✠✠✠✠✠✠ Logen Blog ✠✠✠✠✠✠

Hitzeflucht in Rom: Hinab in die Katakomben

Rom ist eine Stadt des Lichtes. Im Sommer kann dieses Licht jedoch unerbittlich werden. Die Sonne liegt schwer auf den Plätzen, erhitzt das Pflaster und treibt Besucher in den Schatten der mehr als 900 Kirchen der Ewigen Stadt. Hinter ihren mächtigen Mauern findet man nicht nur wohltuende Kühle, sondern auch stille Kapellen, kostbare Mosaiken, gewaltige Kuppeln und Kunstwerke aus vielen Jahrhunderten. Wer der Hitze noch gründlicher entkommen möchte, muss allerdings tiefer hinabsteigen – dorthin, wo sich unter den Straßen Roms eine zweite, verborgene Stadt befindet.

Die Katakomben waren niemals bloß kühle Zufluchtsorte. Sie sind das Gedächtnis des frühen Christentums. In ihren schmalen Gängen wurden Verstorbene bestattet, Märtyrer verehrt und Gottesdienste gefeiert. Hier begegnet uns ein Glaube, der noch nicht von prachtvollen Fassaden und goldenen Altären umgeben war. Es war der Glaube einfacher Menschen, die in einer oftmals feindseligen Welt an der Hoffnung auf Auferstehung festhielten.

Die unterirdische Stadt der Domitilla

Eine der eindrucksvollsten Anlagen Roms ist die Domitilla-Katakombe an der alten Via Ardeatina. Ihr Gangsystem erstreckt sich über rund 17 Kilometer und verteilt sich auf vier unterirdische Ebenen. In den zahllosen Tunneln befinden sich etwa 150.000 Grablegungen. Damit gehört die Domitilla-Katakombe zu den größten und am besten erhaltenen christlichen Begräbnisstätten Roms.

Schon der Abstieg verändert die Wahrnehmung. Der Lärm der Stadt verstummt, das Sonnenlicht bleibt zurück, und bei einer gleichmäßig kühlen Temperatur scheint auch die Zeit langsamer zu vergehen. Links und rechts öffnen sich einfache Wandgräber, die sogenannten Loculi. Daneben sieht man bogenförmige Nischengräber, die Arcosolien, und größere Grabkammern, die als Cubicula bezeichnet werden. Manche Gräber waren schlicht verschlossen, andere mit Malereien und christlichen Zeichen geschmückt.

In diesen Bildern begegnen uns Hirten, Apostel, biblische Gestalten, Fische, Tauben, Anker und Weinreben. Für den frühen Christen waren dies keine bloßen Verzierungen. Es waren Zeichen einer Hoffnung, die stärker sein sollte als der Tod. Der gute Hirte erinnerte an Christus, der Fisch wurde zum verborgenen Bekenntnis, und der Anker stand für die feste Hoffnung auf das ewige Leben. In einer der Grabkammern findet sich auch eine sehr frühe Darstellung der Apostel Petrus und Paulus.

Der Besucher steht hier nicht vor der monumentalen Macht einer späteren Kirche, sondern vor den stillen Spuren gewöhnlicher Gläubiger. Viele von ihnen waren keine bedeutenden Persönlichkeiten. Ihre Namen sind vergessen, ihre irdischen Lebensgeschichten verloren. Dennoch bezeugen ihre Gräber, dass sie sich als Teil einer Gemeinschaft verstanden, die über den Tod hinausreichte. Gerade darin liegt die eigentliche Größe dieses Ortes.

Eine Basilika unter der Erde

Im Herzen der Katakombe befindet sich eine halb unterirdische Basilika, die den Märtyrern Nereus und Achilleus gewidmet ist. Die beiden waren wahrscheinlich Soldaten und sollen während der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian um das Jahr 304 den Tod gefunden haben. Ihre Gräber befanden sich unter dem Bereich der Apsis, nahe der Grabstätte der heiligen Petronilla. Die Basilika entstand gegen Ende des vierten Jahrhunderts und gehört zu den besonderen Kostbarkeiten der römischen Katakomben.

Wer die Säulen der Basilika betrachtet, bemerkt, dass sie sich in Größe, Form und Material unterscheiden. Säulen und Kapitelle wurden aus älteren römischen Bauwerken übernommen und neu zusammengesetzt. Was einst vielleicht einem heidnischen Tempel oder einem öffentlichen Gebäude gedient hatte, erhielt nun eine neue Aufgabe im christlichen Gotteshaus.

Darin liegt eine bemerkenswerte geistige Botschaft. Das Christentum zerstörte nicht alles Vorhandene, sondern verwandelte vieles und gab ihm eine neue Bedeutung. Der Stein blieb derselbe, doch sein Dienst änderte sich. Was zuvor weltlicher Macht oder heidnischem Kult gedient hatte, trug nun ein Haus des Gebetes. Auch der Mensch muss auf seinem geistigen Weg nicht alles, was zu ihm gehört, verwerfen. Seine Kraft, sein Wissen und seine Erfahrungen können verwandelt und in den Dienst einer höheren Aufgabe gestellt werden.

Für uns Templer besitzt dieser Gedanke eine besondere Bedeutung. Auch der Ritterweg verlangt keine Flucht vor der Welt. Er verlangt die Läuterung und Neuordnung dessen, was uns gegeben wurde. Mut soll nicht der Gewalttätigkeit dienen, sondern dem Schutz des Schwachen. Entschlossenheit soll nicht in Starrsinn ausarten, sondern dem Guten Bestand verleihen. Wissen soll nicht Hochmut erzeugen, sondern Verantwortung. So wie die alten Säulen in der unterirdischen Basilika eine neue Bestimmung erhielten, soll auch der Mensch seine Fähigkeiten in den Dienst Gottes und seiner Mitmenschen stellen.

Kein geheimer Zufluchtsort

Um die Katakomben rankt sich bis heute die Vorstellung, die ersten Christen hätten dort dauerhaft gelebt und sich vor den römischen Behörden verborgen. Dieses Bild ist zwar eindrucksvoll, historisch aber irreführend. Die Anlagen waren in erster Linie Begräbnisstätten. Christen kamen hierher, um ihre Verstorbenen beizusetzen, der Märtyrer zu gedenken und an bestimmten Gräbern gemeinsam zu beten. Für ein längeres verborgenes Leben waren die engen, dunklen und schlecht belüfteten Gänge kaum geeignet.

Auch die Bezeichnung „Katakombe“ war ursprünglich kein allgemeiner Name für unterirdische Friedhöfe. Sie wurde zunächst mit einem bestimmten Gelände an der Via Appia verbunden und später auf vergleichbare Anlagen übertragen. Die frühen Christen sprachen eher von Friedhöfen oder Schlafstätten. Darin zeigt sich wiederum ihr Verständnis des Todes: Das Grab galt nicht als endgültiger Ort, sondern als vorübergehende Ruhestätte bis zur Auferstehung.

Mit den Plünderungen Roms und den unsicheren Zeiten des frühen Mittelalters wurden die Katakomben immer weniger genutzt. Die Reliquien zahlreicher Märtyrer brachte man zum Schutz in Kirchen innerhalb der Stadtmauern. Viele Zugänge verfielen, gerieten in Vergessenheit oder wurden verschüttet. Erst in der frühen Neuzeit begann man, die unterirdischen Begräbnisstätten wiederzuentdecken; später wurden sie systematisch archäologisch untersucht.

Wo der Tod nicht das letzte Wort hat

Ein Gang durch die Domitilla-Katakombe ist deshalb weit mehr als eine angenehme Flucht vor der römischen Sommerhitze. Wer nur die kühlen 18 Grad sucht, wird sie dort finden. Wer aber mit offenen Augen und einem empfänglichen Herzen hinabsteigt, begegnet einer der ältesten Botschaften des christlichen Abendlandes: Der Mensch ist sterblich, doch seine Hoffnung reicht über das Grab hinaus.

Unter der Erde verschwinden viele Unterschiede, die das Leben an der Oberfläche bestimmen. Rang, Besitz, Ansehen und gesellschaftliche Stellung verlieren ihre Bedeutung. Zurück bleiben Namen, Zeichen, Gebete und die Erinnerung an ein gelebtes Vertrauen. Die Katakomben sind damit auch eine Schule der Demut. Sie erinnern uns daran, dass kein Titel und kein äußerer Glanz den Menschen vor seiner letzten Stunde bewahren kann. Entscheidend ist, was er aus seinem Leben gemacht, wem er gedient und worauf er seine Hoffnung gesetzt hat.

Der Templer trägt das Bewusstsein der Vergänglichkeit nicht als düstere Last, sondern als Mahnung zu einem wachen Leben. Gerade weil unsere Zeit begrenzt ist, sollen wir sie nicht mit Hass, Eitelkeit und kleinlichen Streitigkeiten vergeuden. Wir sollen lernen, Maß zu halten, unser Wort zu bewahren, dem Hilfsbedürftigen beizustehen und für Wahrheit und Gerechtigkeit einzutreten. Die Nähe des Todes macht das Leben nicht wertlos – sie macht jede gute Tat kostbarer.

Wenn man nach dem Rundgang wieder an die Oberfläche steigt, trifft das römische Sonnenlicht die Augen zunächst mit großer Kraft. Dieser Augenblick besitzt beinahe symbolische Bedeutung. Man kommt aus der Dunkelheit zurück ins Licht, aus der Welt der Gräber zurück in die Stadt der Lebenden. Vielleicht betrachtet man danach die eigene Zeit mit größerer Dankbarkeit.

Vor oder nach dem Besuch lädt der schattige Garten auf dem Gelände zum Verweilen ein. Dort kann man die Eindrücke in Ruhe nachwirken lassen. Die Hitze Roms mag bald wieder spürbar werden, doch etwas von der Stille der Tiefe bleibt zurück. Wer die Katakomben nur als touristische Sehenswürdigkeit betritt, hat alte Gänge und Gräber gesehen. Wer sie jedoch als Suchender verlässt, nimmt eine bleibende Erkenntnis mit: Das Licht gewinnt seine tiefste Bedeutung erst dort, wo der Mensch zuvor der Dunkelheit begegnet ist.

Schreibe einen Kommentar