✠✠✠✠✠✠ Logen Blog ✠✠✠✠✠✠

Hatte Gott einst eine Frau?

Das verschwiegene Geheimnis der Göttin Aschera

Ein Templer betrachtet die vergessene weibliche Seite des Göttlichen, die archäologischen Entdeckungen im alten Israel und die Frage, ob der Gott der Bibel ursprünglich allein verehrt wurde.

Es gibt Fragen, die Jahrtausende religiöser Überlieferung erschüttern können, nicht weil sie den Glauben zerstören, sondern weil sie uns zwingen, genauer hinzusehen. Eine dieser Fragen lautet: Hatte Gott ursprünglich eine Frau? Für einen gläubigen Christen mag bereits die Fragestellung an Gotteslästerung grenzen. Schließlich haben wir gelernt, dass Gott ewig, allmächtig, unsichtbar und einzig ist. Er ist der Schöpfer des Himmels und der Erde, der Vater Jesu Christi, der Ursprung allen Lebens. Eine Ehefrau Gottes kommt in unserem vertrauten Gottesbild nicht vor. Doch die Geschichte der Religionen ist wesentlich älter als das Christentum, und auch der biblische Monotheismus entwickelte sich innerhalb einer Welt, in der männliche und weibliche Gottheiten gemeinsam verehrt wurden. Archäologische Funde lassen erkennen, dass die religiösen Vorstellungen der frühen Israeliten keineswegs immer mit jenen übereinstimmten, die später zum Fundament des Judentums und Christentums wurden. Besonders eine geheimnisvolle Gestalt führt uns mitten in diese vergessene Vergangenheit: die Göttin Aschera.

Im Jahre 1975 begannen israelische Archäologen mit Untersuchungen an einem abgelegenen Ort namens Kuntillet Ajrud im nordöstlichen Sinai. Zwischen Wüste, Felsen und alten Handelswegen entdeckten sie Überreste einer Anlage aus dem 9. oder 8. Jahrhundert vor Christus. Unter den zahlreichen Fundstücken befanden sich große Vorratsgefäße mit Zeichnungen und hebräischen Inschriften. Eine dieser Inschriften sollte in der wissenschaftlichen Welt beträchtliches Aufsehen erregen, denn sie enthielt eine Segensformel, die Jahwe und „seine Aschera“ miteinander verband. Jahwe war der Gott Israels, jener Gott, dessen Name später im Judentum als besonders heilig galt. Doch wer oder was war seine Aschera? Handelte es sich um eine Göttin, eine göttliche Gefährtin, oder lediglich um einen heiligen Gegenstand, der bei religiösen Zeremonien Verwendung fand? Über diese Frage wird bis heute gestritten. Sicher ist jedenfalls, dass die Inschriften einen bemerkenswerten Einblick in die religiöse Vorstellungswelt des alten Israel ermöglichen.

Um die Bedeutung dieses Fundes zu verstehen, müssen wir uns zunächst von der Vorstellung lösen, dass die Religion der Israeliten von Anfang an so beschaffen war, wie sie uns in ihrer späteren biblischen Gestalt entgegentritt. Die frühen israelitischen Gemeinschaften lebten inmitten der kanaanäischen Kultur. Sie sprachen verwandte Sprachen, übernahmen gesellschaftliche Einrichtungen und teilten zahlreiche religiöse Vorstellungen mit ihren Nachbarn. Die kanaanäische Götterwelt kannte einen höchsten Gott namens El, der als ehrwürdiger Vater der Götter galt. An seiner Seite begegnet uns Athirat, die im hebräischen Zusammenhang als Aschera bekannt ist. Sie verkörperte Aspekte von Mutterschaft, Fruchtbarkeit und göttlicher Fürsorge. In den religiösen Texten aus Ugarit erscheint sie als bedeutende Göttin und Gefährtin Els. Wenn nun der Gott Israels mit Eigenschaften und Titeln des alten El verbunden wurde, liegt die Frage nahe, ob sich auch Vorstellungen von einer göttlichen Partnerin zeitweise auf Jahwe übertragen haben könnten.

Manche Religionshistoriker vermuten tatsächlich, dass Jahwe ursprünglich innerhalb einer größeren Götterwelt verehrt wurde und sich seine ausschließliche Verehrung erst im Verlauf vieler Jahrhunderte durchsetzte. Dabei muss zwischen verschiedenen Formen des Glaubens unterschieden werden. Ein Volk kann einen bestimmten Gott als seinen höchsten Beschützer ansehen, ohne die Existenz anderer Götter grundsätzlich zu bestreiten. Es kann auch nur einen Gott verehren, obwohl seine Nachbarn zahlreiche Gottheiten kennen. Erst der ausgebildete Monotheismus erklärt, dass es überhaupt nur einen einzigen Gott gibt. Diese unterschiedlichen religiösen Vorstellungen lassen sich auch innerhalb der biblischen Überlieferung erkennen. Die Geschichte Israels war deshalb nicht einfach ein ununterbrochener Weg eines vollkommen einheitlichen Glaubens, sondern ein langwieriger Prozess theologischer Auseinandersetzungen, politischer Veränderungen und religiöser Reformen.

Gerade die Bibel selbst bewahrt erstaunliche Hinweise auf diese Entwicklung. Wiederholt wird berichtet, dass die Israeliten fremden Göttern dienten, heilige Höhen aufsuchten und Bildnisse aufstellten. Besonders aufschlussreich ist das 23. Kapitel des Zweiten Buches der Könige. Dort erfahren wir, dass König Josia im Zuge seiner religiösen Reformen ein Aschera-Kultbild aus dem Tempel von Jerusalem entfernen ließ. Wir müssen die Tragweite dieser Mitteilung erkennen: Wenn ein solches Kultbild aus dem Tempel entfernt werden musste, dann war es zuvor dort vorhanden gewesen. Der Tempel, den spätere Generationen ausschließlich mit der Verehrung Jahwes verbanden, war offenbar zu bestimmten Zeiten auch mit Kultformen verbunden, die spätere biblische Autoren entschieden ablehnten. Die Bibel verschweigt diesen Konflikt keineswegs. Sie schildert ihn vielmehr als Auseinandersetzung zwischen dem rechten Gottesdienst und einer religiösen Praxis, die aus Sicht der Reformatoren überwunden werden musste.

Damit stehen wir vor einer bemerkenswerten Tatsache. Die religiöse Geschichte Israels war nicht nur eine Geschichte der Offenbarung, sondern auch eine Geschichte der Auswahl. Bestimmte Vorstellungen wurden bewahrt, andere verworfen. Manche Symbole wurden übernommen, andere verboten. Was den Menschen einer früheren Zeit als selbstverständliche religiöse Verehrung erschienen sein mag, wurde von späteren Priestern und Propheten als Abfall vom wahren Glauben bezeichnet. Das bedeutet nicht, dass die späteren Überzeugungen zwangsläufig falsch waren. Es bedeutet aber, dass die uns vertraute Gestalt des biblischen Glaubens das Ergebnis einer langen geschichtlichen Entwicklung ist.

Besonders faszinierend sind die Zeichnungen auf den Vorratsgefäßen von Kuntillet Ajrud. Auf einem der Gefäße befinden sich mehrere menschenähnliche Figuren, die teilweise tierische Züge tragen. Manche Forscher brachten sie mit Jahwe und Aschera in Verbindung und sahen darin möglicherweise ein göttliches Paar. Andere weisen darauf hin, dass die Figuren eher an den ägyptischen Schutzgott Bes erinnern könnten. Wieder andere betrachten die Zeichnungen als unabhängig von der Inschrift. Die Wissenschaft ist sich daher keineswegs einig, ob hier tatsächlich Jahwe und eine weibliche Gottheit dargestellt wurden. Auch die Formulierung „seine Aschera“ ist mehrdeutig. Sie könnte eine Göttin meinen, aber ebenso ein Kultsymbol, etwa einen heiligen Holzpfahl oder ein mit dem Kult verbundenes Objekt. Die Inschrift ist ein archäologischer Befund; die Behauptung, Jahwe habe eine Ehefrau gehabt, bleibt eine historische Deutung dieses Befundes. Gerade diese Unterscheidung ist wichtig, wenn wir Wahrheit suchen und nicht lediglich eine sensationelle Schlagzeile verbreiten wollen.

Doch selbst wenn Aschera in diesem besonderen Zusammenhang lediglich ein Kultgegenstand gewesen sein sollte, bleibt die weibliche Gottheit ein wesentlicher Bestandteil der altorientalischen Religionsgeschichte. Ihre Verehrung lässt sich nicht einfach aus der Vergangenheit entfernen. Heilige Bäume, Fruchtbarkeitssymbole und mütterliche Gottesbilder gehörten zur religiösen Welt des Alten Orients. Auch in Israel und Juda gab es Vorstellungen und Praktiken, die mit diesen Traditionen verbunden waren. Darauf deutet unter anderem eine weitere Inschrift aus Khirbet el-Qom hin, die ebenfalls Jahwe und Aschera miteinander in Beziehung setzt. Die Interpretation bleibt umstritten, doch das Gesamtbild zeigt, dass die religiöse Wirklichkeit vielfältiger war, als eine ausschließlich an späteren Glaubensformeln orientierte Betrachtung vermuten lässt.

Für einen Templer erhebt sich nun eine wesentlich tiefere Frage. Wenn die Menschen der Vergangenheit Gott nicht ausschließlich in männlichen Bildern verstanden, sondern auch weibliche Ausdrucksformen des Göttlichen kannten, was bedeutet das für unser eigenes Gottesverständnis? Haben wir vielleicht über Jahrhunderte einen Teil der religiösen Symbolwelt verdrängt, weil unsere Gesellschaften von männlichen Herrschaftsstrukturen geprägt waren? Die religiöse Sprache nennt Gott Vater, König, Herr und Richter. In der christlichen Überlieferung erscheint er überwiegend in männlichen Bildern, obwohl die Theologie zugleich lehrt, dass Gott als göttliches Wesen keinem biologischen Geschlecht unterworfen ist. Gott ist nicht Mann im menschlichen Sinne. Wenn aber Gott weder Mann noch Frau ist, weshalb sollte dann das weibliche Bild des Göttlichen grundsätzlich weniger geeignet sein als das männliche, um bestimmte Seiten seines Wirkens sichtbar zu machen?

Schon die Bibel selbst kennt mütterliche Bilder für Gott. Im Buch Jesaja begegnen wir dem Vergleich göttlichen Trostes mit dem Trost einer Mutter. Auch andere biblische Stellen verwenden Vorstellungen von Geburt, Fürsorge und schützender Zuwendung. In der Weisheitsliteratur erscheint die Weisheit, die Sophia, als weiblich personifizierte Gestalt, die vor den Menschen ruft und in der Schöpfungsordnung eine bedeutende Rolle spielt. Daraus folgt keineswegs, dass die Bibel neben Jahwe heimlich eine zweite Gottheit lehren würde. Es zeigt vielmehr, dass die religiöse Sprache niemals auf eine einzige menschliche Geschlechtsvorstellung beschränkt war. Das Göttliche übersteigt die Grenzen unserer Begriffe, und jede Benennung bleibt ein Versuch, das Unendliche in endlicher Sprache auszudrücken.

Gerade in der mystischen Überlieferung begegnen wir immer wieder dem Gedanken, dass die Schöpfung aus dem Zusammenwirken scheinbarer Gegensätze hervorgeht. Licht und Finsternis, Himmel und Erde, Geist und Materie, Aktivität und Empfänglichkeit, Ordnung und schöpferische Bewegung erscheinen als Kräfte, deren Beziehung das Leben ermöglicht. In manchen esoterischen Schulen werden solche Gegensätze durch männliche und weibliche Symbole dargestellt. Das bedeutet nicht, dass jeder Mensch oder jede Eigenschaft in eine starre geschlechtliche Ordnung eingeteilt werden könnte. Es handelt sich vielmehr um Bilder für die Vielgestaltigkeit des Daseins. Aus unserer templerischen Sicht dürfen solche Symbole als Hinweise auf eine tiefere Einheit verstanden werden, in der die Gegensätze nicht vernichtet, sondern überwunden werden.

Auch die spätere jüdische Mystik kennt eine bemerkenswerte Vorstellung: die Schechina, die göttliche Gegenwart, die in bestimmten kabbalistischen Deutungen weiblich beschrieben wird. Wir dürfen diese Vorstellung nicht einfach mit der altorientalischen Göttin Aschera gleichsetzen. Zwischen beiden liegen viele Jahrhunderte religiöser Entwicklung, und eine direkte Abstammung ist damit keineswegs bewiesen. Dennoch erkennen wir eine geistige Verwandtschaft der Fragestellung. Wie kann das Göttliche zugleich unendlich und gegenwärtig sein? Wie kann die höchste Wirklichkeit sowohl als erhabene Macht wie auch als nahe, tröstende und lebensspendende Gegenwart erfahren werden? Die Mystiker beantworteten diese Fragen häufig mit einer reichen Bildsprache, die sich nicht auf die einfachen Vorstellungen einer ausschließlich männlichen Gottesgestalt beschränken ließ.

Hier berühren wir einen Punkt, der für unseren Orden von besonderer Bedeutung ist. Der Templer soll nicht nur Bewahrer überlieferter Formen sein, sondern auch Suchender nach der Wahrheit, die hinter den Formen verborgen liegt. Das Kreuz, das wir als Zeichen unseres geistigen Weges betrachten, ist mehr als ein historisches Abzeichen. Es erinnert uns an die Begegnung zwischen dem Irdischen und dem Himmlischen, zwischen dem vergänglichen Menschen und dem ewigen Geist. Wenn wir dieses Symbol in seinem tieferen Sinn betrachten, erkennen wir, dass die Einheit nicht durch die Verneinung aller Gegensätze entsteht, sondern durch deren geistige Versöhnung. So dürfen wir auch die Frage nach dem weiblichen Gottesbild nicht als Bedrohung betrachten, sondern als Einladung, über die Begrenztheit unserer eigenen Vorstellungen nachzudenken.

Allerdings wäre es ein Irrtum, aus der Entdeckung der Aschera-Inschriften eine vollständige neue Geschichte Gottes konstruieren zu wollen. Die Aussage, dass bestimmte Israeliten möglicherweise eine Göttin an der Seite Jahwes verehrten, bedeutet nicht, dass der Gott der christlichen Theologie tatsächlich eine Ehefrau besaß. Hier werden zwei Ebenen miteinander verwechselt, wenn man nicht vorsichtig unterscheidet. Die eine Ebene betrifft die Religionsgeschichte: Was glaubten Menschen vor fast dreitausend Jahren, und welche Gottheiten verehrten sie? Die andere Ebene betrifft die Theologie: Was verstehen wir unter Gott als letzter Wirklichkeit? Ein archäologisches Fundstück kann uns über die Glaubensvorstellungen vergangener Menschen unterrichten. Es kann aber weder die Existenz noch die Nichtexistenz einer göttlichen Gemahlin im metaphysischen Sinne beweisen.

Das gilt übrigens auch für unsere Betrachtung anderer alter Religionen. Die ägyptische Welt kannte Isis und Osiris, Griechenland Hera und Zeus, und zahlreiche Kulturen entwickelten Vorstellungen von göttlichen Paaren. Nicht überall hatten diese Paare dieselbe Bedeutung. Manchmal verkörperten sie Fruchtbarkeit und kosmische Ordnung, manchmal Herrschaft, manchmal die Vereinigung unterschiedlicher schöpferischer Prinzipien. Es wäre unzulässig, sie alle als Ausdruck einer einzigen historischen Geheimlehre zu betrachten. Doch als vergleichende Symbole zeigen sie, dass die Menschen seit frühester Zeit danach suchten, das Hervorbringen des Lebens in Bildern darzustellen, die ihrer eigenen Erfahrung entstammten.

Vielleicht müssen wir auch bedenken, dass die religiöse Geschichte häufig von jenen geschrieben und geordnet wird, deren Auffassungen sich schließlich durchsetzen. Die Texte der Bibel bewahren nicht alle religiösen Stimmen des alten Israel in gleichem Umfang. Sie spiegeln vielfach die Überzeugungen jener Autoren und Redaktoren wider, die für die ausschließliche Verehrung Jahwes eintraten. Andere Traditionen erscheinen deshalb häufig in der Gestalt der Kritik oder Verurteilung. Gerade diese ablehnenden Berichte können für den Historiker wertvoll sein, denn sie verraten, welche religiösen Praktiken überhaupt vorhanden waren. Wäre die Verehrung Ascheras völlig unbekannt gewesen, hätte es kaum einer ausdrücklichen Bekämpfung ihrer Kultbilder bedurft.

Damit stellt sich auch die Frage, ob das Verschwinden der Göttin allein als Ergebnis religiöser Erkenntnis oder teilweise auch als Folge gesellschaftlicher Machtverhältnisse verstanden werden kann. Sicherlich darf man nicht aus jeder religiösen Reform einen Machtkampf zwischen Männern und Frauen machen. Die geschichtlichen Verhältnisse waren wesentlich komplizierter. Doch es ist durchaus berechtigt, danach zu fragen, welchen Einfluss politische Zentralisierung, priesterliche Autorität und patriarchalische Gesellschaftsordnungen auf die Auswahl religiöser Bilder hatten. Wer bestimmte Kultformen verbietet, verändert nicht nur äußere Rituale, sondern auch die symbolische Welt der Menschen. Was zuvor heilig erschien, wird plötzlich verdächtig. Was einst als Ausdruck göttlicher Lebenskraft verehrt wurde, kann in späteren Überlieferungen zum Zeichen des Irrglaubens werden.

In diesem Zusammenhang erhält die Geschichte Ascheras eine besondere Tragik. Eine Gestalt, die in der Religion ihrer Verehrer vermutlich mit Leben, Schutz und Fruchtbarkeit verbunden war, wird innerhalb der späteren biblischen Wertung zum Gegenstand religiöser Ablehnung. Wir müssen diese Veränderung nicht beklagen, um ihre Bedeutung zu erkennen. Der Übergang zu einem konsequenten Monotheismus war eine der folgenreichsten Entwicklungen der Religionsgeschichte. Er ermöglichte eine Gottesvorstellung, die über lokale Naturmächte und göttliche Familienverbände hinausging. Zugleich veränderte er die religiöse Bildersprache grundlegend. Die Frage ist daher nicht nur, was durch diese Entwicklung gewonnen wurde, sondern auch, welche älteren Ausdrucksformen dabei verloren gingen.

Als Templer dürfen wir solche Fragen stellen, ohne unsere geistige Bindung an den christlichen Ursprung unseres Weges aufzugeben. Das Christentum verlangt nicht notwendigerweise, jedes biblische Bild als wörtliche Beschreibung eines geschichtlichen Vorgangs zu verstehen. Schon die frühen christlichen Denker kannten unterschiedliche Möglichkeiten der Schriftauslegung. Neben dem buchstäblichen Sinn suchten sie den moralischen, geistigen und allegorischen Gehalt der Texte. Für den ernsthaften Wahrheitssucher kann deshalb die geschichtliche Erforschung der Bibel zu einer Vertiefung des Glaubens führen. Sie bewahrt uns davor, menschliche Überlieferungsformen mit dem göttlichen Wesen selbst zu verwechseln.

Wenn wir nun zu unserer Ausgangsfrage zurückkehren, müssen wir antworten: Es gibt ernstzunehmende Hinweise darauf, dass in bestimmten Kreisen des alten Israel eine mit Jahwe verbundene Aschera verehrt oder zumindest ein entsprechendes Kultsymbol verwendet wurde. Ob diese Aschera ausdrücklich als Ehefrau Jahwes verstanden wurde, ist wissenschaftlich umstritten. Die archäologischen Funde erlauben keine einfache Antwort. Sie widerlegen aber die Vorstellung, dass alle Israeliten zu allen Zeiten denselben strengen Monotheismus praktizierten. Die religiöse Entwicklung Israels war vielfältig, widersprüchlich und über Jahrhunderte hinweg im Wandel begriffen.

Für unseren geistigen Weg sollte die eigentliche Erkenntnis jedoch noch weiter reichen. Wir müssen uns immer wieder fragen, ob wir Gott verehren oder lediglich das Bild, das wir uns von ihm gemacht haben. Ein Mensch kann sein ganzes Leben damit verbringen, eine bestimmte Vorstellung Gottes zu verteidigen, ohne jemals über diese Vorstellung hinauszudenken. Er kann die Worte der Überlieferung kennen und dennoch ihre tiefere Bedeutung verfehlen. Er kann gegen fremde religiöse Symbole kämpfen und dabei übersehen, dass auch seine eigenen Symbole nur menschliche Annäherungen an eine Wirklichkeit sind, die größer ist als jedes Bild.

Die Göttin Aschera erinnert uns daran, dass die Geschichte des Gottesglaubens nicht so einfach verlief, wie es spätere Lehrbücher manchmal erscheinen lassen. Sie erinnert uns daran, dass die Menschheit unterschiedliche Wege suchte, um die schöpferische Macht des Universums zu verstehen. Vor allem aber führt sie uns vor Augen, dass religiöse Wahrheitssuche Mut verlangt. Den Mut, alte Texte zu prüfen. Den Mut, gesicherte Erkenntnisse von Vermutungen zu unterscheiden. Und den Mut, auch dort nach Sinn zu fragen, wo die Antwort zunächst unseren vertrauten Vorstellungen widerspricht.

Vielleicht liegt das tiefste Geheimnis nicht darin, ob Gott einst eine Frau hatte. Vielleicht liegt es darin, dass der Mensch das Unendliche immer wieder nach seinem eigenen Bild gestaltet und dann vergisst, dass dieses Bild niemals das Ganze sein kann. Der eine sieht einen König auf seinem himmlischen Thron, der andere einen liebenden Vater, ein dritter eine schützende Mutter, wieder ein anderer das unendliche Licht, aus dem alles Leben hervorgeht. Keines dieser Bilder vermag das Göttliche vollständig zu erfassen. Jedes kann zum Wegweiser werden, wenn wir es nicht mit dem Ziel selbst verwechseln.

Das ist die Lehre, die wir als Templer aus der vergessenen Geschichte Ascheras ziehen können: Nicht Gott verändert sich mit den Jahrhunderten, sondern die Vorstellungen, in denen die Menschen ihn zu erkennen versuchen. Was gestern als heilig galt, kann morgen verworfen werden. Was eine Generation als unerschütterliche Wahrheit betrachtet, kann eine spätere Generation in einem anderen Licht sehen. Doch die Suche nach dem Ursprung, nach dem Sinn des Lebens und nach der letzten Einheit aller Dinge bleibt bestehen.

Der wahre Templer fürchtet daher weder die Archäologie noch die Geschichte. Er fürchtet vielmehr die geistige Blindheit, die aus Gewohnheit Gewissheit macht und aus überlieferten Vorstellungen unumstößliche Grenzen errichtet. Unser Auftrag besteht nicht darin, jede alte Überzeugung unkritisch zu bewahren, sondern darin, das Wahre vom Unwahren und das Wesentliche vom Vergänglichen zu unterscheiden. Wir sollen die Überlieferung achten, ohne ihre Gefangenen zu werden, und wir sollen die Wissenschaft ernst nehmen, ohne aus jeder neuen Hypothese eine endgültige Wahrheit zu machen.

So steht am Ende dieser Betrachtung keine neue Göttin, die wir verehren müssten, und auch kein erschütterter Gott, dessen Macht durch eine Tonscherbe infrage gestellt worden wäre. Es bleibt vielmehr die ehrwürdige Aufgabe des Menschen, hinter den wechselnden Gestalten der Religion jene Wirklichkeit zu suchen, die alle menschlichen Begriffe übersteigt.

Denn vielleicht ist die bedeutendste Frage nicht, ob Gott eine Frau hatte, sondern ob wir Menschen jemals verstanden haben, wie unendlich viel größer das Göttliche ist als die Bilder, die wir uns von ihm machen.

Schreibe einen Kommentar