Warum der Mensch nicht die Welt sieht, wie sie ist, sondern wie er selbst ist
Eine Betrachtung aus der Weisheitslehre der Tempelritter über Wahrnehmung, Selbsterkenntnis und die Macht unserer Gedanken.
Der Mensch ist überzeugt, die Welt mit seinen eigenen Augen zu sehen. Er betrachtet die Menschen, beurteilt ihre Handlungen, bewertet Ereignisse und zieht daraus Schlussfolgerungen, die ihm selbstverständlich und unumstößlich erscheinen. Was er sieht, hält er für Wirklichkeit, was er empfindet, für Wahrheit und was er glaubt, für eine Erkenntnis. Doch gerade hier beginnt eine der größten Täuschungen des menschlichen Bewusstseins. Denn zwischen der äußeren Welt und dem, was wir als Wirklichkeit erleben, liegt eine unsichtbare Macht: unsere eigene Innenwelt. Sie besteht aus Erinnerungen, Erfahrungen, Hoffnungen, Ängsten, Vorurteilen, Überzeugungen und Erwartungen. Alles, was von außen auf uns einwirkt, muss zunächst durch diese innere Welt hindurch, bevor es für uns Bedeutung erhält. Deshalb leben zwei Menschen, die unter genau denselben äußeren Umständen stehen, häufig in vollkommen unterschiedlichen Wirklichkeiten.
Ein alter Ritter konnte auf seinem Weg durch ein fremdes Land einer Gruppe bewaffneter Männer begegnen. War sein Herz von Misstrauen erfüllt, so erkannte er in ihnen zunächst Feinde. War er von Zuversicht und innerer Ruhe getragen, so sah er möglicherweise Reisende, die ebenso wie er Schutz und Sicherheit suchten. Die Männer selbst hatten sich nicht verändert. Was sich unterschied, war die Bedeutung, die der Ritter ihrer Anwesenheit gab. Natürlich wäre es töricht gewesen, jede Gefahr zu leugnen. Ein Tempelritter hatte wachsam zu sein, denn seine Pflicht verlangte, zwischen wirklicher Bedrohung und bloßer Einbildung zu unterscheiden. Doch gerade diese Unterscheidung setzte voraus, dass er nicht jeden Gedanken, der in ihm aufstieg, sofort zur Wahrheit erklärte.
Hier begegnen wir einer grundlegenden Erkenntnis, die auch im geistigen Studium des Templerordens von großer Bedeutung ist: Die äußere Welt ist nicht einfach ein Spiegel unserer Gedanken, wohl aber wird unser Erleben dieser Welt entscheidend von unseren Gedanken geprägt. Die Wirklichkeit besitzt eine eigene Existenz, unabhängig davon, ob wir sie verstehen oder nicht. Krankheit, Tod, Krieg, Ungerechtigkeit und menschliche Bosheit verschwinden nicht dadurch, dass wir sie anders betrachten. Doch wie wir diesen Tatsachen begegnen, welche Bedeutung wir ihnen geben und welche Handlungen daraus entstehen, liegt zu einem beträchtlichen Teil in unserer inneren Haltung begründet. Zwischen einem Ereignis und unserer Reaktion darauf liegt ein geistiger Raum. Wer diesen Raum nicht kennt, wird zum Gefangenen seiner spontanen Gefühle. Wer ihn bewusst wahrnimmt, gewinnt die Möglichkeit, frei zu entscheiden.
Der gewöhnliche Mensch verwechselt seine Wahrnehmung mit der Wirklichkeit. Er sagt nicht: „Ich empfinde diesen Menschen als feindselig“, sondern erklärt: „Dieser Mensch ist mein Feind.“ Er sagt nicht: „Ich fürchte, dass meine Bemühungen scheitern könnten“, sondern behauptet: „Es hat ohnehin keinen Sinn.“ Er sagt nicht: „Ich verstehe die Beweggründe dieses Menschen nicht“, sondern urteilt: „Dieser Mensch handelt aus böser Absicht.“ Aus einer Vermutung wird eine Überzeugung, aus einer Überzeugung ein Urteil und aus einem Urteil schließlich eine scheinbar unumstößliche Wahrheit. Der Mensch bemerkt dabei kaum, dass er nicht mehr auf die Wirklichkeit reagiert, sondern auf das Bild, das er sich selbst von ihr geschaffen hat.
Besonders gefährlich wird dieser Vorgang, wenn Angst hinzukommt. Ein Mensch, der einmal schwer enttäuscht wurde, beginnt möglicherweise, hinter jeder freundlichen Geste eine verborgene Absicht zu vermuten. Begegnet ihm jemand mit ehrlichem Wohlwollen, betrachtet er auch diese Zuwendung misstrauisch. Er prüft jedes Wort, sucht nach Widersprüchen und deutet selbst harmlose Bemerkungen als Zeichen einer bevorstehenden Täuschung. Sein Verhalten wird kühl und abweisend, und schließlich ziehen sich jene Menschen zurück, die ihm ursprünglich freundlich begegnet waren. Nun fühlt er sich in seiner Überzeugung bestätigt: „Ich wusste doch, dass man niemandem vertrauen kann.“ Was er nicht erkennt, ist die Tatsache, dass sein eigenes Misstrauen dazu beigetragen hat, die Ablehnung hervorzurufen, vor der er sich so sehr fürchtete.
Die moderne Psychologie bezeichnet einen Teil dieses Vorgangs als Bestätigungsfehler. Der Mensch neigt dazu, Informationen bevorzugt wahrzunehmen, die seine bereits bestehenden Überzeugungen unterstützen, während er gegenteilige Hinweise übersieht, abwertet oder vergisst. Für den geistig Suchenden ist diese Erkenntnis von besonderer Bedeutung, denn sie zeigt, wie leicht sich das Bewusstsein in einem selbst geschaffenen Gefängnis einschließen kann. Seine Mauern bestehen nicht aus Stein, sondern aus Gewissheiten. Seine Ketten sind nicht sichtbar, sondern bestehen aus Sätzen wie: „So war es immer“, „So sind die Menschen“ oder „Ich weiß genau, wie die Welt funktioniert.“ Je häufiger solche Sätze wiederholt werden, desto weniger Raum bleibt für neue Erkenntnisse.
Die alten Ritterorden verlangten von ihren Angehörigen Disziplin, Wachsamkeit und die Fähigkeit, auch unter schwierigen Umständen einen klaren Geist zu bewahren. Diese Forderungen lassen sich nicht allein militärisch verstehen. Auch im geistigen Leben muss der Mensch lernen, seine eigenen Vorstellungen zu prüfen. Ein Ritter, der seinen Zorn nicht beherrschen konnte, gefährdete sich selbst und seine Gefährten. Ein Ritter, der jeder Vermutung glaubte, war leicht zu täuschen. Ein Ritter, der sich für unfehlbar hielt, verlor die Fähigkeit, aus Fehlern zu lernen. Deshalb gehört die Beherrschung der eigenen Innenwelt zu den wesentlichen Grundlagen eines wahrhaft ritterlichen Lebens.
Der gefährlichste Feind des Menschen ist nicht immer jener, der ihm mit erhobenem Schwert entgegentritt, sondern manchmal die ungeprüfte Überzeugung, die er in seinem eigenen Herzen trägt. Denn der äußere Gegner kann erkannt und beurteilt werden. Der innere Gegner dagegen tritt häufig als vertrauter Gedanke auf. Er spricht mit unserer eigenen Stimme und versichert uns, dass wir recht haben. Er erklärt unsere Vorurteile zu Erfahrungen, unsere Ängste zu Vorsicht und unsere Eitelkeit zu berechtigtem Stolz. Solange wir diesen inneren Stimmen bedingungslos glauben, bleibt uns ein wesentlicher Teil der Wirklichkeit verschlossen.
In der christlichen Weisheit begegnet uns ein verwandter Gedanke in den Worten Jesu: „Was siehst du aber den Splitter in deines Bruders Auge und nimmst nicht wahr den Balken in deinem Auge?“ Diese Mahnung aus der Bergpredigt gehört zu den tiefgründigsten Aufforderungen zur Selbsterkenntnis. Der Mensch erkennt die Fehler anderer häufig mit erstaunlicher Genauigkeit, während er seine eigenen Schwächen entschuldigt oder überhaupt nicht wahrnimmt. Was er an seinem Mitmenschen als Hochmut verurteilt, nennt er bei sich selbst Selbstbewusstsein. Was ihm bei anderen als Starrsinn erscheint, bezeichnet er bei sich als Standhaftigkeit. Was er bei fremden Menschen als Eigennutz erkennt, betrachtet er bei sich als notwendige Wahrung berechtigter Interessen. Die Tat mag ähnlich sein, doch die eigene Innenwelt versieht sie mit einem anderen Urteil.
Für den Templer bedeutet dies, dass jede ernsthafte Arbeit an der Welt mit einer Arbeit am eigenen Bewusstsein beginnen muss. Wer Gerechtigkeit fordert, sollte zunächst prüfen, wie gerecht er selbst urteilt. Wer Wahrhaftigkeit verlangt, muss bereit sein, auch unangenehme Wahrheiten über sich selbst anzuerkennen. Wer über die Unwissenheit anderer klagt, sollte sich fragen, auf welchen Gebieten er selbst unwissend ist. Das ist keine Aufforderung zur Selbsterniedrigung, sondern zur geistigen Ehrlichkeit. Wahre Demut besteht nicht darin, sich für wertlos zu halten, sondern darin, die Grenzen des eigenen Wissens zu erkennen.
Eine besondere Rolle spielt hierbei die Fähigkeit, zwischen Tatsachen und Deutungen zu unterscheiden. Nehmen wir an, ein Mensch grüßt uns auf der Straße nicht. Das ist zunächst eine beobachtbare Tatsache. Vielleicht hat er uns nicht gesehen, vielleicht war er in Gedanken versunken, vielleicht belastete ihn eine persönliche Sorge. Unser Verstand kann jedoch innerhalb eines Augenblicks eine ganz andere Geschichte daraus entwickeln. „Er will mit mir nichts mehr zu tun haben. Wahrscheinlich hat jemand schlecht über mich gesprochen. Vielleicht verachtet er mich.“ Binnen weniger Sekunden entsteht aus einem unterbliebenen Gruß eine persönliche Kränkung. Die Gedanken erzeugen Ärger, der Ärger beeinflusst unser Verhalten und unser Verhalten kann schließlich einen wirklichen Streit hervorrufen. Der ursprüngliche Anlass war geringfügig, doch die eigene Innenwelt hat daraus ein Problem geschaffen.
Man könnte diesen Vorgang mit einem Spiegel vergleichen, der nicht vollkommen eben ist. Die äußere Welt wird darin sichtbar, aber bestimmte Formen erscheinen verzerrt, vergrößert oder verkleinert. Wer sich niemals mit der Beschaffenheit seines Spiegels beschäftigt, wird jede Verzerrung für eine Eigenschaft der betrachteten Gegenstände halten. Erst wenn er erkennt, dass der Spiegel selbst verändert sein könnte, beginnt der Weg zu einer klareren Wahrnehmung. Die geistige Schulung des Menschen besteht deshalb nicht darin, möglichst viele Meinungen anzusammeln, sondern darin, die Zuverlässigkeit seiner eigenen Urteile zu erhöhen.
In der symbolischen Sprache der Einweihung könnte man sagen, dass jeder Mensch an einem rauen Stein arbeitet. Dieser Stein ist sein eigener Charakter, geprägt durch Herkunft, Erziehung, Erlebnisse und persönliche Entscheidungen. Manche Kanten sind deutlich sichtbar: Zorn, Neid, Eitelkeit oder Ungeduld. Andere bleiben lange verborgen, weil sie sich hinter scheinbar ehrenhaften Eigenschaften verbergen. Besonders schwierig ist es, jene Überzeugungen zu bearbeiten, mit denen wir uns innerlich identifizieren. Wer seinen Stolz für Würde hält, wird nur schwer erkennen, dass er stolz ist. Wer sein Misstrauen für Klugheit hält, wird kaum bereit sein, Vertrauen zu lernen. Wer seine Unnachgiebigkeit als Treue zu den eigenen Grundsätzen versteht, bemerkt möglicherweise nicht, dass er längst unfähig geworden ist, andere Menschen anzuhören.
Doch auch hier ist Maß zu halten. Nicht jeder feste Grundsatz ist Starrsinn, nicht jedes Misstrauen unbegründet und nicht jede negative Erfahrung eine bloße Projektion. Die Aufgabe besteht nicht darin, alle Urteile aufzugeben oder jede Sichtweise für gleich gültig zu erklären. Eine solche Haltung würde den Menschen orientierungslos machen. Vielmehr soll er lernen, seine Überzeugungen an der Wirklichkeit zu prüfen, begründete Erkenntnisse von bloßen Vermutungen zu trennen und bereit zu sein, seine Meinung zu ändern, wenn neue Tatsachen dies verlangen. Der geistig gereifte Mensch besitzt Überzeugungen, aber er wird nicht von ihnen besessen.
Ein weiterer entscheidender Gesichtspunkt ist die schöpferische Wirkung unserer inneren Haltung auf das Zusammenleben. Ein Mensch, der anderen grundsätzlich mit Achtung begegnet, schafft häufig eine Atmosphäre, in der auch sein Gegenüber bereit ist, Achtung zu zeigen. Wer geduldig zuhört, erleichtert es anderen, offen zu sprechen. Wer ständig beleidigt reagiert, erzeugt dagegen Unsicherheit und Zurückhaltung. In diesem Sinne beeinflussen unsere Gedanken tatsächlich die äußere Welt, weil sie unser Verhalten bestimmen und damit Reaktionen hervorrufen. Allerdings wäre es falsch, daraus zu schließen, dass jeder Mensch seine Lebensumstände selbst verursacht oder dass jedes Unglück lediglich die Folge negativer Gedanken sei. Eine solche Vorstellung würde den Opfern von Krankheit, Gewalt und Ungerechtigkeit eine Verantwortung zuschreiben, die sie nicht tragen. Die Macht des Geistes ist bedeutend, aber sie ist nicht grenzenlos.
Auch in der Geschichte finden wir zahlreiche Beispiele dafür, wie unterschiedliche Weltbilder zu unterschiedlichen Handlungen führten. Ein Herrscher konnte in einem fremden Volk einen gefährlichen Gegner sehen, während ein anderer darin einen möglichen Bündnispartner erkannte. Ein religiöser Führer konnte Andersgläubige als Bedrohung betrachten, während ein anderer die Gelegenheit zum Gespräch und zur Verständigung suchte. Nicht die äußere Verschiedenheit der Menschen allein entschied über den weiteren Verlauf, sondern auch die Vorstellungen, die man voneinander besaß. Wenn Misstrauen, Vorurteile und Feindbilder über Generationen weitergegeben werden, können sie zu einer Macht werden, die Kriege und Verfolgungen begünstigt. Werden sie dagegen überprüft und überwunden, entstehen Möglichkeiten der Verständigung, die zuvor undenkbar erschienen.
Gerade die Geschichte des mittelalterlichen Templerordens mahnt uns zur Vorsicht im Umgang mit scheinbar sicheren Wahrheiten. Über Jahrhunderte wurden Tatsachen, Legenden, Anschuldigungen und Spekulationen miteinander vermischt. Manche Menschen sahen in den Tempelrittern ausschließlich fromme Beschützer der Pilger, andere mächtige Krieger, politische Gegner oder Träger geheimnisvoller Lehren. Besonders die gegen den Orden erhobenen Anschuldigungen im Zuge seiner Verfolgung zeigen, wie wichtig es ist, Aussagen, Interessen und Beweise sorgfältig zu unterscheiden. Nicht jede verbreitete Behauptung ist eine historische Tatsache. Nicht jedes Geständnis ist unter allen Umständen glaubwürdig. Und nicht jede überlieferte Geschichte verdient allein deshalb Vertrauen, weil sie häufig wiederholt wurde. Wer nach Wahrheit sucht, darf sich weder von Bewunderung noch von Ablehnung die Prüfung der Quellen abnehmen lassen.
Diese Haltung sollte auch im heutigen Templerleben selbstverständlich sein. Es genügt nicht, alte Symbole zu tragen, sich auf eine ehrwürdige Tradition zu berufen oder hohe Ideale zu verkünden. Entscheidend ist, ob der Mensch bereit ist, diese Ideale an sich selbst zu verwirklichen. Ein Templer, der von Brüderlichkeit spricht, aber jede abweichende Meinung als persönlichen Angriff empfindet, hat den Sinn der Brüderlichkeit noch nicht vollständig verstanden. Ein Templer, der Weisheit lehrt, aber niemals an seinen eigenen Erkenntnissen zweifelt, läuft Gefahr, zum Gefangenen seiner Selbstgewissheit zu werden. Und ein Templer, der Wahrhaftigkeit fordert, aber nur jene Nachrichten und Urteile anerkennt, die seine Auffassung bestätigen, entfernt sich von jenem Licht, das er zu suchen behauptet.
Der Weg der Selbsterkenntnis verlangt daher eine besondere Form des Mutes. Es ist verhältnismäßig leicht, vor anderen Menschen Stärke zu zeigen. Viel schwieriger ist es, sich selbst einzugestehen, dass man sich geirrt hat. Es ist leicht, über die Torheit der Welt zu klagen. Schwieriger ist es, die eigene Beteiligung an einem Konflikt zu erkennen. Es ist leicht, sich als Opfer widriger Umstände zu betrachten. Schwieriger ist die Frage, ob man selbst durch seine Erwartungen, Gewohnheiten und Entscheidungen bestimmte Schwierigkeiten verstärkt hat. Diese Fragen sollen nicht dazu führen, dass der Mensch sich für alles verantwortlich fühlt. Sie sollen ihm vielmehr jene Verantwortung bewusst machen, die tatsächlich in seiner Macht liegt.
Dazu kann eine einfache tägliche Übung beitragen. Wenn uns ein Ereignis ärgert, verletzt oder beunruhigt, sollten wir nicht sofort reagieren, sondern zunächst innerlich Abstand gewinnen. Wir können uns fragen, was tatsächlich geschehen ist, welche Bedeutung wir diesem Geschehen gegeben haben und ob es andere mögliche Erklärungen gibt. Wir können prüfen, ob unsere Reaktion dem gegenwärtigen Ereignis entspricht oder ob ältere Erfahrungen und Enttäuschungen darin nachwirken. Wir können uns schließlich fragen, welche Handlung der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Menschenwürde am besten dienen würde. Auf diese Weise wird aus einer spontanen Reaktion eine bewusste Entscheidung. Aus einem unbeherrschten Gefühl kann eine Erkenntnis entstehen.
In diesem Zusammenhang erhält auch das Schweigen eine besondere Bedeutung. Schweigen ist nicht immer Schwäche, Feigheit oder Gleichgültigkeit. Richtig verstanden kann es Ausdruck innerer Beherrschung sein. Der Mensch, der auf jede Provokation sofort antwortet, überlässt seinem Gegenüber einen erheblichen Einfluss auf seinen Seelenzustand. Wer dagegen einen Augenblick innehält, bevor er spricht, schafft jenen inneren Raum, in dem Vernunft und Gewissen zur Geltung kommen können. Das bedeutet nicht, Unrecht widerspruchslos hinzunehmen. Es bedeutet, dass der Widerstand gegen Unrecht nicht aus blindem Zorn, sondern aus klarer Erkenntnis und verantwortungsbewusstem Handeln erwachsen soll.
Die höchste Stufe einer solchen inneren Schulung ist nicht die Überzeugung, nun endlich die ganze Wahrheit zu besitzen. Vielmehr wächst mit der Erkenntnis die Einsicht, wie begrenzt unser Wissen bleibt. Jeder Mensch blickt aus einem bestimmten Lebensraum, einer bestimmten Zeit und einer persönlichen Geschichte auf die Welt. Niemand kann alle Zusammenhänge vollständig überblicken. Deshalb ist Weisheit stets auch mit Bescheidenheit verbunden. Der wahrhaft Weise muss nicht auf jede Frage eine sofortige Antwort haben. Er kann sagen: „Ich weiß es nicht.“ Er kann zuhören, ohne sich bedroht zu fühlen. Er kann eine fremde Erfahrung anerkennen, ohne deshalb die eigene aufgeben zu müssen. Vor allem ist er fähig, zwischen dem Wunsch, recht zu behalten, und dem Wunsch, die Wahrheit zu erkennen, zu unterscheiden.
Für den geistigen Tempelritter ist gerade diese letzte Unterscheidung von höchster Bedeutung. Denn wer recht behalten will, verteidigt sein bisheriges Weltbild. Wer Wahrheit sucht, ist bereit, über dieses Weltbild hinauszuwachsen. Der erste errichtet Mauern um sein Bewusstsein, der zweite öffnet Türen. Der erste kämpft gegen alles, was seine Überzeugungen erschüttern könnte, der zweite erkennt darin möglicherweise eine Gelegenheit zur Entwicklung. Beide mögen dieselben Bücher lesen, dieselben Lehren hören und dieselben Prüfungen bestehen. Doch nur jener, der bereit ist, sich innerlich verändern zu lassen, wird aus Wissen wirkliche Weisheit gewinnen.
Die Arbeit an unserer Innenwelt ist deshalb niemals abgeschlossen. Solange der Mensch lebt, wird er Situationen begegnen, die seine Geduld prüfen, seine Ängste hervorrufen oder seine bisherigen Überzeugungen infrage stellen. Jede dieser Erfahrungen kann zu einer neuen Stufe der Selbsterkenntnis führen, wenn er bereit ist, sie bewusst zu betrachten. Der Stein, an dem der geistige Ritter arbeitet, wird nicht durch einen einzigen Schlag geglättet. Es bedarf vieler Jahre, unzähliger kleiner Korrekturen und einer beharrlichen Bereitschaft, das eigene Wesen immer wieder zu überprüfen. Dabei geht es nicht um Vollkommenheit im Sinne menschlicher Fehlerlosigkeit, sondern um die aufrichtige Bemühung, wahrhaftiger, gerechter und verständiger zu werden.
Am Ende steht eine Erkenntnis, die einfach klingt und doch ein ganzes Leben geistiger Arbeit erfordern kann: Wir müssen lernen, zwischen dem zu unterscheiden, was die Welt tatsächlich ist, was wir über sie denken und was unsere Gedanken aus ihr machen. Die Außenwelt liefert uns Ereignisse und Tatsachen. Unsere Innenwelt verbindet sie mit Erinnerungen, Gefühlen und Bedeutungen. Aus dem Zusammenwirken beider entsteht jene persönliche Lebenswirklichkeit, in der wir handeln, lieben, hoffen, leiden und Entscheidungen treffen. Je bewusster wir diesen Zusammenhang erkennen, desto weniger werden wir von ungeprüften Annahmen beherrscht.
Der Tempelritter des Geistes soll deshalb nicht nur nach außen wachsam sein, sondern auch nach innen. Er soll die Welt nicht durch die dunklen Gläser seiner Befürchtungen betrachten und ebenso wenig durch die rosigen Gläser seiner Wunschvorstellungen. Er soll bemüht sein, die Dinge möglichst klar zu erkennen, selbst dann, wenn die Wahrheit unbequem ist. Denn nicht die Wirklichkeit ist unser Feind, sondern die Täuschung, die uns von ihr trennt. Nicht der Zweifel an unseren Vorurteilen schwächt uns, sondern ihre ungeprüfte Herrschaft über unser Denken.
Ein Ritter, der die Welt besiegen will, ohne sich selbst zu erkennen, wird immer neue Gegner finden. Ein Ritter aber, der seine eigene Innenwelt ordnet, gewinnt jene Freiheit, die keine äußere Macht verleihen kann: die Freiheit, nicht länger Sklave seiner Ängste, Vorurteile und ungeprüften Gewissheiten zu sein.
Und vielleicht liegt gerade darin eines der größten Geheimnisse aller echten Einweihung: Das Licht, nach dem wir in der äußeren Welt suchen, muss zuerst unser eigenes Bewusstsein erhellen. Erst dann können wir beginnen, die Wirklichkeit mit klareren Augen zu betrachten.
