Vom Grünen zum Roten Löwen
Eine Betrachtung eines Templers über die heilige Alchemie
Brüder und Schwestern im Geiste,
auf meinen Reisen zwischen Kloster, Wüste und Schlachtfeld begegnete ich nicht nur Sarazenen und Pilgern, sondern auch den Hütern verborgenen Wissens – jenen, die in Retorten und Symbolen lesen wie wir in der Heiligen Schrift. Viele nannten sie Alchemisten. Manche verlachten sie. Andere fürchteten sie. Doch wer tiefer blickt, erkennt: Ihre wahre Arbeit galt nie dem Blei, sondern dem Menschen.
Sie sprechen vom grünen Löwen, der sich in einen roten Löwen verwandelt.
Der Unwissende meint, es gehe um Metalle. Der Eingeweihte weiß: Es geht um die Seele.
Der grüne Löwe ist das rohe Leben in uns – ungezähmt, wachsend, voller Triebe und Begierden. Grün wie das junge Blatt, kraftvoll, doch ungeordnet. Er ist Mut ohne Weisheit, Zorn ohne Richtung, Stärke ohne Ziel. Jeder Krieger kennt ihn – jenes innere Beben vor der Schlacht, das gleichermaßen Tapferkeit wie Raserei gebären kann.
Doch der Weg des Templers ist nicht, den grünen Löwen zu töten.
Er muß ihn verwandeln.
So beginnt das Werk der inneren Alchemie.
Das Feste und das Flüchtige tanzen miteinander. Körper und Geist, Disziplin und Hingabe, Schweigen und Gebet. Wie Quecksilber und Schwefel in den Schriften der Meister, so ringen auch in uns Gegensätze umeinander, bis sie nicht mehr Feinde sind, sondern Partner eines heiligen Tanzes.
Die vier Elemente vereinen sich:
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Erde – unser Körper, der trägt.
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Wasser – unser Fühlen, das formt.
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Luft – unser Denken, das erkennt.
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Feuer – unser Wille, der wandelt.
Fehlt eines, so bleibt das Werk unvollständig. Zu viel Feuer macht zum Fanatiker. Zu viel Wasser zum Zauderer. Zu viel Luft zum Träumer. Zu viel Erde zum Knecht der Materie.
Erst wenn Gegensätze sich umarmen, geschieht das Wunder.
Dann wird der grüne Löwe rot.
Rot – die Farbe des vollendeten Werkes, des Steins der Weisen, des Blutes Christi, des Opfers und der Liebe zugleich. Der rote Löwe ist gezähmte Kraft. Er ist Mut, der dem Schutz dient. Zorn, der sich in Gerechtigkeit läutert. Macht, die sich dem Höheren beugt.
In dieser Wandlung finden Seele, Geist und Körper ihre heilige Einheit. Kein Teil herrscht mehr tyrannisch über den anderen. Der Mensch wird zum lebendigen Tempel – nicht aus Stein errichtet, sondern aus Bewußtsein.
Dann offenbart sich die innere Geometrie.
Wie die Baumeister unserer Kathedralen nach göttlichen Proportionen maßen, so trägt auch der Mensch ein verborgenes Maß in sich. Wer es erkennt, findet den Weg zurück zu dem, was er immer war: Ebenbild des Schöpfers, nicht durch Geburt, sondern durch Verwandlung.
Darum frage ich dich, Leser, nicht nach deinem Rang, deinem Reichtum oder deiner Gelehrsamkeit.
Ich frage dich:
Welcher Löwe wohnt in dir?
Ist er noch grün – getrieben von Furcht, Begierde und ungezügeltem Zorn? Oder hat das Feuer der Prüfung ihn bereits gerötet?
Wisse: Die Metamorphose geschieht nicht im Labor, sondern im Leben. Jede Versuchung ist ein Ofen. Jede Niederlage ein Lösungsmittel. Jede Vergebung ein Destillat.
So arbeite an deinem Werk, wie wir einst an Rüstung und Klinge arbeiteten – geduldig, schweigend, beharrlich.
Denn selig ist nicht, wer den äußeren Feind besiegt.
Selig ist, wer seinen Löwen verwandelt.

