Wieder ein äußerst unseriöse Angebot
Zahnersatz für rund 40 Euro aus dem Internet – ein Angebot mit vielen Fragezeichen
Im Internet tauchen immer häufiger Angebote auf, die mit erstaunlich günstigen Produkten und großen Versprechen werben. Besonders auffällig sind dabei Webseiten, die künstlichen Zahnersatz für rund 40 Euro anbieten und damit den Eindruck erwecken, eine kostspielige zahnärztliche Behandlung lasse sich durch einen einfachen Onlinekauf ersetzen.
Ein solches Angebot findet sich auf der Website mmsangnei.com.
Die Gestaltung dieser Seite erinnert auffallend an andere Internetangebote, über die wir bereits in der Vergangenheit berichtet haben. Große Werbeversprechen, hohe Rabatte, angeblich nur kurz verfügbare Sonderpreise, künstlicher Zeitdruck und eine Firmenstruktur, die für den normalen Käufer nur schwer nachvollziehbar ist.
Allein eine ähnliche Gestaltung beweist selbstverständlich noch keinen Zusammenhang zwischen verschiedenen Shops. Doch wenn sich bestimmte Merkmale immer wiederholen, lohnt es sich, genauer hinzusehen.
Ein vollständiges Gebiss für rund 40 Euro
Beworben wird unter anderem künstlicher Zahnersatz, der angeblich besonders einfach anzupassen sein soll. Für etwa 40 Euro soll der Käufer ein Produkt erhalten, das sich seinem Mund anpasst und ihm wieder ein natürliches Lächeln ermöglichen soll.
Die Werbung vermittelt dabei den Eindruck, man könne mit diesem Produkt Tausende Euro gegenüber einer herkömmlichen zahnmedizinischen Versorgung sparen.
Es ist von besonders anpassungsfähigem Material, hoher Passgenauigkeit und sicherem Halt beim Sprechen und Essen die Rede. Zum Teil werden sogar Hinweise auf angebliche medizinische oder wissenschaftliche Entwicklungen verwendet.
Gerade an diesem Punkt sollte ein Verbraucher allerdings vorsichtig werden.
Denn Zahnersatz ist kein gewöhnlicher Konsumartikel.
Ein Gebiss ist kein T-Shirt
Wer eine Hose oder ein Hemd bestellt und feststellt, dass die Größe nicht passt, kann die Ware zurückschicken und eine andere Größe wählen.
Bei Zahnersatz funktioniert dies nicht so einfach.
Jeder Mund ist unterschiedlich. Kieferform, Zahnstellung, Schleimhaut, Bisshöhe und Belastung unterscheiden sich von Mensch zu Mensch. Professioneller Zahnersatz wird deshalb normalerweise individuell angepasst.
Schlecht sitzende Prothesen können Druckstellen verursachen. Sie können beim Sprechen stören, beim Essen verrutschen oder Entzündungen hervorrufen.
Deshalb erscheint die Vorstellung, ein standardisiertes Produkt könne für fast jeden Menschen gleichermaßen geeignet sein, zumindest erklärungsbedürftig.
Je größer ein medizinisches Versprechen ist, desto genauer sollte man fragen, welche wissenschaftlichen Belege dafür existieren.
Wo befindet sich diese Firma eigentlich?
Interessant wird die Sache spätestens dann, wenn man wissen möchte, wer hinter dem Angebot steht.
Auf der Website findet man nicht ohne Weiteres jene Unternehmensinformationen, die Verbraucher von einem seriösen europäischen Online-Shop gewohnt sind.
Ein klassisches Impressum, wie man es im deutschsprachigen Raum erwartet, fehlt.
Bei genauerem Suchen findet sich allerdings auf einer Unterseite eine Firmenbezeichnung:
JINGLING DIGITAL TECHNOLOGY LTD
Dabei handelt es sich tatsächlich um eine in Großbritannien registrierte Gesellschaft.
Damit könnte zunächst der Eindruck entstehen, man habe es mit einem britischen Unternehmen zu tun.
Doch diese Information erzählt nur einen Teil der Geschichte.
Der Firmeninhaber lebt in China
Nach den öffentlich zugänglichen britischen Registerinformationen lebt der Geschäftsführer und wirtschaftlich Kontrollierende des Unternehmens in China.
Die Firma selbst ist dagegen in Großbritannien registriert.
Damit ergibt sich eine Konstruktion, wie man sie bei internationalen Online-Shops häufiger findet: Eine juristische Gesellschaft besitzt eine registrierte Adresse in Großbritannien, während die maßgebliche Person hinter dem Unternehmen in China lebt.
Ob sich an der britischen Adresse tatsächlich ein Büro mit Mitarbeitern befindet, lässt sich daraus nicht erkennen.
Ebenso wenig lässt sich aus dem Register feststellen, ob sich dort ein Warenlager befindet oder ob von dieser Adresse überhaupt Produkte verschickt werden.
Deshalb wäre es zwar voreilig, ohne weitere Beweise von einer reinen „Briefkastenfirma“ zu sprechen. Fest steht jedoch:
Eine britische Registrierungsadresse beweist nicht, dass das Unternehmen tatsächlich von dort aus operiert.
Selbst die Firmenadresse auf der Website ist nicht mehr aktuell
Hinzu kommt ein weiteres bemerkenswertes Detail.
Die auf der Website genannte britische Firmenadresse entspricht nicht mehr der aktuell im britischen Register eingetragenen Adresse.
Die Gesellschaft hat ihren offiziellen Registered Office inzwischen geändert.
Die Website verwendet jedoch weiterhin die ältere Anschrift.
Auch das beweist selbstverständlich keinen Betrug.
Von einem professionellen internationalen Online-Shop darf ein Verbraucher aber erwarten, dass grundlegende Angaben zum Unternehmen aktuell gehalten werden.
Gerade dann, wenn Produkte angeboten werden, die körperlich beziehungsweise medizinisch relevant sind.
Woher kommt das künstliche Gebiss tatsächlich?
Damit stellt sich eine noch wichtigere Frage:
Wo befindet sich die Ware?
Auf diese Frage findet der Käufer keine klare Antwort.
Liegt das Gebiss in Großbritannien?
Kommt es aus einem europäischen Warenlager?
Oder wird es direkt aus China oder einem anderen asiatischen Land verschickt?
Genau diese Information wäre für den Käufer besonders wichtig.
Denn der tatsächliche Versandort kann Auswirkungen auf Lieferzeiten, Zoll, Rücksendungen und die Durchsetzung von Verbraucherrechten haben.
Noch wichtiger ist die Frage, wohin ein Kunde die Ware zurückschicken muss, wenn sie nicht passt oder nicht seinen Erwartungen entspricht.
Eine britische Unternehmensadresse bedeutet keineswegs automatisch, dass auch dorthin zurückgesendet werden kann.
Auch die angegebenen Servicezeiten sind interessant
Die Website nennt für ihren Online-Kundenservice eine Zeitzone von UTC/GMT+08:00.
Diese Zeitzone wird unter anderem in China verwendet.
Allein daraus lässt sich natürlich nicht beweisen, wo sich der Kundendienst tatsächlich befindet.
In Verbindung mit der Tatsache, dass der Geschäftsführer und wirtschaftlich Kontrollierende des Unternehmens in China lebt, entsteht jedoch ein weiteres Indiz dafür, dass der eigentliche Geschäftsbetrieb möglicherweise nicht in Großbritannien stattfindet.
Die Werbung folgt einem bekannten Muster
Besonders auffällig ist die Art der Werbung.
Solche Seiten arbeiten häufig mit ähnlichen Mitteln:
Ein erstaunlich niedriger Preis trifft auf ein außergewöhnlich großes Versprechen.
Dazu kommen hohe Rabatte, angeblich begrenzte Stückzahlen und Formulierungen wie „nur heute“, „fast ausverkauft“ oder „letzte Chance“.
Der Käufer soll möglichst schnell handeln.
Genau das sollte man aber nicht tun.
Gerade bei Produkten, die der Gesundheit dienen sollen, sollte man sich Zeit nehmen, den Anbieter zu überprüfen.
Wer steckt hinter der Firma?
Wo befindet sich das Unternehmen tatsächlich?
Woher wird die Ware verschickt?
Wo befindet sich die Rücksendeadresse?
Welche wissenschaftlichen Nachweise gibt es für die versprochene Wirkung?
Diese Fragen sollten vor einer Bestellung geklärt werden.
Auffällige Mischung von Produkten
Ein weiterer Punkt verdient Aufmerksamkeit.
Der Shop erscheint nicht als spezialisierter Anbieter für Zahnmedizin oder medizinischen Zahnersatz.
Neben Dentalprodukten werden beziehungsweise wurden auch verschiedenste Haushalts- und Gebrauchsartikel angeboten.
Das allein bedeutet selbstverständlich nicht, dass ein Dentalprodukt schlecht sein muss.
Dennoch stellt sich die Frage, weshalb ein allgemeiner Online-Shop plötzlich Produkte anbietet, die mit medizinisch anmutenden Versprechen und moderner Zahntechnologie beworben werden.
Bei einem hoch spezialisierten Gesundheitsprodukt würde man normalerweise erwarten, dass der Hersteller detailliert über Material, Zulassung, Verwendung, Risiken und wissenschaftliche Grundlagen informiert.
Rund 40 Euro können am Ende teuer werden
Auf den ersten Blick scheint das finanzielle Risiko gering.
Rund 40 Euro sind im Vergleich zu professionellem Zahnersatz tatsächlich wenig Geld.
Aber genau darin liegt ein Teil der psychologischen Wirkung solcher Angebote.
Viele Menschen denken:
„Für 40 Euro kann ich es ausprobieren.“
Wenn das Produkt nicht funktioniert, ist das Geld verloren. Schwieriger wird es, wenn die Ware zurückgesendet werden soll und der tatsächliche Ansprechpartner oder Rücksendeort unklar ist.
Noch wichtiger ist aber die gesundheitliche Frage.
Ein Gegenstand, der über Stunden im Mund getragen wird, sollte nicht allein deshalb verwendet werden, weil er günstig ist.
Materialverträglichkeit, Passform, Hygiene und Belastbarkeit sind bei Zahnersatz entscheidend.
Was Verbraucher prüfen sollten
Bevor man künstlichen Zahnersatz im Internet bestellt, sollte man einige grundsätzliche Fragen beantworten können.
Wer ist der tatsächliche Vertragspartner?
Wo befindet sich dessen tatsächlicher Geschäftssitz?
Wo wird das Produkt hergestellt?
Woher wird es verschickt?
Aus welchem Material besteht es?
Gibt es nachvollziehbare Angaben zur Produktsicherheit?
Wer haftet im Schadensfall?
Wo befindet sich die Rücksendeadresse?
Und vor allem:
Kann ein Produkt, das für rund 40 Euro weltweit an völlig unterschiedliche Menschen verkauft wird, tatsächlich einen individuell angefertigten Zahnersatz ersetzen?
Das eigentliche Problem ist die fehlende Transparenz
Es wäre falsch, allein aufgrund einer chinesischen Geschäftsführung oder einer britischen Firmenregistrierung ein Unternehmen pauschal als unseriös zu bezeichnen.
China produziert hochwertige ebenso wie minderwertige Waren. Auch britische Limited-Gesellschaften können völlig ordnungsgemäß betrieben werden.
Das Problem liegt an anderer Stelle.
Es liegt in der mangelnden Transparenz.
Der Kunde sieht ein professionelles Werbeangebot. Er sieht einen erstaunlich niedrigen Preis. Er sieht große Versprechen.
Aber sobald er wissen möchte, wer tatsächlich hinter dem Produkt steht, wo es hergestellt wird, von wo es versandt wird und wohin er es gegebenenfalls zurückschicken soll, werden die Antworten schwieriger.
Und genau das sollte ein Warnsignal sein.
Ein Muster, das wir bereits kennen
Wir haben in der Vergangenheit bereits über ähnlich aufgebaute Internetangebote berichtet.
Dabei fällt immer wieder dieselbe Struktur auf.
Die Werbeanzeigen sind professionell gestaltet. Häufig wird ein Produkt vorgestellt, das angeblich ein alltägliches Problem auf verblüffend einfache Weise löst.
Der Preis ist niedrig genug, um einen spontanen Kauf zu fördern.
Eine europäische oder britische Firmenadresse vermittelt Vertrauen.
Erst bei genauerer Recherche zeigt sich, dass die entscheidenden Personen hinter dem Unternehmen in einem anderen Teil der Welt leben und unklar bleibt, wo sich Lager, Versand und Kundenservice tatsächlich befinden.
Das bedeutet nicht automatisch, dass jede dieser Firmen zusammengehört.
Aber die Ähnlichkeit der Geschäftsmodelle ist bemerkenswert.
Prüfen statt glauben
Ein Templer sollte weder leichtgläubig noch vorschnell verurteilend sein.
Er sollte prüfen.
Das gilt nicht nur für große philosophische oder religiöse Fragen. Es gilt ebenso für ganz alltägliche Entscheidungen.
Im Internet kann jeder eine eindrucksvolle Website gestalten.
Ein schönes Foto beweist keine Qualität.
Ein britischer Firmenname beweist keinen britischen Geschäftsbetrieb.
Ein Rabatt beweist kein Sonderangebot.
Und ein Versprechen ersetzt keinen wissenschaftlichen Nachweis.
Wer rund 40 Euro für ein künstliches Gebiss ausgeben möchte, sollte sich deshalb zuerst fragen:
Würde ich diesem Produkt auch dann vertrauen, wenn ich wüsste, dass ich den tatsächlichen Hersteller, den Produktionsort und möglicherweise sogar den Versandort nicht eindeutig feststellen kann?
Bei Zahnersatz geht es schließlich nicht nur um Geld.
Es geht um ein Produkt, das man im eigenen Mund trägt, mit dem man spricht und mit dem man essen möchte.
Deshalb sollte gerade hier ein einfacher Grundsatz gelten:
Je größer das Versprechen und je niedriger der Preis, desto genauer sollte man prüfen, wer hinter dem Angebot steht.
- Billiges Spielzeug-Plastik: Ein unflexibles, extrem schlecht verarbeitetes Plastikgebiss.
- Plastik-Pellets zum Schmelzen: Oft liegt eine Tüte mit kleinen, weißen Plastikkügelchen bei. Diese muss man theoretisch in heißem Wasser aufkochen, um sich selbst eine provisorische Masse zu kneten.

