Zucht von Meeresschildkröten
Auf der abgelegenen Templerinsel Taborcillo vor der Pazifikküste Panamas widmeten wir uns einer Aufgabe, die zugleich schlicht und von großer Bedeutung war: dem Schutz der Meeresschildkröten. Jahr für Jahr kehrten diese uralten Meeresbewohner an genau jenen Strand zurück, an dem sie selbst einst geschlüpft waren, um ihre Eier im warmen Sand abzulegen. Doch ihr Nachwuchs war bedroht.
Nicht nur natürliche Feinde wie Geier und Leguane hatten es auf die Gelege abgesehen – auch Menschen plünderten die Nester, um die Eier zu verzehren. So bestand unsere Aufgabe darin, die Gelege zu schützen. Mit einfachen Mitteln, vor allem durch das Anbringen von Drahtgittern über den Nestern, konnten wir viele Eier vor dem Zugriff von Räubern bewahren. Es war eine stille, geduldige Arbeit, die jedoch einen spürbaren Unterschied machte.
Gleichzeitig wollten wir unsere Gäste für dieses fragile Gleichgewicht sensibilisieren. Zu diesem Zweck richteten wir ein kleines Becken ein, in dem wir einige geschlüpfte Meeresschildkröten für kurze Zeit aufzogen. Dies geschah nicht, um sie festzuhalten, sondern um den Menschen die Möglichkeit zu geben, diese faszinierenden Tiere aus nächster Nähe zu erleben. Meist wurden die jungen Schildkröten schon bald wieder in die Freiheit entlassen, dorthin, wo sie hingehörten: ins offene Meer.
Eine von ihnen jedoch blieb länger bei uns. Als unser hochgeehrter Großmeister sie schließlich ins Meer entließ, geschah etwas Unerwartetes: Die Schildkröte kehrte zurück. Man könnte romantisch meinen, sie habe Zuneigung zu uns entwickelt. Doch die Wirklichkeit war eine andere. Sie hatte die Kraft und die Unberechenbarkeit der offenen Meereswellen noch nie erlebt. Das geschützte Becken hatte sie nicht auf die raue Wirklichkeit des Ozeans vorbereitet. Erst nach und nach wagte sie sich schließlich hinaus in die Weite.
Doch wohin schwammen unsere Meeresschildkröten eigentlich?
Nachdem sie das sichere Ufer verlassen hatten, trieb es sie hinaus in den gewaltigen Pazifik. Dort wurden sie von großen Meeresströmungen erfasst, die sie über weite Strecken hinwegtrugen. In ihren ersten Lebensjahren lebten sie fernab der Küsten im offenen Ozean – eine Phase, die oft als „verlorene Jahre“ bezeichnet wird, weil ihr genauer Weg für uns kaum nachvollziehbar ist.
Einige von ihnen blieben im östlichen Pazifik, andere legten tausende Kilometer zurück, getragen von Strömungen und geleitet von einem inneren Kompass. Dieser Orientierungssinn, vermutlich gekoppelt an das Magnetfeld der Erde, führte sie eines Tages zurück – zurück an jenen Strand, an dem ihr Leben begann.
Und so schließt sich der Kreis: Aus winzigen, schutzbedürftigen Geschöpfen werden große Wanderer der Meere, die nach vielen Jahren genau dorthin zurückkehren, wo wir einst ihre ersten Schritte ins Leben behütet haben – an die Küste von Taborcillo.

