Die Flucht in die Schwäche
Warum Mitleid allein den Menschen nicht stärker macht
Eine Betrachtung aus der Sicht eines Templers über Selbstmitleid, Überempfindlichkeit, innere Stärke und die Verantwortung, das eigene Leben bewusst zu gestalten.
Wir leben in einer Zeit, in der erstaunlich viele Menschen offenbar verlernt haben, zwischen einem wirklichen Unglück und einer gewöhnlichen Schwierigkeit des Lebens zu unterscheiden. Jede Enttäuschung wird zur persönlichen Katastrophe, jede Kritik zur Kränkung, jeder Widerspruch zum Angriff auf die eigene Persönlichkeit. Anstatt die Ursachen eines Problems nüchtern zu betrachten und nach einer vernünftigen Lösung zu suchen, flüchten sich manche Menschen in Klagen, Selbstmitleid und die Erwartung, von ihrer Umgebung getröstet und bestätigt zu werden. Sie beschäftigen sich so ausführlich mit ihrem Unglück, dass für die Frage, wie dieses Unglück überwunden werden könnte, kaum noch Raum bleibt. Dabei wird häufig übersehen, dass zwischen dem berechtigten Wunsch nach Verständnis und einer dauerhaften Haltung der Hilflosigkeit ein erheblicher Unterschied besteht. Wer leidet, benötigt manchmal Trost. Wer jedoch im Selbstmitleid verharrt, benötigt vor allem die Ermutigung, seine eigenen Kräfte wiederzuentdecken.
Für uns Templer ist diese Beobachtung von besonderer Bedeutung, denn der ritterliche Weg war niemals als Einladung zur Bequemlichkeit gedacht. Er verlangt vom Menschen, sich selbst zu erkennen, seine Gefühle zu beherrschen, seine Gedanken zu ordnen und Verantwortung für sein Handeln zu übernehmen. Ein Ritter, der sich bei jeder Schwierigkeit in Klagen verliert, der bei jedem Widerstand verzweifelt und bei jeder unangenehmen Erfahrung die Schuld ausschließlich bei anderen sucht, hat den eigentlichen Sinn seiner Berufung noch nicht verstanden. Das Templerkreuz ist kein Schmuckstück, mit dem man sich von anderen Menschen abheben möchte. Es ist ein Symbol der Verpflichtung, an sich selbst zu arbeiten und gerade dort Haltung zu zeigen, wo das Leben unbequem wird.
Wir müssen uns allerdings davor hüten, jede Träne als Schwäche und jede Empfindsamkeit als charakterlichen Mangel zu betrachten. Es gibt Menschen, die schwere Verluste erlitten haben, unter Krankheiten leiden, durch persönliche Schicksalsschläge erschüttert wurden oder deren seelische Kräfte vorübergehend erschöpft sind. Solche Menschen verdienen Achtung, Geduld und aufrichtige Unterstützung. Wer ihnen lediglich zuruft, sie sollten sich zusammenreißen, verwechselt Härte mit Stärke. Der wahre Ritter ist kein gefühlloser Mensch. Seine Stärke besteht vielmehr darin, Mitgefühl und Urteilsvermögen miteinander zu verbinden. Er erkennt, wann ein Mensch Schutz benötigt, und ebenso, wann dieser Mensch durch übertriebene Schonung daran gehindert wird, wieder selbstständig zu handeln.
Ein einfaches Beispiel aus dem Alltag kann uns diesen Unterschied verdeutlichen. Ein kleines Kind läuft über einen Weg, stolpert und fällt hin. Für einen Augenblick ist es erschrocken, vielleicht hat es sich auch leicht am Knie verletzt. Es beginnt zu weinen und blickt zu den Erwachsenen, um deren Reaktion wahrzunehmen. Wenn die Mutter oder der Vater nun voller Entsetzen herbeieilt und aus einem kleinen Kratzer ein großes Unglück macht, kann sich die Angst des Kindes verstärken. Bleiben die Erwachsenen hingegen ruhig, betrachten die Verletzung und erklären freundlich, dass der Kratzer versorgt wird und bald wieder verheilt, kann das Kind leichter zu seiner eigenen Ruhe zurückfinden. Natürlich gilt dies nur für harmlose Verletzungen. Ein Kind mit ernsthaften Schmerzen oder einer schwereren Verletzung benötigt medizinische Hilfe und darf nicht einfach zum Weiterspielen aufgefordert werden. Entscheidend ist nicht, das Leid kleinzureden, sondern durch die eigene Haltung Sicherheit zu vermitteln.
Was wir bei Kindern beobachten, begegnet uns in anderer Form auch bei Erwachsenen. Manche Menschen orientieren ihre Einschätzung einer Schwierigkeit stark an den Reaktionen ihrer Umgebung. Wird ihnen ständig bestätigt, wie schrecklich ihre Lage sei, wie ungerecht die Welt mit ihnen umgehe und wie wenig sie selbst daran ändern könnten, kann daraus eine innere Überzeugung entstehen, dem Schicksal hilflos ausgeliefert zu sein. Das ursprüngliche Problem wird dann von einer zweiten Schwierigkeit begleitet: dem Verlust des Vertrauens in die eigene Handlungsfähigkeit. Wer sich ausschließlich als Opfer der Umstände erlebt, wird immer seltener nach Möglichkeiten suchen, seine Situation zu verändern.
Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig. Es gibt Menschen, die tatsächlich Opfer von Gewalt, Betrug, Ausbeutung oder anderen Formen schwerwiegenden Unrechts geworden sind. Ihnen ihre Opfererfahrung abzusprechen oder ihnen die Verantwortung für das erlittene Unrecht zuzuschieben, wäre zutiefst ungerecht. Doch auch bei ihnen kann eine behutsame Unterstützung darauf gerichtet sein, die eigene Handlungsfähigkeit wiederzugewinnen. Das Ziel besteht nicht darin, das erlittene Leid zu bestreiten, sondern zu verhindern, dass es das gesamte zukünftige Leben bestimmt.
Die menschliche Seele besitzt eine bemerkenswerte Fähigkeit, sich an bestimmte Denk- und Verhaltensweisen zu gewöhnen. Wer bei Schwierigkeiten immer wieder sagt, dass ihm ohnehin nichts gelingen werde, dass niemand ihn verstehe und dass sein Leben nur aus Enttäuschungen bestehe, kann mit der Zeit den Blick für seine tatsächlichen Möglichkeiten verlieren. Selbst wenn sich neue Wege eröffnen, werden sie möglicherweise nicht mehr wahrgenommen. Es ist, als hätte der Mensch eine unsichtbare Mauer um seine eigenen Fähigkeiten errichtet. Hinter dieser Mauer fühlt er sich zwar in seiner Enttäuschung bestätigt, aber er verliert zugleich die Freiheit, sein Leben aktiv zu gestalten.
Die alten philosophischen Schulen beschäftigten sich intensiv mit diesem Problem. Besonders die Stoiker lehrten, dass der Mensch zwischen jenen Dingen unterscheiden müsse, die seiner eigenen Entscheidung unterliegen, und jenen, die außerhalb seines Einflusses liegen. Wir können nicht verhindern, dass andere Menschen uns kritisieren, dass Pläne scheitern, dass Krankheiten auftreten oder dass das Leben uns unerwartete Schwierigkeiten bereitet. Wohl aber können wir daran arbeiten, wie wir auf solche Ereignisse antworten. Diese Unterscheidung ist keineswegs eine Aufforderung zur Gefühllosigkeit. Sie ist vielmehr eine Schule der inneren Freiheit. Der Mensch soll nicht von jedem äußeren Ereignis vollständig beherrscht werden, sondern lernen, seine Gedanken und Entscheidungen bewusst zu lenken.
Auch der christliche Rittergedanke enthält diese Forderung nach innerer Festigkeit. Tapferkeit bedeutet nicht nur, einem bewaffneten Gegner gegenüberzutreten. Sie zeigt sich ebenso darin, die Wahrheit über sich selbst zu ertragen, berechtigte Kritik anzunehmen, einen Fehler einzugestehen oder nach einer Niederlage erneut zu beginnen. Der Ritter soll seine Gefühle nicht verleugnen, aber er darf ihnen auch nicht bedingungslos die Herrschaft über sein Leben überlassen. Wer bei jeder Kränkung sofort zornig wird, wer aus jeder Enttäuschung ein persönliches Drama macht oder wer bei jedem Hindernis seine Aufgabe aufgibt, handelt nicht frei. Er wird von seinen augenblicklichen Empfindungen gelenkt.
Gerade darin liegt eines der großen Missverständnisse unserer Gegenwart. Viele Menschen setzen das Recht auf persönliche Empfindungen mit dem Anspruch gleich, dass ihre Umwelt diese Empfindungen jederzeit bestätigen müsse. Selbstverständlich darf ein Mensch traurig, verletzt, enttäuscht oder verärgert sein. Daraus folgt jedoch nicht, dass jede seiner Bewertungen richtig ist und jede Reaktion seiner Mitmenschen sich nach seinem augenblicklichen Gefühl richten muss. Wenn jemand Kritik an unserer Arbeit äußert, sollten wir zunächst prüfen, ob diese Kritik berechtigt ist. Vielleicht enthält sie eine unangenehme Wahrheit, die uns weiterbringen könnte. Wer jede Kritik sofort als persönliche Herabsetzung versteht, beraubt sich einer wichtigen Möglichkeit zur Entwicklung.
Ein Templer sollte deshalb lernen, zwischen seiner Würde als Mensch und der Bewertung seines Handelns zu unterscheiden. Unsere menschliche Würde bleibt bestehen, auch wenn wir Fehler machen. Unsere Entscheidungen und Leistungen hingegen dürfen beurteilt, kritisiert und verbessert werden. Wer diese beiden Ebenen miteinander verwechselt, erlebt jede sachliche Auseinandersetzung als Angriff auf die eigene Existenz. Daraus entsteht eine Überempfindlichkeit, die nicht nur das persönliche Leben erschwert, sondern auch das Zusammenleben mit anderen Menschen belastet.
Besonders problematisch wird diese Haltung, wenn sie innerhalb einer Gemeinschaft zur bestimmenden Umgangsform wird. Stellen wir uns eine Ordensgemeinschaft vor, in der jede Entscheidung sofort persönliche Kränkungen hervorruft, in der niemand mehr auf Versäumnisse hinweisen darf und in der die Mitglieder mehr Zeit damit verbringen, sich gegenseitig ihrer Enttäuschungen zu versichern, als ihre gemeinsamen Aufgaben zu erfüllen. Eine solche Gemeinschaft würde allmählich ihre Handlungsfähigkeit verlieren. Nicht die Größe ihrer Ziele, sondern die Empfindlichkeit ihrer Mitglieder würde ihren Alltag bestimmen. Verantwortung könnte kaum noch eingefordert werden, weil jede berechtigte Erwartung als Zumutung empfunden würde.
Eine ritterliche Gemeinschaft benötigt deshalb Menschen, die zuhören können, ohne sich sofort beleidigt zu fühlen, die widersprechen können, ohne andere herabzusetzen, und die persönliche Schwierigkeiten offen ansprechen, ohne daraus dauerhafte Ansprüche auf Sonderbehandlung abzuleiten. Das bedeutet keineswegs, dass jeder immer gleich belastbar sein muss. Menschen unterscheiden sich in ihren Fähigkeiten, Erfahrungen und Lebensumständen. Gerade deshalb verlangt eine gerechte Gemeinschaft Augenmaß. Sie darf weder den Schwächeren verachten noch die Verantwortungsbereiten ständig überfordern. Ihre Aufgabe besteht darin, die Fähigkeiten jedes Einzelnen zu fördern und ihn dort zu unterstützen, wo er Hilfe benötigt.
Hier berühren wir die vielleicht wichtigste Frage unseres Themas: Was bedeutet es eigentlich, einem Menschen wirklich zu helfen? Besteht Hilfe darin, ihm möglichst häufig zu versichern, wie schwer sein Schicksal sei? Oder besteht sie darin, ihn so zu begleiten, dass er seine eigene Kraft wiederfindet? Die Antwort kann nur lauten, dass beides seinen Platz hat, aber nicht miteinander verwechselt werden darf. Wer gerade einen geliebten Menschen verloren hat, braucht nicht sofort einen Katalog vernünftiger Lösungsvorschläge. Er braucht zunächst einen Menschen, der seine Trauer aushält und ihn nicht allein lässt. Wer hingegen seit Monaten über dieselbe vermeidbare Schwierigkeit klagt, jeden vernünftigen Vorschlag zurückweist und ausschließlich Bestätigung verlangt, benötigt möglicherweise eine andere Form der Unterstützung: eine ehrliche, respektvolle Ermutigung, selbst tätig zu werden.
Mitgefühl besitzt nämlich zwei unterschiedliche Erscheinungsformen. Das eine bleibt beim gemeinsamen Bedauern stehen. Das andere versucht, dem leidenden Menschen einen Weg aus seiner Not zu eröffnen. Beide können in bestimmten Situationen angemessen sein, doch dauerhafte Hilfe darf sich nicht auf bloßes Bedauern beschränken. Sie sollte nach Möglichkeit auch Hoffnung, Orientierung und Selbstständigkeit fördern. Ein Ritter, der einen erschöpften Wanderer am Wegesrand findet, wird ihm zunächst Wasser geben, seine Verletzungen versorgen und ihm Ruhe ermöglichen. Wenn der Wanderer wieder gehen kann, wird er ihn jedoch nicht aus falsch verstandener Fürsorge dauerhaft tragen. Er wird ihm helfen, seine eigenen Schritte wiederzugewinnen.
Diese Vorstellung führt uns unmittelbar zur Selbstverantwortung. Jeder erwachsene Mensch muss im Rahmen seiner tatsächlichen Möglichkeiten lernen, für seine Entscheidungen einzustehen. Es ist leicht, die Ursachen des eigenen Unglücks ausschließlich bei anderen zu suchen. Die Familie war schuld, der Vorgesetzte war ungerecht, die Gesellschaft hat versagt, das Schicksal war grausam. Manchmal treffen solche Feststellungen durchaus zu. Doch selbst dann bleibt die Frage, was wir aus der gegebenen Situation machen können. Die Vergangenheit lässt sich nicht verändern. Unsere Antwort auf sie kann sich dagegen verändern. Wer nur rückwärts blickt, bleibt möglicherweise an Ereignisse gebunden, über die er keine Macht mehr besitzt. Wer nach vorne blickt, entdeckt vielleicht Handlungsmöglichkeiten, die bisher verborgen geblieben sind.
Die Bereitschaft zur Selbstprüfung ist dabei eine der schwierigsten ritterlichen Tugenden. Wir Menschen besitzen eine ausgeprägte Neigung, unsere eigenen Fehler zu entschuldigen und jene der anderen besonders deutlich zu erkennen. Misslingt uns etwas, finden wir rasch Gründe, weshalb die Umstände ungünstig waren. Misslingt dasselbe einem anderen, sprechen wir leichtfertig von mangelnder Fähigkeit oder fehlendem Willen. Ein wahrhaft gerechter Mensch muss sich jedoch um denselben Maßstab für sich selbst und seine Mitmenschen bemühen. Er darf sich nicht durch ständige Selbstanklagen lähmen, aber ebenso wenig durch immer neue Entschuldigungen der Verantwortung entziehen.
Es wäre allerdings ebenso falsch, aus diesem Gedanken eine Verherrlichung von Härte abzuleiten. Menschen sind keine Maschinen. Niemand kann jederzeit stark, vernünftig und leistungsfähig sein. Krankheit, Erschöpfung, Trauer oder seelische Krisen können unsere Möglichkeiten zeitweise erheblich einschränken. Wer unter einer ernsthaften Depression, einer Angststörung oder den Folgen eines traumatischen Erlebnisses leidet, benötigt möglicherweise professionelle Hilfe und nicht bloß den gut gemeinten Hinweis, positiver zu denken. Solche Zustände dürfen nicht als moralisches Versagen ausgelegt werden. Gerade hier muss der ritterliche Gedanke des Schutzes der Schwächeren seinen praktischen Ausdruck finden.
Die wahre Kunst liegt somit in der Verbindung von Herzenswärme und geistiger Klarheit. Wir sollen nicht kalt werden, aber wir dürfen uns auch nicht von jeder Gefühlsregung leiten lassen. Wir sollen Mitgefühl zeigen, aber den anderen Menschen nicht durch unsere Fürsorge entmündigen. Wir sollen Trost geben, aber auch den Mut besitzen, unbequeme Wahrheiten auszusprechen. Wir sollen Verständnis für Schwierigkeiten haben, ohne jede Untätigkeit für unvermeidlich zu erklären. Diese Haltung verlangt wesentlich mehr menschliche Reife als entweder rücksichtslose Härte oder grenzenlose Nachgiebigkeit.
Auch im eigenen Leben können wir diesen Grundsatz täglich einüben. Wenn uns etwas misslingt, sollten wir zunächst versuchen, das Ereignis ohne übertriebene Selbstvorwürfe zu betrachten. Was ist tatsächlich geschehen? Welche Ursachen lassen sich erkennen? Was lag in unserer Verantwortung, und was konnten wir nicht beeinflussen? Welche Möglichkeiten stehen uns jetzt offen? Schon diese einfachen Fragen können helfen, aus einer rein gefühlsbestimmten Reaktion zu einer überlegten Handlung zu gelangen. Sie verwandeln ein Problem nicht automatisch in eine Lösung, aber sie ermöglichen den ersten Schritt.
Vielleicht ist dies überhaupt das entscheidende Merkmal innerer Stärke: nicht die Abwesenheit von Angst, Schmerz oder Enttäuschung, sondern die Fähigkeit, trotz solcher Empfindungen handlungsfähig zu bleiben. Ein mutiger Mensch darf Angst haben. Ein standhafter Mensch darf traurig sein. Ein verantwortungsbewusster Mensch darf um Hilfe bitten. Entscheidend ist, dass diese Gefühle und Bedürfnisse nicht zur einzigen Grundlage seiner Entscheidungen werden. Stärke zeigt sich nicht darin, niemals zu fallen, sondern darin, nach Möglichkeit wieder aufzustehen und aus dem Erlebten zu lernen.
Die Geschichte des mittelalterlichen Templerordens bietet uns dafür ein eindrucksvolles Sinnbild. Seine Ritter lebten in einer Welt, die von Unsicherheit, Krankheiten, militärischen Niederlagen und persönlicher Entbehrung geprägt war. Ihr Leben war keineswegs eine ununterbrochene Folge ruhmreicher Siege. Sie mussten Rückschläge ertragen, Verluste hinnehmen und unter schwierigen Bedingungen ihren Dienst fortsetzen. Nicht jeder Templer entsprach dabei dem Ideal des mutigen und selbstlosen Ritters. Auch unter ihnen gab es Furcht, Eitelkeit, Fehler und menschliche Schwächen. Doch das Ideal, dem sie verpflichtet waren, verlangte, die persönliche Bequemlichkeit einer größeren Aufgabe unterzuordnen.
Für den modernen Templer bedeutet dies selbstverständlich nicht, mittelalterliche Kriegsführung oder blinden Gehorsam nachzuahmen. Unsere Herausforderungen liegen heute auf anderen Gebieten. Wir müssen uns in einer unübersichtlichen Welt orientieren, Wahrheit von Täuschung unterscheiden, Verantwortung für unsere Gemeinschaft übernehmen und mit den unvermeidlichen Schwierigkeiten des Lebens umgehen. Gerade dabei benötigen wir jene Eigenschaften, die im ritterlichen Denken seit Jahrhunderten geschätzt werden: Besonnenheit, Tapferkeit, Selbstbeherrschung, Gerechtigkeit und Treue zu übernommenen Verpflichtungen.
Ein Orden, der diese Eigenschaften ernst nimmt, darf seinen Mitgliedern nicht ausschließlich angenehme Gedanken vermitteln. Geistige Bildung besteht nicht darin, dass wir nur hören, was unsere bisherigen Ansichten bestätigt. Wirkliches Lernen beginnt häufig dort, wo wir aufgefordert werden, vertraute Vorstellungen zu überprüfen. Manchmal müssen wir erkennen, dass wir uns geirrt haben. Manchmal müssen wir eine Entscheidung zurücknehmen, eine Entschuldigung aussprechen oder eine unbequeme Pflicht erfüllen. Wer solche Erfahrungen grundsätzlich vermeiden möchte, wird nur schwer zu innerer Reife gelangen.
Wir sollten deshalb auch unseren Umgang mit anderen Menschen bewusster gestalten. Wenn jemand über Schwierigkeiten klagt, müssen wir nicht sofort eine Lösung präsentieren. Zunächst sollten wir zuhören und verstehen, worin das Problem tatsächlich besteht. Anschließend können wir gemeinsam überlegen, welche Schritte möglich sind. Statt immer nur zu sagen: „Wie schrecklich, was dir widerfahren ist“, könnten wir auch fragen: „Was würde dir jetzt wirklich helfen? Welche Möglichkeiten siehst du selbst? Was können wir gemeinsam verändern?“ Solche Fragen vermitteln nicht weniger Mitgefühl. Sie nehmen den anderen vielmehr als einen Menschen ernst, der nicht nur leiden, sondern auch handeln und entscheiden kann.
Dabei sollten wir niemals vergessen, dass manche Menschen bereits ihre ganze Kraft aufbringen müssen, um den Alltag zu bewältigen. Was für den einen eine Kleinigkeit ist, kann für den anderen eine erhebliche Belastung darstellen. Auch das gehört zum ritterlichen Urteilsvermögen: nicht vorschnell über fremdes Leid zu urteilen. Ein Mensch kann äußerlich ruhig erscheinen und innerlich verzweifelt sein. Ein anderer kann laut klagen und dennoch genügend Kräfte besitzen, um seine Lage zu verändern. Wir erkennen den wirklichen Zustand eines Menschen nicht allein an der Zahl seiner Tränen oder der Stärke seiner Worte.
Unsere Kritik sollte sich daher nicht gegen empfindsame Menschen richten, sondern gegen eine Haltung, die jede persönliche Entwicklung durch dauerhafte Selbstentmutigung verhindert. Sensibilität kann eine wertvolle Eigenschaft sein. Sie ermöglicht Einfühlungsvermögen, Aufmerksamkeit und die Fähigkeit, das Leid anderer wahrzunehmen. Erst wenn Empfindlichkeit jede sachliche Auseinandersetzung unmöglich macht oder dazu führt, dass der Mensch seine eigene Verantwortung vollständig aufgibt, wird sie zum Hindernis. Ebenso kann Selbstmitleid gelegentlich ein verständlicher Ausdruck von Erschöpfung sein. Problematisch wird es, wenn es zum dauerhaften Ersatz für eigenes Handeln wird.
Der ritterliche Weg verlangt deshalb eine besondere Form von Wahrhaftigkeit. Wir sollen die Wirklichkeit weder dramatisieren noch beschönigen. Ein kleiner Rückschlag ist keine Lebenskatastrophe, aber ein schwerer Schicksalsschlag lässt sich auch nicht durch ein paar aufmunternde Worte beseitigen. Wer diese Unterschiede erkennt, besitzt jene Urteilskraft, die für ein verantwortungsbewusstes Leben unverzichtbar ist. Er kann freundlich sein, ohne unehrlich zu werden, und entschieden handeln, ohne grausam zu sein.
Vielleicht sollten wir uns selbst häufiger fragen, welche Art von Unterstützung wir von unseren Mitmenschen erwarten. Wünschen wir uns ausschließlich Zustimmung, oder sind wir bereit, auch eine unbequeme Wahrheit anzuhören? Suchen wir nach Menschen, die uns in jeder Beschwerde bestätigen, oder nach solchen, die uns helfen, unsere Möglichkeiten zu erkennen? Und wie verhalten wir uns selbst, wenn andere Schwierigkeiten haben? Bestärken wir sie unbewusst in ihrer Hilflosigkeit, weil wir einen unangenehmen Widerspruch vermeiden möchten? Oder besitzen wir die Geduld und den Mut, sie auf ihrem Weg zu größerer Selbstständigkeit zu begleiten?
Aus der Sicht eines Templers darf die Antwort weder in kalter Strenge noch in unbegrenzter Nachgiebigkeit liegen. Wir brauchen Menschen, die das Leid anderer ernst nehmen, aber nicht jede Klage zur endgültigen Wahrheit erklären. Wir brauchen Gemeinschaften, in denen Trost möglich ist, ohne dass Selbstverantwortung verloren geht. Wir brauchen Erziehung, die Kindern Sicherheit und Geborgenheit gibt und zugleich ihr Vertrauen in die eigenen Fähigkeiten stärkt. Und wir brauchen Erwachsene, die nicht bei jeder Schwierigkeit nach einem Schuldigen suchen, sondern sich fragen, welchen Beitrag sie selbst zur Verbesserung ihrer Lage leisten können.
Am Ende entscheidet nicht, wie oft wir im Leben gefallen sind, sondern welche Haltung wir gegenüber unseren Erfahrungen entwickeln. Niemand wird von Schwierigkeiten verschont. Niemand besitzt eine Garantie auf Glück, Gesundheit oder Anerkennung. Doch jeder Mensch kann, soweit es seine Kräfte und Umstände zulassen, daran arbeiten, sein Leben nicht ausschließlich von äußeren Ereignissen bestimmen zu lassen. Diese innere Arbeit ist mühsam. Sie verlangt Geduld, Selbstbeobachtung und gelegentlich den Mut, lieb gewonnene Entschuldigungen aufzugeben. Gerade deshalb ist sie ein wesentlicher Bestandteil echter Persönlichkeitsbildung.
Für uns Templer sollte daraus eine klare Verpflichtung entstehen. Wir wollen weder eine Gemeinschaft der Gefühllosen noch eine Gemeinschaft der dauerhaft Hilflosen sein. Wir wollen lernen, Leiden zu erkennen, ohne es unnötig zu vergrößern, Schwierigkeiten zu benennen, ohne an ihnen zu verzweifeln, und Verantwortung zu übernehmen, ohne die Grenzen menschlicher Belastbarkeit zu missachten. Wir wollen jenen beistehen, die unsere Hilfe benötigen, und zugleich ihre eigene Würde, Freiheit und Entscheidungsfähigkeit achten.
Denn wahre Nächstenliebe bedeutet nicht, den Menschen für immer in seiner Schwäche festzuhalten. Sie bedeutet, ihm dort Halt zu geben, wo er allein nicht stehen kann, und ihm dort Vertrauen entgegenzubringen, wo er wieder auf eigenen Füßen stehen lernen möchte. Ein guter Ritter reicht dem Gefallenen die Hand. Er macht ihm keine Vorwürfe für seinen Sturz, aber er vermittelt ihm auch nicht, dass er niemals wieder gehen könne.
Der wahre Templer erkennt die Schwäche des Menschen, ohne sie zu verachten. Er fördert seine Stärke, ohne sein Leid zu leugnen. Denn Ritterlichkeit bedeutet nicht, ein hartes Herz zu besitzen, sondern ein standhaftes Herz, das Mitgefühl mit Vernunft und Nächstenliebe mit Verantwortung verbindet.
