Taborcillo, die Insel der Freiheit
Wie ein Leben ohne staatliche Einmischung möglich war – und warum vielen heute die Rückkehr in die Reglementierung erst spät auffällt
Wer heute über Freiheit spricht, meint meist Rechte, die auf Papier verbrieft sind: Meinungsfreiheit, Wahlrecht, Versammlungsfreiheit. Doch Freiheit erschöpft sich nicht in Verfassungstexten. Sie zeigt sich vor allem im Alltag – dort, wo Bürger handeln, gestalten, bauen, versorgen und Entscheidungen treffen. Und genau dort, so berichten ehemalige Bewohner einer kleinen Insel vor Panama, sei das Leben einst spürbar freier gewesen als in vielen europäischen Staaten der Gegenwart.
Die Insel heißt Taborcillo. Ein Fleck Land im Golf von Panama, tropisch, abgeschieden, kaum bekannt. Und doch wurde sie für jene, die dort lebten, zu einem Symbol: für Selbstverantwortung und für die Abwesenheit jenes Regulierungsgeistes, der in Europa in den vergangenen Jahrzehnten immer stärker den Alltag durchdringt.
Straßen nach Bedarf – nicht nach Aktenlage
„Wir legten Straßen an, wo wir wollten“, erzählt ein ehemaliger Inselbewohner. Was wie eine romantische Übertreibung klingt, sei in Wahrheit Ausdruck einer einfachen Logik gewesen: Die Wege wurden dort gebaut, wo sie gebraucht wurden – nach Gelände, Witterung und praktischer Notwendigkeit.
Noch bemerkenswerter: Auch die Benennung dieser Straßen erfolgte ohne behördliche Vorgaben. Keine Verordnung, kein Eintrag im System, keine Diskussion über Zuständigkeiten. Namen wurden gewählt – mit Sinn, mit Humor, mit Tradition.
Das sei, so die Bewohner, nicht Chaos gewesen, sondern Ordnung. Nur eben eine Ordnung, die nicht von oben verordnet wurde, sondern von unten entstand.
Häuser ohne staatliches Hineinregieren
Ähnlich sei es beim Bauen gewesen. Während in Europa Bauprojekte in einem Dickicht aus Vorschriften, Normen und Bewilligungsverfahren stecken bleiben können, seien auf Taborcillo Häuser errichtet worden, ohne dass der Staat „in jeden Winkel hineinregiert“ habe.
Selbstverständlich habe man Verantwortung getragen, betont man. Sicherheit sei kein Fremdwort gewesen. Doch man habe ohne Daueraufsicht gebaut – und ohne jenes Gefühl, dass man als Eigentümer letztlich nur „Nutzer auf Widerruf“ sei.
Fische für die Ernährung – ohne Berechtigung
Die Inselbewohner versorgten sich in Teilen selbst. Fischfang gehörte dazu. Was heute in vielen Ländern längst genehmigungspflichtig ist – oft inklusive Regelwerk und Dokumentationspflichten –, war dort schlicht Teil des Lebens.
„Unsere Fische für die Ernährung fingen wir, ohne eine notwendige Berechtigung“, heißt es. Es ist ein Satz, der in Europa mittlerweile fast provokant wirkt – weil er eine Selbstverständlichkeit ausdrückt, die vielen abhandengekommen ist: dass Menschen sich selbst versorgen dürfen, ohne zuerst um Erlaubnis zu bitten.
Inselpost und eigene Briefmarken
Dass Taborcillo auch kulturell auf Eigenständigkeit setzte, zeigt ein Detail, das heute fast nostalgisch anmutet: Es gab eine eigene Inselpost mit Inselbriefmarken.
Sogar eine eigene Währung existierte – wenngleich die Bewohner offen einräumen, dass es sich dabei eher um ein Souvenir als um ein tatsächliches Zahlungsmittel gehandelt habe. Dennoch: Symbole dieser Art sind nie nur Spielerei. Sie stehen für Identität und für die Möglichkeit, Dinge selbst zu gestalten.
Sheriffhaus mit Gefängniszellen – ohne Gefangene
Fast ironisch wirkt die Existenz eines Sheriffhauses mit zwei Gefängniszellen. Doch auch hier folgt die Pointe: „Wir sperrten hier niemals jemand ein.“ Die Zellen dienten eher als Attraktion – Besucher zahlten Geld dafür, dort zu übernachten.
Es ist eine Episode, die eine tiefere Botschaft enthält: Ordnung entstand nicht durch ständige Androhung von Strafe. Sondern durch Gemeinschaft und gegenseitige Kontrolle im besten Sinn – durch Nähe, Verantwortlichkeit und soziale Bindung.
Panama als Rahmen – aber ohne Vollstreckung auf der Insel
Rechtlich gesehen galt selbstverständlich das panamaische Gesetz. Panama ist kein anarchischer Raum, sondern ein Staat mit Rechtsordnung – allerdings mit im Vergleich zu Europa oft deutlich größeren Spielräumen für Bürger.
Und dennoch: In der Praxis, so die Schilderung, wurden die panamaischen Regeln auf der Insel „nicht vollstreckt“. Nicht, weil man bewusst ein Gegenrecht errichtet hätte, sondern weil es schlicht keinen Anlass gab.
Die Rückkehr in die europäische Wirklichkeit
Die eigentliche Brisanz liegt jedoch nicht in der Vergangenheit der Insel, sondern im Kontrast zur Gegenwart. Denn die Bewohner leben inzwischen wieder in Europa – und erleben dort etwas, das sie als „Rückkehr in die Unfreiheit“ beschreiben.
Das ist ein hartes Urteil. Noch härter wird es in der Begründung: Viele Menschen würden das anders sehen, weil sie sich längst an die Einschränkungen gewöhnt hätten.
„Sie wurde uns deshalb auch nur scheibchenweise weggenommen“, heißt es. Das Bild ist bekannt: Freiheit verschwindet nicht über Nacht, sondern Schritt für Schritt – ein Gesetz hier, eine Pflicht dort, eine Überwachung unter dem Schlagwort Sicherheit, eine neue Regelung unter dem Etikett Schutz.
Viele Begriffe – ein Gefühl
Wie man diesen Zustand nennt, ist umstritten. Die Inselbewohner sprechen von einem Spektrum an Begriffen, die jeweils Teile derselben Entwicklung beschreiben:
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Überwachungsstaat, wenn Kontrolle und Datenerfassung den Alltag bestimmen
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Polizeistaat, wenn Überwachung mit Repression, Angst und starker Exekutive einhergeht
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Autoritarismus, wenn demokratische Rechte schrittweise abgebaut werden
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Totalitarismus, wenn der Staat bis in Denken und Privatleben hineinregieren will
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Sicherheitsstaat, wenn Freiheit stets zugunsten von „Sicherheit“ relativiert wird
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orwellscher Staat, wenn Überwachung und Manipulation Normalität werden
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Bevormundungsstaat, wenn Politik den Bürger als Kind behandelt
Ob man diese Begriffe teilt oder nicht: Sie verweisen auf ein wachsendes Unbehagen, das längst nicht mehr nur Randgruppen betrifft.
Das stille Fazit einer Insel
Taborcillo war klein, fast unbedeutend. Doch ihre Geschichte wirkt wie eine Folie, auf der die Gegenwart sichtbarer wird. Nicht, weil man zurück in die Tropen flüchten müsse – sondern weil das Beispiel daran erinnert, dass Freiheit nicht nur ein politisches Ideal ist, sondern eine Lebensform.
Und dass ihr Verlust oft erst dann spürbar wird, wenn man erlebt hat, wie sich echte Freiheit anfühlt.
Denn, so formuliert es einer der ehemaligen Bewohner nüchtern:
„Wenn man Freiheit nur als Wort kennt, bemerkt man nicht, wann sie verschwindet.“

