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Beten Christen und Muslime zu demselben Gott?

Kaum eine religiöse Frage wird so schnell beantwortet und zugleich so häufig missverstanden wie diese: Beten Christen und Muslime zu demselben Gott? Die einen sagen ohne Zögern Ja und verweisen auf Abraham, den gemeinsamen Glauben an den einen Schöpfer und zahlreiche Gestalten, die sowohl in der Bibel als auch im Koran vorkommen. Andere antworten ebenso entschieden Nein, weil der Islam die Dreifaltigkeit, die Gottessohnschaft Jesu sowie dessen Kreuzigung und Auferstehung ablehnt. Beide Seiten führen gewichtige Gründe an. Ein Templer sollte deshalb weder vorschnell urteilen noch die Unterschiede aus falsch verstandener Toleranz verschweigen.

Zunächst muss ein sprachliches Missverständnis beseitigt werden. „Allah“ ist nicht der Eigenname einer besonderen islamischen Gottheit, sondern schlicht das arabische Wort für Gott. Auch arabischsprachige Christen beten zu Allah und verwenden dieses Wort in ihren Bibeln und Gottesdiensten. Allein aus der unterschiedlichen Bezeichnung kann daher nicht geschlossen werden, Christen und Muslime verehrten verschiedene Götter. Die eigentliche Frage lautet vielmehr: Beziehen sich beide Religionen auf dasselbe göttliche Wesen, obwohl sie dieses Wesen in entscheidenden Punkten unterschiedlich beschreiben?

Die gemeinsame Berufung auf Abraham

Judentum, Christentum und Islam verstehen sich als monotheistische Religionen und berufen sich auf Abraham. Sie lehren, dass es nur einen höchsten Schöpfer gibt, der Himmel und Erde erschaffen hat, dem Menschen sittliche Gebote auferlegt, Gebete hört, Barmherzigkeit erweist und am Ende über die Menschen richtet. Der Koran stellt Abraham, Mose und Jesus nicht als Diener fremder Gottheiten dar, sondern ordnet sie einer fortlaufenden Geschichte göttlicher Offenbarung zu. In Sure 29,46 werden Muslime aufgefordert, gegenüber Juden und Christen zu erklären: „Unser Gott und euer Gott ist einer.“

Auch Jesus besitzt im Islam eine herausragende Stellung. Er wird als Messias bezeichnet, von der Jungfrau Maria geboren und als großer Gesandter Gottes verehrt. Der Koran berichtet von seinen Wundertaten: Er heilt Kranke und erweckt Tote zum Leben, allerdings stets mit Gottes Erlaubnis. Muslime verachten Jesus daher nicht. Sie verehren ihn jedoch auf eine Weise, die sich grundlegend vom christlichen Glauben unterscheidet.

An Jesus scheiden sich die Wege

Für Christen ist Jesus Christus nicht lediglich ein Prophet, durch den Gott handelt. Er ist das menschgewordene Wort Gottes. Das Johannesevangelium erklärt: „Das Wort war Gott“ und „das Wort ist Fleisch geworden“. Nach dem christlichen Glaubensbekenntnis ist Christus „wahrer Gott vom wahren Gott“. Er wurde gekreuzigt, starb und ist von den Toten auferstanden. Diese Ereignisse bilden nicht einen Nebenaspekt des Christentums, sondern dessen Mitte.

Der Islam widerspricht diesen Aussagen ausdrücklich. Jesus gilt als Gesandter Gottes, aber nicht als Sohn Gottes und nicht als eine Person der göttlichen Dreifaltigkeit. Der Koran weist die Vorstellung zurück, Gott habe einen Sohn, und warnt vor dem Bekenntnis zur Trinität. Ebenso lehrt er, Jesu Gegner hätten ihn weder getötet noch gekreuzigt; vielmehr habe Gott ihn zu sich erhoben.

Damit stehen wir nicht bloß vor verschiedenen religiösen Ausdrucksweisen für dieselbe Lehre. Christentum und Islam machen miteinander unvereinbare Aussagen über Jesus, über Gottes Wesen und über das Heil des Menschen. Wenn Jesus Gottes Sohn ist, gekreuzigt wurde und auferstand, kann die islamische Darstellung in diesen Punkten nicht zugleich wahr sein. Ist Jesus dagegen lediglich ein Prophet und wurde nicht gekreuzigt, dann wird der Kern des christlichen Glaubens infrage gestellt. Ehrlicher Dialog beginnt deshalb nicht mit der Behauptung, alle Religionen sagten im Grunde dasselbe. Sie tun es nicht.

Derselbe Gott – aber ein anderes Gottesbild?

Man kann sich denselben Menschen vorstellen und dennoch eine falsche Auffassung von ihm haben. Zwei Personen können über denselben König sprechen, während die eine ihn als gerechten Herrscher und die andere als Tyrannen beschreibt. Der Bezugspunkt kann derselbe sein, obwohl die Vorstellungen voneinander abweichen. Übertragen auf die Religion bedeutet das: Christen und Muslime können beabsichtigen, den einen Schöpfer Abrahams anzubeten, obwohl ihre Aussagen über dessen Wesen erheblich auseinandergehen.

Andere christliche Denker halten dagegen, dass die Dreifaltigkeit und die Offenbarung Gottes in Christus nicht bloß einzelne Eigenschaften unter vielen seien. Sie gehörten zur Identität Gottes selbst. Wer die Gottheit Christi und den Heiligen Geist ablehne, verehre deshalb nicht einfach denselben Gott mit einem unvollständigen Verständnis, sondern ein grundsätzlich anderes Gottesbild. Diese Auffassung verdient ebenso ernsthafte Beachtung.

Die Frage wird noch schwieriger, wenn wir das Judentum einbeziehen. Auch das traditionelle Judentum lehnt die Dreifaltigkeit und die Göttlichkeit Jesu ab. Trotzdem bestreiten Christen gewöhnlich nicht, dass Juden den Gott Abrahams, Isaaks und Jakobs verehren. Schließlich entstand das Christentum aus dem Judentum, Jesus selbst war Jude, und das Alte Testament gehört zur christlichen Heiligen Schrift. Wenn die Ablehnung der Dreifaltigkeit allein ausreichen würde, um von einem anderen Gott zu sprechen, müsste dieselbe Behauptung folgerichtig auch gegenüber dem Judentum erhoben werden.

Die katholische Kirche hat hierzu eine deutliche, wenn auch sorgfältig abgegrenzte Stellung bezogen. Das Zweite Vatikanische Konzil erklärte 1965 in Nostra aetate, dass Muslime den einen Gott anbeten. Damit wurde jedoch keineswegs gesagt, Islam und Christentum seien gleichwertig oder ihre Glaubenslehren austauschbar. Man kann sich auf denselben Schöpfer beziehen und dennoch über sein Wesen, seine Offenbarung und seinen Heilsweg in entscheidenden Punkten irren.

Was kann uns die Geschichte der Templer lehren?

Die historischen Tempelritter lebten an einer Grenze, an der Christentum und Islam einander nicht als theoretische Lehrgebäude, sondern als wirkliche Mächte begegneten. Sie waren Teil der Kreuzzüge, führten Kämpfe und verteidigten Pilgerwege. Zugleich erlebten sie Muslime als Gegner, Verhandlungspartner, Nachbarn und Menschen mit einem ernsthaften Glauben. Das Heilige Land war ein Raum des Konflikts, aber auch des Austausches. Wer dort bestehen wollte, musste lernen, zwischen Glaubenstreue, politischer Notwendigkeit und menschlichem Respekt zu unterscheiden.

Ein heutiger Templer darf den historischen Kampf nicht romantisieren. Seine Aufgabe besteht nicht darin, alte Religionskriege in unsere Zeit zu übertragen. Das Schwert des gegenwärtigen Templers ist zunächst das Schwert der Unterscheidung. Es trennt Wahrheit von Täuschung, klare Lehre von bequemer Beliebigkeit und berechtigte Kritik von Hass. Der Templer verteidigt seinen Glauben, ohne die Würde des Andersgläubigen anzugreifen.

Das bedeutet: Wir müssen nicht behaupten, Christentum und Islam seien im Wesentlichen dasselbe, um Muslimen mit Achtung zu begegnen. Ebenso wenig müssen wir jeden Muslim als Verehrer einer fremden oder finsteren Gottheit betrachten, nur weil seine Religion zentrale christliche Glaubenssätze zurückweist. Ein Mensch kann aufrichtig nach Gott suchen und sich dennoch in wichtigen Fragen irren. Diese Möglichkeit gilt nicht nur für den Andersgläubigen, sondern mahnt auch uns selbst zu Demut.

Wahrheit ohne Feindschaft

Aus christlich-templarischer Sicht bleibt Christus der entscheidende Maßstab. Wir bekennen ihn als Sohn Gottes, als gekreuzigten und auferstandenen Herrn. Dieses Bekenntnis kann nicht aufgegeben werden, ohne den christlichen Glauben selbst aufzugeben. Der Islam ehrt Jesus, erkennt ihn aber nicht in der Weise an, wie ihn das Neue Testament offenbart. Diese Trennungslinie muss klar benannt werden.

Dennoch dürfen wir unterscheiden zwischen dem Ziel der Anbetung und dem Verständnis dieses Zieles. Wenn ein Muslim sich im Gebet an den einzigen Schöpfer des Himmels und der Erde, an den Gott Abrahams, wendet, dann richtet sich seine Absicht nicht auf einen Götzen unter vielen. Er will den einen Gott verehren. Aus christlicher Sicht besitzt er jedoch ein anderes und in wesentlichen Punkten unvollständiges beziehungsweise falsches Verständnis dieses Gottes, insbesondere hinsichtlich der Offenbarung in Jesus Christus.

Die ausgewogenste Antwort lautet daher: Christen und Muslime wollen sich auf den einen Schöpfer und den Gott Abrahams beziehen, doch sie besitzen nicht dasselbe Gottesverständnis. Ihre Aussagen über Gottes innerstes Wesen, über Jesus Christus und über den Weg des Heils widersprechen einander. Der gemeinsame Bezug darf nicht dazu benutzt werden, die Unterschiede zu verwischen; die Unterschiede dürfen aber ebenso wenig zum Vorwand für Verachtung und Feindschaft werden.

Ein Templer steht für Wahrheit, Treue und Schutz. Wahrheit verlangt, die Gegensätze offen auszusprechen. Treue verlangt, am eigenen Bekenntnis festzuhalten. Schutz verlangt, die Würde jedes Menschen zu achten – auch dann, wenn sein Glaube nicht der unsere ist. Vielleicht liegt gerade darin eine der wichtigsten Aufgaben des modernen Templers: fest im eigenen Glauben zu stehen, ohne hart gegen den Menschen zu werden; das Trennende zu erkennen, ohne das Verbindende zu leugnen; und im Andersgläubigen nicht zuerst einen Gegner, sondern einen Mitmenschen zu sehen, der wie wir vor dem Geheimnis Gottes steht.

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