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Vom Maß der Demut und der Gefahr des göttlichen Anspruchs

Ich schreibe diese Zeilen als Bruder des Ordens vom Tempel, und mein Geist ist schwer, wann immer ich höre, wie ein Mensch behauptet, im Namen Gottes zu sprechen. Denn wer sich dieses Recht selbst zuschreibt, erhebt sich nicht nur über andere Menschen, sondern stellt sich zwischen den Schöpfer und sein Werk. Das ist ein schmaler Grat – und ein gefährlicher.

Noch größeres Unbehagen erfüllt mich, wenn aus solchem Anspruch ein Gottesstaat erwächst. Ganz gleich, welcher Religion er entspringt und welchen Namen er trägt: Wo Gott zur Begründung weltlicher Macht gemacht wird, dort wird der Glaube zum Werkzeug. Der Himmel wird zur Fahne, und die Fahne rechtfertigt das Schwert. Wir Templer wissen nur zu gut, wie leicht fromme Worte missbraucht werden können, wenn sie sich mit Herrschaft verbinden.

Ebenso vorsichtig bin ich, wenn ein religiöser Führer sich auf einen Traum beruft. Träume sind das Reich des Inneren, des Ungeordneten, des Persönlichen. Was einem Menschen als Offenbarung erscheint, kann für einen anderen nur Spiegel seiner eigenen Wünsche und Ängste sein. Wer Träume zur Grundlage von Gesetzen oder Dogmen macht, zwingt anderen seine Nachtbilder auf.

Und ich misstraue dem Eifer des Gläubigen, der meint, nur seine Religion sei die einzig wahre. Denn allzu oft entscheidet nicht Erkenntnis, sondern der Ort der Geburt darüber, welchen Namen Gott trägt. Wer in diesem Tal geboren wird, betet so; wer jenseits des Meeres das Licht der Welt erblickt, betet anders. Erziehung, Sprache und Brauch prägen den Glauben, lange bevor der Mensch selbst zu fragen beginnt.

Vielleicht liegt hierin eines der größten Hindernisse: Religionen betrachten sich selbst zu selten im Licht des gewachsenen Wissens. Sie bewahren Formen, Bilder und Lehren, als wären sie unveränderlich, obwohl sich das Verständnis der Welt gewandelt hat. Die katholische Kirche beharrt auf der Verehrung eines Gottes in drei Gestalten und erhebt den Anspruch, den allein richtigen Weg zu kennen. Das Judentum wiederum spricht von einem Bund, einem Vertrag mit Gott, als sei das Unendliche an eine Übereinkunft gebunden. Beides sind mächtige Bilder – doch Bilder bleiben Bilder.

Die Frage, die ich mir stelle, ist nicht, ob Glaube falsch sei. Sondern ob er nicht reifen müsste. Ob es nicht an der Zeit wäre, die Religionen mit dem Wissen und der Erfahrung der heutigen Zeit zu betrachten. Doch genau hier liegt der Widerstand. Denn wer seine Lehren neu betrachtet, verliert Gewissheiten. Und wer Gewissheiten verliert, verliert Macht.

So bleibt vieles, wie es ist. Nicht weil es wahrer wäre, sondern weil es stabilisiert. Als Templer weiß ich: Wahre Gottesfurcht braucht keine Drohung und keine Herrschaft. Sie lebt aus Demut, aus Zweifel und aus der Bereitschaft, das eigene Bild von Gott immer wieder zu hinterfragen.

Vielleicht spricht Gott nicht durch jene, die am lautesten seinen Namen rufen. Vielleicht spricht er dort, wo Menschen schweigen, zuhören und anerkennen, dass kein Mensch das Recht hat, für das Unendliche zu sprechen.

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