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Die Verwandlung der Materie

 Warum unsere Verantwortung über den Tod hinausreicht

Eine Betrachtung aus der Sicht eines Templers über die vier Elemente, die geheimnisvolle Metamorphose des Lebens, das geistige Erbe des Menschen und die Verantwortung gegenüber der Schöpfung.

Der Mensch ist gewohnt, sein Leben als eine begrenzte Zeitspanne zu betrachten, die mit der Geburt beginnt und mit dem Tod endet. Dazwischen liegen seine Gedanken, Gefühle, Entscheidungen, Handlungen, Hoffnungen und Enttäuschungen. Er arbeitet, liebt, leidet, kämpft und versucht, seinem Dasein einen Sinn zu geben. Doch bei dieser Betrachtung übersehen wir eine grundlegende Wahrheit: Nichts von dem, was wir sind, besteht unabhängig von der großen Ordnung der Natur. Unser Körper, unsere Nahrung, unsere Atemluft und sämtliche materiellen Voraussetzungen unseres Lebens sind Teil eines unaufhörlichen Kreislaufs von Umwandlungen. Was heute zu uns gehört, war gestern Bestandteil anderer Lebensformen und wird morgen in neuen Zusammenhängen weiterbestehen. Unser Leben ist daher nicht nur eine persönliche Geschichte, sondern zugleich ein vorübergehender Abschnitt innerhalb einer gewaltigen, seit Milliarden Jahren andauernden Verwandlung der Materie.

Schon die einfachsten Vorgänge unseres Körpers machen uns diese Wahrheit bewusst. Mit jedem Atemzug nehmen wir Sauerstoff aus unserer Umgebung auf und geben Kohlendioxid und Wasserdampf wieder ab. Die Nahrung, die wir zu uns nehmen, wird durch komplizierte biologische Prozesse zerlegt, umgewandelt und zum Aufbau unserer Zellen verwendet. Was wir nicht benötigen, scheiden wir wieder aus. Unser Körper ist kein unveränderliches Gebilde, sondern ein lebendiger Organismus, dessen Bestandteile fortwährend ausgetauscht, erneuert und umgestaltet werden. Wir erscheinen uns als dieselben Menschen, die wir gestern waren, und doch verändert sich die materielle Grundlage unseres Daseins unaufhörlich. Selbst während wir schlafen, werden alte Zellen abgebaut, neue Verbindungen hergestellt und jene Stoffwechselvorgänge fortgesetzt, ohne die unser Leben innerhalb kürzester Zeit erlöschen würde.

Was die moderne Naturwissenschaft als Stoffwechsel, chemische Reaktion und biologische Erneuerung beschreibt, wurde in früheren Jahrhunderten durch die Sprache der vier Elemente und der Alchemie zu verstehen versucht. Erde, Wasser, Luft und Feuer galten den alten Denkern als grundlegende Kräfte der sichtbaren Welt. Sie standen nicht nur für bestimmte Stoffe, sondern auch für Eigenschaften und Vorgänge: Erde für Festigkeit und Beständigkeit, Wasser für Beweglichkeit und Verbindung, Luft für Austausch und geistige Weite, Feuer für Wärme, Energie und Verwandlung. Die heutige Wissenschaft erkennt diese vier Elemente nicht mehr als chemische Grundstoffe an. Dennoch besitzen sie als Sinnbilder eine bemerkenswerte Aussagekraft, denn sie führen uns vor Augen, dass alles Lebendige auf einem ständigen Zusammenwirken unterschiedlicher Kräfte beruht.

Für einen Templer, der sich nicht nur mit der äußeren Geschichte seines Ordens, sondern auch mit den geistigen Fragen des Daseins beschäftigt, eröffnet sich hier ein bedeutsamer Zusammenhang. Die mittelalterlichen Tempelritter lebten in einer Epoche, in der Theologie, Naturphilosophie, Medizin und die frühen Formen der Alchemie vielfach miteinander verbunden waren. Daraus folgt nicht, dass der historische Templerorden nachweislich über eine besondere geheime Wissenschaft der Materieverwandlung verfügt hätte. Die späteren Legenden über alchemistische Templer und verborgenes Wissen sind von den gesicherten historischen Tatsachen zu unterscheiden. Gleichwohl kann die alchemistische Symbolsprache für den heutigen Templer zu einem wertvollen Werkzeug der geistigen Betrachtung werden. Denn ihr eigentlich faszinierender Gedanke besteht darin, dass Verwandlung nicht nur ein Vorgang der äußeren Natur ist, sondern auch als Sinnbild für die Entwicklung des Menschen verstanden werden kann.

Die Alchemisten suchten nach Verfahren, um unedle Stoffe in edlere umzuwandeln. Besonders bekannt wurde die Vorstellung, aus gewöhnlichen Metallen Gold herstellen zu können. In späteren esoterischen Deutungen erhielt dieses Streben jedoch eine tiefere Bedeutung. Das unedle Metall wurde zum Symbol des noch ungeformten Menschen, während das Gold für einen Zustand geistiger Reinheit, Erkenntnis und innerer Vollkommenheit stand. Der alchemistische Ofen erschien nun nicht mehr ausschließlich als Werkzeug zur Bearbeitung von Stoffen, sondern als Sinnbild jener Erfahrungen, durch die der Mensch geprüft, geläutert und verwandelt wird. Enttäuschungen, Versuchungen, Leiden und schwierige Entscheidungen konnten in dieser Deutung zu jenem inneren Feuer werden, das den Menschen entweder zerstört oder zu größerer Reife führt.

Gerade in diesem Zusammenhang erhält die Vorstellung von den vier Elementen eine besondere Tiefe. Die Erde erinnert uns daran, dass wir einen Körper besitzen, der den Gesetzen der Natur unterliegt und eines Tages wieder zerfallen wird. Das Wasser versinnbildlicht die Strömungen unserer Gefühle, die unser Denken und Handeln beeinflussen. Die Luft steht für den Geist, die Gedanken und das Wort, durch das wir mit anderen Menschen in Verbindung treten. Das Feuer schließlich symbolisiert unseren Willen, unsere Leidenschaften und jene schöpferische Kraft, mit der wir unsere Umwelt gestalten. Ein ungeordneter Mensch wird von diesen Kräften beherrscht. Ein Mensch, der sich um geistige Reife bemüht, versucht dagegen, sie in ein harmonisches Verhältnis zu bringen.

Wir können diese Vorstellung auf nahezu jede Handlung unseres täglichen Lebens übertragen. Wenn wir arbeiten, verändern wir Materie. Der Handwerker verwandelt Holz in ein Möbelstück, der Landwirt den Boden in eine Grundlage für neue Nahrung, der Baumeister Steine und andere Baustoffe in ein Haus. Selbst scheinbar unsichtbare Tätigkeiten besitzen materielle Folgen. Wer spricht, erzeugt Schwingungen der Luft, die von anderen Menschen wahrgenommen werden. Wer schreibt, verändert Zeichen auf Papier oder elektronische Zustände in einem technischen System. Wer einen Gedanken in eine Handlung umsetzt, verändert damit die Welt, wenn auch manchmal nur in einem sehr kleinen Umfang. Unser Dasein besteht somit aus einer ununterbrochenen Folge von Einwirkungen auf die materielle Wirklichkeit.

Doch die entscheidende Frage lautet nicht allein, was wir verändern, sondern auf welche Weise wir dies tun. Dieselben menschlichen Fähigkeiten können zum Aufbau oder zur Zerstörung verwendet werden. Mit unseren Händen können wir einen Verwundeten versorgen oder einem Unschuldigen Gewalt antun. Mit unserer Sprache können wir Menschen ermutigen oder sie demütigen. Unser Verstand kann dazu dienen, Krankheiten zu bekämpfen, Wissen zu verbreiten und gerechte Einrichtungen zu schaffen. Er kann aber ebenso für Betrug, Unterdrückung und die Entwicklung immer wirksamerer Zerstörungsmittel eingesetzt werden. Die äußere Fähigkeit zur Verwandlung ist daher für sich genommen weder gut noch böse. Ihre moralische Bedeutung entsteht aus den Absichten, Entscheidungen und Folgen unseres Handelns.

Hier beginnt jene Verantwortung, die im Mittelpunkt einer ernsthaften ritterlichen Lebensführung stehen sollte. Wir Templer tragen das Kreuz nicht allein als Zeichen einer historischen Zugehörigkeit. Es erinnert uns an die Verpflichtung, unsere Kräfte in den Dienst dessen zu stellen, was wir als wahr, gerecht und gut erkennen. Wer die Welt durch seine Handlungen unaufhörlich verändert, kann sich nicht damit entschuldigen, dass seine einzelnen Beiträge unbedeutend seien. Auch kleine Handlungen können größere Entwicklungen auslösen. Ein freundliches Wort kann einem verzweifelten Menschen neuen Mut geben. Eine gewissenhafte Entscheidung kann späteres Unrecht verhindern. Eine achtlos ausgesprochene Verleumdung kann dagegen das Leben eines anderen Menschen für lange Zeit belasten. Wir wissen nur selten, wie weit die Folgen unseres Handelns tatsächlich reichen.

Besonders eindrucksvoll zeigt sich dieser Zusammenhang, wenn wir den Tod betrachten. Der menschliche Körper, der während unseres Lebens eine erstaunlich geordnete Einheit gebildet hat, verliert mit dem Ende seiner biologischen Funktionen die Fähigkeit, diese Ordnung aufrechtzuerhalten. Die Stoffe, aus denen er besteht, bleiben jedoch nicht für immer in ihrer bisherigen Verbindung. Sie gelangen durch natürliche Zersetzungsprozesse oder durch Feuerbestattung in andere chemische und physikalische Zustände. Kohlenstoff, Sauerstoff, Wasserstoff, Stickstoff, Kalzium und zahlreiche weitere Bestandteile treten in neue Kreisläufe ein. Aus den Stoffen, die einst zu einem lebenden Menschen gehörten, können unter geeigneten Bedingungen Bestandteile des Bodens, des Wassers, der Atmosphäre und anderer Organismen werden.

Der Tod bedeutet somit das Ende unseres Körpers als lebendige, zusammenhängende Einheit, aber nicht das Verschwinden der Materie, aus der er gebildet war. In der symbolischen Sprache der alten Naturphilosophie kehren wir zu Erde, Wasser, Luft und Feuer zurück. Wissenschaftlich genauer wäre zu sagen, dass die chemischen Bestandteile unseres Körpers in die natürlichen Stoffkreisläufe übergehen und dass die in ihm gespeicherte Energie in andere Formen umgewandelt wird. Beide Betrachtungsweisen beschreiben unterschiedliche Ebenen derselben grundlegenden Erfahrung: Der Mensch ist kein von der Natur getrenntes Wesen. Er ist aus ihr hervorgegangen, lebt durch ihren ständigen Austausch und gibt seine materiellen Bestandteile schließlich wieder an sie zurück.

Doch damit ist die tiefere Frage noch nicht beantwortet. Wenn unsere Materie nach dem Tod weiterbesteht, was geschieht dann mit dem Einfluss, den wir während unseres Lebens auf sie und auf unsere Mitmenschen ausgeübt haben? In manchen esoterischen Traditionen wird angenommen, dass Gedanken, Gefühle und Handlungen bestimmte Schwingungen hinterlassen, die sich der Materie einprägen. Lichtvolle Gedanken sollen demnach eine harmonisierende Wirkung besitzen, während Hass, Neid und zerstörerische Absichten mit niederen Schwingungen verbunden werden. Solche Vorstellungen gehören zum Bereich spiritueller und symbolischer Weltdeutungen. Wissenschaftlich ist nicht nachgewiesen, dass moralische Eigenschaften wie Güte oder Bosheit als bleibende energetische Ladung in den Atomen eines Menschen gespeichert werden oder nach seinem Tod über deren weitere Verwendung entscheiden.

Dennoch wäre es voreilig, die hinter dieser Vorstellung liegende moralische Frage deshalb als bedeutungslos abzutun. Denn selbst wenn die Atome unseres Körpers keine nachweisbaren Erinnerungen an unsere Tugenden oder Verfehlungen besitzen, hinterlassen wir unbestreitbar Wirkungen in der Welt. Unsere Taten verändern die Lebensbedingungen anderer Menschen. Unsere Worte prägen Erinnerungen, Einstellungen und Entscheidungen. Unsere Arbeit kann Einrichtungen schaffen, die uns überdauern. Unsere Versäumnisse können Belastungen hinterlassen, mit denen sich spätere Generationen beschäftigen müssen. Was wir im Leben an Gutem oder Schlechtem bewirken, endet daher nicht notwendig mit unserem letzten Atemzug.

Ein Mensch, der einen Baum pflanzt, verändert die Welt über seine eigene Lebenszeit hinaus. Vielleicht wird dieser Baum noch Schatten spenden, wenn derjenige, der ihn gepflanzt hat, längst verstorben ist. Ein Lehrer, der seinen Schülern Wissen, Selbstständigkeit und Verantwortungsbewusstsein vermittelt, beeinflusst möglicherweise Menschen, denen er selbst niemals begegnen wird. Ein Vater oder eine Mutter kann durch liebevolle Erziehung Werte weitergeben, die noch in späteren Generationen fortleben. Ebenso können Gewalt, Lieblosigkeit, Betrug und Hass Wirkungen hervorrufen, die weit über das Leben ihrer Urheber hinausreichen. Familienkonflikte können über Generationen weiterwirken, zerstörte Landschaften Jahrzehnte zur Erholung benötigen und politische Entscheidungen das Schicksal unzähliger Menschen beeinflussen.

Wenn wir also davon sprechen, dass wir für die Materie verantwortlich sind, die wir nach unserem Tod hinterlassen, können wir dies auf zweierlei Weise verstehen. In einer spirituellen Deutung sehen wir darin die Vorstellung, dass unser innerer Zustand mit der gesamten Schöpfung verbunden ist. In einer unmittelbar nachvollziehbaren ethischen Deutung erkennen wir die Verantwortung für die materiellen und menschlichen Folgen unseres Lebens. Beide Betrachtungsweisen führen uns zu der Aufforderung, nicht nur an den augenblicklichen Nutzen unserer Handlungen zu denken, sondern auch an ihre langfristigen Wirkungen.

Gerade die heutige Zeit macht diese Verantwortung besonders deutlich. Noch niemals zuvor hatte die Menschheit so weitreichende Möglichkeiten, die materielle Welt zu verändern. Wir können gewaltige Landschaften umgestalten, Flüsse regulieren, Wälder vernichten oder wieder aufforsten, Krankheiten behandeln und technische Systeme schaffen, die das Leben von Millionen Menschen beeinflussen. Zugleich produzieren wir Stoffe und Abfälle, deren Folgen noch lange nach unserem Tod bestehen können. Manche Umweltbelastungen werden erst kommenden Generationen ihre volle Wirkung zeigen. Wer sich bewusst macht, dass die Erde nicht unser persönlicher Besitz, sondern die Lebensgrundlage zahlloser anderer Wesen ist, erkennt darin eine Verpflichtung, die weit über die eigene Lebenszeit hinausreicht.

Für einen modernen Templer ergibt sich daraus eine Erweiterung des traditionellen Verständnisses von Ritterlichkeit. Der mittelalterliche Ritter wurde vor allem danach beurteilt, ob er seinen Verpflichtungen gegenüber seinem Herrn, seinem Glauben und seiner Gemeinschaft nachkam. Der heutige Ritter muss seine Verantwortung weiter fassen. Er trägt Verantwortung gegenüber seinen Mitmenschen, gegenüber der Wahrheit, gegenüber der Natur und gegenüber jenen Generationen, die noch nicht geboren sind. Seine Aufgabe besteht nicht darin, über andere zu herrschen, sondern mit den ihm anvertrauten Kräften sorgsam umzugehen. Das gilt für materielle Güter ebenso wie für Wissen, Einfluss und persönliche Autorität.

Auch die christliche Vorstellung von der Schöpfung kann uns bei dieser Betrachtung leiten. Nach biblischem Verständnis ist der Mensch Teil einer Welt, deren Ursprung nicht in seiner eigenen Macht liegt. Er hat sich nicht selbst erschaffen und kann auch die grundlegenden Bedingungen seines Daseins nicht nach Belieben bestimmen. Sein Leben erscheint vielmehr als eine Gabe, mit der er verantwortlich umgehen soll. Die Erde, ihre Lebewesen und ihre natürlichen Grundlagen sind ihm nicht einfach zur grenzenlosen Ausbeutung überlassen. Der Gedanke der Bewahrung der Schöpfung erinnert daran, dass der Mensch seine Fähigkeiten nicht nur für sich selbst einsetzen darf.

Der christliche Glaube fügt der materiellen Betrachtung des Todes noch eine weitere Dimension hinzu. Während der Körper vergeht, richtet sich die Hoffnung auf eine Wirklichkeit, die nicht auf den Zerfall biologischer Strukturen beschränkt ist. Die christliche Auferstehungshoffnung ist dabei nicht mit der Vorstellung gleichzusetzen, dass sich die Atome des Verstorbenen aufgrund seiner moralischen Schwingungen zu höheren oder niederen Lebensformen verbinden. Sie gründet vielmehr im Vertrauen auf Gott und auf die Möglichkeit eines Lebens, das über den irdischen Tod hinausreicht. Ob und wie geistiges Bewusstsein unabhängig vom Körper fortbestehen kann, ist keine Frage, die sich mit den Mitteln der heutigen Naturwissenschaft abschließend beantworten lässt. Der Glaube bietet hier eine religiöse Deutung, keine experimentell gesicherte Beschreibung materieller Vorgänge.

Für den Templer sollte es deshalb nicht entscheidend sein, jede spirituelle Überlieferung als naturwissenschaftliche Tatsache auszugeben. Viel wichtiger ist es, ihren möglichen geistigen Gehalt zu erkennen und verantwortungsvoll einzuordnen. Die Vorstellung, dass wir unsere Materie mit Licht oder Dunkelheit erfüllen, kann als eindringliches Bild für die moralische Qualität unseres Lebens verstanden werden. Licht steht dabei für Erkenntnis, Wahrhaftigkeit, Liebe und Güte. Dunkelheit bezeichnet Unwissenheit, Hass, Grausamkeit und die bewusste Verweigerung menschlicher Verantwortung. Diese Begriffe beschreiben keine messbaren Eigenschaften unserer Atome, sondern Zustände und Haltungen, durch die wir unser eigenes Leben und das Leben anderer prägen.

Dabei dürfen wir nicht vergessen, dass niemand ausschließlich aus Licht oder Dunkelheit besteht. Jeder Mensch besitzt Stärken und Schwächen, edle Absichten und widersprüchliche Bedürfnisse. Wir alle haben Entscheidungen getroffen, die wir später bereuten. Wir haben Menschen verletzt, obwohl wir es vielleicht nicht beabsichtigten, und wir haben Gelegenheiten versäumt, Gutes zu tun. Der ritterliche Weg verlangt keine Behauptung persönlicher Vollkommenheit. Er verlangt vielmehr die Bereitschaft, die eigenen Unvollkommenheiten zu erkennen und an ihrer Überwindung zu arbeiten. In der alchemistischen Bildsprache könnte man sagen, dass der Mensch während seines gesamten Lebens an der Veredelung seiner eigenen Natur arbeitet.

Diese Veredelung beginnt jedoch nicht mit außergewöhnlichen Ritualen oder geheimnisvollen Formeln. Sie beginnt im Alltag. Sie zeigt sich darin, wie wir mit einem Menschen sprechen, der unsere Hilfe benötigt, wie wir auf eine berechtigte Kritik reagieren, ob wir unsere Versprechen halten und ob wir bereit sind, für eigene Fehler einzustehen. Sie zeigt sich auch darin, wie wir mit Geld, Besitz und Macht umgehen. Wer Reichtum besitzt, kann damit ausschließlich seinen persönlichen Einfluss vergrößern oder einen Teil davon in Bildung, Wohltätigkeit und dauerhafte Einrichtungen investieren. Wer Wissen besitzt, kann es als Mittel der Überlegenheit betrachten oder es weitergeben. Wer eine Führungsposition innehat, kann andere Menschen abhängig machen oder sie befähigen, selbst Verantwortung zu übernehmen.

Gerade für die Führung einer Ordensgemeinschaft besitzen diese Fragen eine besondere Bedeutung. Ein Großmeister mag über viele Jahre hinweg Entscheidungen treffen, Mitglieder ausbilden, Texte verfassen, Rituale gestalten und organisatorische Strukturen aufbauen. Doch eines Tages wird auch seine persönliche Tätigkeit enden. Dann zeigt sich, was von seinem Wirken Bestand hat. Hat er eine Gemeinschaft hinterlassen, die ohne seine ständige Anwesenheit weiterarbeiten kann? Hat er Menschen herangebildet, die selbstständig denken und verantwortungsvoll entscheiden? Hat er Wissen geordnet und zugänglich gemacht oder durch übertriebene Geheimhaltung an seine Person gebunden? Hat er ein Werk geschaffen, das nach seinem Tod weiterlebt, oder lediglich eine Einrichtung, die mit ihm verschwindet?

Diese Fragen gelten nicht nur für Großmeister, geistliche Lehrer oder andere Führungspersönlichkeiten. Jeder Mensch hinterlässt in irgendeiner Form ein Erbe. Es kann in Besitz und Vermögen bestehen, aber ebenso in Erinnerungen, Erfahrungen, Freundschaften, Kindern, Schülern, Büchern oder vollbrachten Werken. Manchmal ist dieses Erbe äußerlich unscheinbar und dennoch von unschätzbarem Wert. Ein Mensch, der niemals ein öffentliches Amt bekleidet und keine großen materiellen Güter besessen hat, kann durch seine Güte das Leben vieler anderer Menschen nachhaltig bereichert haben. Ein anderer mag zahlreiche Titel und Auszeichnungen gesammelt haben und dennoch kaum etwas hinterlassen, das über sein eigenes Ansehen hinaus Bedeutung besitzt.

Daraus ergibt sich eine entscheidende Erkenntnis: Nicht die Länge unseres Lebens allein bestimmt seinen Wert, sondern auch die Art, wie wir die uns gegebene Zeit verwenden. Ein langes Leben kann reich an Erfahrungen und guten Taten sein, aber es kann ebenso in Gleichgültigkeit und Selbstbezogenheit verstreichen. Ein kürzeres Leben kann dagegen Spuren hinterlassen, die noch Jahrhunderte sichtbar bleiben. Diese Feststellung soll keineswegs den Wert eines Menschen an seiner Leistung messen. Menschliche Würde hängt nicht davon ab, wie viel jemand geschaffen oder erreicht hat. Sie erinnert uns vielmehr daran, dass unsere Zeit begrenzt ist und dass wir deshalb bewusst entscheiden sollten, wofür wir sie einsetzen.

Die Beschäftigung mit dem Tod kann uns auf diese Weise zu größerer Klarheit im Leben führen. Solange wir den Tod als ein fernes Ereignis betrachten, neigen wir dazu, wichtige Entscheidungen aufzuschieben. Wir glauben, später werde noch genügend Zeit sein, um einen Streit zu beenden, einen Fehler wiedergutzumachen, ein begonnenes Werk abzuschließen oder einem geliebten Menschen unsere Zuneigung zu zeigen. Doch die Zukunft ist uns nicht garantiert. Gerade deshalb sollten wir lernen, das Wesentliche nicht ständig auf morgen zu verschieben. Ein versöhnendes Wort, das heute gesprochen wird, kann morgen bereits unmöglich geworden sein. Eine Aufgabe, die wir heute ordnen, kann später anderen Menschen erhebliche Schwierigkeiten ersparen.

Der ritterliche Gedanke des Memento mori, der Erinnerung an die eigene Sterblichkeit, besitzt hier eine tiefere Bedeutung. Er soll den Menschen nicht ängstigen oder in düstere Gedanken versetzen. Er soll ihn vielmehr daran erinnern, dass seine Möglichkeiten kostbar und begrenzt sind. Wer weiß, dass sein Leben endlich ist, kann lernen, seine Zeit bewusster einzusetzen. Viele Dinge, über die wir uns täglich aufregen, verlieren angesichts dieser Erkenntnis ihre scheinbare Größe. Persönliche Eitelkeiten, unnötige Streitigkeiten und das unaufhörliche Streben nach äußerer Anerkennung erscheinen plötzlich weniger bedeutsam. Dagegen gewinnen Freundschaft, Wahrhaftigkeit, Bildung, Verantwortungsbewusstsein und tätige Nächstenliebe an Gewicht.

Vielleicht liegt hierin auch der tiefere Sinn jener alten alchemistischen Vorstellungen, die den Menschen als ein Wesen innerhalb einer umfassenden kosmischen Ordnung betrachteten. Alles verändert sich, alles steht miteinander in Verbindung, und nichts Lebendiges kann seine Existenz vollständig von der übrigen Welt trennen. Wir sind aus Stoffen aufgebaut, die eine unvorstellbar lange Geschichte besitzen. Die Atome unseres Körpers entstanden durch kosmische Prozesse, die weit vor unserer Geburt stattfanden. Ein Teil jener Elemente, die unser Blut, unsere Knochen und unser Gehirn bilden, wurde in früheren Generationen von Sternen hervorgebracht. Der Mensch ist somit nicht nur Bewohner des Universums, sondern buchstäblich aus seiner Materie gebildet.

Dieser Gedanke besitzt eine Größe, die keiner zusätzlichen Legende bedarf. Wir tragen in unserem Körper Bestandteile einer kosmischen Geschichte, die weit über die menschliche Zivilisation hinausreicht. Und doch sind wir in der Lage, über diese Geschichte nachzudenken, nach ihrem Sinn zu fragen und unsere eigenen Handlungen moralisch zu beurteilen. Die Materie hat in uns eine Organisationsform erreicht, in der Bewusstsein, Erinnerung, Sprache und Verantwortung möglich werden. Ob darin ein göttlicher Plan, ein Ergebnis natürlicher Entwicklung oder beides zugleich erkannt wird, gehört zu den großen Fragen von Philosophie und Religion. Unbestreitbar bleibt jedoch, dass wir als bewusste Wesen Verantwortung für die Folgen unseres Handelns übernehmen können.

Genau darin liegt die eigentliche Würde des Menschen. Er ist nicht nur ein Wesen, das Materie aufnimmt, verarbeitet und wieder abgibt. Er kann erkennen, dass seine Handlungen Bedeutung besitzen. Er kann zwischen hilfreichen und zerstörerischen Möglichkeiten unterscheiden. Er kann Mitgefühl entwickeln, Unrecht erkennen und versuchen, die Welt in begrenztem Umfang zum Besseren zu verändern. Diese Fähigkeit macht ihn nicht zum Herrn der Schöpfung, wohl aber zu einem Wesen, das für seine Entscheidungen Rechenschaft tragen kann.

Für einen Templer bedeutet dies, dass geistige Entwicklung niemals bei persönlichen Erkenntnissen stehen bleiben darf. Es genügt nicht, über Licht, Liebe und Reinheit zu sprechen, wenn unser tatsächliches Verhalten von Lieblosigkeit, Hochmut und Gleichgültigkeit bestimmt wird. Die schönste religiöse Formel verliert ihren Wert, wenn sie nicht im Leben sichtbar wird. Wer von der Veredelung des Menschen spricht, muss bereit sein, an seinem eigenen Charakter zu arbeiten. Wer die Harmonie der Schöpfung beschwört, sollte auch seinen Umgang mit der Natur überprüfen. Wer sich zur Nächstenliebe bekennt, muss fragen, ob sein Handeln anderen Menschen tatsächlich hilft.

So verstanden, erhält die Vorstellung von der geistigen Aufladung der Materie einen praktischen Sinn. Wir können unsere Atome nicht nachweislich mit moralischen Schwingungen versehen, aber wir können die Welt, deren Materie wir fortwährend verändern, durch unsere Entscheidungen menschlicher oder unmenschlicher gestalten. Wir können einen Raum schaffen, in dem Vertrauen wächst, oder eine Umgebung, in der Angst herrscht. Wir können Wissen bewahren oder vernichten. Wir können Kindern Zuversicht vermitteln oder ihnen ein schweres Erbe aus Hass und Feindschaft hinterlassen. Die Wirkungen solcher Entscheidungen können unsere persönliche Lebenszeit überdauern.

Vielleicht sollten wir deshalb die Frage nach dem eigenen Tod anders stellen, als wir es gewöhnlich tun. Statt ausschließlich zu fragen, was nach unserem Sterben mit uns geschehen wird, sollten wir uns auch fragen, was durch unser Leben in der Welt zurückbleibt. Welche Erinnerungen werden mit unserem Namen verbunden sein? Welche Menschen haben durch uns Hoffnung gewonnen? Welche Aufgaben haben wir übernommen und gewissenhaft erfüllt? Welche Fehler konnten wir wiedergutmachen? Welche Werke und Gedanken könnten auch dann noch von Nutzen sein, wenn wir selbst nicht mehr anwesend sind?

Niemand kann alle Folgen seines Lebens überblicken. Selbst die besten Absichten führen nicht immer zu den erhofften Ergebnissen, und manches, was uns geringfügig erscheint, kann für andere Menschen von großer Bedeutung sein. Deshalb dürfen wir unsere Verantwortung nicht mit dem Anspruch verwechseln, die gesamte Zukunft kontrollieren zu können. Unsere Pflicht besteht vielmehr darin, nach bestem Wissen und Gewissen zu handeln, die absehbaren Folgen unserer Entscheidungen zu bedenken und bereit zu bleiben, aus Fehlern zu lernen. Mehr kann von einem begrenzten Menschen nicht verlangt werden, aber weniger sollte er sich auch nicht zum Ziel setzen.

Die Metamorphose der Materie lehrt uns somit eine doppelte Wahrheit. Einerseits sind wir vergänglich. Unser Körper ist kein dauerhafter Besitz, sondern eine zeitweilige Verbindung von Stoffen, die eines Tages wieder in die Kreisläufe der Natur eingehen werden. Andererseits sind wir mit einer Wirklichkeit verbunden, die weit über unser individuelles Dasein hinausreicht. Unsere materiellen Bestandteile werden weiterbestehen, und auch die Folgen unserer Entscheidungen können in der Welt fortwirken. In der Sprache des Glaubens dürfen wir darüber hinaus hoffen, dass unser Leben vor Gott eine Bedeutung besitzt, die nicht mit seinem biologischen Ende ausgelöscht wird.

Für den Alten Souveränen Templer Orden sollte diese Erkenntnis zu einer bleibenden Mahnung werden. Wir tragen Verantwortung nicht nur für unsere persönliche Entwicklung, sondern auch für das geistige und materielle Erbe, das wir kommenden Generationen übergeben. Unsere Lehrbriefe, Bücher, Gemeinschaften und Einrichtungen besitzen nur dann einen dauerhaften Wert, wenn sie Wahrheit, Bildung, Verantwortungsbewusstsein und tätige Nächstenliebe fördern. Das Kreuz auf unserem Mantel sollte uns daher täglich daran erinnern, dass wir nicht allein für den gegenwärtigen Augenblick leben. Wir stehen in einer langen Kette menschlicher Erfahrungen und tragen die Aufgabe, das Empfangene nach Möglichkeit verbessert weiterzugeben.

Wenn eines Tages unser letzter Atemzug getan ist, wird unser Körper seinen Weg in die natürlichen Kreisläufe zurückfinden. Die Erde wird aufnehmen, was ihr gehört. Das Wasser wird wieder Teil anderer Zusammenhänge werden, die Luft wird ihre Stoffe weitertragen, und das Feuer wird als Sinnbild jener Energie und Verwandlung bestehen bleiben, ohne die das Leben nicht denkbar wäre. Was wir als Persönlichkeit im tiefsten Sinne sind und welche Zukunft uns jenseits des Todes erwartet, bleibt eine Frage des Glaubens und der geistigen Hoffnung.

Doch schon heute können wir entscheiden, welche Spuren unser Leben hinterlassen soll. Wir können die uns anvertraute Zeit mit Hass, Neid und zerstörerischem Handeln belasten, oder wir können uns bemühen, sie mit Güte, Erkenntnis, Gerechtigkeit und Liebe zu erfüllen. Nicht weil unsere Atome dadurch nachweislich edler würden, sondern weil die Welt durch unser Handeln tatsächlich eine andere werden kann.

Der wahre Templer weiß, dass sein Leben vergänglich ist, seine Verantwortung aber über den Augenblick hinausreicht. Er betrachtet die Schöpfung nicht als Besitz, den er nach Belieben verbrauchen darf, sondern als ein anvertrautes Gut, das er achten und nach Möglichkeit bereichert weitergeben soll. Denn der Wert seines Lebens liegt nicht allein darin, was er empfangen hat, sondern auch darin, was durch ihn für andere Menschen und kommende Generationen möglich geworden ist.

Und vielleicht besteht die höchste Form jener Verwandlung, von der die alten Alchemisten träumten, nicht darin, gewöhnliches Metall in Gold zu verwandeln, sondern darin, aus menschlicher Selbstbezogenheit tätige Liebe, aus Unwissenheit Erkenntnis und aus vergänglicher Macht bleibende Verantwortung entstehen zu lassen.

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