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Von den Zisterziensern zu Liebenfels und Hitler

Eine dunkle Traditionslinie

Die Geschichte Europas ist nicht nur eine Geschichte großer Heiliger, Mystiker und Ritterorden, sondern auch eine von Irrwegen, Fehlentwicklungen und gefährlichen Ideologien. Wer den Spuren des 19. und 20. Jahrhunderts folgt, stößt auf eine Linie, die von den ehrwürdigen Zisterziensern über den abtrünnigen Mönch Adolf Lanz – später bekannt als Jörg Lanz von Liebenfels – bis hin zu den ideologischen Abgründen des Nationalsozialismus reicht.

Nivard Schlögl – der Zisterzienser und Antisemit

Nivard Schlögl trat 1884 in das Zisterzienserstift Heiligenkreuz ein und wurde ein angesehener Theologe, Professor für Altes Testament und später Novizenmeister. Doch sein wissenschaftliches Wirken wurde durch eine Haltung überschattet, die sich mit einer wachsenden Welle des Antisemitismus in Wien und Mitteleuropa verband.

Schlögl gehörte zu jenen kirchlichen Intellektuellen, die – eingebettet in das Klima der Jahrhundertwende – Vorurteile gegen Juden in kirchliche Sprache und theologische Lehre einbetteten. Seine Nähe zu Theodor Innitzer, dem späteren Kardinal, und seine Kontakte zu politischen Kreisen wie jenem von Engelbert Dollfuß lassen erkennen, dass in dieser Zeit ein gefährlicher Boden bereitet wurde, auf dem extreme Weltanschauungen gedeihen konnten.

Der Novize Adolf Lanz – vom Zisterzienser zum „Neutempler“

Zu den Schülern Schlögls zählte Adolf Joseph Lanz, der als junger Mann in das Stift Heiligenkreuz eintrat und dort den Ordensnamen Bruder Georg erhielt. Bereits in dieser Zeit beschäftigte er sich mit Astrologie, Okkultismus, germanischem Neuheidentum und den Schriften Guido von Lists.

1898 zum Priester geweiht, verließ er nur ein Jahr später das Kloster – offiziell aus gesundheitlichen Gründen, inoffiziell wohl wegen „weltlicher Ehrgeiz“ und persönlicher Verstrickungen. Lanz erfand sich neu: Er stilisierte sich als „Jörg Lanz von Liebenfels“, schmückte sich mit einem erfundenen Adelstitel und gründete 1900 den sogenannten „Neutemplerorden“.

Der Neutemplerorden – eine Perversion des Templer-Erbes

Während der historische Templerorden (1119–1312) auf Armut, Keuschheit, Gehorsam und den Schutz der Pilger im Heiligen Land gegründet war, verdrehte Lanz dessen Symbole und Spiritualität zu einem pseudoreligiösen Rassenkult.

Sein „Ordo Novi Templi“ (ONT) verband Zisterzienserliturgie mit rassistischen Theorien. Unter Berufung auf Visionen und den Gralsmythos propagierte er die „Reinzucht der arischen Rasse“ und gründete ariosophische Zentren, in denen angeblich eine neue Elite von „Gottmenschen“ entstehen sollte. Frauen sollten lediglich als „Zuchtmütter“ dienen – ein schockierendes Zeugnis, wie weit Lanz’ Ideen vom christlichen Menschenbild entfernt waren.

Seine Zeitschrift Ostara verbreitete diese Vorstellungen in Wien und fand zeitweise eine große Leserschaft.

Von der Ostara zu Hitler – eine gefährliche Nähe

Es gilt heute als gesichert, dass der junge Adolf Hitler während seiner Wiener Jahre zwischen 1907 und 1913 auf die Schriften von Lanz stieß. Die Hefte der Ostara waren billig und weit verbreitet. Zeitzeugen berichteten, Hitler habe einige Ausgaben besessen und mitgeführt.

Obwohl Lanz sich später in Selbststilisierung als „Lehrer Hitlers“ darstellte, ist sein Einfluss differenziert zu betrachten: Hitler selbst verspottete die esoterischen Zirkel, und in der NSDAP gab es Ablehnung gegen Lanz. Dennoch lässt sich nicht leugnen, dass die Atmosphäre des Wiener Fin de Siècle, durchzogen von Antisemitismus, Sozialdarwinismus und völkischem Gedankengut, den geistigen Nährboden für Hitlers Ideologie bildete – und dass Lanz ein Teil dieses Milieus war.

Theodor Innitzer – Kirche und Anpassung an den Nationalsozialismus

Eine weitere Gestalt dieser Traditionslinie ist Theodor Innitzer, einst Freund von Nivard Schlögl und später Kardinal-Erzbischof von Wien. Sein Verhalten 1938 ist ein mahnendes Beispiel für die Verstrickung kirchlicher Autoritäten: Er ließ die Glocken läuten, als Hitler in Wien einzog, und unterzeichnete eine Erklärung der Bischöfe zugunsten des Anschlusses. Sein handschriftlicher Zusatz „… und Heil Hitler!“ bleibt ein dunkles Kapitel kirchlicher Geschichte.

Von den Zisterziensern zum Missbrauch des Templer-Namens

So spannt sich eine Traditionslinie: vom Zisterzienser Nivard Schlögl, dessen antisemitische Haltung den Boden bereitete, über seinen Schüler Adolf Lanz, der mit dem „Neutemplerorden“ eine blasphemische Verzerrung des Templergedankens schuf, bis hin zu jenen Strömungen, die das Gedankengut des Nationalsozialismus befeuerten.

Es ist eine Linie, die zeigt, wie Spiritualität pervertiert werden kann, wenn sie sich von der Quelle der göttlichen Liebe entfernt.

Die Lehre für uns Templer heute

Für den heutigen Templerorden ist diese Geschichte Mahnung und Auftrag zugleich. Der Name „Templer“ darf niemals wieder missbraucht werden, um Hass, Ausgrenzung oder Rassenwahn zu rechtfertigen. Der wahre Templergeist wurzelt im Evangelium Christi – in Liebe, in Opferbereitschaft, in der Verteidigung des Schwachen und in der Suche nach Wahrheit.

Die Lehre aus dieser dunklen Episode lautet:

  • Wachsamkeit gegenüber jeder ideologischen Verzerrung des Glaubens,

  • Treue zu Christus, der keine Unterschiede zwischen Rassen und Nationen kennt,

  • Erinnerung an die Gefahren, wenn Spiritualität mit Machtgier und Menschenverachtung vermischt wird.

So wird aus der düsteren Traditionslinie eine helle Mahnung: Der wahre Weg des Templers ist der Weg der Demut, der Gerechtigkeit und der Liebe.

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