Jesus war nicht Jesus
Was der Name Jeschua über unseren Glauben verrät
Ein Templer betrachtet den Menschen hinter dem Namen
Stellen wir uns für einen Augenblick vor, wir könnten beinahe zweitausend Jahre zurückreisen. Wir stünden irgendwo in Galiläa oder Judäa, vielleicht an einer staubigen Straße, vielleicht am Rand einer Menschenmenge. Vor uns befände sich ein jüdischer Wanderprediger, umgeben von Menschen, die seinen Worten zuhören.
Wir möchten seine Aufmerksamkeit erregen und rufen laut seinen uns vertrauten Namen: „Jesus!“ Doch würde er sich tatsächlich umdrehen? Wahrscheinlich nicht. Nicht deshalb, weil wir den falschen Menschen vor uns hätten, sondern weil der Mann, den heute Milliarden Menschen als Jesus Christus kennen, diesen Namen in dieser Form vermutlich niemals gehört hat.
Sein Name lautete sehr wahrscheinlich Jeschua, beziehungsweise Yeshua. Gerade darin liegt eine interessante Lektion für jeden, der sich ernsthaft mit Religion, Geschichte und dem geistigen Erbe des Christentums beschäftigt. Manchmal müssen wir eine vertraute Vorstellung ein wenig zur Seite schieben, um der historischen Wirklichkeit näherzukommen.
Jeschua – ein jüdischer Mann des ersten Jahrhunderts
Jesus war kein Europäer des Mittelalters und auch kein Mann der Renaissance. Er war ein Jude des ersten Jahrhunderts und lebte in einer jüdischen Welt des östlichen Mittelmeerraums.
Das klingt selbstverständlich. Dennoch zeigen uns unzählige Gemälde, Kirchenfenster und Andachtsbilder einen Jesus, der häufig eher wie ein Europäer der jeweiligen Entstehungszeit aussieht. Das ist historisch verständlich. Künstler malten heilige Personen oft so, dass die Menschen ihrer eigenen Umgebung sich mit ihnen identifizieren konnten.
Der italienische Künstler schuf einen italienisch wirkenden Christus, der deutsche Künstler einen mitteleuropäisch anmutenden Christus, und auch andere Kulturen entwickelten ihre eigenen Darstellungen. Diese Bilder dürfen jedoch nicht mit einer fotografischen Überlieferung verwechselt werden.
Wir wissen nicht, wie Jesus tatsächlich aussah, und wir besitzen kein zeitgenössisches Porträt von ihm. Was wir dagegen mit großer Sicherheit sagen können, ist, dass Jesus zur jüdischen Bevölkerung seiner Zeit gehörte. Die Evangelien verorten ihn vollständig in dieser religiösen und kulturellen Welt.
Für einen Templer sollte das keine Nebensache sein. Wer Christus verstehen möchte, darf seine jüdischen Wurzeln nicht ausradieren.
Wie aus Jeschua Jesus wurde
Wie aber wurde aus Jeschua schließlich Jesus? Der Weg führt über mehrere Sprachen und viele Jahrhunderte.
Jeschua war eine Form des hebräischen Namens Jehoschua. Derselbe Namensstamm begegnet uns auch bei jenem Josua, der aus dem Alten Testament bekannt ist.
Die frühen christlichen Schriften des Neuen Testaments wurden überwiegend auf Griechisch überliefert. Ein hebräischer oder aramäischer Name musste deshalb mit den Möglichkeiten der griechischen Sprache wiedergegeben werden. Aus Jeschua wurde im Griechischen Iēsous, im Lateinischen entwickelte sich daraus die Form Iesus, und aus dieser langen sprachlichen Überlieferung entstand schließlich unser vertrautes Wort Jesus.
Der Name ist also keineswegs eine spätere Erfindung. Er ist eine über verschiedene Sprachen gewanderte Form eines alten jüdischen Namens.
Damit erhalten wir zugleich eine überraschende Erkenntnis: Jesus und Josua gehen sprachlich letztlich auf denselben Namen zurück. Was für uns heute wie zwei vollkommen unterschiedliche Namen klingt, liegt im Ursprung sehr nahe beieinander.
Christus war kein Familienname
Noch größer ist vielleicht ein anderes Missverständnis. Christus war nicht der Nachname Jesu.
Im ersten Jahrhundert gab es in dieser Gesellschaft nicht unser heutiges System aus Vor- und erblich weitergegebenen Familiennamen. Menschen konnten durch ihren Vater, ihren Herkunftsort, ihren Beruf oder eine andere Zuordnung näher bezeichnet werden.
Deshalb begegnet uns die Bezeichnung Jesus von Nazareth oder auch die Zuordnung über Josef. Ebenso finden wir Namen wie Simon bar Jona, also Simon, Sohn des Jona.
„Christus“ dagegen ist ein Titel. Das griechische Wort Christos bedeutet „der Gesalbte“. Es entspricht dem hebräischen Begriff Maschiach, aus dem unser Wort Messias hervorgegangen ist.
„Jesus Christus“ bedeutet sinngemäß daher eher Jeschua, der Gesalbte. Damit verändert sich unser Blick auf einen Namen, den wir seit unserer Kindheit so selbstverständlich hören, dass wir kaum noch darüber nachdenken.
Auch die Namen seiner Umgebung klangen anders
Dasselbe gilt für die Menschen um Jesus. Seine Mutter hätte auf unseren Ruf „Maria“ möglicherweise ebenfalls nicht in der Weise reagiert, wie wir es erwarten würden. Ihr Name erscheint in alten sprachlichen Formen als Mariam oder Maryam.
Josef wäre Yosef gewesen, Simon Petrus zunächst Shim’on beziehungsweise Simon, Johannes geht auf eine Namensform wie Yohanan zurück, und Jakobus führt letztlich auf Ya’akov zurück.
Auch hier sehen wir dasselbe Phänomen. Namen wandern über Sprachgrenzen, verändern ihre Aussprache und werden der Sprache jener Menschen angepasst, die die Geschichten weitererzählen.
Das ist nichts Ungewöhnliches. Auch heute nennen verschiedene Sprachen dieselbe historische Person mit unterschiedlichen Namensformen.
Macht das Jesus weniger christlich?
Nun könnte jemand fragen, warum uns das überhaupt interessieren sollte. Ist es für den Glauben nicht vollkommen gleichgültig, ob wir Jesus, Jeschua oder Iēsous sagen?
In einem bestimmten Sinne ist das richtig. Der Glaube hängt nicht an der Aussprache eines Namens. Millionen Menschen haben in unzähligen Sprachen zu Christus gebetet. Sie nennen ihn Jesus, Jesús, Gesù, Jésus oder mit anderen sprachlichen Formen.
Gott benötigt keinen Sprachkurs, um ein Gebet zu verstehen.
Doch in einem anderen Sinne ist die historische Wirklichkeit sehr wohl wichtig. Sie erinnert uns daran, dass das Christentum keine abstrakte Idee ist, die irgendwann in Europa entstanden wäre. Seine Wurzeln liegen im Nahen Osten.
Jesus war Jude. Maria war Jüdin. Die Apostel waren überwiegend Juden. Jesus lebte innerhalb jüdischer religiöser Traditionen und nahm an jüdischen Festen und Bräuchen teil.
Das Christentum kann seine eigenen Ursprünge daher nicht vollständig verstehen, wenn es das Judentum aus seiner Geschichte herausstreicht.
Der historische Jesus und der Christus des Glaubens
Hier muss allerdings eine wichtige Grenze gezogen werden. Geschichtswissenschaft und Glaube beantworten nicht dieselben Fragen.
Die Geschichtswissenschaft kann untersuchen, ob ein jüdischer Prediger im ersten Jahrhundert lebte, welche politischen Verhältnisse herrschten, welche Sprachen gesprochen wurden, wie Menschen damals hießen und unter welchen Umständen eine Kreuzigung durch die Römer stattfinden konnte.
Sie kann alte Texte vergleichen, archäologische Funde untersuchen und historische Wahrscheinlichkeiten abwägen. Sie kann jedoch mit ihren Methoden nicht entscheiden, ob Jesus tatsächlich der Sohn Gottes war.
Ebenso wenig kann ein Historiker mit rein wissenschaftlichen Methoden beweisen oder widerlegen, ob die Auferstehung ein göttliches Ereignis gewesen ist. Das sind Glaubensaussagen.
Ein Templer sollte vor dieser Unterscheidung keine Angst haben. Wahrheit braucht keine Angst vor Forschung zu haben.
Wir erschaffen Christus immer wieder nach unserem eigenen Bild
Vielleicht liegt die tiefere Bedeutung dieses Themas deshalb gar nicht im Namen Jeschua. Sie liegt in uns selbst.
Der Mensch besitzt eine erstaunliche Neigung, das Heilige nach seinem eigenen Bild zu formen. Jede Epoche tat dies.
Mittelalterliche Menschen stellten biblische Könige wie mittelalterliche Herrscher dar. Maler kleideten Maria in Gewänder ihrer eigenen Zeit. Biblische Städte sahen plötzlich aus wie italienische, flämische oder deutsche Städte, und Christus erhielt das Gesicht jener Menschen, die ihn malten.
Darin liegt zunächst nichts Verwerfliches. Kunst versucht, das Ferne verständlich und gegenwärtig zu machen.
Problematisch wird es erst dann, wenn wir vergessen, dass unsere Darstellung eben eine Darstellung ist. Dann beginnen wir, unser Bild mit der Wirklichkeit zu verwechseln.
Das gilt nicht nur für Gemälde. Wir können uns auch einen Christus schaffen, der zufällig immer genau dieselben politischen Ansichten, gesellschaftlichen Vorstellungen und moralischen Vorlieben besitzt wie wir selbst.
Dann hören wir nicht mehr Christus, sondern nur noch unser eigenes Echo.
Die Templer und Christus
Für den historischen Templerorden war Christus nicht lediglich eine Figur aus vergangenen Jahrhunderten. Der Orden verstand sich als eine christliche Gemeinschaft von Rittern.
Seine Mitglieder trugen das Kreuz nicht als modisches Zeichen. Es erinnerte sie an Dienst, Opfer, Verpflichtung und Glauben.
Natürlich lebten auch die mittelalterlichen Templer in ihrer eigenen Zeit und besaßen deren Vorstellungen, Grenzen und Irrtümer. Doch gerade wir modernen Templer besitzen einen Vorteil, den unsere Vorgänger nicht hatten.
Wir verfügen über Jahrhunderte historischer, sprachwissenschaftlicher und archäologischer Forschung. Wir können versuchen, hinter spätere Übermalungen zu sehen.
Wir können fragen, wer dieser Jeschua war, in welcher Welt er lebte, was seine Worte für Menschen des ersten Jahrhunderts bedeuteten, welche Vorstellungen spätere Jahrhunderte hinzufügten und was übrig bleibt, wenn wir Tradition und historische Wirklichkeit voneinander unterscheiden.
Das sind keine Angriffe auf den Glauben. Es sind Fragen eines Suchenden.
Das Kreuz braucht keine historische Verkleidung
Vielleicht fürchten manche Menschen, ein historisch genauerer Jesus könne ihnen den vertrauten Christus nehmen. Doch das Gegenteil kann der Fall sein.
Wir müssen Jesus nicht europäisieren, damit er uns nahe sein kann. Wir müssen seinen Namen nicht genauso aussprechen wie seine ersten Jünger, damit unser Gebet ihn erreicht. Und wir müssen ihn auch nicht in eine moderne politische oder ethnische Kategorie hineinpressen.
Begriffe und Kategorien unserer Zeit lassen sich ohnehin nur begrenzt auf Menschen des ersten Jahrhunderts übertragen.
Jeschua war ein jüdischer Mann seiner Zeit und seiner Heimat. Für den Christen ist er zugleich sehr viel mehr. Das eine muss das andere nicht verdrängen.
Der Name verändert sich, die Botschaft bleibt
Aus Jeschua wurde Iēsous, aus Iēsous wurde Iesus und aus Iesus wurde Jesus. Aus wenigen Jüngern entstand schließlich eine Weltreligion.
Von Galiläa und Jerusalem gelangte seine Botschaft nach Antiochia, Alexandria, Rom, Konstantinopel, Europa und schließlich in nahezu alle Teile der Welt.
Die Sprachen wechselten, die Kleidung änderte sich, Reiche entstanden und verschwanden, Kirchen wurden gebaut und zerstört, Theologen stritten, und Künstler malten immer neue Gesichter Christi.
Und doch blieb eine Frage bestehen: „Wer sagt ihr, dass ich sei?“
Vielleicht ist dies die wesentlich wichtigere Frage als jene, wie sein Name ausgesprochen wurde.
Gerade die Beschäftigung mit seinem ursprünglichen Namen erinnert uns daran, dass hinter zweitausend Jahren Religion zunächst ein wirklicher Mensch in einer wirklichen geschichtlichen Welt stand: ein jüdischer Mann namens Jeschua.
Für den Historiker war er ein Prediger aus dem ersten Jahrhundert, für seine Jünger der Meister, für Christen der Christus und für den Templer derjenige, dessen Kreuz wir nur dann mit Recht tragen, wenn wir bereit sind, hinter dem Symbol auch seine Forderung zu erkennen.
Diese Forderung bedeutet, Wahrheit zu suchen, dem Nächsten zu dienen, dem Hochmut zu widerstehen und das eigene Leben immer wieder zu prüfen.
Am Ende entscheidet deshalb nicht, ob wir den Namen Jesus, Iēsous oder Jeschua aussprechen.
Entscheidend ist, ob wir verstanden haben, was es bedeutet, ihm zu folgen.
