“Geht nicht zu den Heiden …
Eine Betrachtung zum Auftrag Jesu und der Ausweitung des Evangeliums
„Geht nicht zu den Heiden und betretet keine Stadt der Samariter, sondern geht zu den verlorenen Schafen des Hauses Israel. Geht und verkündet: Das Himmelreich ist nahe.“
(Matthäus 10,5–7)
Diese Worte Jesu, gerichtet an die zwölf Jünger bei ihrer ersten Aussendung, klingen auf den ersten Blick wie eine klare Absage an jegliche Mission unter Nichtjuden. Sie stehen in offensichtlichem Widerspruch zur späteren Entwicklung der jungen Kirche, insbesondere zum Wirken des Petrus und des Paulus unter den Heiden.
Wie passt das zusammen? Hat Petrus den Auftrag Jesu übertreten?
Der historische Kontext
Jesus sprach diese Worte in einem bestimmten Moment seines Wirkens aus. Zu diesem Zeitpunkt bewegte er sich im jüdischen Kontext. Er war Jude, sprach zu Juden und wurde als der verheißene Messias Israels verstanden. Die erste Mission galt daher ausschließlich „den verlorenen Schafen des Hauses Israel“, also den jüdischen Menschen, die in religiöser Orientierungslosigkeit lebten und zur Umkehr gerufen werden sollten.
Der Wandel im Auftrag
Doch bereits das Matthäusevangelium selbst zeigt eine Entwicklung. Am Ende des Evangeliums, nach der Auferstehung, gibt Jesus einen neuen, erweiterten Auftrag:
„Darum gehet hin und lehret alle Völker …“
(Matthäus 28,19)
Dieser sogenannte „Missionsbefehl“ zeigt, dass sich der Auftrag Jesu mit der Zeit – und im Licht der Auferstehung – erweitert hat. Was zunächst als innerjüdische Reformbewegung begann, wurde zur universalen Botschaft für alle Menschen.
Petrus und die Heidenmission
Petrus selbst war zunächst zögerlich, das Evangelium zu den Heiden zu bringen. Doch in Apostelgeschichte 10 lesen wir, wie er durch eine Vision von Gott dazu geführt wurde, den römischen Hauptmann Cornelius zu taufen. Petrus sagte damals sinngemäß: „Gott hat mir gezeigt, keinen Menschen unrein oder unheilig zu nennen.“ Das war eine radikale Öffnung.
Petrus folgte also nicht einem Eigenwillen, sondern einer göttlichen Führung. Seine Predigt an die Heiden war keine Missachtung eines früheren Gebotes Jesu, sondern ein Ausdruck des gewachsenen Verständnisses vom universalen Anspruch des Evangeliums.
Der Kern des Problems: Wörtlich oder geistlich?
Wenn man Bibelworte nur wörtlich und isoliert liest, stößt man unweigerlich auf Widersprüche. Die Bibel ist aber kein Gesetzbuch mit einheitlichem Tonfall, sondern ein lebendiges Zeugnis des Glaubensweges vieler Menschen – und ein geistiges Werk, das sich in einem historischen und spirituellen Zusammenhang entfaltet.
Jesus sprach oft in Bildern und situativ. Seine Worte bedürfen der Auslegung im Lichte des Geistes, nicht nur der bloßen Buchstabentreue.
Fazit
Der Auftrag Jesu begann mit dem Volk Israel – aus Treue zur Verheißung. Doch er blieb dort nicht stehen. Im Laufe der Zeit wurde deutlich: Das Reich Gottes ist für alle Menschen bestimmt, jenseits von Nation, Herkunft oder Tradition.
Petrus hat diesen erweiterten Ruf angenommen. Und gerade darin zeigt sich ein tiefes geistiges Prinzip: Wahre Treue zu einem göttlichen Auftrag bedeutet oft, über den ursprünglichen Horizont hinauszuwachsen – wenn das Licht der Wahrheit weiterführt.
Der Sonntag lädt uns ein, genau hinzuhören – nicht nur auf den Buchstaben, sondern auf den Geist, der lebendig macht.
