✠✠✠✠✠✠ Logen Blog ✠✠✠✠✠✠

Was „Arisierung“ wirklich bedeutete

Der beschönigende Begriff „Arisierung“ bezeichnete die Verdrängung jüdischer Eigentümer aus dem deutschen Wirtschaftsleben. Jüdische Unternehmer wurden durch Gesetze, Boykotte, Drohungen, Verhaftungen und wirtschaftlichen Druck gezwungen, ihre Firmen, Banken, Geschäfte oder Beteiligungen zu verkaufen.

Die Käufer konnten diese Vermögenswerte häufig weit unter dem tatsächlichen Wert erwerben. Der vermeintlich ordnungsgemäße Kaufvertrag verdeckte dabei das staatlich organisierte Unrecht.

Es handelte sich nicht um gewöhnliche Geschäfte zwischen freien Vertragspartnern. Eine Seite verhandelte unter dem Druck einer Diktatur, die ihr Schritt für Schritt alle Rechte nahm. Manche Eigentümer wollten durch den Verkauf lediglich ihre Flucht finanzieren oder ihr Leben retten.

Wer in einer solchen Lage ein Unternehmen billig übernahm, konnte sich später nicht glaubhaft darauf berufen, lediglich eine günstige wirtschaftliche Gelegenheit genutzt zu haben. Er profitierte von der Entrechtung und Verfolgung eines anderen Menschen.

Dr. Oetker: ein „nationalsozialistischer Musterbetrieb“

Dr. Oetker war bereits vor 1933 ein erfolgreiches Unternehmen. Es wäre daher falsch zu behaupten, die Firma sei erst durch den Nationalsozialismus entstanden. Doch während der Diktatur vergrößerte sie ihre wirtschaftliche Stellung und passte sich eng an das Regime an.

Die entscheidende Person war Richard Kaselowsky, der Stiefvater des späteren Unternehmensleiters Rudolf-August Oetker. Kaselowsky führte das Unternehmen während eines großen Teils der NS-Zeit. Er trat 1933 in die NSDAP ein und gehörte dem „Freundeskreis Reichsführer-SS“ an – einem Kreis einflussreicher Unternehmer, die Heinrich Himmler und die SS finanziell unterstützten.

Das Unternehmen wurde als „nationalsozialistischer Musterbetrieb“ ausgezeichnet. Oetker-Produkte wurden für Feld- und Großküchen geliefert, und der Konzern profitierte vom Aufschwung der Kriegswirtschaft. Auch an der Übernahme beziehungsweise Nutzung zuvor jüdischen Eigentums war das Firmengeflecht beteiligt. Eine vom Unternehmen und der Familie angestoßene Historikerstudie kam zu dem Ergebnis, dass Dr. Oetker vom Rüstungsboom und von sogenannten Arisierungen profitierte. Zwangsarbeit spielte in der eigentlichen Lebensmittelproduktion nach den Ergebnissen dieser Studie eine geringere Rolle als bei manchen großen Rüstungskonzernen, war aber Teil des wirtschaftlichen Umfeldes des Konzerns.

Rudolf-August Oetker meldete sich 1942 freiwillig zur Waffen-SS. Er wurde für eine Laufbahn als Wirtschafts- und Verwaltungsführer der Waffen-SS ausgebildet. Nach dem Tod Kaselowskys im Jahr 1944 und dem Ende des Krieges trat er an die Spitze des Familienunternehmens.

Unter seiner Führung entstand in den folgenden Jahrzehnten ein weit verzweigter Konzern mit Lebensmitteln, Getränken, Hotels, Banken und Schifffahrt. Das wirtschaftliche Erbe, das er übernahm, war jedoch auch durch die Anpassung und die Gewinne der NS-Zeit gestärkt worden.

Die wissenschaftliche Aufarbeitung begann sehr spät. Rudolf-August Oetker soll eine umfassende Untersuchung zu seinen Lebzeiten abgelehnt haben. Erst nach seinem Tod beauftragte die Familie unabhängige Historiker. Zwischen 2009 und 2013 wurde die Unternehmensgeschichte während des Nationalsozialismus ausführlich untersucht; Dr. Oetker stellt diese Aufarbeitung heute auch auf seiner eigenen Geschichtsseite dar.

Das ist anzuerkennen. Aber es bleibt die Frage, warum mehrere Generationen vergehen mussten, bevor die ganze Wahrheit öffentlich ausgesprochen wurde.

Günther Quandt: Rüstung, „Arisierung“ und Zwangsarbeit

Besonders schwer wiegt die Geschichte der Familie Quandt, deren Nachkommen heute große Beteiligungen an BMW halten.

Dabei ist eine wichtige Unterscheidung notwendig: BMW befand sich während des Nationalsozialismus noch nicht unter der Kontrolle der Familie Quandt. Herbert Quandt stieg erst in der Nachkriegszeit zum entscheidenden BMW-Aktionär auf und bewahrte das Unternehmen 1959 vor einer möglichen Übernahme durch Daimler-Benz.

Die wirtschaftliche Grundlage, die ihm dieses Eingreifen ermöglichte, stammte jedoch wesentlich aus dem Industrievermögen der Familie.

Günther Quandt hatte bereits vor 1933 ein großes Firmengeflecht aufgebaut. Dazu gehörten vor allem die Akkumulatoren-Fabrik AG, später VARTA, sowie Beteiligungen an Unternehmen der Textil-, Metall- und Rüstungsindustrie.

Nach der nationalsozialistischen Machtübernahme nutzte er die neuen Verhältnisse zur Erweiterung seines Konzerns. Unternehmen der Quandt-Gruppe wurden bedeutende Lieferanten der Wehrmacht. Sie produzierten Batterien, Munition und andere kriegswichtige Erzeugnisse.

Günther Quandt beteiligte sich zudem an sogenannten Arisierungen und erweiterte sein Firmenreich durch die Übernahme jüdischen Eigentums. Die von der Familie selbst beauftragte historische Untersuchung bestätigte später, dass er kein bloßer passiver Mitläufer, sondern ein Unternehmer war, der die Möglichkeiten des Regimes gezielt für seine Interessen nutzte.

In den Fabriken der Quandt-Gruppe arbeiteten Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge aus Konzentrationslagern. Besonders berüchtigt waren die Bedingungen in der Batteriefabrik Pertrix in Berlin. Die Menschen waren giftigen Stoffen ausgesetzt, unzureichend ernährt und wurden unter menschenunwürdigen Bedingungen zur Arbeit gezwungen.

Herbert Quandt war während des Krieges bereits in leitender Funktion innerhalb des Familienkonzerns tätig. Nach den Ergebnissen der historischen Untersuchung musste er über Art, Umfang und Bedingungen der Zwangsarbeit sowie über die Übernahmen jüdischer Unternehmen informiert gewesen sein.

Der erstaunlich milde Neubeginn

Nach dem Krieg wurde Günther Quandt interniert. Doch er musste sich nicht in einem großen Wirtschaftsverbrecherprozess verantworten. Im Entnazifizierungsverfahren wurde er schließlich als „Mitläufer“ eingestuft.

Diese Einstufung steht in deutlichem Gegensatz zu den später bekannt gewordenen Dokumenten. Nach seiner Freilassung konnte Quandt wieder wirtschaftlich tätig werden. Das Familienvermögen blieb im Wesentlichen erhalten und wurde an die nächste Generation weitergegeben.

Herbert Quandt baute darauf seine Nachkriegskarriere auf. Als BMW 1959 in einer schweren Krise steckte, erhöhte er seine Beteiligung und ermöglichte die Sanierung des Unternehmens. Daraus entstand jene Verbindung zwischen BMW und der Familie Quandt, die bis heute fortbesteht.

Man muss deshalb zwei Wahrheiten gleichzeitig festhalten: Herbert Quandts Entscheidung war für das Überleben und den späteren Aufstieg von BMW von großer Bedeutung. Zugleich stammten seine wirtschaftliche Stellung und sein Kapital aus einem Familienkonzern, der während der NS-Zeit durch Rüstung, „Arisierung“ und Zwangsarbeit gestärkt worden war.

BMW selbst hat seine eigene Rolle als Rüstungsunternehmen und den Einsatz von Zwangsarbeitern inzwischen öffentlich dokumentiert. Das Unternehmen erklärt, dass seine damalige Leitung beim Einsatz von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Häftlingen keine ethischen Bedenken erkennen ließ. BMW gehörte 1999 zu den Gründungsmitgliedern der Stiftung „Erinnerung, Verantwortung und Zukunft“, die Entschädigungen für ehemalige Zwangsarbeiter finanzierte.

Bahlsen: Kekse für den Krieg

Auch die Geschichte Bahlsens widerlegt die bequeme Vorstellung, nur Waffenfabriken hätten vom Krieg profitiert. Armeen benötigen nicht nur Panzer, Flugzeuge und Munition. Sie müssen ebenso mit Nahrung versorgt werden.

Bahlsen wurde zu einem wichtigen Lieferanten haltbarer Lebensmittel. Die militärische Nachfrage ließ die Produktion wachsen. Das Unternehmen unterstützte das Regime und setzte während des Krieges ausländische Zwangsarbeiter ein.

Lange war von etwa 200 Beschäftigten die Rede. Eine 2024 vorgestellte Untersuchung der Historiker Hartmut Berghoff und Manfred Grieger kam jedoch zu einem deutlich höheren Ergebnis: Zwischen 1940 und 1945 arbeiteten mehr als 800 ausländische Zwangsarbeiter bei Bahlsen, viele von ihnen Frauen aus Polen und der Ukraine. Sie erhielten geringere Löhne und Lebensmittelrationen, waren schlechter medizinisch versorgt und unterlagen der rassistischen Sondergesetzgebung des Regimes.

Während der deutschen Besatzung der Ukraine verwaltete Werner Bahlsen zeitweilig eine Keksfabrik in Kiew. Das Unternehmen hoffte offenbar, den Betrieb nach einem deutschen Sieg übernehmen zu können. Beim Rückzug wurden Maschinen aus Kiew nach Hannover gebracht.

Die Historiker bezeichneten die damaligen Bahlsen-Verantwortlichen nicht als maßgebliche Architekten des NS-Systems, wohl aber als tatkräftige Helfer, die dessen Möglichkeiten für das eigene Unternehmen nutzten.

Besondere öffentliche Aufmerksamkeit erhielt die Familiengeschichte 2019. Verena Bahlsen erklärte damals, die Zwangsarbeiter seien im Unternehmen gut behandelt worden und Bahlsen habe sich nichts vorzuwerfen. Nach heftiger Kritik entschuldigte sie sich. Erst dieser Streit führte zu einer umfassenderen historischen Aufarbeitung.

Die Familie erklärte später selbst, viele Einzelheiten nicht gekannt, aber auch nicht danach gefragt zu haben.

Dieser Satz ist bemerkenswert. Denn er beschreibt ein Problem, das weit über die Familie Bahlsen hinausgeht: Manchmal bleibt die Wahrheit nicht deshalb verborgen, weil sie unauffindbar wäre, sondern weil niemand sie finden möchte.

August von Finck: ein Bankier an Hitlers Seite

Das Vermögen der Familie von Finck entstand ursprünglich lange vor dem Nationalsozialismus. Wilhelm von Finck war an der Gründung bedeutender Unternehmen und Finanzhäuser beteiligt, darunter die Münchener Rückversicherung, die Allianz und das Bankhaus Merck Finck & Co.

Sein Sohn August von Finck senior übernahm ein bereits mächtiges wirtschaftliches Erbe. Doch er gehörte zu jenen Bankiers und Industriellen, die Hitler frühzeitig unterstützten.

Nach Angaben des NS-Dokumentationszentrums München traf sich Finck bereits 1931 sowie im Februar 1933 mit Hitler und gehörte zu den Geldgebern der NSDAP. Später trat er selbst in die Partei ein.

Das Bankhaus Merck Finck profitierte von der „Arisierung“ jüdischer Banken und Unternehmen. Dazu gehörten unter anderem Beteiligungen an der Übernahme der Berliner Bank Dreyfus sowie eine wichtige Rolle bei der erzwungenen Übertragung des Wiener Bankhauses S. M. von Rothschild.

Hinter diesen nüchternen Unternehmensgeschäften standen verfolgte Familien, die ihr Eigentum nicht freiwillig und nicht zu frei ausgehandelten Bedingungen aufgaben. Die „Arisierung“ war Raub unter dem äußeren Schein wirtschaftlicher Verträge.

Nach 1945 wurde das Bankhaus zeitweise unter Treuhandverwaltung gestellt. August von Finck verlor vorübergehend Einfluss, konnte aber später wieder in die Bankenwelt zurückkehren und seine wirtschaftliche Stellung ausbauen. Eine Unternehmensgeschichte der Münchener Rück bezeichnet seine Rolle bei der Übernahme der Bank Dreyfus ausdrücklich als belastend und beschreibt auch den wirtschaftlichen Druck der amerikanischen Militärregierung nach dem Krieg.

Auch hier wurde das Vermögen nicht von Grund auf durch die Nationalsozialisten geschaffen. Aber es wurde während der Diktatur durch Geschäfte erweitert, die ohne die Entrechtung und Verfolgung jüdischer Eigentümer nicht möglich gewesen wären.

Warum so wenige Unternehmer schwer bestraft wurden

Nach 1945 standen die Alliierten vor einer gewaltigen Aufgabe. Deutschland musste entnazifiziert, demokratisiert und wirtschaftlich wiederaufgebaut werden. Gleichzeitig begann bereits der Kalte Krieg.

Für die wirtschaftliche Stabilisierung wurden erfahrene Manager, Bankiers und Industrielle benötigt. Viele konnten sich deshalb als unpolitische Fachleute darstellen, die angeblich nur ihre Unternehmen durch schwierige Zeiten geführt hätten.

Verantwortung wurde häufig auf einen kleinen Kreis führender Nationalsozialisten abgeschoben. Wer keine Befehle zu Massenmorden unterschrieben hatte, konnte behaupten, von den Verbrechen nichts gewusst zu haben. Zwangsarbeit wurde als allgemeine staatliche Maßnahme dargestellt, gegen die ein einzelnes Unternehmen angeblich nichts habe unternehmen können.

Hinzu kam, dass viele belastende Unterlagen zunächst nicht bekannt oder nicht ausgewertet waren. Unternehmer konnten Entlastungsschreiben ehemaliger Mitarbeiter vorlegen, wirtschaftliche Leistungen betonen und persönliche Beziehungen nutzen.

So blieben zahlreiche Vermögen erhalten. Die Unternehmensanteile, Grundstücke, Patente und Fabriken gingen an die nächste Generation über. Während viele Opfer mittellos aus Lagern und Zwangsarbeit zurückkehrten oder ihre geraubten Unternehmen nie vollständig wiedererhielten, konnten manche Täter und Profiteure ihren wirtschaftlichen Aufstieg fortsetzen.

Erben heutige Nachkommen auch die Schuld?

Nein. Schuld ist persönlich und kann nicht biologisch vererbt werden.

Kein heutiger Nachkomme ist allein deshalb schuldig, weil sein Großvater oder Urgroßvater der NSDAP angehörte, Zwangsarbeiter ausbeutete oder jüdisches Eigentum übernahm. Eine solche Vorstellung von Sippenschuld widerspricht dem Recht und der christlichen Auffassung persönlicher Verantwortung.

Doch während Schuld nicht vererbt wird, können Vermögen, Firmenanteile, Kunstwerke, gesellschaftlicher Einfluss und ein angesehener Familienname sehr wohl vererbt werden.

Daraus entsteht Verantwortung.

Wer die Vorteile eines Erbes annimmt, sollte auch bereit sein, dessen Herkunft untersuchen zu lassen. Man kann nicht mit Stolz auf 150 Jahre Familientradition verweisen und zugleich behaupten, die Jahre von 1933 bis 1945 hätten mit der heutigen Familie nichts mehr zu tun.

Tradition ist unteilbar. Sie besteht nicht nur aus Erfindungen, Erfolgen und wohltätigen Stiftungen. Zu ihr gehören auch Irrtum, Opportunismus und Schuld.

Was glaubwürdige Aufarbeitung verlangt

Eine Historikerstudie ist ein wichtiger Anfang. Sie genügt jedoch nicht immer als Abschluss. Glaubwürdige Aufarbeitung besteht aus mehreren Schritten.

Dazu gehören die uneingeschränkte Öffnung der Familien- und Unternehmensarchive, die Veröffentlichung der Forschungsergebnisse und die dauerhafte Erinnerung an die Opfer. Straßen, Stiftungen und Preise sollten nicht unkritisch nach belasteten Unternehmern benannt bleiben.

Ebenso wichtig sind Bildungsarbeit und die Unterstützung unabhängiger Gedenkstätten. Wo geraubtes Eigentum oder unrechtmäßig erworbene Kunstwerke identifiziert werden können, muss eine faire Rückgabe oder Entschädigung geprüft werden.

Entscheidend ist außerdem die Sprache. Begriffe wie „Fremdarbeiter“, „Übernahme“ oder „zeitbedingte Verstrickung“ können das geschehene Unrecht verschleiern. Wer zur Arbeit verschleppt und unter Strafandrohung festgehalten wurde, war kein gewöhnlicher ausländischer Beschäftigter. Wer sein Unternehmen aufgrund rassistischer Verfolgung abgeben musste, schloss keinen freien Kaufvertrag.

Aufarbeitung verlangt, die Dinge bei ihrem wirklichen Namen zu nennen.

Der Templer und die Versuchung des Reichtums

Reichtum ist aus templerischer Sicht nicht grundsätzlich verwerflich. Vermögen kann Arbeitsplätze schaffen, Forschung ermöglichen, Familien sichern und wohltätigen Zwecken dienen.

Doch Reichtum stellt eine Prüfung dar.

Je größer das Vermögen, desto größer ist die Versuchung, seinen Ursprung zu verklären. Familienchroniken berichten gern von Fleiß, Wagemut und genialen Entscheidungen. Seltener erzählen sie von politischen Beziehungen, billigen Übernahmen, ausgebeuteten Arbeitern und jenen Menschen, die den wirtschaftlichen Erfolg mit ihrer Freiheit, ihrer Gesundheit oder ihrem Leben bezahlten.

Der Templer fragt nicht nur: Wie viel besitzt ein Mensch?

Er fragt: Wie wurde es erworben? Wie wird es verwendet? Und ist der Besitzer bereit, der Wahrheit ins Gesicht zu sehen?

Ein Vermögen wird nicht dadurch moralisch gereinigt, dass genügend Zeit vergeht. Auch eine wohltätige Stiftung kann die Vergangenheit nicht ungeschehen machen. Sie kann jedoch Ausdruck ernst gemeinter Verantwortung sein – vorausgesetzt, sie dient nicht bloß der Pflege des Familiennamens.

Erinnerung ohne Hass

Die Beschäftigung mit diesen Unternehmerdynastien darf nicht zu neuem Hass führen. Die Nachkommen sind nicht ihre Vorfahren. Auch die heutigen Unternehmen bestehen aus Tausenden Menschen, die keine Verantwortung für die Entscheidungen der damaligen Eigentümer tragen.

Es wäre ebenso ungerecht, heutige Mitarbeiter oder Kunden moralisch zu verurteilen, weil sie für ein Unternehmen arbeiten oder dessen Produkte kaufen.

Die Aufgabe besteht nicht darin, Menschen an einen ewigen Pranger zu stellen. Es geht darum, die historische Wahrheit anzuerkennen und daraus Maßstäbe für die Gegenwart zu gewinnen.

Gerade ein Templer muss zwischen Gerechtigkeit und Rache unterscheiden. Gerechtigkeit erinnert an die Opfer, benennt die Verantwortlichen und zieht Lehren aus dem Geschehen. Rache überträgt die Schuld dagegen auf Menschen, die selbst keine Tat begangen haben.

Wir benötigen keine vererbte Schuld. Wir benötigen übernommene Verantwortung.

Schlussgedanke

Die Milliardenvermögen der Familien Oetker, Quandt, Bahlsen und von Finck wurden nicht ausschließlich während des Nationalsozialismus geschaffen. Einige dieser Unternehmen und Vermögen bestanden bereits lange vor 1933; andere erreichten ihre heutige Größe erst Jahrzehnte nach dem Krieg.

Aber ebenso wahr ist: Teile dieser Vermögen wurden unter Bedingungen bewahrt oder vermehrt, die durch Diktatur, Krieg, „Arisierung“ und Zwangsarbeit geprägt waren. Das während jener Jahre erworbene Kapital verschwand 1945 nicht. Es wurde zur Grundlage späterer Investitionen und schließlich an die Nachkommen weitergegeben.

Die Opfer konnten ihre verlorenen Jahre nicht erben. Viele erhielten weder ihren Besitz noch eine angemessene Entschädigung zurück. Die Profiteure dagegen konnten Fabriken, Beteiligungen und gesellschaftlichen Einfluss weiterreichen.

Darin liegt das moralische Ungleichgewicht, über das gesprochen werden muss.

Ein Templer soll nicht richten, bevor er geprüft hat. Doch nachdem die Tatsachen geprüft wurden, darf er auch nicht schweigen. Ehre entsteht nicht durch das Verbergen einer dunklen Vergangenheit. Ehre zeigt sich in der Bereitschaft, sie ohne Beschönigung anzuerkennen.

Die Größe einer Unternehmerfamilie bemisst sich deshalb nicht allein an ihrem Vermögen. Sie zeigt sich daran, ob sie den Mut besitzt, die ganze Wahrheit über dessen Herkunft auszusprechen – auch dann, wenn diese Wahrheit den Glanz des eigenen Namens verdunkelt.

Schreibe einen Kommentar