Beten Christen und Muslime zum selben Gott?
Eine Templer-Betrachtung
Die Frage klingt zunächst erstaunlich einfach: Beten Christen und Muslime zum selben Gott? Doch sobald man versucht, darauf mit einem kurzen Ja oder Nein zu antworten, beginnt das eigentliche Problem. Denn Christentum und Islam sprechen beide vom Schöpfer des Himmels und der Erde, beide berufen sich auf Abraham, beide kennen Gestalten wie Moses und Jesus, und dennoch unterscheiden sich ihre Aussagen über das Wesen Gottes an entscheidenden Punkten.
Für einen Templer ist dies keine akademische Nebensache. Wer sich auf eine christliche Tradition beruft und gleichzeitig den Dialog mit anderen Religionen sucht, muss beides können: den eigenen Glauben klar benennen und den Glauben des anderen gerecht darstellen.
Gerade dabei hilft es wenig, Unterschiede herunterzuspielen. Ebenso wenig hilft es aber, aus Unterschieden vorschnell verschiedene Götter zu machen.
Zunächst müssen wir über das Wort „Allah“ sprechen
Ein häufiges Missverständnis beginnt bereits mit der Sprache. Manche Christen sagen: „Wir glauben an Gott, Muslime glauben an Allah.“ Damit wird suggeriert, „Allah“ sei der Name einer fremden islamischen Gottheit.
Das ist sprachlich nicht richtig.
Allah ist schlicht das arabische Wort für Gott. Auch arabischsprachige Christen verwenden „Allah“, wenn sie von Gott sprechen oder die Bibel lesen. Aus dem unterschiedlichen Wort allein lässt sich deshalb nicht schließen, dass Christen und Muslime verschiedene Gottheiten verehren.
Ein deutschsprachiger Christ sagt „Gott“, ein englischsprachiger Christ „God“, ein französischer Christ „Dieu“ und ein arabischsprachiger Christ „Allah“. Verschiedene Wörter bedeuten noch nicht verschiedene Wesen.
Die eigentliche Frage beginnt also erst danach.
Der Gott Abrahams
Christentum, Judentum und Islam werden häufig als abrahamitische Religionen bezeichnet, weil sie sich auf Abraham beziehen.
Auch der Koran versteht den Islam nicht als Verehrung einer vollkommen neuen Gottheit. Vielmehr stellt er Abraham, Moses und Jesus in eine Geschichte göttlicher Offenbarung und erklärt ausdrücklich im Zusammenhang mit Juden und Christen, dass „unser Gott und euer Gott einer ist“.
Aus islamischer Sicht besteht deshalb kaum ein Zweifel. Muslime verstehen sich als Verehrer des Gottes Abrahams.
Auch Christen verstehen sich selbstverständlich als Verehrer des Gottes Abrahams, Isaaks und Jakobs.
Damit scheinen beide zunächst auf denselben Ursprung zu zeigen.
Doch dann beginnen die Unterschiede.
Das Problem heißt Jesus Christus
Der entscheidende Punkt ist nicht Abraham. Der entscheidende Punkt ist Jesus.
Der Islam kennt Jesus keineswegs nur als unbedeutende Nebenfigur. Der Koran bezeichnet ihn als Messias, kennt seine besondere Geburt und berichtet von Wundern, die Jesus mit Gottes Erlaubnis wirkt.
Bis hierher findet ein Christ manches Vertraute.
Doch an der entscheidenden Stelle trennen sich die Wege.
Für den christlichen Glauben ist Jesus nicht lediglich ein Prophet, Lehrer oder von Gott besonders bevollmächtigter Mensch.
Nach dem christlichen Bekenntnis ist Christus Gottes Sohn und wahrer Gott. Das Johannesevangelium spricht vom göttlichen Wort, das Fleisch wurde. Die großen christlichen Kirchen bekennen Gott als Vater, Sohn und Heiligen Geist.
Der Islam lehnt genau diese Vorstellung ausdrücklich ab. Er betont die absolute Einheit Gottes und weist die Vorstellung einer Dreifaltigkeit sowie einer göttlichen Sohnschaft zurück.
Damit stehen wir vor einer tiefen theologischen Differenz.
Der Christ sagt: Gott hat sich in Jesus Christus selbst offenbart.
Der Muslim sagt: Jesus war ein großer Gesandter Gottes, aber er war nicht Gott.
Beides kann nicht gleichzeitig im gleichen Sinne wahr sein.
Am Kreuz wird der Unterschied noch deutlicher
Noch schärfer wird die Trennung beim Kreuz.
Für das Christentum steht das Kreuz im Zentrum des Glaubens. Christus wurde gekreuzigt, starb und ist auferstanden.
Der Koran stellt die Kreuzigung anders dar und erklärt, Jesus sei von seinen Feinden nicht in der Weise getötet und gekreuzigt worden, wie Christen es glauben, sondern von Gott erhöht worden.
Hier begegnen wir nicht bloß unterschiedlichen religiösen Bräuchen.
Es handelt sich um widersprüchliche Aussagen über ein Ereignis, das im Zentrum des christlichen Glaubens steht.
Für einen Templer ist gerade dieser Punkt wichtig. Wir tragen das Kreuz nicht als Schmuckstück. Das Kreuz ist das zentrale christliche Zeichen von Tod, Opfer, Erlösung und Auferstehung.
Wer das Kreuz entfernt, verändert das christliche Verständnis Christi grundlegend.
Deshalb dürfen wir die Unterschiede zwischen Christentum und Islam nicht schönreden.
Bedeutet ein falsches Gottesbild automatisch einen anderen Gott?
Nun kommt allerdings die schwierigere Frage.
Angenommen, zwei Menschen sprechen über dieselbe Person, aber einer von beiden kennt diese Person sehr schlecht und macht sogar wichtige falsche Aussagen über sie.
Sprechen sie dann über zwei verschiedene Menschen?
Nicht unbedingt.
Vielleicht sprechen sie über dieselbe Person und einer irrt sich über sie.
Genau hier liegt der Kern der theologischen Debatte.
Der Theologe Miroslav Volf vertritt etwa die Auffassung, Christen und Muslime bezögen sich auf dasselbe göttliche Wesen, beschrieben dieses Wesen aber teilweise unterschiedlich. Andere christliche Theologen widersprechen und argumentieren, dass insbesondere die Dreifaltigkeit so wesentlich zur Identität Gottes gehöre, dass ihre Ablehnung letztlich zu einem anderen Gottesverständnis führe.
Beide Positionen zeigen, weshalb ein einfaches Ja oder Nein der Frage kaum gerecht wird.
Das Judentum macht die Sache noch schwieriger
Interessanterweise entsteht für Christen sofort ein weiteres Problem, wenn sie sagen: „Wer die Dreifaltigkeit ablehnt, glaubt an einen anderen Gott.“
Denn auch das Judentum lehnt die christliche Dreifaltigkeitslehre ab.
Juden erkennen Jesus traditionell nicht als göttlichen Sohn Gottes und in der Regel auch nicht als Messias an. Dennoch würde kaum ein Christ behaupten wollen, der Gott Abrahams, Isaaks, Jakobs und Moses sei plötzlich ein anderer Gott geworden, nur weil Juden das christliche Verständnis Jesu nicht teilen.
Das Christentum selbst versteht sich schließlich ausdrücklich als Fortsetzung der Geschichte des Gottes Israels. Jesus war Jude, die Apostel waren Juden, und die Schriften Israels wurden Teil der christlichen Bibel.
Damit wird die Frage noch anspruchsvoller.
Wenn Christen sagen können, dass Juden denselben Gott verehren, obwohl sie die Göttlichkeit Jesu ablehnen, weshalb sollte allein die Ablehnung der Dreifaltigkeit beim Islam automatisch bedeuten, dass dort ein vollkommen anderer Gott verehrt wird?
Darauf gibt es innerhalb des Christentums unterschiedliche Antworten.
Die katholische Kirche hat dazu eine klare Position
Die katholische Kirche formulierte beim Zweiten Vatikanischen Konzil in Nostra Aetate, dass Muslime den einen Gott anbeten.
Damit sagt die Kirche jedoch keineswegs, Islam und Christentum seien zwei Varianten derselben Religion.
Im Gegenteil. Die Unterschiede in Bezug auf Jesus, Offenbarung, Prophetie, Kreuzigung und Erlösung bleiben bestehen.
Das ist eine wichtige Unterscheidung.
Man kann sagen: „Wir sprechen über denselben Gott“, ohne zu behaupten: „Wir glauben dasselbe über Gott.“
Diese beiden Aussagen werden viel zu oft miteinander verwechselt.
Schon Papst Gregor VII. kannte diese Frage
Interessant ist außerdem, dass die Vorstellung eines gemeinsamen Gottes keineswegs eine Erfindung moderner interreligiöser Verständigung ist.
Bereits im Jahr 1076 schrieb Papst Gregor VII. an den muslimischen Herrscher al-Nasir in Nordafrika. Er betonte, Christen und Muslime sollten einander besondere Liebe entgegenbringen, weil sie an den einen Gott glaubten und ihn bekannten, wenn auch auf unterschiedliche Weise.
Das geschah nur wenige Jahre vor jener Epoche, in der Christen und Muslime während der Kreuzzüge gegeneinander kämpfen sollten.
Diese historische Nähe sollte gerade einem Templer zu denken geben.
Menschen können denselben Schöpfer anrufen und dennoch gegeneinander das Schwert ziehen.
Vielleicht ist deshalb die entscheidende Frage nicht nur, zu welchem Gott wir beten, sondern auch, was unser Glaube aus uns macht.
Ein Templer darf Unterschiede nicht verschweigen
Für einen christlichen Templer ist Christus mehr als ein Prophet.
Hier kann es keinen unklaren Kompromiss geben.
Wenn wir uns in christlicher Tradition verstehen, gehören die Göttlichkeit Christi, Kreuz und Auferstehung zu den Grundlagen unseres Glaubens.
Wir müssen deshalb nicht so tun, als seien die Unterschiede zum Islam nebensächlich.
Sie sind es nicht.
Der Islam widerspricht an entscheidenden Punkten dem christlichen Christusverständnis. Ebenso widerspricht das Christentum wesentlichen islamischen Aussagen über Gott, Mohammed und den Koran.
Ein ehrlicher Dialog beginnt nicht damit, Unterschiede zu verschweigen.
Er beginnt damit, sie korrekt zu benennen.
Wahrheit braucht keine Herabsetzung des anderen
Aus der Überzeugung, dass der eigene Glaube wahr ist, folgt jedoch nicht, dass der andere Mensch minderwertig wäre.
Das ist eine grundlegende Lektion für jeden modernen Templer.
Wir können sagen: „Ich glaube, dass Christus der Sohn Gottes ist.“
Wir können zugleich anerkennen: „Der Muslim glaubt an den einen Schöpfer und versteht diesen Schöpfer anders als ich.“
Wir können widersprechen, ohne zu beleidigen.
Wir können missionieren, ohne zu zwingen.
Wir können unseren Glauben verteidigen, ohne den Glauben des anderen lächerlich zu machen.
Religiöse Stärke zeigt sich nicht darin, wie laut wir sagen können, dass der andere irrt.
Sie zeigt sich darin, ob wir stark genug sind, ihm zuzuhören.
Vielleicht hilft ein einfaches Bild
Stellen wir uns zwei Menschen vor, die auf einen Berg blicken.
Beide sagen: „Dort steht dieser Berg.“
Aber einer beschreibt ihn als vollkommen rund, der andere als zerklüftet. Einer behauptet, auf seinem Gipfel stehe ein Gebäude, der andere verneint dies.
Sie widersprechen einander.
Mindestens einer irrt sich in wesentlichen Punkten.
Aber daraus folgt nicht zwingend, dass sie auf zwei verschiedene Berge zeigen.
So könnte man auch die Frage nach Gott verstehen.
Christen und Muslime richten ihr Gebet nach ihrem eigenen Selbstverständnis an den Schöpfer Abrahams.
Doch sie erzählen sehr unterschiedliche Geschichten darüber, wer dieser Gott ist und wie er sich offenbart hat.
Für Christen erreicht dieser Unterschied seinen Höhepunkt in Christus.
Die Frage lautet deshalb genauer
Vielleicht ist die ursprüngliche Frage falsch gestellt.
Statt nur zu fragen: „Beten Christen und Muslime denselben Gott an?“, sollten wir mehrere Fragen stellen.
Meinen beide den Schöpfer der Welt? Ja.
Berufen sich beide auf den Gott Abrahams? Ja.
Sind ihre Vorstellungen über diesen Gott identisch? Nein.
Haben sie dasselbe Verständnis von Jesus? Ganz eindeutig nein.
Sind Christentum und Islam deshalb dieselbe Religion? Ebenso eindeutig nein.
Kann man dennoch sagen, dass beide auf denselben Schöpfer Bezug nehmen? Viele christliche Theologen und auch die katholische Kirche beantworten diese Frage mit Ja. Andere Christen widersprechen dieser Sicht. Genau diese theologische Kontroverse beschreibt auch die zugrunde liegende Darstellung.
Damit sollten wir leben können.
Nicht jede religiöse Frage lässt sich in einem Satz lösen.
Der Templer zwischen Bekenntnis und Dialog
Der moderne Templer sollte weder in religiöse Gleichgültigkeit noch in religiöse Feindschaft verfallen.
Unser Weg liegt dazwischen.
Wir bekennen Christus.
Wir tragen das Kreuz.
Wir glauben an seine besondere Bedeutung.
Wir wissen aber gleichzeitig, dass der Muslim, der zu Allah betet, sich nicht vor einem Götzen niederwirft, nur weil er das arabische Wort „Allah“ verwendet.
Er richtet sich nach seinem Verständnis an den Schöpfer Abrahams.
Wir dürfen überzeugt sein, dass sein Verständnis Gottes an entscheidenden Punkten falsch ist. Doch wir sollten zuerst verstehen, was er tatsächlich glaubt, bevor wir darüber urteilen.
Denn Unwissenheit ist kein Glaubensbeweis.
Das Kreuz verpflichtet zur Demut
Am Ende sollten wir uns als Templer noch etwas anderes fragen.
Was nützt es uns, eine theologische Diskussion zu gewinnen, wenn wir dabei die christliche Haltung verlieren?
Christus gab seinen Jüngern nicht den Auftrag, möglichst viele Menschen zu verachten.
Er verlangte Liebe zu Gott und zum Nächsten.
Das bedeutet nicht, jede Lehre für wahr zu halten.
Liebe und Wahrheit sind keine Gegensätze.
Gerade deshalb sollte ein Templer fähig sein, zu sagen: „Ich halte meinen Glauben für wahr, aber ich behandle dich deshalb nicht als meinen Feind.“
Vielleicht ist dies die eigentliche Herausforderung des interreligiösen Dialogs.
Nicht eine Religion zu erschaffen, in der alle Unterschiede verschwinden.
Sondern Menschen unterschiedlicher Religionen dazu zu bringen, miteinander zu sprechen, obwohl die Unterschiede bestehen bleiben.
Unser Schluss als Templer
Beten Christen und Muslime zum selben Gott?
Die sinnvollste Antwort lautet vielleicht: Sie wenden sich beide an den einen Schöpfer Abrahams, aber sie verstehen sein Wesen und sein Handeln in entscheidenden Punkten sehr unterschiedlich.
Für den Christen steht Christus im Mittelpunkt dieser Differenz.
Für uns ist Jesus nicht lediglich Prophet. Er ist der Christus, der Sohn Gottes. Kreuz und Auferstehung gehören zum Kern unseres Glaubens.
Daran müssen wir nichts abschwächen.
Aber wir müssen daraus ebenso wenig Feindschaft machen.
Der Templer unserer Zeit verteidigt seinen Glauben nicht mehr mit dem Schwert. Sein Schwert ist das klare Wort, sein Schild die Vernunft und seine Haltung die Achtung vor der Würde des anderen Menschen.
Wir können deshalb mit einem Muslim über Gott sprechen, ohne unseren Glauben zu verleugnen. Wir können seinen Glauben respektieren, ohne ihn übernehmen zu müssen. Und wir können gemeinsam für Frieden, Gerechtigkeit und die Würde des Menschen eintreten, obwohl wir über Jesus Christus etwas grundlegend Verschiedenes glauben.
Vielleicht zeigt sich gerade darin wahre Glaubensstärke.
Nicht darin, dass wir jeden Unterschied beseitigen, sondern darin, dass wir einen Unterschied aushalten können, ohne aus dem Andersgläubigen einen Feind zu machen.
