✠ Zehn Tipps für die Seele (Teil 3)
Der Ritter darf um Hilfe bitten
Wahre Stärke bedeutet nicht, alles allein tragen zu müssen
Lieber Krieger des Lichts,
wir sprechen oft von Stärke, Mut und Standhaftigkeit. Gerade deshalb kann leicht ein falsches Bild entstehen: Ein Ritter müsse alles allein bewältigen. Er dürfe keine Schwäche zeigen, keine Hilfe benötigen und müsse jeden Schmerz schweigend mit sich selbst ausmachen.
Doch das ist nicht Ritterlichkeit.
Es ist Stolz, wenn ein Mensch glaubt, niemals die Hand eines anderen ergreifen zu dürfen.
Auch der stärkste Mensch kann an einen Punkt gelangen, an dem die eigene Kraft nicht ausreicht. Der Tod eines geliebten Menschen, eine Trennung, eine schwere Enttäuschung, Einsamkeit, eine Abhängigkeit oder Verletzungen aus der Vergangenheit können einen Menschen erschüttern.
In solchen Augenblicken lautet die Aufgabe nicht: „Sei stark und schweige.“
Sie lautet vielmehr: „Erkenne, welche Hilfe du brauchst, und habe den Mut, sie anzunehmen.“
Niemand muss jeden Kampf allein bestehen
Eine der großen Illusionen unserer Zeit besteht darin, Selbstständigkeit mit Stärke gleichzusetzen.
Wir hören immer wieder: Du musst dein Leben selbst in den Griff bekommen. Du musst dich durchsetzen. Du musst stark sein.
Doch der Mensch ist kein Einzelwesen.
Wir brauchen Gemeinschaft. Wir brauchen Menschen, denen wir vertrauen können. Manchmal brauchen wir einen Freund. Manchmal einen Seelsorger. Manchmal eine Selbsthilfegruppe oder Trauerbegleitung. Und manchmal benötigen wir professionelle therapeutische Unterstützung.
Daran ist nichts Ehrenrühriges.
Wer sich ein Bein bricht, schämt sich schließlich auch nicht dafür, einen Arzt aufzusuchen.
Warum sollte sich ein Mensch dann schämen, Unterstützung zu suchen, wenn seine Seele schwer verwundet wurde?
Die Bruderkette hat einen Sinn
Gerade für einen Templer besitzt dieser Gedanke eine besondere Bedeutung.
Warum sprechen wir von Brüdern und Schwestern?
Warum kennen geistige Gemeinschaften seit Jahrhunderten die Bruderkette?
Weil kein Mensch seinen Weg vollkommen allein gehen soll.
Wenn einer fällt, reicht ihm der andere die Hand.
Wenn einer zweifelt, erinnert ihn der andere an das Licht.
Wenn einer seine Kraft verloren hat, trägt ihn die Gemeinschaft ein Stück des Weges.
Doch dabei gibt es einen wichtigen Unterschied:
Wir sollen einem Menschen helfen aufzustehen – nicht ihn daran gewöhnen, liegen zu bleiben.
Das ist eine der schwierigsten Formen wahrer Hilfe.
Es gibt eine Zeit, in der wir Opfer sind
Manchmal widerfährt einem Menschen tatsächlich großes Unrecht.
Dann wäre es falsch, ihm zu sagen, er solle sich einfach zusammenreißen oder vergessen, was geschehen ist.
Schmerz braucht Raum.
Trauer braucht Zeit.
Zorn kann ein notwendiger Bestandteil der Verarbeitung sein.
Ein Mensch darf sagen:
„Mir wurde Unrecht getan.“
Er darf weinen.
Er darf wütend sein.
Er darf verzweifelt sein.
Er darf Unterstützung benötigen.
Wir sollten niemals versuchen, einem leidenden Menschen diese Phase durch billige Lebensweisheiten wegzunehmen.
Doch irgendwann stellt sich eine andere Frage:
Soll das, was mir widerfahren ist, bestimmen, wer ich für den Rest meines Lebens bin?
An diesem Punkt beginnt ein neuer Abschnitt des Weges.
Vom Opfer zum Handelnden
Es gibt einen gewaltigen Unterschied zwischen den Aussagen:
„Ich wurde verletzt.“
und
„Ich bin ein Opfer.“
Die erste beschreibt etwas, das geschehen ist.
Die zweite kann zu einer Identität werden.
Genau darin liegt eine Gefahr.
Wenn wir uns dauerhaft nur noch durch das Unrecht definieren, das uns widerfahren ist, überlassen wir diesem Ereignis weiterhin Macht über unser Leben.
Dann bestimmt vielleicht ein Mensch, der uns vor zwanzig Jahren verletzt hat, noch heute darüber, ob wir vertrauen können.
Eine vergangene Niederlage entscheidet darüber, ob wir einen neuen Versuch wagen.
Eine frühere Demütigung entscheidet darüber, wie wir uns selbst betrachten.
So tragen wir manchmal die Ketten der Vergangenheit weiter, obwohl längst niemand mehr da ist, der sie festhält.
Selbstmitleid ist ein bequemer Kerker
Selbstmitleid kann verständlich sein. Für eine gewisse Zeit kann es sogar notwendig sein, den eigenen Schmerz überhaupt erst wahrzunehmen.
Aber wir dürfen dort nicht wohnen bleiben.
Denn Selbstmitleid besitzt eine gefährliche Eigenschaft: Es verlangt keine Veränderung.
Solange immer die anderen schuld sind, brauche ich mich selbst nicht zu verändern.
Solange meine Vergangenheit mein heutiges Verhalten vollständig bestimmt, brauche ich keine Verantwortung für meine Zukunft zu übernehmen.
Damit geben wir jedoch das Kostbarste aus der Hand, das wir besitzen:
unsere eigene Gestaltungskraft.
Der Ritter fragt deshalb irgendwann nicht mehr ausschließlich:
„Warum ist mir das geschehen?“
Er beginnt zu fragen:
„Was mache ich jetzt daraus?“
Diese zweite Frage verändert alles.
Vergebung bedeutet nicht, Unrecht gutzuheißen
An diesem Punkt wird häufig von Vergebung gesprochen. Doch auch sie wird oft missverstanden.
Vergebung bedeutet nicht:
„Es war gar nicht so schlimm.“
Sie bedeutet auch nicht:
„Der andere hatte eigentlich recht.“
Und sie verlangt nicht automatisch, dass wir einem Menschen wieder vertrauen, der dieses Vertrauen missbraucht hat.
Vergebung kann vielmehr bedeuten:
Ich weigere mich, mein weiteres Leben von diesem Ereignis beherrschen zu lassen.
Damit verändert sich die Blickrichtung.
Wir schauen nicht mehr ständig zurück.
Wir wenden uns wieder dem Weg zu, der vor uns liegt.
Die Hilfe muss zum Wachstum führen
Deshalb sollten wir auch die Unterstützung, die wir erhalten, immer wieder prüfen.
Hilft sie mir, stärker zu werden?
Hilft sie mir, mich selbst besser zu verstehen?
Hilft sie mir, Verantwortung für mein weiteres Leben zu übernehmen?
Hilft sie mir, alte Verhaltensweisen zu verändern?
Hilft sie mir, wieder Vertrauen, Mut und Lebensfreude zu entwickeln?
Dann erfüllt sie ihren Zweck.
Gute Hilfe macht einen Menschen nicht kleiner.
Sie hilft ihm, seine eigene Kraft wiederzufinden.
Ein guter Begleiter trägt uns nicht für immer. Er begleitet uns so lange, bis wir wieder selbst gehen können.
Der verwundete Ritter
Vielleicht sollten wir uns den Menschen manchmal als verwundeten Ritter vorstellen.
Nach einer schweren Schlacht liegt er am Boden.
Seine Brüder kommen zu ihm.
Sie versorgen seine Wunden.
Sie tragen ihn zurück.
Sie geben ihm Nahrung und lassen ihn ruhen.
Niemand würde zu einem schwer Verwundeten sagen:
„Wenn du ein richtiger Ritter wärst, würdest du keine Hilfe brauchen.“
Aber ebenso wenig würde man ihn nach seiner Genesung für immer auf einer Bahre herumtragen.
Irgendwann kommt der Tag, an dem er wieder aufstehen muss.
Zunächst vielleicht unsicher.
Dann macht er einen ersten Schritt.
Und noch einen.
Bis er schließlich sein Schwert wieder selbst tragen kann.
Genau das ist Heilung.
Auch Narben gehören zum Ritter
Heilung bedeutet nicht unbedingt, dass jede Erinnerung verschwindet.
Manche Wunden hinterlassen Narben.
Doch eine Narbe ist etwas anderes als eine offene Wunde.
Die offene Wunde schmerzt bei jeder Berührung.
Die Narbe erzählt dagegen:
Hier wurde ich verletzt – aber ich habe überlebt.
Vielleicht liegt darin sogar eine besondere Form von Weisheit.
Wer selbst durch Dunkelheit gegangen ist, erkennt häufig die Dunkelheit eines anderen schneller.
Wer selbst Trauer erfahren hat, braucht einem Trauernden keine klugen Vorträge zu halten.
Er kann einfach neben ihm sitzen.
Wer selbst gefallen und wieder aufgestanden ist, weiß, wie wertvoll eine ausgestreckte Hand sein kann.
So kann aus einer vergangenen Verletzung irgendwann sogar die Fähigkeit entstehen, anderen zu helfen.
Die Aufgabe dieser Woche
Fragen Sie sich einmal ganz in Ruhe:
Wo benötige ich Unterstützung?
Vielleicht gibt es einen Bereich Ihres Lebens, in dem Sie schon viel zu lange versuchen, alles allein zu tragen.
Dann suchen Sie Hilfe.
Aber stellen Sie sich noch eine zweite Frage:
Wo halte ich an einer alten Verletzung fest, obwohl es längst Zeit wäre, wieder aufzustehen?
Dann beginnen Sie mit einem ersten Schritt.
Er muss nicht groß sein.
Ein Ritter muss nicht an einem einzigen Tag den ganzen Weg zurücklegen.
Er muss nur wieder anfangen zu gehen.
Die Hand ergreifen – und wieder aufstehen
Lieber Krieger des Lichts,
es ist keine Schwäche, Hilfe anzunehmen.
Manchmal gehört großer Mut dazu, überhaupt auszusprechen:
„Ich schaffe es im Augenblick nicht allein.“
Aber vergessen wir ebenso wenig das Ziel jeder wirklichen Hilfe.
Sie soll uns nicht dauerhaft abhängig machen.
Sie soll uns nicht lehren, uns selbst zu bemitleiden.
Sie soll uns wieder zu unserer eigenen Kraft führen.
Lassen Sie sich deshalb helfen, wenn Sie Hilfe benötigen.
Nehmen Sie eine ausgestreckte Hand an.
Ruhen Sie sich aus, wenn Ihre Wunden noch heilen müssen.
Trauern Sie, wenn Sie etwas verloren haben.
Weinen Sie, wenn Ihnen danach ist.
Doch wenn die Zeit gekommen ist, stehen Sie wieder auf.
Vielleicht tragen Sie danach eine Narbe.
Vielleicht werden Sie nicht mehr derselbe Mensch sein wie zuvor.
Aber vielleicht sollen Sie das auch gar nicht sein.
Denn manchmal besteht Heilung nicht darin, wieder der Mensch zu werden, der wir einmal waren.
Manchmal besteht Heilung darin, zu dem Menschen zu werden, der wir durch diese Prüfung werden können.
Und dann nehmen Sie Ihr Schwert wieder auf.
Nicht das Schwert des Kampfes gegen andere Menschen.
Sondern jenes unsichtbare Schwert, mit dem der Ritter Angst von Mut, Verbitterung von Vergebung und Vergangenheit von Zukunft trennt.
Der wahre Ritter ist nicht derjenige, der niemals fällt.
Der wahre Ritter ist derjenige, der die angebotene Hand ergreift – und schließlich wieder aus eigener Kraft weitergeht.
In 2 Tage geht es weiter.
