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Die UNGLÄUBIGEN sind immer die Anderen

Was das Opferfest mit unserem Blick auf den Glauben zu tun hat

Im Laufe der Geschichte waren die „Ungläubigen“ immer leicht zu finden – jedenfalls aus Sicht derjenigen, die sich selbst für „die Gläubigen“ hielten. Zur Zeit Jesu galten die ersten Christen den jüdischen Autoritäten als gefährliche Abweichler. Im Mittelalter betrachteten viele Christen die Muslime als heidnische Feinde – ebenso wie umgekehrt viele Muslime das Christentum als entstellte Offenbarung ablehnten.

Doch ist diese Abgrenzung wirklich notwendig? Oder verdeckt sie nicht vielmehr die tiefe gemeinsame Wurzel, die den großen monotheistischen Religionen innewohnt?

Die Erzählung von Abraham – eine gemeinsame Herkunft

Ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie sehr Judentum, Christentum und Islam miteinander verwoben sind, liefert das bevorstehende islamische Opferfest (arabisch: ʿĪd al-aḍḥā). Es wird weltweit von Muslimen gefeiert und erinnert an die Bereitschaft Abrahams, seinen Sohn – aus Gehorsam gegenüber Gott – zu opfern.

Diese Geschichte ist kein exklusiver Bestandteil des Islam. Sie gehört ebenso zur jüdischen Tora (Genesis 22) wie zum Alten Testament der Christen.
Im Koran findet sich die entsprechende Erzählung in Sure 37, wo Abraham in einem Traum von Gott aufgefordert wird, seinen Sohn zu opfern – und sich gehorsam fügt. Am Ende greift Gott ein und ersetzt den Sohn durch ein Opfertier.

Drei Religionen – ein gemeinsamer Vater im Glauben

Abraham gilt in allen drei Religionen als Vorbild des Glaubens:

  • Für die Juden ist er der Stammvater des Volkes Israel.

  • Für Christen ist er das Symbol des Glaubens, das im Neuen Testament immer wieder aufgegriffen wird.

  • Für Muslime ist er Ibrahim, ein Prophet und der Inbegriff des aufrichtigen Gottvertrauens.

Gerade im Gedenken an die Abrahamsgeschichte zeigt sich, wie eng diese Religionen verbunden sind – trotz aller theologischen Unterschiede. Das Opferfest erinnert daran, dass Gott kein Opfer im Sinne von Blutvergießen will, sondern die innere Bereitschaft zur Hingabe und zum Vertrauen.

Der Reflex, die anderen als „ungläubig“ zu sehen

Trotz solcher Verbindungen ist es ein wiederkehrendes Muster der Religionsgeschichte, „die anderen“ als ungläubig oder falsch zu bezeichnen. Dieser Reflex dient oft der Stabilisierung der eigenen Identität – aber er bringt Spaltung, Misstrauen und Konflikte mit sich.

Die Welt braucht nicht mehr Abschottung im Namen Gottes – sie braucht mehr Einsicht in die spirituelle Gemeinsamkeit.

Eine Einladung zum Umdenken

Das Opferfest lädt uns dazu ein, über die tiefere Bedeutung von Glaube, Gehorsam und Verbindung zu Gott nachzudenken – jenseits dogmatischer Grenzen. Es lädt dazu ein, nicht nur in der eigenen Überlieferung zu lesen, sondern auch mit einem offenen Herzen zu erkennen, wo die Geschichten der anderen auch unsere sind.

Vielleicht ist der „Ungläubige“ gar nicht der andere –
sondern derjenige, der nicht mehr hinsieht,
nicht mehr zuhört
und nicht mehr versteht, dass wir alle Kinder Abrahams sind.

Möge dieses Fest – und jede Begegnung mit dem Anderen – uns daran erinnern.

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