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Belgien – Das flandrische Herz des Ordens

Ich schreibe als Bruder des Ordens vom Tempel und richte meinen Blick auf ein Land, das man heute Belgien nennt, das es zu unserer Zeit jedoch nicht gab. Im Mittelalter war dieses Gebiet ein Geflecht aus Grafschaften und Herzogtümern, politisch zerrissen, geistlich lebendig und von großer Bedeutung für unseren Orden.

Der nördliche Teil, das heutige Flandern, sowie die Grafschaft Artois gehörten lehnsrechtlich zum Königreich Frankreich. Südlich davon lag die Grafschaft Hennegau (Hainaut), teils dynastisch mit Flandern verbunden, östlich das Herzogtum Brabant; beide standen unter der Lehnshoheit des Heiligen Römischen Reiches. Einige Gebiete unserer damaligen Provinz Flandern liegen heute sogar auf französischem Boden. Wer über die Templer in Belgien spricht, muss diese politische Vielgestaltigkeit stets mitdenken.

Territorien und Organisation

Die Templerprovinz Flandern unterstand formell dem Provinzmeister von Frankreich. In den Urkunden begegnen uns jedoch eigene Unterprovinzmeisterpreceptores oder magistri – für Flandern, Hennegau, Haspengau und Brabant. Dies zeigt die Größe und Bedeutung der Region.

Vermutlich die älteste Niederlassung unseres Ordens entstand in Ypern. Weitere Komtureien und Häuser bestanden unter anderem in Agnes-les-Duisans, Arras, Avesnes-le-Sec, Brügge, Caestre, Cassel, Douai, Gent, Gombermont, Ter Brake (La Braque), La Haie, Leffinge-Slijpe (als Doppelniederlassung), Pérenchies, Ruiselede, Saint-Aubin, Saint-Léger, Saint-Omer, Saint-Venant, Vaillamport, Villers-le-Temple und Wissant. Die Mehrzahl dieser Häuser wurde nach dem Verlust Jerusalems an Saladin (1187) bis in die Mitte des 13. Jahrhunderts gestiftet – ein Zeichen ungebrochener Kreuzzugsfrömmigkeit.

Beziehungen und Konflikte

Flandern und die angrenzenden Gebiete waren ein Zentrum der Kreuzzugsbegeisterung. Baudouin VI. von Hennegau wurde 1204 der erste lateinische Kaiser von Konstantinopel. Zwei der Gründer unseres Ordens stammten aus dieser Region: Geoffroi de Saint-Omer aus Artois und Archambaud de Saint-Amand aus Hennegau. Auch zwei unserer Meister, Odo de Saint-Amand und Gerard de Ridefort, nannten das flandrische Gebiet ihre Heimat.

Die Beziehungen zur Grafenfamilie von Flandern waren eng und früh gefestigt. Bereits 1127 oder 1128 erhielten wir von Wilhelm Clito eine außergewöhnliche Gabe: die Erbschaftsabgabe auf alle gräflichen Lehen in Flandern. Sein Nachfolger Thierry d’Alsace bestätigte diese Schenkung im Beisein von Hugues de Payens und Geoffroi de Saint-Omer in der Petrikirche von Cassel. Seit 1157 residierte ein hochrangiger Templer – häufig der Provinzmeister selbst – am gräflichen Hof, wirkte als Berater und auch als Steuereintreiber.

Auch der niedere Adel unterstützte uns mit Land, Rechten und Personal, darunter die Burgrafen von Saint-Omer und Lille. Die reich ausgestattete Komturei Villers-le-Temple geht auf ihren Gründer Girard de Villers zurück, der später selbst Unterprovinzmeister für Brabant/Haspengau und Komtur von Villers war. Sein Grabstein gehört zu den wenigen erhaltenen originalen Templergrabplatten.

Konflikte blieben dennoch nicht aus. Sie entzündeten sich meist an unseren jurisdiktionellen Privilegien und Steuerbefreiungen. Problematisch war, dass nicht nur die Brüder, sondern auch die Bewohner der Templerquartiere von diesen Vorteilen profitierten. In Ypern kam es 1288 wegen Weinverkaufs und der Nutzung von Wasserläufen zu Streit mit der Stadt. In Douai gelangte 1291 ein Konflikt mit der Komturei von Arras über hohe und niedere Gerichtsbarkeit vor den französischen König. Dieser entschied, dass wir diese Rechte nur innerhalb unseres eigenen Bezirks ausüben durften. Einen Galgen durften wir nicht errichten, und Hinrichtungen innerhalb der Stadtmauern waren untersagt.

Als 1307 der Prozess begann, wurden auch die Templer von Flandern verhaftet. Provinzmeister Gossuin de Bruges und Bernart de Caestre gehörten zu den standhaftesten Verteidigern des Ordens.

Nachleben und Legenden

Im Volksgedächtnis der Region blieb unser Orden oft in schlechtem Licht. Eine zu Beginn des 20. Jahrhunderts aufgezeichnete Sage, Die Tempelritter von Canegem, erzählt von schlimmen Taten und prägte das Sprichwort „trunken wie ein Templer“. In der Geschichte sollen Templer sogar den Pfarrer von Canegem erschlagen haben – eine Erzählung, die mehr über spätere Vorurteile als über historische Wirklichkeit aussagt.

Auch der sogenannte Templerturm von Nieuwpoort gehört in den Bereich der Legende. Man sagte, er sei mit Hilfe des Teufels errichtet worden und unzerstörbar. Tatsächlich wurde er 1916 durch deutsches Artilleriefeuer zerstört. Historisch gesichert ist lediglich, dass es in Nieuport/Nieuwpoort eine Templerniederlassung gab, gestiftet 1239 durch eine Frau. Der Turm selbst gehörte jedoch zur St.-Laurentius-Kirche und nicht zum Orden.

So zeigt Belgien – das es als Staat nie zu unserer Zeit gab – wie tief der Templerorden in der Geschichte Flanderns, Hennegaus und Brabants verwurzelt war. Zwischen Hochadel und Stadtgemeinden, Frömmigkeit und Konflikt, Geschichte und Sage blieb unser Name lebendig – geliebt, gefürchtet und oft missverstanden.

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