Was erwartet uns nach dem Tod?
Die Antworten der Weltreligionen und die Suche eines Tempelritters nach der Wahrheit
Es gibt eine Frage, die den Menschen seit Jahrtausenden beschäftigt und auf die bis heute niemand eine endgültig beweisbare Antwort gefunden hat: Was geschieht mit uns, wenn wir sterben? Ist der Tod das endgültige Ende unserer Existenz, oder beginnt danach eine andere Form des Lebens? Gibt es einen Himmel, eine Hölle, eine Wiedergeburt oder eine geistige Welt, in der unsere Persönlichkeit weiterbesteht?
Als heutige Templer beschäftigen wir uns mit dem christlichen Glauben, der Geschichte religiöser Gemeinschaften und den großen Fragen des menschlichen Daseins. Dabei müssen wir uns auch mit dem Tod auseinandersetzen. Denn gerade hier zeigt sich, wie unterschiedlich Religionen dieselbe menschliche Erfahrung deuten.
Bemerkenswert ist, dass nahezu alle großen religiösen Traditionen Vorstellungen über eine Fortsetzung des Lebens oder eine Wirklichkeit jenseits des Todes entwickelt haben. Doch ihre Antworten unterscheiden sich teilweise grundlegend. Während das Christentum von Auferstehung und ewigem Leben spricht, kennt der Hinduismus den Kreislauf der Wiedergeburten. Der Buddhismus lehrt einen Weg zur Überwindung dieses Kreislaufs. Das Judentum bewahrt unterschiedliche Vorstellungen von der kommenden Welt, und der Islam verbindet die Auferstehung mit dem göttlichen Gericht.
Welche dieser Vorstellungen entspricht der Wahrheit? Und können wir überhaupt wissen, was nach unserem Tod geschieht?
Das Christentum – Auferstehung, Himmel und Hölle
Im Mittelpunkt des christlichen Glaubens steht die Überzeugung, dass mit dem körperlichen Tod nicht alles endet. Durch Jesus Christus soll dem Menschen die Möglichkeit des ewigen Lebens eröffnet worden sein. Die Auferstehung Jesu gilt dabei als Zeichen dafür, dass der Tod nicht das letzte Wort hat.
Allerdings sind die christlichen Vorstellungen über das Jenseits keineswegs so einheitlich, wie man manchmal annimmt. Die katholische Kirche lehrt Himmel, Hölle und Fegefeuer. Viele evangelische Kirchen lehnen das Fegefeuer ab. Andere christliche Gemeinschaften verstehen die Hölle nicht als einen Ort ewiger Qualen, sondern als endgültige Trennung von Gott oder als das Ende der Existenz des Menschen.
Besonders interessant ist die Frage, wie sich diese Lehren entwickelt haben. Jesus selbst verkündete vor allem das kommende Reich Gottes. Seine Botschaft war von der Erwartung geprägt, dass Gott in die menschliche Geschichte eingreifen und seine Herrschaft verwirklichen werde.
Die spätere Vorstellung eines genau ausgestalteten Jenseits mit Himmel, Hölle, Fegefeuer und unterschiedlichen Formen der Bestrafung entwickelte sich über Jahrhunderte. Sie wurde durch biblische Überlieferungen, jüdische Vorstellungen, griechische Philosophie und die Auslegungen christlicher Theologen geprägt.
Im Alten Testament begegnet uns häufig der Begriff Scheol, der den Bereich der Toten bezeichnet. Er ist nicht ohne Weiteres mit der späteren christlichen Vorstellung einer Hölle ewiger Qual gleichzusetzen. Auch der von Jesus verwendete Begriff Gehenna besitzt einen historischen Hintergrund, der mit dem Tal Hinnom bei Jerusalem verbunden ist.
Daraus ergibt sich eine wichtige Frage: Hat Jesus tatsächlich jene Vorstellungen von Himmel und Hölle gelehrt, die später zu festen Bestandteilen der kirchlichen Glaubenslehre wurden? Oder haben spätere Generationen seine Botschaft mit weiteren religiösen Vorstellungen verbunden?
Wir Templer sollten diese Frage stellen dürfen, ohne dass bereits das Nachdenken darüber als Angriff auf den Glauben verstanden wird.
Der Islam – das Gericht und die Barmherzigkeit Gottes
Auch der Islam lehrt, dass der Tod nicht das Ende der menschlichen Existenz bedeutet. Nach islamischem Verständnis tritt der Mensch zunächst in einen Zwischenzustand ein, der als Barzakh bezeichnet wird. Am Tag der Auferstehung werden die Menschen zum Leben erweckt und vor Gott zur Rechenschaft gezogen.
Das Paradies, Jannah, gilt als Ort des Friedens und der Nähe Gottes. Die Hölle, Jahannam, ist mit göttlichem Gericht und Strafe verbunden. Wie diese Zustände genau zu verstehen sind und ob bestimmte Strafen ewig dauern, wird innerhalb islamischer Traditionen unterschiedlich ausgelegt.
Eine besondere Bedeutung besitzen Gottes Gerechtigkeit und Barmherzigkeit. Der Mensch wird nicht allein nach seiner äußeren Zugehörigkeit beurteilt; seine Absichten, sein Glaube, seine Reue und seine Handlungen spielen in den religiösen Lehren eine wichtige Rolle.
Für einen heutigen Tempelritter ist dieser Gedanke durchaus verständlich. Auch wir vertreten die Auffassung, dass das Verhalten eines Menschen nicht bedeutungslos sein kann. Wer anderen Menschen Leid zufügt, Verantwortung verweigert oder seine Macht missbraucht, handelt anders als jemand, der sich um Gerechtigkeit, Hilfsbereitschaft und Wahrhaftigkeit bemüht.
Ob es nach dem Tod tatsächlich ein göttliches Gericht gibt, können wir nicht beweisen. Doch die Vorstellung, für unsere Handlungen Verantwortung tragen zu müssen, kann unser Leben bereits in der Gegenwart beeinflussen.
Das Judentum – wichtiger ist das richtige Leben
Besonders bemerkenswert erscheint mir das Judentum. Obwohl Jesus selbst Jude war und innerhalb der jüdischen Glaubenswelt lehrte, unterscheiden sich viele jüdische Vorstellungen vom Jenseits erheblich von späteren christlichen Lehren.
Das Judentum kennt keine einheitliche Beschreibung dessen, was nach dem Tod geschieht. Es gibt Vorstellungen von der kommenden Welt, Olam Ha-Ba, von der Auferstehung der Toten, vom Garten Eden und von Gehinnom. Letzteres wird in manchen jüdischen Traditionen als ein zeitlich begrenzter Zustand der Läuterung verstanden und nicht als ewiger Ort der Bestrafung.
Vor allem aber wird im jüdischen Glaubensleben großer Wert auf das Handeln im gegenwärtigen Leben gelegt. Die Erfüllung religiöser Gebote, Gerechtigkeit, Wohltätigkeit und Verantwortung gegenüber anderen Menschen stehen im Mittelpunkt.
Hier begegnet uns eine Haltung, die auch für uns Templer bedeutsam sein kann.
Vielleicht besteht unsere wichtigste Aufgabe gar nicht darin, möglichst genaue Vorstellungen von einer unbekannten jenseitigen Welt zu entwickeln. Vielleicht sollten wir uns vielmehr fragen, wie wir unser gegenwärtiges Leben gestalten.
Was nützt es einem Menschen, von einem herrlichen Himmel zu träumen, wenn er seine Mitmenschen schlecht behandelt? Welchen Wert besitzt ein feierliches Glaubensbekenntnis, wenn ihm keine entsprechenden Taten folgen?
Ein Ritter sollte nicht erst deshalb gerecht handeln, weil er sich nach seinem Tod eine Belohnung erhofft. Er sollte das Gute tun, weil er es als richtig erkannt hat.
Der Hinduismus – die Wiedergeburt als Weg der Seele
Eine völlig andere Vorstellung begegnet uns in vielen hinduistischen Traditionen. Hier steht der Gedanke des Samsara im Mittelpunkt, des Kreislaufs von Geburt, Tod und Wiedergeburt.
Nach dieser Auffassung endet die Existenz eines Menschen nicht mit einem einzigen Leben. Vielmehr setzt sich seine Entwicklung über unterschiedliche Daseinsformen hinweg fort. Dabei spielt das Karma eine wichtige Rolle. Handlungen haben Folgen, die über das gegenwärtige Leben hinausreichen können.
Das höchste Ziel besteht jedoch nicht darin, möglichst oft wiedergeboren zu werden. Vielmehr strebt der Mensch nach Moksha, der Befreiung aus dem Kreislauf der Wiedergeburten.
Die hinduistischen Schulen unterscheiden sich darin, wie sie die Seele, das Göttliche und diese Befreiung verstehen. Manche betonen die Erkenntnis des wahren Selbst, andere die Hingabe an Gott oder die Überwindung der Unwissenheit.
Für einen Menschen, der im europäischen Christentum aufgewachsen ist, mag diese Vorstellung zunächst fremd erscheinen. Doch sie enthält eine interessante Überlegung: Vielleicht ist das menschliche Leben nicht nur ein einmaliger Abschnitt, sondern Teil einer umfassenderen Entwicklung.
Historisch und naturwissenschaftlich lässt sich diese Vorstellung bislang nicht als Tatsache nachweisen. Aber sie zeigt, dass die menschliche Suche nach dem Sinn des Lebens nicht auf die christlichen Vorstellungen von Himmel und Hölle beschränkt ist.
Der Buddhismus – Wiedergeburt ohne ewige Seele
Auch der Buddhismus kennt den Kreislauf von Geburt und Wiedergeburt. Dennoch unterscheidet er sich in einem entscheidenden Punkt von vielen hinduistischen Vorstellungen.
Die meisten buddhistischen Schulen lehnen die Annahme einer unveränderlichen, ewigen individuellen Seele ab. Was sich fortsetzt, wird vielmehr als ein durch Ursachen, Handlungen und geistige Bedingungen geprägter Prozess verstanden.
Das Ziel des buddhistischen Weges ist das Nirvana, die Befreiung von Gier, Hass, Unwissenheit und dem Kreislauf des Leidens.
Der Edle Achtfache Pfad beschreibt hierfür einen Weg, der ethisches Verhalten, geistige Übung und Erkenntnis miteinander verbindet.
Gerade dieser Gedanke verdient unsere Aufmerksamkeit. Im Buddhismus steht nicht allein die Frage im Mittelpunkt, was nach dem Tod geschehen könnte. Ebenso wichtig ist die Frage, wodurch menschliches Leiden entsteht und wie der Mensch seine Einstellung und sein Verhalten verändern kann.
Auch unsere ritterlichen Tugenden verlangen Selbstbeherrschung, Besonnenheit und die Überwindung zerstörerischer Leidenschaften.
Zorn, Hochmut und Habgier können einen Menschen beherrschen, unabhängig davon, welcher Religion er angehört. Wer lernt, diese Eigenschaften zu erkennen und zu überwinden, verändert sein gegenwärtiges Leben.
Der Sikhismus – Gottverbundenheit und Dienst am Menschen
Der Sikhismus entstand im indischen Raum und verbindet den Glauben an den einen Gott mit einer ausgeprägten Verpflichtung zu einem verantwortungsvollen Leben.
Auch hier begegnen uns Karma und Wiedergeburt. Das Ziel besteht jedoch in der Befreiung aus diesem Kreislauf und in der Vereinigung mit Gott, der als Waheguru bezeichnet wird.
Besonders wichtig sind Wahrhaftigkeit, Demut, ehrliche Arbeit und der Dienst an anderen Menschen. Religiöser Glaube soll sich im täglichen Verhalten zeigen.
Dieser Gedanke steht unserem Verständnis des geistigen Rittertums nahe.
Ein Mensch kann zahlreiche religiöse Schriften kennen und dennoch hochmütig, ungerecht oder lieblos handeln. Umgekehrt kann jemand, der über wenig theologisches Wissen verfügt, durch Hilfsbereitschaft und verantwortungsbewusstes Verhalten eine tiefe Menschlichkeit zeigen.
Die Frage nach dem Jenseits verliert dadurch nicht ihre Bedeutung. Aber sie wird mit einer anderen Frage verbunden: Welche Spuren hinterlassen wir während unseres Lebens?
Die Religionen indigener Völker – die Verbindung mit den Ahnen
Viele indigene Völker besitzen eigene Vorstellungen von einer geistigen Welt, vom Fortbestehen der Ahnen oder von der Verbindung zwischen den Lebenden und den Verstorbenen.
Es wäre jedoch falsch, diese sehr unterschiedlichen Traditionen zu einer einzigen Glaubenslehre zusammenzufassen. Die religiösen Vorstellungen nordamerikanischer indigener Gemeinschaften unterscheiden sich ebenso voneinander wie jene afrikanischer, australischer oder pazifischer Völker.
In manchen Traditionen spielen Ahnen eine zentrale Rolle. Die Verstorbenen werden nicht einfach als verschwunden betrachtet, sondern bleiben im Gedächtnis, in den Erzählungen und in der spirituellen Welt ihrer Gemeinschaft gegenwärtig.
Darin liegt ein Gedanke, den auch wir Templer verstehen können. Denn unsere Verbindung mit den mittelalterlichen Rittern besteht ebenfalls zu einem erheblichen Teil aus Erinnerung, Überlieferung und der Weitergabe von Idealen.
Die Menschen vergangener Jahrhunderte leben nicht mehr unter uns. Doch ihre Entscheidungen, ihre Taten und ihre Vorstellungen können unser Handeln weiterhin beeinflussen.
In diesem Sinne überdauert etwas vom Menschen den körperlichen Tod, selbst wenn wir die Frage nach einer persönlichen geistigen Weiterexistenz offenlassen.
Atheismus und Agnostizismus – die Möglichkeit eines endgültigen Endes
Nicht alle Menschen glauben an eine Fortsetzung des Lebens nach dem Tod.
Viele Atheisten gehen davon aus, dass das menschliche Bewusstsein an die Tätigkeit des Gehirns gebunden ist und mit dessen endgültigem Tod erlischt. Der Mensch lebt dann nur in seinen Werken, seinen Nachkommen und den Erinnerungen anderer Menschen fort.
Der Agnostizismus nimmt eine andere Haltung ein. Er stellt fest, dass wir über die letzten Fragen der Existenz möglicherweise kein sicheres Wissen besitzen.
Auch darin liegt eine Form intellektueller Bescheidenheit.
Denn niemand kann mit wissenschaftlicher Gewissheit beschreiben, was ein Mensch nach seinem endgültigen Tod persönlich erlebt. Die Erforschung des Gehirns kann viele Vorgänge erklären, die unser Bewusstsein begleiten. Ob daraus bereits sämtliche philosophischen Fragen über Bewusstsein und Existenz beantwortet sind, bleibt Gegenstand weiterer Diskussionen.
Aus der Unsicherheit folgt jedoch nicht, dass jede Jenseitsvorstellung gleichermaßen wahrscheinlich wäre. Eine Überzeugung kann persönlich bedeutsam sein, ohne damit bereits wissenschaftlich bestätigt zu sein.
Diese Unterscheidung sollten wir auch bei unseren eigenen religiösen Überlieferungen beachten.
Warum unterscheiden sich die Antworten der Religionen so sehr?
Wenn es nur eine einzige Wahrheit über das Leben nach dem Tod gibt, weshalb beschreiben die Religionen dann so unterschiedliche Möglichkeiten?
Die christliche Tradition spricht von Auferstehung und ewigem Leben. Hinduistische Religionen kennen den Kreislauf der Wiedergeburten. Buddhistische Lehren beschreiben eine Fortsetzung ohne unveränderliche Seele. Andere Gemeinschaften verbinden den Tod mit einer geistigen Welt der Ahnen.
Diese Vorstellungen können nicht ohne Weiteres alle gleichzeitig in ihrem wörtlichen Sinn zutreffen. Eine einmalige Auferstehung nach einem einzigen Erdenleben ist etwas anderes als eine unbestimmte Zahl aufeinanderfolgender Wiedergeburten.
Vielleicht zeigt uns diese Vielfalt vor allem, wie stark Menschen ihre religiösen Hoffnungen innerhalb ihrer jeweiligen Kultur entwickelt haben.
Die Vorstellungen vom Jenseits spiegeln häufig auch die Fragen des irdischen Lebens wider. Wo Menschen unter Unrecht leiden, wächst die Hoffnung auf ein späteres Gericht. Wo das Leben als Kreislauf verstanden wird, erscheint auch die Wiedergeburt als Teil einer größeren Ordnung. Wo die Bindung an Familie und Vorfahren besonders wichtig ist, wird die geistige Verbindung mit den Verstorbenen betont.
Das beweist nicht, dass alle diese Hoffnungen lediglich menschliche Erfindungen sind. Es zeigt aber, dass wir die Geschichte ihrer Entstehung berücksichtigen müssen.
Himmel und Hölle – Hoffnung oder religiöses Machtinstrument?
Besonders kritisch sollten wir die Rolle von Belohnung und Bestrafung in der Religionsgeschichte betrachten.
Die Hoffnung auf ein glückliches Leben nach dem Tod kann Menschen Trost geben. Sie kann helfen, Leid zu ertragen und dem Tod ohne Verzweiflung entgegenzusehen.
Doch die Angst vor einer ewigen Hölle kann auch zur Beeinflussung und Einschüchterung missbraucht werden.
In der europäischen Kirchengeschichte wurden Vorstellungen von Sünde, Strafe, Fegefeuer und Erlösung zeitweise eng mit kirchlicher Autorität verbunden. Der Ablasshandel des späten Mittelalters zeigt besonders deutlich, welche problematischen Folgen entstehen konnten, wenn religiöse Ängste und wirtschaftliche Interessen zusammentrafen.
Wir sollten deshalb fragen, ob der Glaube an einen liebenden und barmherzigen Gott mit der Vorstellung vereinbar ist, Menschen wegen eines begrenzten irdischen Lebens endlos leiden zu lassen.
Christliche Theologen haben darauf unterschiedliche Antworten gegeben. Manche verteidigen die traditionelle Lehre von der ewigen Strafe. Andere hoffen auf eine letztliche Versöhnung aller Menschen mit Gott oder verstehen die Hölle als selbst gewählte Trennung.
Für uns heutige Templer sollte entscheidend sein, dass religiöser Glaube nicht auf Angst aufgebaut werden muss.
Eine Gemeinschaft, die Menschen zu verantwortungsbewusstem Handeln führen möchte, sollte sie durch Erkenntnis, Gewissen und Liebe überzeugen und nicht durch Drohungen mit jenseitiger Bestrafung.
Was würde Jesus selbst dazu sagen?
Wenn wir uns auf die ursprüngliche Botschaft Jesu besinnen, begegnen wir immer wieder der Forderung nach Liebe, Barmherzigkeit und Verantwortung gegenüber dem Mitmenschen.
Jesus verkündete das Reich Gottes. Er forderte zur Umkehr auf, wandte sich Bedürftigen und Ausgegrenzten zu und warnte vor religiöser Heuchelei.
Die Evangelien enthalten durchaus auch ernste Aussagen über Gericht und Strafe. Es wäre deshalb unzutreffend, sämtliche Gerichtsvorstellungen erst späteren Kirchenführern zuzuschreiben. Doch ebenso wenig dürfen wir die gesamte Verkündigung Jesu auf die Drohung mit einer Hölle reduzieren.
Die entscheidende Frage bleibt, wie seine Botschaft im Zusammenhang seiner jüdischen Umwelt und der damaligen Endzeiterwartung verstanden werden muss.
Die später entstandenen kirchlichen Lehren sind das Ergebnis einer langen theologischen Entwicklung. Zwischen dem jüdischen Prediger Jesus und den ausgearbeiteten Lehrgebäuden mittelalterlicher Kirchen liegen viele Jahrhunderte.
Gerade deshalb sollten wir den Mut haben, zwischen der ursprünglichen Botschaft Jesu und späteren Deutungen zu unterscheiden.
Die Haltung eines heutigen Tempelritters
Was bedeutet nun diese Vielfalt religiöser Vorstellungen für uns?
Als Templer stehen wir in einer christlich geprägten Tradition. Wir beschäftigen uns mit den Lehren Jesu, mit der Geschichte des Rittertums und mit der Frage, wie wir unsere geistigen Überzeugungen in ein verantwortungsvolles Leben übertragen können.
Doch diese Verbundenheit verpflichtet uns nicht dazu, alle Vorstellungen anderer Religionen geringzuschätzen.
Wir können aus fremden Traditionen lernen, ohne unseren eigenen Glauben aufzugeben.
Vom Judentum können wir die Bedeutung des gerechten Handelns im gegenwärtigen Leben erkennen. Der Buddhismus erinnert uns an die Notwendigkeit, zerstörerische Leidenschaften zu überwinden. Der Hinduismus stellt die Frage nach den langfristigen Folgen menschlicher Taten. Der Sikhismus verbindet Gottesliebe mit dem Dienst an den Mitmenschen. Und die christliche Botschaft führt uns immer wieder zur Bedeutung von Liebe, Vergebung und Barmherzigkeit zurück.
Vielleicht besteht die eigentliche geistige Reife nicht darin, auf jede Frage eine endgültige Antwort zu besitzen. Vielleicht besteht sie darin, die Grenzen unseres Wissens anzuerkennen und dennoch nach einem guten Leben zu streben.
Ein Ritter darf glauben. Aber er sollte nicht behaupten, etwas sicher zu wissen, das sich seiner menschlichen Erkenntnis entzieht.
Schlussbetrachtung – Wir wissen nicht, was uns erwartet
Am Ende aller religiösen Lehren, philosophischen Überlegungen und wissenschaftlichen Untersuchungen bleibt die eine große Frage bestehen: Was geschieht mit uns nach dem Tod?
Wir können auf ein ewiges Leben hoffen. Wir können an eine Wiedergeburt glauben. Wir können uns eine geistige Verbindung mit Gott vorstellen oder davon ausgehen, dass unser Bewusstsein mit dem körperlichen Leben endet.
Doch keine dieser persönlichen Jenseitshoffnungen lässt sich gegenwärtig als allgemein überprüfbare Gewissheit vorweisen.
Deshalb sollten wir vorsichtig sein, wenn religiöse Autoritäten behaupten, sie allein würden den Weg in das Jenseits kennen und hätten das Recht, andere Menschen mit ewiger Verdammnis zu bedrohen.
Als heutiger Templer neige ich zu einer anderen Haltung.
Ich möchte mein Leben nicht ausschließlich danach gestalten, welche Belohnung mich nach dem Tod erwarten könnte. Ich möchte das Richtige tun, weil es richtig ist. Ich möchte anderen Menschen helfen, weil sie Hilfe benötigen. Ich möchte die Wahrheit suchen, weil Unwissenheit und Täuschung den Menschen abhängig machen können.
Wenn es ein Leben nach dem Tod gibt, werden wir eines Tages erfahren, welche unserer Vorstellungen zutreffend waren.
Wenn es kein solches Leben gibt, dann war unsere Zeit auf dieser Erde umso kostbarer.
In beiden Fällen bleibt dieselbe Verpflichtung bestehen: Wir sollten unsere begrenzte Lebenszeit nicht mit Hass, Habgier, Hochmut und der Verfolgung anderer Menschen vergeuden.
Die wichtigste Frage lautet vielleicht nicht, was Gott nach unserem Tod mit uns tun wird, sondern was wir während unseres Lebens mit den Möglichkeiten tun, die uns gegeben wurden.
Ein wahrer Tempelritter sollte deshalb nicht erst auf den Himmel warten, um Gerechtigkeit zu üben, und nicht erst die Hölle fürchten müssen, um Unrecht zu vermeiden.
Er sollte bereits heute nach seinem Gewissen handeln.
Denn über das Leben nach dem Tod können wir streiten und nachdenken. Über unsere Verantwortung gegenüber den lebenden Menschen sollten wir uns dagegen einig sein.
Nicht die Gewissheit über das Jenseits macht uns zu besseren Menschen, sondern die Menschlichkeit, mit der wir unser Diesseits gestalten.
