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BRICS – Die neue Finanzmacht entsteht

Das Ende der westlichen Vorherrschaft oder der Beginn einer neuen Weltordnung?

Ein Beitrag aus der Sicht eines heutigen Templers

Die Geschichte lehrt uns, dass keine Macht für alle Zeiten bestehen bleibt. Große Reiche entstanden, beherrschten Handel und Wirtschaft, bestimmten über die Währungen anderer Völker und verschwanden schließlich wieder. Das Römische Reich hielt sich für unerschütterlich. Die spanische Weltmacht beherrschte einst die Weltmeere. Großbritannien schuf ein Imperium, in dem die Sonne angeblich niemals unterging. Heute sind diese Machtverhältnisse Geschichte.

Auch die Tempelritter mussten erfahren, dass wirtschaftliche Stärke, politischer Einfluss und internationales Ansehen keinen dauerhaften Schutz bieten. Im 13. Jahrhundert verfügte unser mittelalterlicher Orden über ein weitverzweigtes Netz von Besitzungen, Handelsverbindungen und Finanzdienstleistungen. Könige vertrauten ihm Vermögen an. Pilger konnten Geld hinterlegen und andernorts wieder erhalten. Doch als sich die politischen Kräfteverhältnisse veränderten, wurde auch diese mächtige Gemeinschaft verwundbar.

Heute erleben wir möglicherweise einen vergleichbaren Wendepunkt in der Weltwirtschaft. Nicht Ritterheere oder Könige stehen einander gegenüber, sondern Wirtschaftsblöcke, Zentralbanken, Währungen, Rohstoffmächte und internationale Zahlungssysteme.

Im Mittelpunkt dieser Entwicklung steht eine Staatengemeinschaft, deren Bedeutung in Europa noch immer häufig unterschätzt wird: BRICS.

Die neue Macht des globalen Südens

Ursprünglich bezeichnete BRIC vier große Schwellenländer: Brasilien, Russland, Indien und China. Mit Südafrika entstand BRICS. Inzwischen haben sich weitere bedeutende Staaten angeschlossen, darunter Ägypten, Äthiopien, Iran, die Vereinigten Arabischen Emirate und Indonesien.

Die Gemeinschaft repräsentiert einen erheblichen Teil der Weltbevölkerung und der globalen Wirtschaftsleistung. Nach Angaben der indischen Regierung vom September 2026 entfielen auf die erweiterte Gruppe, einschließlich des von ihr mitgezählten Saudi-Arabiens, rund 49,5 Prozent der Weltbevölkerung und etwa 40 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung auf Basis der Kaufkraftparität.

Bei der formalen Mitgliedschaft Saudi-Arabiens bestehen allerdings unterschiedliche Darstellungen: Während die brasilianische BRICS-Präsidentschaft das Land als Mitglied führt, bezeichnet die russische Zentralbank es weiterhin als eingeladenen Staat.

Unabhängig von solchen Fragen steht fest: Die BRICS-Staaten verfügen zusammen über gewaltige Bevölkerungszahlen, industrielle Produktionskapazitäten, Energiequellen, Rohstoffe und wachsende Absatzmärkte.

China ist eine der wichtigsten Industrienationen der Welt. Indien verfügt über eine große und wachsende Wirtschaft. Brasilien besitzt bedeutende Agrar- und Rohstoffressourcen. Russland zählt zu den großen Energie- und Rohstoffanbietern. Die Golfstaaten spielen eine wichtige Rolle bei der Versorgung der Welt mit Erdöl und Erdgas.

Wenn solche Staaten ihre wirtschaftlichen Beziehungen verstärken, verändern sie das internationale Kräfteverhältnis.

Noch bedeutet das nicht, dass BRICS bereits eine geschlossene Wirtschaftsunion wie die Europäische Union wäre. Die Interessen der beteiligten Länder sind zu unterschiedlich. Aber auch eine lose Gemeinschaft kann erheblichen Einfluss entwickeln, wenn ihre Mitglieder gemeinsame wirtschaftliche Ziele verfolgen.

Der Dollar – das Fundament der westlichen Finanzmacht

Seit dem Zweiten Weltkrieg nimmt der US-Dollar eine außergewöhnliche Stellung im internationalen Finanzsystem ein. Rohstoffe werden vielfach in Dollar gehandelt, zahlreiche internationale Kredite lauten auf Dollar, und Zentralbanken halten erhebliche Teile ihrer Reserven in amerikanischer Währung oder entsprechenden Wertpapieren.

Diese Stellung verschafft den Vereinigten Staaten wirtschaftliche Vorteile. Sie erleichtert die Finanzierung des amerikanischen Staates und stärkt den Einfluss der USA auf internationale Finanzströme.

Besonders deutlich wird diese Macht, wenn wirtschaftliche Sanktionen verhängt werden. Staaten, Banken und Unternehmen können unter bestimmten Umständen vom Zugang zu wichtigen internationalen Finanzdienstleistungen ausgeschlossen werden. Die Maßnahmen gegen Russland nach seinem Angriff auf die Ukraine haben vielen Regierungen gezeigt, wie stark politische Konflikte das internationale Zahlungssystem beeinflussen können.

Aus Sicht westlicher Regierungen dienen solche Sanktionen dazu, auf schwerwiegende Rechtsverletzungen zu reagieren. Andere Staaten erkennen darin zugleich eine mögliche Gefahr für ihre eigene wirtschaftliche Handlungsfreiheit.

Genau an diesem Punkt setzt die Strategie der BRICS-Staaten an. Sie wollen ihre Abhängigkeit von einzelnen ausländischen Währungen, Banken und Zahlungswegen verringern.

Dabei geht es nicht unbedingt darum, den Dollar vollständig abzuschaffen. Es genügt bereits, wenn bedeutende Teile des Handels künftig ohne ihn abgewickelt werden können.

Denn wer eine Währung nicht mehr für jede internationale Zahlung benötigt, ist auch weniger stark auf die politischen Entscheidungen des Landes angewiesen, das diese Währung herausgibt.

BRICS Pay – die Suche nach neuen Zahlungswegen

Ein besonders interessanter Teil dieser Entwicklung ist die Diskussion über BRICS Pay und die Verknüpfung nationaler Zahlungssysteme.

Die Grundidee ist einfach: Unternehmen und Privatpersonen sollen grenzüberschreitende Zahlungen möglichst direkt über miteinander verbundene Systeme abwickeln können, ohne bei jeder Transaktion auf traditionelle westlich dominierte Zahlungswege angewiesen zu sein.

Schon heute verfügen einzelne BRICS-Staaten über leistungsfähige nationale Systeme. Indien hat mit UPI ein weitverbreitetes digitales Zahlungssystem geschaffen, Brasilien mit Pix ein ähnlich bedeutendes Instrument.

Wenn solche Systeme künftig enger zusammenarbeiten, könnten internationale Zahlungen schneller und günstiger werden.

Allerdings müssen wir zwischen einer politischen Vorstellung und ihrer technischen Verwirklichung unterscheiden. Ein vollständig gemeinsames, flächendeckendes BRICS-Zahlungssystem existiert gegenwärtig noch nicht.

Auf ihrem Gipfeltreffen im September 2026 in Neu-Delhi bekräftigten die BRICS-Staaten, die Zusammenarbeit ihrer Zahlungs- und Nachrichtenkanäle weiter zu untersuchen. Die gemeinsame Zahlungsarbeitsgruppe soll praktikable Lösungen entwickeln.

Das klingt zunächst weniger revolutionär als die Ankündigung einer neuen Weltwährung. Dennoch kann der Ausbau einer solchen Infrastruktur langfristig größere Auswirkungen haben als eine spektakuläre politische Erklärung.

Denn wirtschaftliche Macht verändert sich häufig nicht durch einen einzigen Beschluss, sondern durch viele technische und organisatorische Schritte.

Wenn immer mehr Handelsgeschäfte in nationalen Währungen abgewickelt werden können, entsteht allmählich eine neue finanzielle Handlungsfreiheit.

Eine goldgedeckte Währung – Hoffnung oder Wirklichkeit?

Immer wieder ist davon die Rede, die BRICS-Staaten wollten eine gemeinsame Währung schaffen, die durch Gold oder einen Korb von Rohstoffen gedeckt sein könnte.

Eine solche Konstruktion würde sich grundsätzlich vom heutigen System frei schwankender staatlicher Währungen unterscheiden. Sie könnte nach ihren Befürwortern das Vertrauen in eine internationale Verrechnungseinheit stärken und die Abhängigkeit vom Dollar verringern.

Gerade Gold besitzt seit Jahrtausenden eine besondere Bedeutung als Wertaufbewahrungsmittel. Anders als Papiergeld kann es nicht beliebig geschaffen werden. Viele Zentralbanken betrachten es deshalb weiterhin als Bestandteil ihrer Währungsreserven.

Doch hier ist Vorsicht geboten: Bis Oktober 2026 gibt es keine beschlossene gemeinsame gold- oder rohstoffgedeckte BRICS-Währung.

Im September 2026 erklärte Indien ausdrücklich, dass derzeit kein Vorschlag für eine gemeinsame BRICS-Währung zur Entscheidung stehe. Die Zusammenarbeit konzentriert sich vielmehr auf nationale Währungen und bessere grenzüberschreitende Zahlungssysteme.

Eine gemeinsame Währung wäre außerdem mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. China und Indien verfolgen unterschiedliche wirtschaftspolitische Interessen. Auch die Wechselkurse, Kapitalverkehrsvorschriften und Inflationsentwicklungen der Mitgliedstaaten unterscheiden sich stark.

Wer eine gemeinsame Währung einführt, muss klären, wer über ihre Geldmenge entscheidet, wer für ihre Stabilität haftet und wie wirtschaftliche Krisen ausgeglichen werden sollen.

Europa hat mit der Einführung des Euro erfahren, wie anspruchsvoll eine solche Aufgabe ist.

Daher sollten wir nicht behaupten, eine goldgedeckte BRICS-Währung stehe unmittelbar bevor. Aber wir sollten ebenso wenig ausschließen, dass eines Tages neue Formen der internationalen Abrechnung entstehen.

Die Verschiebung der wirtschaftlichen Macht

Die entscheidende Frage lautet nicht allein, welche Währung künftig verwendet wird. Viel wichtiger ist, wo die wirtschaftliche Wertschöpfung der nächsten Jahrzehnte entsteht.

Wenn neue Fabriken, Verkehrswege, Energieanlagen, Rechenzentren und Handelsverbindungen vor allem in den aufstrebenden Volkswirtschaften errichtet werden, können sich auch die wirtschaftlichen Schwerpunkte verschieben.

Die vergangenen Jahrzehnte waren durch eine außergewöhnliche Stellung amerikanischer Unternehmen geprägt. Große Technologiekonzerne, Finanzgesellschaften und international tätige Marken bestimmten zunehmend die Entwicklung vieler Aktienindizes.

Daraus entstand bei zahlreichen Anlegern die Vorstellung, dass eine Investition in amerikanische Unternehmen beinahe gleichbedeutend mit einer Investition in die Weltwirtschaft sei.

Doch die Weltwirtschaft ist größer als die amerikanische Börse.

Indien entwickelt digitale Dienstleistungen und industrielle Kapazitäten. China ist auf wichtigen Gebieten der Elektromobilität, Batterietechnologie und industriellen Produktion führend. Brasilien spielt eine bedeutende Rolle in der Landwirtschaft. Zahlreiche Länder Afrikas verfügen über Rohstoffe, die für Energieversorgung und moderne Technologien benötigt werden.

Das bedeutet nicht, dass Unternehmen dieser Staaten automatisch erfolgreich sein werden. Wirtschaftliches Wachstum eines Landes führt nicht zwangsläufig zu hohen Aktienrenditen. Politische Eingriffe, Korruption, schwacher Anlegerschutz oder Kapitalverkehrsbeschränkungen können erhebliche Risiken darstellen.

Dennoch wäre es kurzsichtig, die wirtschaftliche Bedeutung dieser Regionen zu ignorieren.

Sind mehr als 90 Prozent der Geldanlagen am BRICS-Raum vorbeigelenkt?

Häufig wird behauptet, mehr als 90 Prozent der weltweiten Geldanlage flössen an den BRICS-Staaten vorbei.

Eine solche Aussage klingt eindrucksvoll. Als allgemeine Aussage über sämtliche weltweiten Geldanlagen ist sie allerdings nicht ausreichend belegt.

Wir müssen zwischen Aktienmärkten, Anleihen, Bankeinlagen, Immobilien, Direktinvestitionen und weiteren Anlageformen unterscheiden. Außerdem ist die wirtschaftliche Tätigkeit eines multinationalen Unternehmens nicht auf das Land beschränkt, in dem seine Aktien gehandelt werden.

Richtig ist jedoch, dass viele weltweit verwendete Aktienindizes sehr stark von amerikanischen Unternehmen geprägt sind.

Wer beispielsweise einen gewöhnlichen, nach Börsenwert gewichteten Weltaktienfonds erwirbt, investiert einen großen Teil seines Kapitals in die USA. In manchen solchen Indizes machen amerikanische Aktien deutlich mehr als die Hälfte des Gesamtwertes aus.

Daraus folgt eine interessante Frage: Bildet diese Börsengewichtung tatsächlich die zukünftige wirtschaftliche Bedeutung der verschiedenen Weltregionen ab, oder spiegelt sie vor allem den Erfolg der vergangenen Jahrzehnte wider?

Eine klare Antwort gibt es darauf nicht.

Die Börsenwerte amerikanischer Unternehmen beruhen teilweise auf hohen Gewinnen, internationaler Marktstellung und technologischer Führerschaft. Sie sind nicht bloß das Ergebnis einer willkürlichen Bevorzugung.

Aber Bewertungen enthalten auch Erwartungen über die Zukunft. Wenn diese Erwartungen nicht erfüllt werden, können selbst hervorragende Unternehmen erhebliche Kursverluste erleiden.

Eine breit angelegte internationale Vermögensanlage sollte deshalb nicht ausschließlich auf der Annahme beruhen, dass die letzten dreißig Jahre unverändert fortgesetzt werden.

Wer wird von einer neuen Wirtschaftsordnung profitieren?

Bei wirtschaftlichen Machtverschiebungen gibt es stets Gewinner und Verlierer.

Unternehmen, die den Aufbau neuer Infrastruktur ermöglichen, könnten zusätzliche Absatzmöglichkeiten erhalten. Dazu gehören Anbieter von Maschinen, Energieanlagen, Transporttechnik und industrieller Ausrüstung.

Auch Unternehmen, die Rohstoffe fördern, verarbeiten oder transportieren, könnten von einem steigenden Bedarf profitieren. Digitale Zahlungsdienstleister und technische Infrastrukturunternehmen könnten ebenfalls neue Märkte erschließen.

Auf der anderen Seite könnten Firmen unter Druck geraten, deren Geschäftsmodelle stark von bisherigen Handelswegen, bestimmten Währungsstrukturen oder einer besonders hohen Bewertung ihrer Aktien abhängen.

Doch wäre es falsch, daraus unmittelbar eine allgemeine Empfehlung zum Kauf von BRICS-Aktien abzuleiten.

Nicht jede aufstrebende Volkswirtschaft bietet gute Anlagebedingungen. Nicht jedes politisch geförderte Unternehmen arbeitet wirtschaftlich erfolgreich. Und nicht jede neue Technologie setzt sich am Markt durch.

Gerade Russland und Iran zeigen, wie politische Sanktionen und internationale Konflikte wirtschaftliche Chancen erheblich begrenzen können.

Eine Veränderung der Weltordnung ist daher keine Garantie für Gewinne, sondern zunächst eine Aufforderung, bisherige Annahmen zu überprüfen.

Auch die BRICS-Staaten verfolgen eigene Machtinteressen

Als Templer sollten wir uns davor hüten, eine neue Macht allein deshalb zu begrüßen, weil sie eine alte Macht herausfordert.

Es wäre naiv, die BRICS-Staaten als Gemeinschaft ausschließlich friedlicher und uneigennütziger Nationen darzustellen. Auch diese Regierungen verfolgen nationale Interessen. Auch dort gibt es soziale Ungleichheit, politische Unterdrückung, wirtschaftliche Rivalität und Korruption.

Zwischen China und Indien bestehen erhebliche strategische Spannungen. Russland verfolgt andere Ziele als Brasilien. Die Wirtschaftsstrukturen der Golfstaaten unterscheiden sich grundlegend von jenen Südafrikas oder Äthiopiens.

Die Gemeinschaft verbindet deshalb weniger eine einheitliche politische Weltanschauung als vielmehr der Wunsch nach größerem Einfluss in internationalen Angelegenheiten.

Die Vereinigten Staaten und Europa verlieren dadurch nicht automatisch ihre wirtschaftliche Bedeutung. Sie bleiben bedeutende Märkte, Zentren wissenschaftlicher Forschung und wichtige Anbieter von Technologie, Kapital und Dienstleistungen.

Wahrscheinlicher als ein vollständiger Austausch einer Weltmacht durch eine andere erscheint eine zunehmend vielpolige Ordnung, in der mehrere große Staaten und Wirtschaftsregionen miteinander konkurrieren.

Eine solche Welt kann neue Chancen eröffnen. Sie kann aber auch unübersichtlicher und konfliktanfälliger werden.

Was können wir aus der Geschichte der Tempelritter lernen?

Der mittelalterliche Templerorden verdankte seine Stärke nicht ausschließlich den Waffen seiner Ritter. Ebenso bedeutend waren seine Verwaltung, seine Besitzungen und die Fähigkeit, Menschen, Güter und Geld über große Entfernungen zu bewegen.

Seine Häuser bildeten ein internationales Netzwerk. Er besaß das Vertrauen zahlreicher Herrscher und konnte wirtschaftliche Aufgaben übernehmen, die für seine Zeit außergewöhnlich waren.

Dennoch zeigte sein Untergang, dass wirtschaftliche Stärke immer von politischen Rahmenbedingungen abhängig bleibt.

Als Philipp IV. von Frankreich im Jahr 1307 gegen den Orden vorging, konnte dessen europäische Organisation ihn nicht vor der Macht eines entschlossenen Königs schützen.

Darin liegt eine Lehre, die auch für unsere heutige Finanzwelt Bedeutung besitzt: Eine internationale Wirtschaftsordnung ist niemals völlig unabhängig von politischen Entscheidungen.

Wer Zahlungswege kontrolliert, gewinnt Einfluss. Wer über wichtige Rohstoffe verfügt, besitzt Verhandlungsmacht. Wer anderen Ländern Kredite gewährt, kann wirtschaftliche Abhängigkeiten schaffen.

Aber Macht ist nicht mit Recht gleichzusetzen.

Für uns Templer muss deshalb entscheidend bleiben, ob wirtschaftliche Entwicklungen dem Menschen dienen oder lediglich neue Formen der Abhängigkeit schaffen.

Ein Finanzsystem ist nicht schon deshalb gerecht, weil es westlich geprägt ist. Ebenso wenig wird es automatisch gerechter, wenn seine wichtigsten Einrichtungen künftig in Peking, Neu-Delhi oder Moskau stehen.

Gerechtigkeit entsteht nicht allein durch den Wechsel der Machtzentren.

Europa zwischen zwei Wirtschaftsordnungen

Für Europa stellt diese Entwicklung eine besondere Herausforderung dar.

Viele europäische Staaten verfügen über bedeutende industrielle Fähigkeiten, wissenschaftliche Einrichtungen und gut ausgebildete Fachkräfte. Zugleich sind sie auf den internationalen Handel, Energieimporte und globale Lieferketten angewiesen.

Sollten sich künftig mehrere größere Finanz- und Handelsräume herausbilden, müsste Europa seine wirtschaftlichen Beziehungen entsprechend gestalten.

Es wäre gefährlich, sich ausschließlich auf bestehende Partnerschaften zu verlassen und andere Entwicklungen zu ignorieren.

Ebenso gefährlich wäre es, die politischen und rechtlichen Risiken neuer Abhängigkeiten zu unterschätzen.

Die europäische Wirtschaft benötigt deshalb sowohl verlässliche Beziehungen zu ihren bisherigen Partnern als auch die Fähigkeit, mit anderen Weltregionen wirtschaftlich zusammenzuarbeiten.

Für Unternehmen bedeutet dies, neue Märkte zu beobachten, Lieferketten widerstandsfähiger zu gestalten und ihre langfristigen Geschäftsmodelle regelmäßig zu überprüfen.

Für Anleger bedeutet es vor allem, zwischen politischen Zukunftsvisionen und tatsächlich erzielten Unternehmensergebnissen zu unterscheiden.

Schlussbetrachtung: Eine neue Finanzmacht ist im Aufbau

Die BRICS-Staaten werden die internationale Finanzordnung nicht von heute auf morgen verändern. Der Dollar wird nicht durch einen einzigen politischen Beschluss seine Bedeutung verlieren. Auch eine gemeinsame, goldgedeckte BRICS-Währung steht gegenwärtig nicht vor ihrer Einführung.

Doch die gegenwärtigen Entwicklungen zeigen, dass immer mehr Staaten nach Möglichkeiten suchen, ihre wirtschaftlichen Beziehungen unabhängiger zu gestalten.

Der zunehmende Handel in nationalen Währungen, die Verbindung digitaler Zahlungssysteme und die Zusammenarbeit beim Aufbau wirtschaftlicher Infrastruktur können langfristig eine Veränderung der internationalen Finanzordnung bewirken.

Niemand kann heute zuverlässig vorhersagen, welche dieser Vorhaben sich tatsächlich durchsetzen werden.

Aber die Geschichte zeigt uns, dass große Veränderungen häufig lange vorbereitet werden, bevor sie für jedermann sichtbar sind.

Als Templer sollten wir deshalb nicht den Fehler begehen, die bestehende Ordnung für unveränderlich zu halten. Unser mittelalterlicher Orden musste erfahren, wie rasch politische und wirtschaftliche Machtverhältnisse zusammenbrechen können.

Zugleich sollten wir uns nicht von der Begeisterung für jede neue Macht mitreißen lassen.

Unser Maßstab darf nicht sein, ob die Finanzmacht der Zukunft im Westen oder im Osten liegt. Unser Maßstab muss sein, ob sie Freiheit, Gerechtigkeit und verantwortungsbewusstes Handeln fördert.

Denn Geld ist ein Werkzeug. Es kann Handel ermöglichen, Wohlstand schaffen und Menschen verbinden. Es kann aber ebenso Abhängigkeit erzeugen, politische Macht festigen und ganze Gesellschaften unter Druck setzen.

Die neue Finanzordnung wird sich nicht allein daran messen lassen müssen, welche Währung die größte Bedeutung besitzt.

Sie wird sich daran messen lassen müssen, wem ihre Macht dient.

Und genau darin liegt unsere Aufgabe als heutige Templer: Wir sollen Entwicklungen erkennen, ihre Hintergründe verstehen und ihre Folgen kritisch beurteilen, ohne uns von alten oder neuen Machthabern vereinnahmen zu lassen.

Denn der wahre Ritter dient nicht dem Gold und nicht der Macht. Er dient der Wahrheit, der Gerechtigkeit und der Würde des Menschen.

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