⚔️ Gedanken am 16. Juli
Das Evangelium nach Thomas und der Ruf zur inneren Entfaltung
Die Nag-Hammadi-Bibliothek – ein Schatz aus dem Wüstensand
Im Jahr 1945, zur Zeit des Umbruchs nach dem Zweiten Weltkrieg, wurde in der Nähe des ägyptischen Ortes Nag Hammadi ein archäologischer Fund gemacht, der das Verständnis der frühen Christenheit revolutionieren sollte: eine Sammlung von 53 gnostischen Schriften, sorgfältig in Tonkrügen verborgen, seit fast 1700 Jahren unberührt.
Diese sogenannten Nag-Hammadi-Texte stammen überwiegend aus den ersten zwei Jahrhunderten unserer Zeitrechnung – einer Zeit, in der das Christentum noch keine feste Form angenommen hatte, sondern in vielen Strömungen lebte: mystisch, visionär, innerlich.
Besonders berühmt wurde eines dieser Werke: das Evangelium nach Thomas – eine Sammlung von Sprüchen Jesu, die teils den bekannten Evangelien ähneln, teils jedoch eine tief mystische, introspektive Dimension offenbaren.
Thomas 70: Die Macht des Unentfalteten
Ein Spruch aus dem Thomas-Evangelium hat seit seiner Entdeckung Theologen, Psychologen und Mystiker gleichermaßen fasziniert:
„Wenn ihr hervorbringt, was in euch ist, so wird das, was ihr hervorbringt, euch retten. Wenn ihr nicht hervorbringt, was in euch ist, so wird das, was ihr nicht hervorbringt, euch zerstören.“ (Thomas 70)
Diese Aussage hat eine überzeitliche Gültigkeit. Sie erinnert – wie viele Worte Jesu in den gnostischen Schriften – nicht an moralische Vorschriften, sondern an eine Einladung zur Selbsterkenntnis.
Auch der Tiefenpsychologe C. G. Jung hätte diesen Spruch kaum besser formulieren können. In seiner Sprache hieße er:
Das Unbewusste will bewusst werden. Wird es unterdrückt, zerstört es uns von innen. Wird es angenommen und ausgedrückt, heilt es uns.
Der schöpferische Strom – Templerarbeit im Licht des Inneren
Dieser gnostische Leitspruch passt in verblüffender Weise zu einem uralten spirituellen Gesetz: Der göttliche Impuls in uns will wirken. Wird er unterdrückt, wendet er sich gegen uns. Wird er gelebt, bringt er Leben.
Die heutige Templerarbeit richtet genau darauf den Fokus. Der schöpferische Impuls – sei es in Form von Gedanken, Gefühlen, Ideen, Visionen oder künstlerischem Ausdruck – ist wie ein elektrischer Strom. Wenn du ihn fließen lässt, nährt und erfüllt er dich. Wenn du ihn blockierst, staut sich die Energie und richtet sich gegen dich selbst – in Form von:
-
innerer Leere
-
Depression
-
Gereiztheit
-
Unzufriedenheit
-
Krankheit
Deshalb frage dich heute Morgen in Stille:
„Was in mir möchte zum Ausdruck kommen? Was ist das, was in mir ist und mich retten könnte?“
Verweile anschließend für ein paar Minuten im Gebet der Sammlung, im Ei aus Licht oder in der Shamatha-Vipassana-Meditation. Diese inneren Übungen helfen dir, den Strom des Inneren zu spüren – ohne Lärm, ohne Ablenkung.
Kreativität als spiritueller Akt
Schöpferisches Tun ist nicht nur Künstlern vorbehalten. Jeder Mensch ist ein Schöpferwesen – auch durch:
-
Zuhören mit offenem Herzen
-
Ein ehrliches Gespräch
-
Ein Tagebucheintrag
-
Ein Gebet oder ein intuitives Handeln
-
Einen Garten, ein Lied, ein liebevoll bereitetes Mahl
Was auch immer du hervorbringst – wenn es echt ist, wenn es aus deinem Innersten kommt, dann wird es dich heilen, tragen, retten.
Fazit: Bring hervor, was in dir ist
Die Worte Jesu im Evangelium nach Thomas sind kein Appell zur Anstrengung, sondern ein Ruf zur Echtheit:
„Bringe hervor, was in dir ist – denn es wird dich retten.“
So frage dich heute, mit Achtsamkeit und innerem Mut:
-
Was ist das Lied, das ich zurückhalte?
-
Welche Wahrheit in mir will gesprochen werden?
-
Welche Gabe habe ich lange vergraben?
-
Wo will das Göttliche durch mich fließen?
Denn: Was du nicht hervorbringst, wird dich irgendwann zurückhalten, krank machen oder traurig stimmen. Aber was du in Liebe lebst, heilt nicht nur dich – es dient auch dem Ganzen.
Werde zum Gefäß für den Strom des Göttlichen – und du wirst heil sein.
