Als Feinde bekämpft – als Menschen bewundert
Muslime, die während der Kreuzzüge in Europa Ansehen gewannen
Wenn wir heute über die Kreuzzüge sprechen, entsteht leicht das Bild zweier vollkommen voneinander getrennter Welten: hier das christliche Europa, dort der islamische Orient. Beide Seiten hätten einander nur mit Hass, Verachtung und dem Schwert begegnet. Doch die geschichtliche Wirklichkeit war wesentlich vielschichtiger.
Christen und Muslime führten erbitterte Kriege gegeneinander. Gleichzeitig schlossen sie Waffenstillstände, handelten miteinander, tauschten Gefangene aus und führten diplomatische Gespräche. Sie begegneten einander als Gegner – aber bisweilen auch als Menschen, deren Mut, Bildung und Großzügigkeit selbst der Feind anerkennen musste.
Gerade für uns heutige Templer liegt darin eine wichtige Erkenntnis: Ein Gegner muss nicht automatisch ein schlechter Mensch sein. Wahre Ritterlichkeit zeigt sich nicht darin, den Feind zu verleumden, sondern darin, seine Größe dort anzuerkennen, wo sie tatsächlich vorhanden ist.
Waren sie wirklich alle Araber?
Bereits der Titel „Araber, die während der Kreuzzüge in Europa bewundert wurden“ verlangt eine kleine Korrektur. Nicht alle genannten Persönlichkeiten waren Araber.
Saladin stammte aus einer kurdischen Familie. Avicenna war Perser. Baibars hatte wahrscheinlich turkstämmige oder kiptschakische Wurzeln. Averroes wurde im andalusischen Córdoba geboren. Sie alle gehörten jedoch zur weitgespannten islamischen Welt, deren gemeinsame Gelehrtensprache vielfach das Arabische war.
Aus europäischer Sicht wurden die Bewohner dieser Welt häufig vereinfachend als „Sarazenen“ bezeichnet. Dabei übersah man die ethnische, sprachliche und religiöse Vielfalt des Orients. Auch das ist eine Lehre für unsere Zeit: Wer eine fremde Kultur nur unter einem einzigen Namen zusammenfasst, erkennt selten ihre ganze Wirklichkeit.
Saladin – der große Gegner
Keine muslimische Persönlichkeit der Kreuzzugszeit erlangte im christlichen Europa einen vergleichbaren Ruhm wie Salah ad-Din Yusuf ibn Ayyub, den wir als Saladin kennen.
Er war der gefährlichste Gegner der Kreuzfahrerstaaten im späten 12. Jahrhundert. Im Jahre 1187 vernichtete sein Heer bei Hattin einen großen Teil der Streitkräfte des Königreichs Jerusalem. Zahlreiche Tempelritter und Johanniter gerieten in Gefangenschaft. Kurz darauf fiel Jerusalem in seine Hände.
Aus Sicht der Templer war Hattin eine Katastrophe. Viele Brüder starben, das Heilige Kreuz ging verloren und die christliche Herrschaft über Jerusalem endete. Es wäre daher falsch, aus Saladin im Nachhinein einen ungefährlichen Freund der Christen zu machen. Er war ein entschlossener Herrscher, ein geschickter Stratege und ein erbitterter Gegner der geistlichen Ritterorden.
Doch seine Bedeutung erschöpft sich nicht in seinen militärischen Erfolgen.
Bei der Einnahme Jerusalems kam es nicht zu einer Wiederholung jenes Blutbades, das die Kreuzfahrer 1099 angerichtet hatten. Zwar mussten viele Einwohner Lösegeld bezahlen, und auch Saladins Vorgehen entsprach keineswegs unseren heutigen Vorstellungen von Menschlichkeit. Dennoch bewies er eine Zurückhaltung, die selbst christliche Beobachter beeindruckte.
Sein Ruf verbreitete sich deshalb weit über die islamische Welt hinaus. In der europäischen Überlieferung wurde Saladin allmählich zum Sinnbild des „edlen Sarazenen“: eines Mannes, der zwar nicht dem christlichen Glauben angehörte, aber Eigenschaften verkörperte, die man in Europa als ritterlich verstand – Tapferkeit, Großzügigkeit, Selbstbeherrschung und Achtung vor einem würdigen Gegner.
Dabei mischten sich historische Tatsachen und spätere Legenden. Der Saladin der europäischen Dichtung war nicht immer derselbe Saladin, den die Geschichtsforschung erkennt. Doch schon die Entstehung dieses idealisierten Bildes ist bemerkenswert. Die Christenheit war offenbar fähig, einem erfolgreichen muslimischen Gegner Tugenden zuzugestehen, die sie bei manchen christlichen Fürsten vermisste.
Richard Löwenherz und Saladin
Der Dritte Kreuzzug wurde in der europäischen Erinnerung besonders mit zwei Namen verbunden: Richard Löwenherz und Saladin.
Beide Männer trafen einander wahrscheinlich niemals persönlich. Dennoch verhandelten ihre Beauftragten wiederholt miteinander. Zwischen Kampfhandlungen, Krankheiten und gescheiterten Friedensplänen entstand eine gegenseitige Achtung, die später stark ausgeschmückt wurde.
Die mittelalterliche Vorstellung liebte das Bild zweier großer Fürsten, die auf verschiedenen Seiten standen und dennoch die Fähigkeiten des jeweils anderen anerkannten. Richard galt als furchtloser Krieger; Saladin als maßvoller und großzügiger Herrscher. Aus beiden zusammen, so meinten spätere Erzähler sinngemäß, hätte man den vollkommenen Fürsten formen können.
Für einen Templer ist dies ein bedeutsames Bild. Stärke ohne Maß kann grausam werden. Milde ohne Stärke bleibt wirkungslos. Erst Mut, Klugheit, Gerechtigkeit und Selbstbeherrschung gemeinsam bilden jene innere Ordnung, die wir Ritterlichkeit nennen.
Saladin bei Dante und Lessing
Saladins Nachruhm reichte weit über die Kreuzzugszeit hinaus.
Dante Alighieri stellte ihn in seiner „Göttlichen Komödie“ nicht zu den gewöhnlichen Verdammten, sondern in den Limbus. Dort befinden sich in Dantes Weltbild tugendhafte Menschen der vorchristlichen oder nichtchristlichen Welt, denen zwar das Heil der Taufe fehlt, deren Größe jedoch anerkannt wird. Saladin erscheint dort in ehrwürdiger Gesellschaft.
Noch deutlicher wurde sein Bild Jahrhunderte später in Gotthold Ephraim Lessings „Nathan der Weise“. Dort begegnet uns Saladin als großherziger Herrscher, der bereit ist, über die Grenzen der Religion hinweg nach Wahrheit und Menschlichkeit zu fragen. Historisch ist diese literarische Figur nur bedingt. Geistig aber zeigt sie, wie stark Saladin in Europa zum Symbol religiöser Toleranz werden konnte.
Aus dem gefürchteten Feind war eine Gestalt geworden, an der europäische Autoren ihre eigenen Vorstellungen von Vernunft, Menschlichkeit und Glauben prüften.
Al-Kamil und Franz von Assisi
Eine andere bemerkenswerte Begegnung fand 1219 während des Fünften Kreuzzugs statt. Franz von Assisi begab sich in das Lager des ayyubidischen Sultans al-Kamil, eines Neffen Saladins.
Franz kam nicht mit einem Heer. Er kam als Glaubender und Friedenssuchender. Al-Kamil ließ ihn empfangen und gewährte ihm offenbar die Möglichkeit zu einem religiösen Gespräch.
Auch diese Begegnung wurde später ausgeschmückt. Dennoch bleibt ihr Kern außergewöhnlich: Während vor Damiette Christen und Muslime einander bekämpften, konnten ein christlicher Bettelmönch und ein muslimischer Sultan miteinander sprechen.
Al-Kamil hätte Franz als Spion oder Provokateur behandeln können. Stattdessen gewährte er ihm Schutz und Gehör. Franz wiederum suchte nicht den bequemen Dialog aus sicherer Entfernung, sondern ging mitten in das Lager des Gegners.
Hier begegnen sich zwei Formen des Mutes: die Macht des Herrschers, der einem Fremden zuhört, und die Glaubenskraft des Mannes, der unbewaffnet die Grenze zwischen den Lagern überschreitet.
Der moderne Templer sollte diese Szene nicht als sentimentale Friedensgeschichte missverstehen. Beide Männer blieben ihrem Glauben treu. Verständigung verlangt nicht, die eigene Überzeugung aufzugeben. Sie verlangt aber, im Andersgläubigen weiterhin einen Menschen zu erkennen.
Raschid ad-Din Sinan – der gefürchtete „Alte vom Berge“
Ganz anders entwickelte sich das europäische Bild Raschid ad-Din Sinans, des führenden Vertreters der syrischen Nizari-Ismailiten. Im Westen wurde er als „Alter vom Berge“ bekannt.
Seine Gemeinschaft war für gezielte politische Attentate gefürchtet. Daraus entstanden immer fantastischere Erzählungen: junge Männer, die mit Rauschmitteln betäubt und in künstliche Paradiesgärten geführt worden seien; fanatische Täter, die ihrem Herrn vollkommen willenlos gehorchten; verborgene Burgen, in denen Mörder ausgebildet würden.
Vieles davon gehört in den Bereich der Legende. Die europäischen Chronisten konnten sich die Disziplin und Opferbereitschaft dieser Gemeinschaft kaum erklären und füllten ihre Wissenslücken mit Schauergeschichten. Aus dem Namen der Gruppe entwickelte sich schließlich in mehreren europäischen Sprachen ein Wort für den heimtückischen Mörder: der „Assassine“.
Sinan wurde also weniger bewundert als gefürchtet. Doch auch Furcht kann eine seltsame Form der Anerkennung hervorbringen. Europäische Erzähler waren von der Entschlossenheit seiner Anhänger fasziniert, obwohl sie ihre Methoden verurteilten.
Für den Templer liegt hier eine Warnung: Disziplin allein ist noch keine Tugend. Treue, die das Gewissen ausschaltet, wird zum Werkzeug des Unrechts. Der wahre Ritter gehorcht nicht blind. Er prüft, ob sein Handeln mit Ehre, Gerechtigkeit und dem göttlichen Gesetz vereinbar ist.
Baibars – groß, aber nicht ritterlich verklärt
Sultan Baibars gehörte zu den bedeutendsten muslimischen Herrschern des 13. Jahrhunderts. Er spielte eine zentrale Rolle beim Sieg der Mamluken über die Mongolen bei Ain Dschalut im Jahre 1260 und führte später erfolgreiche Feldzüge gegen die Kreuzfahrerstaaten.
Für die Templer war Baibars ein besonders gefährlicher Gegner. Unter seiner Herrschaft gingen wichtige christliche Stützpunkte verloren. 1268 eroberte er Antiochia; weitere Burgen und Städte folgten. Sein Vorgehen konnte hart und unerbittlich sein.
Obwohl seine militärischen Leistungen außerordentlich waren, wurde er in Europa nie in ähnlicher Weise verklärt wie Saladin. Dafür gibt es mehrere Gründe. Er gehörte einer späteren Generation an, seine Taten boten weniger Stoff für das Idealbild eines höfischen Gegenspielers, und seine Kriegsführung ließ sich schwerer in eine Erzählung von gegenseitiger Ritterlichkeit einfügen.
Dies zeigt, dass geschichtlicher Ruhm nicht allein von wirklicher Bedeutung abhängt. Entscheidend ist auch, welche Geschichten über einen Menschen erzählt werden. Manche Herrscher werden zu Symbolen erhoben, andere trotz größerer Erfolge vergessen.
Avicenna und Averroes – Lehrer des christlichen Europa
Der Einfluss der islamischen Welt auf Europa vollzog sich nicht nur auf den Schlachtfeldern. Vielleicht noch bedeutsamer war der Austausch des Wissens.
Ibn Sina, in Europa Avicenna genannt, war persischer Arzt und Philosoph. Sein medizinisches Hauptwerk, der „Kanon der Medizin“, wurde über Jahrhunderte an europäischen Hochschulen verwendet. Christliche Gelehrte lasen einen muslimischen Denker, weil seine Erkenntnisse für sie unverzichtbar geworden waren.
Ibn Rushd, in Europa Averroes genannt, wirkte im islamischen Andalusien. Seine Kommentare zu Aristoteles beeinflussten die europäische Scholastik tiefgreifend. Thomas von Aquin setzte sich intensiv mit seinen Gedanken auseinander. Er widersprach ihm in wichtigen Fragen, nahm ihn aber gerade deshalb ernst.
Hier zeigt sich eine besonders hohe Form geistiger Begegnung: Man muss einem Denker nicht zustimmen, um von ihm zu lernen. Wer nur Bücher liest, die seine eigene Meinung bestätigen, sucht keine Erkenntnis, sondern lediglich Beruhigung.
Während Christen und Muslime im Heiligen Land gegeneinander kämpften, gelangten medizinische, philosophische, mathematische und naturwissenschaftliche Schriften aus der islamischen Welt nach Europa. Ohne diesen Wissenstransfer wäre die Entwicklung der europäischen Universitäten und Wissenschaften anders verlaufen.
Das Schwert trennte die Menschen – das Buch verband sie.
Auch die Templer lebten nicht in völliger Absonderung
Die Tempelritter standen an der vordersten Grenze zwischen den christlichen und muslimischen Herrschaftsgebieten. Sie führten Krieg und hatten durch Hattin und andere Niederlagen schwere Opfer zu beklagen. Dennoch bestand ihr Alltag im Orient nicht nur aus Schlachten.
Die Kreuzfahrerstaaten waren auf Verträge, Handel, Diplomatie und lokale Kenntnisse angewiesen. Zwischen den politischen Mächten entstanden wechselnde Bündnisse. Christliche Fürsten kämpften bisweilen gegeneinander und verbündeten sich dabei mit muslimischen Herrschern. Ebenso führten muslimische Dynastien untereinander Krieg und suchten gelegentlich christliche Unterstützung.
Die Wirklichkeit folgte selten der einfachen Einteilung „Christ gegen Muslim“. Macht, Land, dynastische Interessen und persönliche Rivalitäten spielten vielfach eine ebenso große Rolle wie die Religion.
Auch die geistlichen Ritterorden verhandelten, schlossen Waffenruhen und kannten die politischen Verhältnisse des Orients sehr genau. Das machte sie nicht zu frühen Vertretern moderner Toleranz. Sie blieben kämpfende Orden ihrer Zeit. Aber sie lebten näher an der islamischen Welt als die meisten Menschen Europas und konnten deshalb nicht dauerhaft bei bloßen Fantasiebildern stehen bleiben.
Wer einem Menschen tatsächlich begegnet, sieht häufig mehr als nur die Bezeichnung, die man ihm gegeben hat.
Ritterlichkeit gehört keiner Religion allein
Die Bewunderung für Saladin, al-Kamil, Avicenna und Averroes beweist nicht, dass die Kreuzzugszeit von allgemeiner Toleranz geprägt gewesen sei. Das wäre eine romantische Verfälschung. Es gab religiösen Fanatismus, Grausamkeit, Massaker, Verrat und Machtgier – auf allen Seiten.
Doch mitten in dieser gewaltsamen Epoche finden wir auch Zeichen gegenseitiger Anerkennung. Ein christlicher Chronist konnte den Mut eines muslimischen Herrschers loben. Ein europäischer Theologe konnte sich ernsthaft mit einem islamischen Philosophen auseinandersetzen. Ein Sultan konnte einen christlichen Mönch empfangen. Ein Dichter konnte einem Andersgläubigen einen Ehrenplatz unter den großen Männern der Geschichte einräumen.
Das ist keine Nebensächlichkeit. Es zeigt, dass das menschliche Gewissen selbst in Zeiten religiöser Feindschaft nicht vollständig verstummt.
Ritterlichkeit ist kein Eigentum eines Volkes und keiner Religion. Der christliche Templer erkennt den Ursprung aller Tugend in Gott. Gerade deshalb darf er nicht behaupten, außerhalb der eigenen Gemeinschaft könne es keine Tapferkeit, Weisheit, Gerechtigkeit oder Barmherzigkeit geben.
Die Lehre für den modernen Templer
Wir leben heute nicht mehr in der Welt der Kreuzzüge. Das Schwert des modernen Templers ist das klare Wort, der geschulte Verstand und der verantwortungsvolle Einfluss auf die Gesellschaft.
Unsere Aufgabe besteht nicht darin, alte Religionskriege fortzuführen. Sie besteht darin, Wahrheit von Propaganda, Geschichte von Legende und berechtigte Kritik von pauschaler Verachtung zu unterscheiden.
Der moderne Templer fragt nicht zuerst: „Zu welchem Lager gehört dieser Mensch?“ Er fragt: „Handelt er ehrenhaft? Dient er dem Frieden? Achtet er die Würde anderer? Ist sein Wort wahr und sein Verhalten gerecht?“
Saladin bleibt für uns der Gegner, der den Tempelorden bei Hattin schwer traf. Wir müssen diese Tatsache weder verschweigen noch beschönigen. Trotzdem können wir seine Fähigkeiten und manche seiner Entscheidungen anerkennen. Ebenso dürfen wir von Avicenna und Averroes lernen, ohne ihren Glauben übernehmen zu müssen.
Wer nur bei den eigenen Freunden Tugend erkennt, besitzt noch keine Gerechtigkeit. Erst wer auch dem Gegner das ihm zustehende Maß an Anerkennung gewährt, hat begonnen, gerecht zu urteilen.
Darin liegt vielleicht die wertvollste Botschaft dieser Geschichte: Die Kreuzzüge trennten Menschen durch Glauben, Macht und Krieg. Doch Tapferkeit, Weisheit und Menschlichkeit durchbrachen bisweilen selbst die stärksten Mauern.
Ein wahrer Templer fürchtet die Wahrheit nicht – auch dann nicht, wenn sie im Antlitz seines Gegners erscheint.
