren hochrangigen russischen Amtsträgern.
Ein einseitig verminderter Armschwung kann verschiedene Ursachen haben. Er kann von einer Verletzung der Schulter herrühren, nach einem Schlaganfall auftreten oder ein mögliches frühes Anzeichen einer neurologischen Erkrankung wie Parkinson sein.
Genau deshalb erregte Putins Körperhaltung so viel Aufmerksamkeit. Seit Jahren erscheinen immer wieder Meldungen über seinen angeblichen Gesundheitszustand. Aus einzelnen Bewegungen, Griffen an einen Tisch oder auffälligen Gesichtsausdrücken werden dabei mitunter weitreichende Diagnosen abgeleitet.
Doch eine ärztliche Diagnose kann nicht seriös allein aus Fernsehbildern gestellt werden. Die Neurologen verfügten weder über Putins Krankenakte noch konnten sie ihn persönlich untersuchen. Ihre Arbeit war daher keine medizinische Diagnose des russischen Präsidenten, sondern die Formulierung einer möglichen Erklärung für eine sichtbare Besonderheit.
Keine eindeutigen Anzeichen einer Erkrankung
Die Forscher suchten in den Aufnahmen nach weiteren äußerlich erkennbaren Bewegungsstörungen. Dabei fanden sie nach eigener Darstellung keine deutlichen zusätzlichen neurologischen Auffälligkeiten.
Putin war auf verschiedenen Aufnahmen beim Schwimmen, beim Reiten, beim Judo und bei anderen sportlichen Betätigungen zu sehen. Dort konnte er beide Körperseiten offenbar koordiniert einsetzen. Auch ein deutliches Zittern oder eine allgemein verlangsamte Bewegung ließ sich aus dem untersuchten Material nicht sicher ableiten.
Das beweist selbstverständlich nicht, dass ein Mensch vollkommen gesund ist. Es spricht lediglich dagegen, aus dem verminderten Armschwung allein auf eine bestimmte Krankheit zu schließen.
Diese Unterscheidung ist wichtig. Gerade bei politisch umstrittenen Persönlichkeiten neigen Menschen dazu, jede Beobachtung so auszulegen, dass sie zum bereits vorhandenen Urteil passt. Wer Putin für schwach halten möchte, sieht Krankheit. Wer ihn für besonders gefährlich hält, sieht den jederzeit schussbereiten Geheimdienstmann.
Beides kann zur Projektion werden.
Der Templer aber soll nicht vorschnell urteilen. Er soll zwischen Beobachtung, Vermutung und erwiesener Tatsache unterscheiden. Eine auffällige Bewegung ist eine Beobachtung. Die Erklärung durch Geheimdiensttraining ist eine Hypothese. Eine medizinische Diagnose wäre etwas völlig anderes.
Die Spur führt zum KGB
Die Forscher verglichen Putins Gang mit Anweisungen aus einem Ausbildungshandbuch des KGB. Geheimdienstmitarbeiter und bewaffnete Sicherheitskräfte sollten sich demnach so bewegen, dass ihre Waffenhand möglichst nahe am Brustkorb beziehungsweise an der Waffe blieb. Der Körper wurde leicht seitlich zur Bewegungsrichtung gehalten. Dadurch sollte die Waffe bei einem plötzlichen Angriff rasch gezogen werden können.
Aus dieser Verbindung entstand die Bezeichnung „Revolverhelden-Gang“. Die Wissenschaftler vermuteten, dass eine ursprünglich bewusst erlernte Sicherheitsbewegung durch jahrelange Wiederholung zu einer automatischen Gewohnheit geworden sein könnte. In der veröffentlichten Untersuchung wird ausdrücklich nur von einer möglichen Verhaltensanpassung infolge einer KGB-, Militär- oder Waffenausbildung gesprochen.
Putin trat 1975 in den KGB ein und war von 1985 bis 1990 in Dresden eingesetzt. Eine solche Ausbildung könnte also tatsächlich zu seiner beruflichen Prägung gehört haben.
Bemerkenswert ist, dass die Forscher eine ähnliche Gangart auch bei weiteren russischen Amtsträgern beobachteten. Sergei Iwanow besaß wie Putin einen Geheimdiensthintergrund. Anatoli Sidorow hatte eine militärische Laufbahn durchlaufen. Auch beim früheren Verteidigungsminister Anatoli Serdjukow wurde ein verringerter rechter Armschwung festgestellt.
Schwieriger war die Erklärung bei Dmitri Medwedew. Er hatte weder eine KGB- noch eine militärische Ausbildung durchlaufen. Die Wissenschaftler hielten es daher für denkbar, dass er die auffällige Bewegungsweise unbewusst von Putin oder seinem politischen Umfeld übernommen hatte.
Gerade dieser Punkt macht die Untersuchung interessant, aber auch unsicher. Wenn ein Mensch ohne entsprechende Waffenausbildung ähnlich geht, kann die Ausbildung allein nicht sämtliche Fälle erklären. Selbst innerhalb des British Medical Journal wurde deshalb diskutiert, ob tatsächlich das KGB-Training die Ursache sei.
Der Körper erinnert sich
Unabhängig davon, ob die KGB-Erklärung im Fall Putins vollständig zutrifft, weist sie auf eine menschliche Erfahrung hin: Der Körper vergisst eingeübte Bewegungen nur langsam.
Ein Soldat verändert mit der Zeit seine Haltung. Ein Handwerker entwickelt bestimmte Handgriffe. Ein Priester bewegt sich am Altar anders als im gewöhnlichen Alltag. Auch ein langjähriger Kampfsportler steht, geht und reagiert oft anders als ein ungeübter Mensch.
Was zunächst bewusst erlernt wird, kann in das sogenannte Bewegungsgedächtnis übergehen. Der Mensch muss dann nicht mehr überlegen, wie er eine Bewegung ausführt. Der Körper wiederholt sie selbstständig.
Putin verbrachte viele Jahre beim KGB und trainierte seit seiner Jugend Judo. Beide Bereiche verlangen Körperbeherrschung, Wachsamkeit und schnelle Reaktionsfähigkeit. Es wäre daher nicht überraschend, wenn Spuren dieser Ausbildung bis heute in seiner Haltung sichtbar blieben.
Der Körper kann auf diese Weise zu einer Art ungeschriebener Lebensgeschichte werden. Er trägt Erfahrungen weiter, über die der Mensch längst nicht mehr bewusst nachdenkt.
Körperhaltung als politische Botschaft
Bei einem Staatsführer ist die Körperhaltung jedoch niemals nur eine private Angelegenheit. Politiker wissen, dass sie ständig beobachtet werden. Ihr Gang, ihre Gesten, ihre Kleidung und selbst die Anordnung eines Besprechungstisches können Teil der öffentlichen Inszenierung werden.
Putin präsentiert sich seit vielen Jahren als entschlossener, beherrschter und körperlich leistungsfähiger Mann. Die veröffentlichten Bilder zeigen ihn beim Judo, beim Reiten, beim Tauchen, beim Angeln oder bei militärischen Vorführungen. Damit wird ein bestimmtes Herrscherbild vermittelt: Der Präsident soll als Mann erscheinen, der jederzeit die Kontrolle besitzt.
Der „Revolverhelden-Gang“ passt zu dieser Darstellung. Ob er bewusst inszeniert wird oder lediglich eine alte Gewohnheit ist, lässt sich von außen nicht sicher beurteilen. In der öffentlichen Wahrnehmung vermittelt die unbewegte rechte Hand jedoch Bereitschaft, Wachsamkeit und eine unterschwellige Drohung.
Der Körper sagt gewissermaßen: Ich bin nicht arglos. Ich rechne mit Gefahr. Ich bin bereit zu reagieren.
Gerade in der Politik autoritärer Systeme spielt eine solche nonverbale Botschaft eine wichtige Rolle. Der Herrscher darf nicht unsicher erscheinen. Er muss den Eindruck erwecken, dass er weder überrascht noch überwältigt werden kann. Persönliche Kontrolle wird dabei zum sichtbaren Symbol staatlicher Macht.
Der Mensch im dauernden Verteidigungszustand
Aus templerischer Sicht führt uns diese Beobachtung über Putin hinaus. Sie berührt die Frage, was jahrelange Wachsamkeit mit der Seele eines Menschen macht.
Wer gelernt hat, die Waffenhand ständig bereitzuhalten, befindet sich auch in friedlicher Umgebung noch in einem Zustand innerer Verteidigung. Er sieht die Welt möglicherweise nicht mehr zuerst als Raum der Begegnung, sondern als Gebiet möglicher Gefahren. Andere Menschen erscheinen als Verbündete, Gegner, Informanten oder Risiken.
Eine solche Haltung kann in gefährlichen Berufen das Überleben sichern. Doch wenn sie das gesamte Denken beherrscht, wird sie zum geistigen Gefängnis.
Der frühere Geheimdienstmann betrachtet Politik leicht als dauernden Kampf. Vertrauen wird zur Schwäche, Nachgeben zur Niederlage und Kompromiss zum Zeichen mangelnder Entschlossenheit. Wer so denkt, fragt nicht mehr zuerst, wie Frieden entstehen kann. Er fragt, wie die eigene Seite verhindern kann, überlistet zu werden.
Damit soll nicht behauptet werden, Putins gesamte Politik lasse sich aus seiner Gangart erklären. Das wäre eine unzulässige Vereinfachung. Kein Krieg, keine politische Entscheidung und kein Herrschaftssystem kann aus der Bewegung eines Armes abgeleitet werden.
Doch die Körperhaltung kann als Sinnbild dienen: Eine Hand, die auch in Friedenszeiten nahe an der Waffe bleibt, zeigt einen Menschen, der den Ernstfall niemals ganz hinter sich lässt.
Auch der Templer war ein bewaffneter Mensch
Der historische Tempelritter lebte ebenfalls in einer Welt beständiger Gefahren. Er trug ein Schwert, schützte Pilgerwege und verteidigte Festungen. Seine Ausbildung sollte ihn befähigen, in einer lebensbedrohlichen Lage ohne langes Zögern zu handeln.
Doch das Schwert des Templers war ursprünglich nicht als Werkzeug persönlicher Machtausübung gedacht. Es wurde ihm für einen bestimmten Dienst anvertraut. Es sollte den Schutzlosen dienen und nicht die Eitelkeit seines Trägers nähren.
Darin liegt ein entscheidender Unterschied: Der Krieger darf vorbereitet sein, aber er darf den Kampf nicht lieben. Er muss fähig sein, das Schwert zu ziehen; zugleich muss er wissen, wann es in der Scheide bleiben soll.
Die höchste Form der Disziplin besteht nicht darin, jederzeit zuschlagen zu können. Sie besteht darin, trotz dieser Fähigkeit Maß zu halten.
Der moderne Templer trägt kein Schwert im Alltag. Sein Schwert ist das Wort, der Verstand und sein gesellschaftlicher Einfluss. Aber auch diese Waffen können missbraucht werden. Worte können schützen oder verletzen. Wissen kann aufklären oder manipulieren. Einfluss kann dem Gemeinwohl oder der persönlichen Herrschaft dienen.
Deshalb benötigt auch der geistige Kämpfer Selbstbeherrschung.
Wachsamkeit darf nicht zu Misstrauen werden
Wachsamkeit gehört zu den notwendigen Tugenden des Templers. Ein argloser Mensch kann leicht getäuscht werden. Wer Verantwortung trägt, muss Gefahren frühzeitig erkennen und darf sich nicht von schönen Worten blenden lassen.
Aber Wachsamkeit ist nicht dasselbe wie ständiges Misstrauen.
Wachsamkeit prüft.
Misstrauen verurteilt bereits vor der Prüfung.
Wachsamkeit schützt den Frieden.
Misstrauen erzeugt immer neue Feinde.
Wachsamkeit lässt das Schwert ruhen, solange es nicht gebraucht wird.
Misstrauen hält die Hand unablässig am Griff.
Ein Mensch, der überall Verrat erwartet, kann schließlich selbst keine Treue mehr erkennen. Er verwechselt Vorsicht mit Weisheit und Härte mit Stärke. Seine vermeintliche Unverwundbarkeit wird zur Einsamkeit.
Das gilt für Staatsführer ebenso wie für jeden von uns.
Nicht jede Auffälligkeit ist ein Geheimnis
Die Geschichte vom „Revolverhelden-Gang“ zeigt zugleich, wie schnell aus einer kleinen Beobachtung ein großes Geheimnis konstruiert wird. Ein Arm bewegt sich weniger als der andere – und schon entstehen Diagnosen, politische Deutungen und Erzählungen über einen ständig kampfbereiten Geheimdienstmann.
Die wissenschaftliche Untersuchung bot eine interessante Erklärung, aber keinen endgültigen Beweis. Die KGB-Hypothese ist plausibel; sie bleibt dennoch eine Hypothese. Die Autoren selbst formulierten vorsichtig und verwiesen darauf, dass sie lediglich Videoaufnahmen auswerten konnten.
Diese Zurückhaltung sollten auch wir bewahren.
Ein Templer sucht Erkenntnis, nicht Sensation. Er verbreitet keine Krankheitsdiagnose über einen Menschen, den er niemals untersucht hat. Er verwandelt eine Vermutung nicht in Gewissheit, nur weil sie gut in das Bild einer umstrittenen Persönlichkeit passt.
Gerade gegenüber einem politischen Gegner zeigt sich die eigene moralische Haltung. Es ist leicht, gerecht über jene zu sprechen, die man schätzt. Wahrhaftige Urteilskraft beweist sich dort, wo man auch dem Gegner nichts unterstellt, was nicht belegt werden kann.
Was Putins Gang uns lehren kann
Vielleicht ist Putins auffällige Körperhaltung tatsächlich ein Überbleibsel seiner KGB-Ausbildung. Vielleicht wirken auch sportliche Gewohnheiten, persönliche Anatomie oder andere Ursachen mit. Ohne persönliche Untersuchung lässt sich die Frage nicht abschließend beantworten.
Als Symbol aber besitzt dieser Gang eine starke Aussagekraft. Er erinnert uns daran, dass der Mensch seine Vergangenheit nicht einfach ablegt. Jahrelange Schulung prägt nicht nur seine Gedanken, sondern auch seine Bewegungen. Der Körper bewahrt, was der Verstand längst nicht mehr bewusst befiehlt.
Für den Templer ergibt sich daraus eine ernste Selbstprüfung: Welche Haltung haben wir eingeübt? Greifen wir zuerst nach der Waffe des scharfen Wortes, oder suchen wir zunächst das Gespräch? Erwarten wir überall Feindschaft, oder bleiben wir bei aller Vorsicht offen für Verständigung? Beherrschen wir unsere Werkzeuge – oder beherrschen die alten Gewohnheiten längst uns?
Der wahrhaft starke Mensch muss nicht ständig seine Kampfbereitschaft zeigen. Er ist vorbereitet, ohne bedrohlich zu wirken. Er ist wachsam, ohne von Argwohn beherrscht zu werden. Und er besitzt die innere Freiheit, die Hand vom Schwert zu nehmen, wenn der Friede dies verlangt.
Vielleicht liegt darin die tiefste Lehre des sogenannten „Revolverhelden-Gangs“: Was wir lange genug üben, wird schließlich zu einem Teil unserer Haltung. Deshalb müssen wir sorgfältig wählen, welche Haltung wir in Körper, Geist und Seele einprägen.
