Wenn ein Rabbiner an einer katholischen Fakultät lehrt
Perspektivenwechsel im Hörsaal:
Es gibt Ereignisse, die auf den ersten Blick wie eine akademische Personalentscheidung wirken und doch weit darüber hinausweisen. Die Berufung von Rabbiner Jehoschua Ahrens zum Honorarprofessor für Abrahamitische Religionen an der Theologischen Fakultät Trier gehört dazu. Ein jüdischer Gelehrter unterrichtet künftig an einer katholischen theologischen Hochschule – nicht als Gast für einen einzelnen Vortrag, sondern als Teil des akademischen Lehrbetriebs.
Für einen modernen Templer ist darin etwas sehr Grundsätzliches zu erkennen: Wahrheit muss den Dialog nicht fürchten.
Der Glaube wird nicht schwächer, wenn er der Überzeugung des anderen begegnet. Er wird vielmehr gezwungen, sich selbst genauer zu verstehen.
Dialog bedeutet nicht Gleichmacherei
Gerade dieser Punkt ist wichtig. Interreligiöser Dialog wird bisweilen missverstanden, als müsse man am Ende feststellen, alle Religionen sagten im Grunde dasselbe. Das tun sie nicht.
Zwischen Judentum und Christentum bestehen tiefgreifende theologische Unterschiede. Die jüdische Tradition versteht den Bund Gottes mit Israel auf ihre eigene Weise und erkennt Jesus nicht als göttlichen Messias an. Das Christentum dagegen bekennt Jesus Christus als Messias und Sohn Gottes und entwickelte daraus seine Lehre von Inkarnation und Trinität.
Diese Unterschiede verschwinden nicht, weil Christen und Juden miteinander sprechen. Und sie sollten auch nicht verschwinden.
Denn ein ehrlicher Dialog beginnt nicht mit der Behauptung: „Wir glauben ohnehin dasselbe“, sondern mit der Haltung:
„Ich möchte verstehen, was du wirklich glaubst – und ich möchte zugleich erklären können, was ich selbst glaube.“
Genau hier liegt der Wert einer solchen Professur.
Das Christentum kann seine jüdischen Wurzeln nicht vergessen
Ein katholischer Theologiestudent kann das Christentum kaum vollständig verstehen, ohne sich mit dem Judentum auseinanderzusetzen. Jesus war Jude. Seine Jünger waren Juden.
Die ersten christlichen Gemeinden entstanden innerhalb eines jüdischen religiösen und kulturellen Umfeldes.
Die Schriften, die Christen als Altes Testament bezeichnen, bilden einen wesentlichen Teil ihrer eigenen Heiligen Schrift. Begriffe wie Bund, Messias, Schöpfung, Prophetie, Sünde, Erlösung und Auferstehung können ohne ihre jüdischen Voraussetzungen nur unvollständig verstanden werden.
Ein Rabbiner, der katholischen Studenten diese Perspektive vermittelt, lehrt ihnen daher nicht einfach „eine andere Religion“. Er hilft ihnen gleichzeitig, die Vorgeschichte ihrer eigenen Religion besser zu verstehen.
Das ist kein Verlust christlicher Identität, sondern kann im Gegenteil zu größerer theologischer Klarheit führen.
Auch das Judentum lebte niemals im luftleeren Raum
Ebenso interessant ist der umgekehrte Blick. Über viele Jahrhunderte lebten jüdische Gemeinden in christlich oder muslimisch geprägten Gesellschaften. Jüdische Denker mussten sich deshalb immer wieder mit Christentum und Islam auseinandersetzen.
Was glauben diese Menschen? Wie sind ihre religiösen Aussagen aus jüdischer Sicht zu bewerten? Welche Gemeinsamkeiten gibt es? Wo verlaufen unüberwindbare Grenzen? Welche Formen friedlicher Koexistenz sind möglich?
Das geplante Seminar über jüdische Sichtweisen auf Christentum und Islam kann deshalb besonders wertvoll werden. Denn Christen sind es gewohnt, über das Judentum zu sprechen. Sehr viel seltener erfahren sie, wie jüdische Theologen über das Christentum sprechen.
Ein solcher Perspektivenwechsel kann manchmal unangenehm sein. Aber gerade deshalb ist er lehrreich.
Der Templer und der Andere
Auch wir Templer sollten uns mit dieser Frage beschäftigen. Die Geschichte der Tempelritter war untrennbar mit einer Welt verbunden, in der Christen, Muslime und Juden einander begegneten – manchmal friedlich, manchmal im Handel, manchmal im gelehrten Austausch und leider sehr oft auf dem Schlachtfeld.
Wer heute nur die Kreuzzüge romantisiert, ohne diese Vielschichtigkeit wahrzunehmen, versteht die Geschichte nicht. Der moderne Templer kann deshalb nicht einfach die Feindbilder des 12. Jahrhunderts übernehmen. Sein Auftrag ist ein anderer geworden.
Unser Schwert ist heute nicht aus Stahl. Es besteht aus Wissen, Urteilskraft, Sprache und Verantwortung.
Und gerade deshalb muss ein Templer lernen, zwischen zwei Dingen zu unterscheiden:
zwischen Überzeugung und Feindschaft.
Ich kann überzeugt sein, dass mein Glaube wahr ist, ohne den Menschen zu verachten, der zu einem anderen Ergebnis gelangt. Ich kann theologische Aussagen zurückweisen, ohne denjenigen abzulehnen, der sie vertritt. Und ich kann vom anderen lernen, ohne meinen eigenen Glauben aufzugeben.
„Auserwähltes Volk“ – ein oft missverstandener Begriff
Gerade im Verhältnis von Judentum und Christentum begegnen uns Begriffe, die leicht missverstanden werden.
Dazu gehört die Vorstellung vom „auserwählten Volk“. Im alltäglichen Sprachgebrauch klingt „auserwählt“ schnell nach Bevorzugung oder Überlegenheit. Innerhalb der jüdischen Tradition bedeutet Erwählung jedoch vor allem Bund und Verpflichtung.
Erwählung ist nicht lediglich ein Privileg. Sie bedeutet Verantwortung.
Das ist übrigens ein Gedanke, der einem Ritterorden keineswegs fremd sein sollte. Auch eine Berufung zum Dienst ist keine Auszeichnung, die einen Menschen über andere erhebt. Sie legt ihm vielmehr größere Verpflichtungen auf. Wer berufen wurde, soll mehr dienen – nicht mehr herrschen.
Die gefährliche Versuchung der religiösen Überlegenheit
Die Geschichte zeigt allerdings, wie schnell religiöse Überzeugung in Überheblichkeit umschlagen kann.
Christen haben Juden verfolgt. Christen und Muslime haben gegeneinander Krieg geführt. Muslime haben Christen verfolgt. Religiöse Minderheiten wurden in unterschiedlichsten Gesellschaften diskriminiert.
Keine Religion sollte deshalb ihre Geschichte ausschließlich aus der Perspektive eigener Opfer erzählen und die Verfehlungen der eigenen Gemeinschaft verschweigen.
Ein aufrichtiger interreligiöser Dialog verlangt auch historische Selbstkritik. Das ist vielleicht eine der schwierigsten Formen geistiger Ritterlichkeit: nicht nur das Unrecht des anderen zu erkennen, sondern auch das eigene.
Dialog braucht Standfestigkeit
Es gibt jedoch auch eine andere Gefahr. Aus Angst vor Konflikten werden Unterschiede gelegentlich so lange relativiert, bis kaum noch etwas übrig bleibt.
Dann heißt es:
„Wir glauben doch alle an dasselbe.“ Das klingt freundlich – ist aber theologisch meist falsch.
Judentum, Christentum und Islam besitzen Gemeinsamkeiten. Sie beziehen sich auf Abraham, kennen die Vorstellung eines Schöpfergottes und teilen zahlreiche ethische Traditionen. Aber daraus folgt nicht, dass ihre Gottesbilder und Offenbarungsverständnisse identisch wären. Gerade ein ernsthafter Dialog muss diese Unterschiede aushalten.
Rabbiner Ahrens scheint genau dies anzustreben: kein künstliches Verschmelzen der Religionen, sondern gegenseitiges Verstehen bei bleibender Verschiedenheit. Das ist vermutlich der fruchtbarste Weg.
Ein Ritter hört zu, bevor er urteilt
Die mittelalterliche Ritterethik kannte eine Tugend, die heute gelegentlich unterschätzt wird: die Fähigkeit zur Selbstbeherrschung. Auch Zuhören ist eine Form der Selbstbeherrschung.
Es bedeutet, den anderen ausreden zu lassen. Seine Überzeugung nicht sofort in eine Schublade zu stecken. Nicht schon während seiner Worte die eigene Widerlegung vorzubereiten.
Sondern zunächst zu fragen:
Was meint dieser Mensch wirklich?
Diese Haltung ist nicht Schwäche. Sie ist geistige Disziplin.
Gerade in einer Zeit, in der gesellschaftliche Debatten immer häufiger aus gegenseitigen Beschimpfungen bestehen, könnte eine solche Form des theologischen Dialogs weit über den Hörsaal hinaus Bedeutung besitzen.
Die abrahamitischen Religionen tragen besondere Verantwortung
Judentum, Christentum und Islam haben gemeinsam die Geschichte großer Teile der Welt geprägt. Milliarden Menschen beziehen ihre moralischen und religiösen Vorstellungen aus diesen Traditionen. Damit besitzen ihre Vertreter eine besondere Verantwortung.
Wenn religiöse Führer Feindschaft predigen, können Generationen darunter leiden. Wenn sie dagegen lernen, miteinander zu sprechen, ohne ihre Überzeugungen aufzugeben, können sie Spannungen entschärfen, bevor daraus Hass entsteht.
Interreligiöser Dialog ist deshalb keine akademische Modeerscheinung. Er kann eine Form von Friedensarbeit sein. Und gerade darin erkennen wir Templer eine Aufgabe unserer Zeit.
Vom Kreuzritter zum Brückenbauer
Der historische Templer bewachte Wege. Er schützte Pilger. Er errichtete Komtureien entlang großer Verkehrs- und Handelsrouten.
Der moderne Templer hat andere Wege zu sichern. Es sind die Wege zwischen Menschen. Zwischen Religionen. Zwischen Tradition und Moderne. Zwischen Überzeugung und Toleranz.
Natürlich dürfen wir dabei unsere eigene Identität nicht verlieren. Eine Brücke besitzt schließlich zwei Ufer. Würden beide Seiten vollständig miteinander verschmelzen, gäbe es keine Brücke mehr.
Gerade deshalb braucht Dialog feste Standpunkte.
Ein kleiner Schritt mit großer Symbolkraft
Dass nun ein Rabbiner an einer katholischen theologischen Fakultät unterrichtet, wird die religiöse Welt nicht revolutionieren. Aber vielleicht beginnt Verständigung überhaupt selten mit großen Erklärungen.
Vielleicht beginnt sie in einem Seminarraum. Mit zwanzig Studenten. Mit einer Frage. Mit einer Antwort, die man so noch nie gehört hat.
Und vielleicht geht eines Tages ein junger Priester, Religionslehrer oder Theologe aus diesem Hörsaal und erinnert sich daran, dass ihm ein Rabbiner geholfen hat, das eigene Christentum besser zu verstehen.
Das wäre keine Schwächung des Glaubens. Es wäre Bildung im besten Sinne.
Der Standpunkt des Templers
Wir sollten deshalb solche Begegnungen begrüßen. Nicht weil Unterschiede bedeutungslos geworden wären, sondern gerade weil sie bestehen.
Der moderne Templer braucht keinen Gegner, um seine Identität zu finden. Er braucht Erkenntnis. Er braucht Urteilskraft. Und er braucht den Mut, einem Menschen anderen Glaubens gegenüberzutreten und zu sagen:
„Ich muss nicht glauben, was du glaubst. Aber ich möchte verstehen, warum du es glaubst.“
Vielleicht beginnt Frieden genau dort. Nicht dort, wo alle Menschen dasselbe denken. Sondern dort, wo sie verschieden denken können, ohne einander zu Feinden zu machen.
