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Die geheimnisvolle Templerkolonie im frühen Amerika

Erreichten die Tempelritter die Neue Welt bereits ein Jahrhundert vor Christoph Kolumbus?

Ein Beitrag aus der Sicht des Alten Souveränen Templer Ordens (ASTO)

Die Geschichte des Templerordens endet für viele Historiker mit seiner Auflösung im Jahre 1312 und der Hinrichtung seines letzten Großmeisters Jacques de Molay im März 1314. Doch wer sich näher mit dem Schicksal der Tempelritter beschäftigt, stößt immer wieder auf Hinweise, Überlieferungen und Legenden, die eine ganz andere Geschichte erzählen. Eine Geschichte, die nicht in Frankreich, Portugal oder Schottland endet, sondern über den Atlantischen Ozean bis nach Nordamerika führt.

Könnte es tatsächlich sein, dass Tempelritter bereits im 14. Jahrhundert den amerikanischen Kontinent erreichten, dort Zuflucht fanden und vielleicht sogar eine eigene Kolonie gründeten?

Diese Frage beschäftigt seit Jahrzehnten Autoren, Heimatforscher und Freunde der Templergeschichte. Die wissenschaftliche Geschichtsforschung betrachtet eine solche Templerkolonie bislang als unbelegt. Doch die verschiedenen Theorien verdienen es, näher untersucht zu werden, denn sie berühren eines der größten Geheimnisse unserer Ordensgeschichte: Was geschah mit jenen Templern, die der Verfolgung durch den französischen König entkommen konnten?

Der 13. Oktober 1307 – der Beginn eines großen Rätsels

Am Freitag, dem 13. Oktober 1307, ließ König Philipp IV. von Frankreich die Tempelritter seines Königreiches verhaften. Die Anschuldigungen waren ungeheuerlich: Ketzerei, Götzendienst, unsittliche Handlungen und Verleugnung Christi. Unter Folter wurden Geständnisse erzwungen, die später vielfach widerrufen wurden. Der König, der gegenüber dem Orden erhebliche finanzielle Verpflichtungen hatte, verfolgte zugleich politische und wirtschaftliche Interessen.

Besonders bemerkenswert erscheint die bis heute verbreitete Erzählung, dass die königlichen Beamten im Pariser Tempel nicht jene gewaltigen Gold- und Silberschätze vorfanden, die sie erwartet hatten. Daraus entwickelte sich die Legende, die Templer hätten rechtzeitig von der bevorstehenden Verhaftung erfahren und ihre wichtigsten Besitztümer in Sicherheit gebracht.

Als möglicher Ausgangspunkt einer solchen Flucht wird immer wieder der französische Atlantikhafen La Rochelle genannt. Der Templerorden verfügte über maritime Verbindungen und nutzte Schiffe für Handel, Transporte und die Versorgung seiner Besitzungen. Nach einer populären Theorie sollen mehrere Schiffe kurz vor den Verhaftungen mit unbekanntem Ziel ausgelaufen sein.

Wohin könnten sie gefahren sein? Nach Portugal, wo der Orden später unter anderem Namen weiterbestand? Nach England oder Schottland? Oder wagten einige Ritter eine Reise, die sie weit über die bekannten Grenzen Europas hinausführte?

Die Geschichte einer geheimen Schatzflotte ist faszinierend. Allerdings existiert bislang kein gesicherter zeitgenössischer Nachweis für eine Flotte, die 1307 mit dem Ordensschatz nach Amerika entkam.

Schottland – die mögliche Zuflucht der verfolgten Ritter

In vielen Überlieferungen spielt Schottland eine entscheidende Rolle. Dort regierte Robert the Bruce, der sich im Kampf gegen die englische Herrschaft befand und selbst mit kirchlichen Sanktionen konfrontiert war. Es erscheint deshalb zumindest denkbar, dass einzelne geflohene Templer in diesem Land Schutz gesucht haben könnten.

Besonders bekannt ist die Behauptung, Tempelritter hätten am 24. Juni 1314 in der Schlacht von Bannockburn entscheidend zum schottischen Sieg über das englische Heer beigetragen. Historische Beweise für einen organisierten Einsatz von Templerverbänden in dieser Schlacht fehlen jedoch.

Noch interessanter wird die Geschichte durch die schottische Adelsfamilie Sinclair, auch St. Clair genannt. Diese Familie besaß bedeutende Ländereien und Verbindungen zu den Orkneyinseln. In späteren Überlieferungen wurden die Sinclairs immer wieder mit den Templern und deren angeblich bewahrtem Geheimwissen in Verbindung gebracht.

Hier beginnt der vielleicht spannendste Abschnitt unserer Spurensuche.

Henry Sinclair – der geheimnisvolle Seefahrer

Henry Sinclair, Earl of Orkney, lebte im 14. Jahrhundert. Einer umstrittenen Theorie zufolge soll er um das Jahr 1398 eine Expedition über den Nordatlantik unternommen haben.

Die vermutete Route führte von Schottland über die Orkneyinseln nach Island, von dort nach Grönland und schließlich an die nordamerikanische Küste. Als mögliches Ziel wird häufig das heutige Nova Scotia in Kanada genannt.

Die Verfechter dieser Theorie gehen davon aus, dass Sinclair Kenntnisse über alte nordische Seewege besessen haben könnte. Einige Autoren vermuten sogar, dass Nachkommen oder ehemalige Angehörige des Templerordens an dieser Expedition beteiligt waren.

Warum ist dieser Gedanke nicht völlig abwegig?

Weil Europa bereits lange vor Kolumbus Verbindungen zum nordamerikanischen Kontinent besaß.

Die Wikinger hatten um das Jahr 1000 die nordamerikanische Küste erreicht. In L’Anse aux Meadows auf Neufundland wurden die Überreste einer nordischen Siedlung entdeckt. Wissenschaftliche Untersuchungen konnten dort sogar menschliche Aktivitäten für das Jahr 1021 nachweisen. Damit steht zweifelsfrei fest, dass europäische Seefahrer fast fünf Jahrhunderte vor Kolumbus Nordamerika betreten hatten.

Wenn die Wikinger dazu in der Lage waren, stellt sich natürlich die Frage, ob nicht auch spätere Seefahrer über entsprechende Kenntnisse verfügt haben könnten.

Doch zwischen einer technisch möglichen Reise und einer tatsächlich nachgewiesenen Expedition besteht ein wesentlicher Unterschied. Für Henry Sinclairs angebliche Amerikafahrt fehlen bisher überzeugende zeitgenössische Belege.

Die Mi’kmaq und das rätselhafte rote Kreuz

Besondere Aufmerksamkeit erregt in diesem Zusammenhang die Symbolik der Mi’kmaq, eines indigenen Volkes im heutigen östlichen Kanada. In einigen historischen Darstellungen und auf einer bekannten Mi’kmaq-Flagge erscheint ein rotes Kreuz auf weißem Grund.

Die Ähnlichkeit mit dem roten Kreuz der Tempelritter hat immer wieder zu Spekulationen geführt. Manche Autoren sehen darin einen Hinweis auf einen frühen Kontakt zwischen europäischen Rittern und der indigenen Bevölkerung.

Aber genügt die Ähnlichkeit zweier Symbole bereits als historischer Beweis?

Natürlich nicht. Das Kreuz war über viele Jahrhunderte ein weitverbreitetes christliches Symbol und wurde durch europäische Missionare in unterschiedlichen Formen nach Nordamerika gebracht. Außerdem besitzt die Symbolik der Mi’kmaq eine eigene Geschichte, die nicht einfach als Überbleibsel des Templerordens gedeutet werden darf.

Dennoch ist es verständlich, dass solche Übereinstimmungen die Fantasie anregen.

Noch weiter gehen Erzählungen, die Henry Sinclair mit Glooscap, einer bedeutenden Gestalt in den traditionellen Geschichten der Mi’kmaq, verbinden möchten. Die Behauptung, Glooscap sei in Wirklichkeit eine Erinnerung an einen schottischen Seefahrer, ist jedoch wissenschaftlich nicht belegt und wird der eigenständigen spirituellen Tradition der Mi’kmaq nicht gerecht.

Als Templer sollten wir gerade hier besondere Sorgfalt walten lassen. Die Geschichte eines anderen Volkes darf nicht einfach unserer eigenen Ordensgeschichte untergeordnet werden.

Rosslyn Chapel – ein steinernes Archiv geheimer Erinnerungen?

Ein weiterer Schauplatz dieser Geschichte liegt in Schottland: die berühmte Rosslyn Chapel.

Die reich verzierte Kapelle wurde ab 1446 unter Sir William St. Clair errichtet. Ihre außergewöhnlichen Steinmetzarbeiten haben zahlreiche Deutungen hervorgebracht. Manche Forscher und Autoren glauben, darin Hinweise auf altes Wissen, geheime Bruderschaften und möglicherweise sogar auf Reisen nach Amerika erkennen zu können.

Besonders bekannt sind Deutungen einzelner Pflanzendarstellungen als Mais oder andere Gewächse der Neuen Welt. Sollten diese Identifizierungen zutreffen und tatsächlich vor Kolumbus entstanden sein, wäre dies bemerkenswert. Die Deutungen sind jedoch umstritten und gelten nicht als Nachweis einer Templerexpedition.

Auch die häufig behauptete direkte Verbindung der Rosslyn Chapel mit einem verborgenen Templerschatz lässt sich historisch nicht sichern.

Und doch bleibt die Kapelle ein außergewöhnliches Zeugnis mittelalterlicher Kunst und religiöser Gedankenwelt. Sie erinnert uns daran, dass die Menschen des Mittelalters ihre Überzeugungen und ihr Wissen nicht ausschließlich in Büchern, sondern auch in Symbolen und Bauwerken zum Ausdruck brachten.

Der Templerschatz und das Geheimnis von Oak Island

Kaum eine Geschichte hat die Vorstellungskraft der Schatzsucher stärker beflügelt als jene von Oak Island, einer kleinen Insel vor der Küste von Nova Scotia.

Seit langer Zeit wird dort nach einem angeblich vergrabenen Schatz gesucht. Die Vermutungen reichen von Piratengold über verlorene Schriftstücke bis hin zu Schätzen des Templerordens.

Eine besonders abenteuerliche Theorie verbindet mehrere Ereignisse miteinander: Zunächst sollen die Templer 1307 ihren Reichtum aus Frankreich gerettet haben. Anschließend hätten sie oder ihre Nachfolger in Schottland Zuflucht gefunden. Schließlich seien Teile dieses Schatzes im Rahmen einer geheimen Atlantikexpedition nach Nordamerika gebracht und dort vergraben worden.

Als mögliche Schätze werden neben Gold und Silber auch religiöse Reliquien genannt, etwa der Heilige Gral, geheimnisvolle Dokumente aus Jerusalem oder Gegenstände, die angeblich unter dem Tempelberg entdeckt worden waren.

Hier betreten wir endgültig das Gebiet der Legenden.

Bis heute ist kein archäologisch anerkannter Nachweis erbracht worden, dass sich ein Schatz des mittelalterlichen Templerordens auf Oak Island befindet. Dennoch zeigt die ungebrochene Beschäftigung mit dieser Insel, wie stark die Erinnerung an die Tempelritter auch nach mehr als sieben Jahrhunderten weiterlebt.

Hätte eine Templerkolonie in Amerika überhaupt bestehen können?

Eine Atlantiküberquerung allein würde noch keine Kolonie beweisen. Dafür müssten Menschen dauerhaft an einem Ort gelebt, Unterkünfte errichtet, Lebensmittel beschafft und Beziehungen zur einheimischen Bevölkerung aufgebaut haben.

Der mittelalterliche Templerorden besaß organisatorische Fähigkeiten, die eine solche Unternehmung theoretisch begünstigt hätten. Er verfügte über internationale Verbindungen, erfahrene Verwalter, Handelskontakte und Kenntnisse der Schifffahrt. Seine Mitglieder waren es gewohnt, weit entfernt von ihrer europäischen Heimat zu leben und Niederlassungen aufzubauen.

Doch hätte eine Gemeinschaft verfolgter Ritter am Ende des 14. Jahrhunderts genügend Schiffe, Vorräte und Menschen aufbringen können, um sich dauerhaft in Nordamerika niederzulassen?

Und wenn eine solche Kolonie tatsächlich existiert hätte, weshalb fehlen uns bisher eindeutige Urkunden, Gräber, Gebäude oder Gegenstände, die zweifelsfrei mit den Tempelrittern in Verbindung gebracht werden können?

Man könnte einwenden, dass eine kleine Gemeinschaft im Laufe der Jahrhunderte verschwunden sein könnte. Auch wurden zahlreiche frühe Siedlungen aufgegeben, zerstört oder von späteren Generationen überbaut. Die Möglichkeit verlorener Spuren darf deshalb nicht grundsätzlich ausgeschlossen werden.

Aber gerade die nachgewiesene Wikingersiedlung in Neufundland zeigt, worauf es ankommt: Nicht eine spannende Theorie, sondern überprüfbare Funde machen aus einer Vermutung historische Wirklichkeit.

Was wir heutigen Tempelritter daraus lernen können

Als Angehörige einer heutigen Templerorganisation müssen wir uns immer wieder fragen, wie wir mit den Geheimnissen und Legenden unseres Ordens umgehen wollen.

Es wäre leicht, jede geheimnisvolle Erzählung als Wahrheit zu übernehmen. Ebenso leicht wäre es, alles zurückzuweisen, was bislang nicht durch eine mittelalterliche Urkunde bestätigt werden kann.

Beides erscheint mir unbefriedigend.

Die Geschichte der Tempelritter ist reich an offenen Fragen. Die Vernichtung des mittelalterlichen Ordens, die Zerstreuung seiner Mitglieder und die Veränderungen seiner Überlieferung haben zahlreiche Lücken hinterlassen. Doch diese Lücken dürfen wir nicht einfach mit unseren Wunschvorstellungen füllen.

Ein Ritter sucht die Wahrheit, auch wenn sie seiner persönlichen Überzeugung widerspricht. Er hat den Mut, Fragen zu stellen, aber auch die Disziplin, zwischen Tatsachen, begründeten Vermutungen und Legenden zu unterscheiden.

Die Vorstellung einer Templerkolonie in Amerika besitzt zweifellos einen besonderen Reiz. Sie erzählt von Mut, Freiheit, Verfolgung und dem Versuch, fern der europäischen Machtkämpfe einen neuen Anfang zu wagen.

Vielleicht liegt gerade darin die anhaltende Faszination dieser Geschichte. Nicht allein die Vorstellung eines verborgenen Goldschatzes bewegt uns, sondern der Gedanke, dass der Geist des Templerordens auch dort überlebt haben könnte, wo niemand mehr nach ihm suchte.

Ein neues Buch unseres Großmeisters wird dieser Spur folgen

Ankündigung aus dem Alten Souveränen Templer Orden

Die Frage, ob Tempelritter bereits vor Christoph Kolumbus Amerika erreicht haben könnten, verdient eine ausführlichere Untersuchung, als sie in einem einzelnen Artikel möglich ist.

Deshalb dürfen sich unsere Mitglieder und alle Freunde der Templergeschichte auf ein weiteres Buch unseres Großmeisters freuen.

Ralph von Reichenberg, seit dem 17. Februar 1974 Großmeister des Alten Souveränen Templer Ordens (ASTO), wird sich in einem geplanten Werk mit den rätselhaften Verbindungen zwischen den mittelalterlichen Tempelrittern und dem frühen Amerika beschäftigen.

Dabei sollen die angebliche Flucht der Templerflotte, die Verbindungen nach Schottland, die geheimnisvolle Reise Henry Sinclairs, die Überlieferungen über Nova Scotia und die Legenden um den verschollenen Templerschatz näher betrachtet werden.

Im Mittelpunkt wird die Frage stehen, ob sich hinter diesen Erzählungen ein historischer Kern verbirgt und welche Hinweise sich tatsächlich überprüfen lassen.

Mehr als fünf Jahrzehnte an der Spitze einer heutigen Templerorganisation haben Ralph von Reichenberg immer wieder mit den ungelösten Fragen der Ordensgeschichte konfrontiert. Sein neues Buch soll nicht nur bekannte Erzählungen wiedergeben, sondern die Leser zu einer eigenen kritischen Auseinandersetzung mit einem faszinierenden Kapitel möglicher Templergeschichte einladen.

Freuen Sie sich auf eine außergewöhnliche Spurensuche: von den befestigten Mauern des Pariser Tempels über die schottischen Burgen und die stürmischen Gewässer des Nordatlantiks bis zu den geheimnisvollen Inseln an der kanadischen Küste.

Vielleicht werden wir dort keinen vergrabenen Templerschatz finden. Aber möglicherweise entdecken wir etwas, das noch wertvoller ist: ein besseres Verständnis dafür, wie weit die Wege unserer mittelalterlichen Ordensbrüder tatsächlich gereicht haben könnten.

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