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John Dee – Gelehrter zwischen Wissenschaft, Magie und Macht

John Dee gehört zu den faszinierendsten Persönlichkeiten des 16. Jahrhunderts. Obwohl es keine Belege dafür gibt, dass er Templer oder Freimaurer war, übte er auf spätere esoterische, hermetische und freimaurerische Traditionen großen Einfluss aus. Er war Mathematiker, Geograph, Astrologe, Alchemist, Okkultist, Berater der Krone und möglicherweise auch im Nachrichtendienst für Königin Elisabeth I. tätig. Kaum eine andere Figur seiner Zeit verkörpert so deutlich den Übergang zwischen mittelalterlicher Gelehrsamkeit und der sich herausbildenden modernen Wissenschaft.

John Dee wurde am 13. Juli 1527 im Tower Ward von London geboren. Er war das einzige Kind von Rowland Dee, einem niederen Höfling Heinrichs VIII., und Jane Wild. Seine Ausbildung begann an der Chantry School in Chelmsford, bevor er 1542 das St. John’s College in Cambridge besuchte. Dort erwarb er den Bachelor- und später den Mastergrad. Bereits früh zeigte sich seine außergewöhnliche Begabung für Mathematik, Astronomie und philosophische Studien.

1546 wurde Dee zu einem der Gründungsmitglieder des Trinity College in Cambridge. Wenige Jahre später reiste er auf den europäischen Kontinent, studierte in Löwen und hielt um 1550 in Paris Vorlesungen über Euklid und Mathematik. In dieser Zeit knüpfte er Kontakte zu bedeutenden Gelehrten, unter ihnen der berühmte Kartograph Gerardus Mercator. Schon damals bewegte sich Dee in Kreisen, in denen sich Wissenschaft, Geographie, Politik und Mystik eng berührten.

Nach seiner Rückkehr nach England im Jahr 1551 widmete er sich verstärkt der Alchemie, der Wahrsagerei und der hermetischen Philosophie. Unter König Eduard VI. erhielt er 1553 die Pfarrstelle von Upton-upon-Severn in Worcestershire. Ein Jahr später wurde ihm eine Dozentur für Mathematik in Oxford angeboten, die er jedoch ablehnte. Stattdessen verfolgte er eigene Studien und begann, sich mit Fragen der Navigation und Seefahrt zu befassen. Dee bildete Seefahrer aus und entwickelte geopolitische Visionen, in denen England durch maritime Stärke zu einer Weltmacht aufsteigen sollte. Ihm wird häufig zugeschrieben, den Gedanken eines „Britischen Weltreichs“ mitgeprägt zu haben.

1555 wurde Dee Mitglied der Worshipful Company of Mercers, der Londoner Händlergilde der Stoff- und Seidenkaufleute. Im selben Jahr geriet er jedoch in ernste Gefahr: Unter der katholischen Königin Maria I. wurde er wegen angeblicher Zauberei und später sogar wegen Hochverrats verhaftet. Dee verteidigte sich erfolgreich und wurde freigesprochen, musste sich aber dennoch einer Untersuchung durch den Bischof Edmund Bonner stellen. Bemerkenswerterweise entwickelte sich aus dieser Konfrontation später ein enges Vertrauensverhältnis.

Mit dem Regierungsantritt Elisabeths I. im Jahr 1558 begann Dees bedeutendste politische Phase. Die neue Königin berief ihn an den Hof und bat ihn, den günstigsten Zeitpunkt für ihre Krönung zu berechnen. Die Krönung fand schließlich am 15. Januar 1559 statt. Dee blieb auch danach einer ihrer Berater und genoss über lange Zeit ihr Vertrauen.

Sein Haus in Mortlake bei London wurde zu einem Zentrum der Gelehrsamkeit. Dort trug Dee eine außergewöhnlich große Bibliothek zusammen, die mit über 4.000 Büchern und Manuskripten zu den bedeutendsten privaten Sammlungen Englands gehörte. Zum Vergleich: Die Universitätsbibliotheken von Oxford und Cambridge waren damals wesentlich kleiner. Dee stellte seine Bibliothek anderen Gelehrten zur Verfügung und schuf damit einen Ort des wissenschaftlichen Austauschs. Zugleich richtete er in Mortlake ein alchemistisches Labor ein. Selbst Königin Elisabeth besuchte ihn dort, um seine Bibliothek zu besichtigen.

1564 verfasste Dee sein berühmtes Werk Monas Hieroglyphica, in dem er eine von ihm entworfene Glyphe als Symbol der Einheit der Schöpfung deutete. Das Werk steht ganz im Zeichen hermetischer, kabbalistischer und mystischer Spekulation. Dee widmete es dem Kaiser des Heiligen Römischen Reiches in der Hoffnung auf Anerkennung, doch sein Werben blieb erfolglos.

Auch auf mathematischem Gebiet leistete Dee Bedeutendes. 1570 schrieb er das berühmte mathematische Vorwort zu Henry Billingsleys englischer Übersetzung von Euklid. Darin warb er eindringlich für die Bedeutung der Mathematik in allen Bereichen des Wissens. Dieses Vorwort trug wesentlich dazu bei, mathematisches Denken in England zu verbreiten.

1577 veröffentlichte er seine General and Rare Memorials, eine politische und strategische Schrift über Seemacht, Navigation und englische Expansion. Dee sah in England eine künftige Seemacht und entwickelte Ideen, die später als Vorformen imperialer Politik verstanden wurden. Manche Interpreten meinen sogar, dass er Elisabeth I. als eine Art neue Artusgestalt sah, mit sich selbst in der Rolle eines gelehrten Merlin.

In den folgenden Jahren wandte sich Dee zunehmend okkulten Studien zu. Wahrscheinlich spielten dabei die religiösen Spannungen Europas ebenso eine Rolle wie seine Enttäuschung über mangelnde politische Unterstützung. Er hoffte, durch die Kommunikation mit Engeln eine tiefere göttliche Wahrheit zu erfahren und vielleicht sogar einen Weg zur Überwindung der Spaltung zwischen Katholiken und Protestanten zu finden.

Nach mehreren erfolglosen Versuchen mit verschiedenen Sehern traf Dee 1582 auf Edward Kelley, ein Medium, das rund drei Jahrzehnte jünger war als er. Gemeinsam führten sie zahlreiche spiritistische Sitzungen durch, in denen Kelley als Vermittler zwischen Dee und den Engeln fungierte. Aus diesen Sitzungen entstand die sogenannte enochische oder Engelsprache, die später in okkulten Traditionen große Bedeutung gewann.

Ab 1583 reisten Dee und Kelley durch Kontinentaleuropa, um neue Gönner zu gewinnen. Sie begegneten unter anderem dem polnischen Adligen Albert Laski, König Stephan Báthory von Polen und Kaiser Rudolf II. in Prag. Doch Dee blieb in einer unsicheren Position. Einerseits beeindruckte er Gelehrte und Fürsten, andererseits misstraute man ihm. Wegen seiner Nähe zum englischen Hof galt er manchen als Spion Elisabeths I. Die Legende, Dee habe seine Briefe mit „007“ signiert und damit später Ian Flemings James-Bond-Figur inspiriert, gehört zu den bekanntesten, wenn auch schwer belegbaren Erzählungen über ihn.

1586 fiel Dee im Heiligen Römischen Reich in Ungnade und musste infolge kirchlicher Verurteilungen weiterziehen. Er fand zeitweilig Schutz bei einem böhmischen Adeligen. 1587 zerbrach schließlich auch sein Verhältnis zu Edward Kelley, nachdem dieser behauptet hatte, Engel hätten ihnen befohlen, ihre Ehefrauen gemeinsam zu teilen. Dieser Vorfall markierte einen tiefen Einschnitt in Dees Leben und Werk.

1589 kehrte Dee nach England zurück und fand sein Haus in Mortlake verwüstet und geplündert vor. Viele seiner Bücher, Manuskripte und Instrumente waren verschwunden. Im selben Jahr traf ihn ein weiterer schwerer Schlag: Während einer Pestwelle starben seine Frau Jane und mehrere seiner Kinder. Dee nahm zwar seine alchemistischen Studien wieder auf, doch seine einflussreichste Zeit war vorbei.

Um 1595 oder 1596 wurde er zum Warden des Christ’s College in Manchester ernannt. Dieses Amt brachte ihm jedoch wenig Anerkennung. Im Gegenteil: Er geriet dort in anhaltende Konflikte mit Kollegen, die ihm mit Misstrauen und Verachtung begegneten. 1605 kehrte Dee nach London zurück. Elisabeth I. war inzwischen tot, und ihr Nachfolger Jakob I. zeigte weder Interesse an ihm noch Bereitschaft, ihn zu fördern.

Die letzten Jahre seines Lebens verbrachte John Dee in Armut. Um sich und seine Tochter Katherine zu versorgen, musste er Teile seines Besitzes verkaufen. Er starb zwischen Dezember 1608 und März 1609 in Mortlake. Vermutlich wurde er auf dem Friedhof der örtlichen Kirche beigesetzt, doch Grab und Eintrag sind heute verloren.

John Dee bleibt bis heute eine schillernde Figur. Er war weder bloß Wissenschaftler noch bloß Magier, sondern ein Gelehrter an der Schwelle zweier Zeitalter. In ihm verbanden sich Mathematik und Mystik, Politik und Prophetie, Astronomie und Alchemie. Gerade diese Vielschichtigkeit macht ihn bis heute so faszinierend. Er verkörpert eine Epoche, in der die Grenzen zwischen Wissenschaft und Magie noch durchlässig waren – und in der ein Mann zugleich königlicher Berater, Navigator, Visionär und Suchender nach verborgener Wahrheit sein konnte.

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