Die ältesten Bücher der Welt
Hüter des Wissens und Zeugen der Menschheit
Bücher gehören zu den erstaunlichsten Schöpfungen des Menschen. In ihnen werden Gedanken, Gebete, Erfahrungen, Gesetze, Geschichten und Erkenntnisse bewahrt, lange nachdem ihre Verfasser gestorben sind. Ein Buch kann Jahrhunderte überstehen, während Königreiche verschwinden, Städte zerstört werden und ganze Kulturen untergehen. Für einen Templer besitzt das geschriebene Wort deshalb eine besondere Würde. Es ist nicht bloß Information, sondern Erinnerung. Es verbindet die Lebenden mit den Toten, die Gegenwart mit der Vergangenheit und eine Generation mit der nächsten. Wenn wir heute ein sehr altes Buch betrachten, sehen wir daher weit mehr als Pergament, Papier, Leder oder Tinte. Wir begegnen Menschen, deren Hände diese Seiten berührt haben und die ihre Gedanken einer Zukunft anvertrauten, von der sie selbst nichts wissen konnten.
Die Frage nach dem ältesten Buch der Welt ist allerdings schwieriger zu beantworten, als es zunächst scheint. Was verstehen wir überhaupt unter einem Buch? Muss es aus miteinander verbundenen Seiten bestehen, oder darf auch eine Schriftrolle als Buch gelten? Gehören beschriftete Goldtafeln dazu? Sprechen wir vom ältesten handgeschriebenen Buch, vom ältesten erhaltenen vollständigen Buch oder vom ältesten gedruckten Werk? Je nachdem, welche Definition wir wählen, erhalten wir unterschiedliche Antworten. Gerade deshalb ist die Geschichte dieser alten Werke so spannend, denn sie führt uns durch verschiedene Kulturen, Religionen und Zeitalter.
Zu den ungewöhnlichsten frühen Schriftzeugnissen gehören die Goldbleche von Pyrgi. Sie wurden 1964 in Italien entdeckt und stammen ungefähr aus dem Jahr 500 v. Chr. Auf den drei Goldplatten befindet sich eine Widmung des Herrschers Thefarie Velianas an die phönizische Göttin Astarte. Die Tafeln besitzen Löcher, weshalb angenommen wurde, dass sie möglicherweise miteinander verbunden waren. Solche Funde zeigen, welchen hohen Wert Schrift in frühen Kulturen besitzen konnte. Wer Worte in Gold eingravieren ließ, wollte keine alltägliche Mitteilung hinterlassen. Der Text sollte Bestand haben, vielleicht über die eigene Lebenszeit hinaus. In einer Welt, in der Schreiben keineswegs selbstverständlich war, musste jede dauerhafte Inschrift eine bewusste Entscheidung gewesen sein.
Einen anderen Blick auf die Geschichte des Buches eröffnet der Codex Sinaiticus. Diese griechische Bibelhandschrift entstand vermutlich im 4. Jahrhundert und gehört zu den bedeutendsten christlichen Manuskripten überhaupt. Jahrhunderte hindurch wurde sie im Katharinenkloster am Sinai bewahrt. Besonders interessant ist, dass an dem Manuskript mehrere Schreiber gearbeitet haben und zahlreiche Korrekturen vorgenommen wurden. Dadurch erkennen wir etwas, das bei alten heiligen Texten leicht vergessen wird: Auch ihre Überlieferung war menschliche Arbeit. Jemand musste schreiben, vergleichen, verbessern, kopieren und bewahren. Ohne diese oft namenlosen Menschen wäre vieles von dem, was wir heute als geistiges Erbe betrachten, längst verschwunden.
In dieselbe Zeit führen uns die Nag-Hammadi-Schriften. Diese Sammlung von dreizehn Büchern wurde 1945 in der Nähe der ägyptischen Stadt Nag Hammadi entdeckt und enthält zahlreiche Texte aus dem 4. Jahrhundert. Besondere Aufmerksamkeit erhielten jene Schriften, die als gnostische oder nichtkanonische Texte bezeichnet werden. Ihre Bedeutung liegt darin, dass sie uns zeigen, wie vielfältig religiöse Vorstellungen in der frühen christlichen Welt waren. Für den Templer sollte eine solche Entdeckung weder Anlass zu Sensationslust noch zu vorschnellen Urteilen sein. Ein alter Text ist nicht automatisch wahr, nur weil er alt ist. Aber er ist ein Zeuge seiner Zeit, und jeder ernsthafte Sucher nach Erkenntnis sollte bereit sein, solche Zeugnisse zunächst zu verstehen, bevor er sie beurteilt.
Auch die Gärima-Evangelien gehören zu den großen Schätzen der frühen christlichen Buchkultur. Bei ihnen handelt es sich um äthiopische illuminierte Handschriften, deren Alter lange unterschiedlich eingeschätzt wurde. Moderne Datierungsmethoden haben Teile der Handschriften in eine sehr frühe Zeit eingeordnet. Neben ihrem religiösen Inhalt beeindrucken sie besonders durch ihre künstlerische Gestaltung. Hier zeigt sich eine Auffassung vom Buch, die dem modernen Menschen manchmal fremd geworden ist. Ein Buch war nicht lediglich ein Behälter für Informationen. Es konnte zugleich ein Kunstwerk, ein Kultgegenstand und Ausdruck einer geistigen Haltung sein. Farben, Ornamente, Bilder und Schrift bildeten eine Einheit. Der Schreiber arbeitete nicht nur mit seinem Verstand, sondern häufig auch mit großer Hingabe.
Ein besonders berührendes Beispiel ist das Evangelium des heiligen Cuthbert. Dieses kleine Buch wurde in den Sarg des Heiligen gelegt, der im Jahr 687 starb. Als das Grab Jahrhunderte später geöffnet wurde, war das Evangelium noch erhalten. Es gilt als eines der ältesten vollständig erhaltenen europäischen Bücher. Hier erkennen wir, dass ein Buch mehr sein kann als die Summe seiner Wörter. Für die Menschen jener Zeit konnte es ein persönlicher Begleiter, eine Reliquie und ein sichtbares Zeichen des Glaubens sein. Auch heute kennen wir diese Erfahrung. Ein alter Brief, ein Gebetbuch eines Großvaters oder eine Bibel, die seit Generationen in einer Familie weitergegeben wird, kann einen Wert besitzen, der sich nicht in Geld ausdrücken lässt.
Von besonderer Bedeutung für die Geschichte des Druckens ist das Diamant-Sutra. Dieser buddhistische Text stammt aus dem Jahr 868 und gilt als das älteste datierte gedruckte Buch, das erhalten geblieben ist. Es wurde im Jahr 1900 in der sogenannten Höhle der Tausend Buddhas in China entdeckt. Seine Existenz erinnert uns daran, dass der Buchdruck keineswegs erst in Europa entstand. Lange bevor Gutenberg in Mainz seine berühmten Bibeln druckte, wurden in Ostasien bereits Texte vervielfältigt. Für uns Europäer ist das eine wichtige Mahnung. Die Geschichte des Wissens gehört keiner einzigen Kultur. Erkenntnisse entstanden an vielen Orten der Erde, manchmal unabhängig voneinander und manchmal durch Begegnung und Austausch.
Zu den bedeutenden jüdischen Schriftzeugnissen gehören frühe Siddurim, also Gebetbücher. Das in der Vorlage erwähnte alte Exemplar stammt aus dem frühen Mittelalter und enthält Gebete, Gedichte und andere religiöse Texte. Solche Bücher zeigen, wie das geschriebene Wort religiöse Gemeinschaft über Jahrhunderte hinweg ermöglichen kann. Ein Gebet, das ein Mensch vor tausend Jahren sprach, kann heute erneut gesprochen werden. Die Stimme des Einzelnen verstummt, aber das Wort bleibt bestehen. Darin liegt eine der großen Kräfte des Buches: Es überwindet die Grenze der Zeit.
Das Book of Kells, das um das Jahr 800 entstand, gehört zu den berühmtesten Handschriften Europas. Es enthält die vier Evangelien des Neuen Testaments und ist vor allem für seine außerordentlich kunstvolle Gestaltung bekannt. Die Seiten sind mit Ornamenten, Symbolen, Tierdarstellungen und verschlungenen Mustern geschmückt. Nach der Überlieferung wurde das Werk mit Mönchen auf der Insel Iona in Verbindung gebracht und später nach Kells gebracht. Wer dieses Buch betrachtet, erkennt sofort, dass hier Schreiben und Kunst nicht voneinander getrennt wurden. Der Text sollte nicht nur gelesen, sondern auch gewürdigt werden. Schönheit war Teil der geistigen Aussage. Diese Haltung ist dem Templertum nicht fremd. Auch ein Siegel, ein Mantel oder eine Zeremonie besitzt nicht nur eine praktische Funktion. Die äußere Form kann auf etwas Inneres verweisen, solange sie nicht wichtiger wird als das, was sie darstellen soll.
Auch der sogenannte keltische Psalter gehört zu den bemerkenswerten alten Büchern Europas. Er stammt aus dem Mittelalter und enthält lateinische Psalmen sowie keltische und piktische Illustrationen. Besonders interessant ist seine vergleichsweise handliche Form. Nicht jedes alte Buch war ein riesiger Foliant, der ausschließlich in einer Bibliothek oder einem Kloster benutzt werden konnte. Manche Bücher waren dafür geschaffen, getragen und immer wieder gelesen zu werden. Damit wurde das Buch zum persönlichen Begleiter eines Menschen. Wer viel liest, kennt dieses Gefühl bis heute. Manche Bücher begleiten uns über Jahrzehnte. Wir schreiben Notizen hinein, markieren Sätze und entdecken bei jedem erneuten Lesen etwas Neues.
Das Miroslav-Evangeliar aus dem 12. Jahrhundert gehört zu den bedeutenden frühen Werken der serbischen Literatur. Es wurde für Miroslav von Hum angefertigt und jahrhundertelang in einem Kloster bewahrt. Seine reich gestalteten Seiten erinnern daran, dass Bücher im Mittelalter äußerst kostbare Gegenstände waren. Ein umfangreiches Manuskript verlangte Material, Zeit, handwerkliches Können und oft jahrelange Arbeit. Heute können wir innerhalb weniger Sekunden tausende Seiten digital kopieren. Gerade deshalb fällt es uns manchmal schwer zu verstehen, welche Bedeutung ein einziges Buch damals besitzen konnte.
Eine andere Welt eröffnet der Codex Madrid, auch Codex Tro-Cortesianus genannt. Dieses präkolumbianische Maya-Manuskript wurde im 19. Jahrhundert in Spanien bekannt und stammt aus der Zeit vor beziehungsweise um die spanische Eroberung Mittelamerikas. Die wenigen erhaltenen Maya-Codices sind von außerordentlichem Wert, weil ein großer Teil der schriftlichen Überlieferung dieser Kultur verloren ging oder zerstört wurde. Hier begegnet uns eine traurige Seite der Geschichte des Buches. Menschen haben Bücher nicht nur geschrieben und gerettet, sondern auch verbrannt und vernichtet. Herrscher, Eroberer und religiöse Fanatiker glaubten zu verschiedenen Zeiten, sie könnten mit den Büchern auch unerwünschte Ideen auslöschen. Doch oftmals genügte ein einziges erhaltenes Manuskript, damit Jahrhunderte später wenigstens ein Teil dieser untergegangenen Welt wieder sichtbar werden konnte.
Nicht alle alten Bücher beschäftigen sich mit Religion. Der Pseudo-Apuleius Herbarius zeigt, dass Menschen auch medizinisches und naturkundliches Wissen schriftlich bewahrten. Dieses Kräuterbuch wird in die Spätantike beziehungsweise das frühe Mittelalter eingeordnet und enthält Informationen über Pflanzen und ihre medizinische Verwendung. Lange Zeit wurde das Werk mit Apuleius von Madaura verbunden, doch später ging man davon aus, dass mehrere Autoren und ältere Quellen eine Rolle spielten. Solche Bücher erinnern uns daran, dass Bibliotheken niemals ausschließlich aus religiösen Werken bestanden. Menschen wollten wissen, welche Pflanzen heilen, wie Krankheiten behandelt werden können und welche Eigenschaften die Natur besitzt. Auch darin zeigt sich der menschliche Wille zur Erkenntnis.
Eine besondere Stellung nimmt schließlich die Gutenberg-Bibel ein. Sie ist keineswegs das älteste Buch der Welt, doch sie markiert einen Wendepunkt in der europäischen Kulturgeschichte. Um 1455 wurde sie in Mainz mit beweglichen Metalllettern gedruckt. Dadurch konnten Bücher in einer bis dahin kaum vorstellbaren Zahl und Gleichmäßigkeit hergestellt werden. Was zuvor mühsam von Hand abgeschrieben werden musste, konnte nun vervielfältigt werden. Wissen verbreitete sich schneller, Universitäten erhielten mehr Bücher, wissenschaftliche Erkenntnisse konnten leichter ausgetauscht werden und religiöse Texte erreichten immer größere Bevölkerungskreise. Gutenberg veränderte damit nicht lediglich die Herstellung von Büchern. Er veränderte langfristig die Verbreitung von Wissen.
Für den Templer besitzt die Geschichte des geschriebenen Wortes noch eine weitere Bedeutung. Auch der mittelalterliche Templerorden war auf Schrift angewiesen. Ordensregeln, Urkunden, Verträge, Besitzverzeichnisse, päpstliche Schreiben und Korrespondenzen ermöglichten die Verwaltung einer Organisation, die über große Teile Europas und des Mittelmeerraums verstreut war. Gerade die Geschichte der Tempelritter zeigt aber auch, was geschieht, wenn Quellen fehlen oder verlorengehen. Wo Dokumente verschwinden, entstehen Vermutungen. Wo historische Belege fehlen, treten Erzählungen und Legenden an ihre Stelle. Deshalb ist die sorgfältige Bewahrung von Quellen eine Voraussetzung ernsthafter Geschichtsschreibung.
Vielleicht ist am Ende die Frage nach dem ältesten Buch gar nicht die wichtigste. Bedeutender ist die Frage, warum Menschen bestimmte Texte über Jahrhunderte bewahrt haben. Kein Buch übersteht tausend Jahre, weil es einfach irgendwo liegen bleibt. Es muss kopiert, geschützt, transportiert, versteckt, restauriert oder immer wieder neu gebunden werden. Hinter jedem alten Manuskript stehen Generationen von Menschen, die offenbar glaubten, dass diese Worte nicht verloren gehen sollten.
Wir leben heute in einer Zeit, in der mehr geschrieben wird als jemals zuvor. Jeden Tag entstehen unzählige E-Mails, Nachrichten, Kommentare, Bücher und digitale Texte. Noch nie war es so einfach, Worte zu veröffentlichen, und vielleicht war es gerade deshalb noch nie so wichtig, darüber nachzudenken, welche Worte tatsächlich bewahrenswert sind. Nicht die Menge entscheidet über den Wert eines Textes. Entscheidend ist, ob er Wahrheit, Erfahrung, Erkenntnis oder Weisheit weiterzugeben vermag.
Wenn wir vor einem tausend Jahre alten Manuskript stehen, begegnen wir deshalb nicht nur einem alten Gegenstand. Irgendwann saß ein Mensch über diesem Pergament, tauchte seine Feder in Tinte und schrieb einen Satz nieder. Er kannte uns nicht. Er wusste nichts von unserer Welt und konnte sich kaum vorstellen, dass Menschen viele Jahrhunderte später seine Schrift betrachten würden. Dennoch schrieb er weiter. Seine Hand ist längst zu Staub geworden, doch seine Worte sind geblieben.
Darin liegt eines der größten Wunder des Buches: Es erlaubt den Toten, mit den Lebenden zu sprechen. Für einen Templer kann eine Bibliothek deshalb ebenso ein Ort der Besinnung sein wie eine alte Kapelle. Denn zwischen ihren Regalen begegnen wir nicht nur Papier und Einbänden, sondern dem Gedächtnis der Menschheit.

