Clavis Artis – Der Schlüssel zur verborgenen Kunst
Es gibt Bücher, die gelesen werden wollen, und es gibt Bücher, die betrachtet, entschlüsselt und innerlich durchschritten werden müssen. Zu dieser zweiten Gruppe gehört die „Clavis Artis“ – der „Schlüssel der Kunst“, eines jener geheimnisvollen alchemistischen Werke, bei denen Text, Symbol und Bild zu einer einzigen Sprache verschmelzen. Das reich illustrierte Manuskript wird traditionell dem persischen Religionsstifter und Weisen Zoroaster beziehungsweise Zarathustra zugeschrieben. Eine solche Zuschreibung darf allerdings nicht im modernen Sinne als Verfasserangabe verstanden werden. Das erhaltene Werk stammt aus wesentlich späterer Zeit. Der Name Zoroasters verlieh ihm vielmehr die Autorität einer uralten Weisheitstradition. Eine bekannte Handschrift, Ms-2-27, wird heute in der Biblioteca Civica Attilio Hortis in Triest aufbewahrt.
Für uns Templer ist ein solches Werk nicht deshalb interessant, weil wir in ihm ein Rezept zur Herstellung materiellen Goldes suchen. Sein eigentlicher Wert liegt tiefer. Die Clavis Artis führt uns in eine Welt, in der der Mensch selbst zum Laboratorium wird, in der Reinigung, Trennung, Tod und Wiedergeburt nicht allein chemische Prozesse bezeichnen, sondern Bilder einer geistigen Verwandlung darstellen. Der „Schlüssel der Kunst“ könnte deshalb ebenso gut als Schlüssel zum inneren Menschen verstanden werden.
Das geheimnisvolle Erbe des Zoroaster
Dass ein europäisches alchemistisches Manuskript mit dem Namen Zoroasters verbunden wurde, ist keineswegs ungewöhnlich. Die Alchemisten der Renaissance und der frühen Neuzeit suchten die Ursprünge ihrer Kunst nicht bei einem einzelnen historischen Autor. Sie stellten sich vielmehr eine uralte Kette der Weisheit vor. Hermes Trismegistos, Zoroaster, Moses, Pythagoras und andere Gestalten der Antike erschienen darin als Träger verschiedener Teile einer ursprünglichen Erkenntnis.
Zoroaster nahm innerhalb dieser Vorstellung eine besondere Stellung ein. Er galt vielen europäischen Gelehrten als Repräsentant einer sehr alten orientalischen Weisheit, als Kenner kosmischer Geheimnisse und als Mittler zwischen sichtbarer und unsichtbarer Welt. Die Verbindung der Clavis Artis mit seinem Namen sollte daher vor allem sagen: Was hier gelehrt wird, gehört nicht zum gewöhnlichen Wissen. Es stammt aus einer vermeintlich uralten Tradition der Eingeweihten.
Der heutige historisch arbeitende Leser muss zwischen dieser Traditionsbehauptung und der tatsächlichen Entstehung des Manuskripts unterscheiden. Gerade diese Unterscheidung vermindert jedoch keineswegs die Faszination des Werkes. Im Gegenteil: Sie zeigt uns, wie sehr die europäischen Alchemisten davon überzeugt waren, dass hinter den unterschiedlichen Religionen, Philosophien und Wissenschaften ein gemeinsamer verborgener Urgrund liegen müsse.
Ein Buch, das in Bildern spricht
Wer die Clavis Artis betrachtet, begegnet einer eigentümlichen Welt. Drachen winden sich über die Seiten, Schlangen erscheinen als Träger geheimer Kräfte, menschliche und tierische Eigenschaften verbinden sich zu rätselhaften Mischwesen. Sonne, Mond und andere himmlische Zeichen stehen neben Gefäßen, Öfen und Apparaturen des alchemistischen Laboratoriums.
Für den Uneingeweihten mögen diese Darstellungen zunächst wie phantastische Kunstwerke erscheinen. Für den Alchemisten waren sie jedoch Träger einer vielschichtigen Symbolsprache.
Ein Drache konnte die ungeordnete Urmaterie verkörpern, aber ebenso eine gefährliche Kraft, die bezwungen werden musste. Die Schlange konnte Gift und Tod bedeuten, zugleich aber Erneuerung, Weisheit und den Kreislauf der Natur. Sonne und Mond konnten für kosmische Kräfte stehen, aber ebenso für Gegensätze innerhalb des Menschen. Ein Gefäß war nicht nur ein Laborgerät. Es konnte zum Bild jenes abgeschlossenen Raumes werden, in dem die große Verwandlung stattfinden sollte.
Gerade deshalb dürfen alchemistische Bilder niemals nur auf eine einzige Bedeutung reduziert werden. Ihre Sprache ist absichtlich mehrdeutig. Ein Symbol verändert seine Bedeutung abhängig davon, an welcher Stelle des Prozesses es erscheint und mit welchen anderen Zeichen es verbunden wird.
Der Betrachter soll nicht nur sehen. Er soll erkennen lernen.
Die Welt als verschlüsseltes Buch
Hinter dieser Vorstellung steht ein Gedanke, der für die gesamte abendländische Esoterik von großer Bedeutung wurde: Die sichtbare Welt ist ein Buch, das Gott beziehungsweise die göttliche Ordnung selbst geschrieben hat. Pflanzen, Tiere, Metalle, Sterne und Elemente besitzen daher nicht nur materielle Eigenschaften. Sie können zugleich Zeichen einer tieferen Wirklichkeit sein.
Der Alchemist studierte deshalb die Natur ähnlich wie ein Theologe die Heilige Schrift. Er beobachtete Veränderung und Verwandlung und fragte: Welche geistige Wahrheit offenbart sich darin?
Wenn ein Stoff im Feuer seine Gestalt verliert, wenn aus einer dunklen Masse eine hellere Substanz entsteht, wenn etwas aufgelöst und anschließend neu verbunden wird, sah der Alchemist darin nicht nur einen chemischen Vorgang. Er erkannte ein universelles Gesetz:
Das Alte muss seine bisherige Gestalt verlieren, damit etwas Neues entstehen kann.
Genau an dieser Stelle wird die Clavis Artis auch für den heutigen Templer interessant.
Das alchemistische Labor des Menschen
Wir dürfen uns den Alchemisten nicht ausschließlich als Mann vorstellen, der zwischen Retorten und Schmelztiegeln nach Gold suchte. Natürlich gab es solche Menschen. Doch innerhalb der philosophischen Alchemie entwickelte sich daneben eine zweite Ebene: Die Arbeit an der Materie wurde zum Spiegel der Arbeit am Menschen.
Dann erhält das Labor eine neue Bedeutung.
Das Gefäß ist der Mensch.
Das Feuer ist die Prüfung.
Die Materie sind unsere ungeordneten Eigenschaften.
Die Trennung ist die Erkenntnis dessen, was in uns wesentlich und was unwesentlich ist.
Die Reinigung ist die Arbeit am Charakter.
Und das Gold wird zum Sinnbild eines Menschen, dessen äußeres und inneres Leben miteinander in Übereinstimmung gebracht wurden.
Damit nähern wir uns unmittelbar einem Grundgedanken unseres templarischen Weges. Auch der Templer ist niemals fertig. Die Aufnahme in einen Orden macht aus einem Menschen nicht automatisch einen Ritter. Der Mantel verändert nicht seinen Charakter, das Kreuz beseitigt nicht seine Schwächen und ein Titel schenkt ihm keine Weisheit.
Der eigentliche Orden muss im Menschen selbst errichtet werden.
Solve et coagula – Löse und verbinde
Einer der bekanntesten Grundgedanken der Alchemie wird mit den Worten „solve et coagula“ zusammengefasst: löse und verbinde.
Zunächst muss etwas aufgelöst werden. Alte Bindungen, falsche Vorstellungen und ungeordnete Verbindungen müssen getrennt werden. Erst danach kann eine neue und höhere Ordnung entstehen.
Auch auf dem geistigen Weg erleben wir diesen Prozess.
Ein Mensch beginnt seine Entwicklung gewöhnlich mit Vorstellungen, die er übernommen hat. Familie, Gesellschaft, Religion, Schule und persönliche Erfahrungen haben sein Weltbild geformt. Vieles davon ist wertvoll. Anderes wurde niemals geprüft.
Der Suchende muss daher irgendwann die Frage stellen:
Was davon weiß ich wirklich – und was glaube ich nur, weil andere es mir gesagt haben?
Damit beginnt das innere solve.
Doch die Auflösung allein wäre gefährlich. Wer nur zerstört, endet in Orientierungslosigkeit. Deshalb folgt das coagula: Aus den geprüften Bestandteilen muss eine neue Ordnung entstehen. Erkenntnis muss wieder zu einem Ganzen verbunden werden.
Genau darin unterscheidet sich der geistige Sucher vom bloßen Zweifler. Der Zweifler zerlegt. Der Eingeweihte zerlegt, prüft und baut anschließend neu.
Der Drache, den jeder Ritter kennt
Besonders eindrucksvoll ist die Bedeutung des Drachen. In der christlichen Rittertradition erscheint er als Gegner des heiligen Georg. In der Alchemie besitzt er wesentlich vielschichtigere Bedeutungen. Er kann die ursprüngliche, ungeordnete Kraft darstellen, die noch nicht verwandelt wurde.
Für den Templer ergibt sich daraus ein starkes Bild.
Jeder Mensch trägt seinen Drachen in sich.
Er besteht aus Angst, Hochmut, Begierde, Zorn, Eitelkeit, Bequemlichkeit, Selbsttäuschung und all jenen Kräften, die wir lieber bei anderen erkennen als bei uns selbst.
Doch der geistige Ritter soll seinen Drachen nicht einfach vernichten. Er muss zunächst erkennen, welche Kraft in ihm gebunden ist. Denn selbst Zorn enthält Energie. Ehrgeiz enthält Willenskraft. Begierde enthält Lebenskraft. Stolz kann eine verzerrte Form von Selbstachtung sein.
Die Aufgabe besteht deshalb nicht immer in der Vernichtung dieser Kräfte, sondern in ihrer Verwandlung und Beherrschung.
Das ist Alchemie des Charakters.
Sonne und Mond – die Vereinigung der Gegensätze
Immer wieder begegnen uns in alchemistischen Darstellungen Sonne und Mond. Sie können Gold und Silber, männliches und weibliches Prinzip, Aktivität und Empfänglichkeit, Geist und Seele oder andere komplementäre Kräfte symbolisieren.
Das Ziel besteht nicht darin, einen Pol vollständig auszuschalten. Vielmehr sollen Gegensätze in eine höhere Ordnung gebracht werden.
Auch der Ritter benötigt diese Verbindung. Mut ohne Besonnenheit wird Tollkühnheit. Strenge ohne Barmherzigkeit wird Grausamkeit. Demut ohne Selbstachtung wird Unterwürfigkeit. Wissen ohne Liebe kann kalt werden, während Liebe ohne Erkenntnis blind bleiben kann.
Der gereifte Mensch versucht deshalb nicht, nur eine Seite seines Wesens zu entwickeln. Er sucht das rechte Maß.
Darin liegt vielleicht eines der größten Geheimnisse alchemistischer Symbolik: Vollkommenheit entsteht nicht durch Einseitigkeit, sondern durch die Versöhnung der Gegensätze.
Nigredo – die dunkle Nacht
Viele alchemistische Traditionen beschreiben einen Prozess, der mit einer Verdunkelung oder Schwärzung verbunden ist: der Nigredo. Die ursprüngliche Materie verliert ihre bisherige Form. Ordnung zerfällt. Etwas muss sterben, bevor etwas Neues entstehen kann.
Auch im menschlichen Leben gibt es solche Phasen.
Verlust, Scheitern, Zweifel, Einsamkeit oder die Erkenntnis eigener Irrtümer können zu einer persönlichen Nigredo werden. Der Mensch erlebt sie gewöhnlich nicht als Fortschritt. Er empfindet sie als Krise.
Doch gerade die Krise kann jene Illusionen zerstören, an denen wir zuvor festgehalten haben.
Der Templer darf deshalb nicht glauben, sein geistiger Weg müsse ihn ständig in Licht und Sicherheit führen. Manchmal führt der Weg gerade durch die Dunkelheit.
Nicht jede Dunkelheit ist das Ende des Weges.
Manchmal ist sie das Laboratorium seiner Erneuerung.
Das Gefäß und der innere Tempel
Von besonderer Schönheit ist das alchemistische Symbol des Gefäßes. Im verschlossenen Gefäß findet die Transformation statt. Die Kräfte können nicht einfach entweichen; sie müssen miteinander reagieren und sich verändern.
Auch der Mensch benötigt einen solchen inneren Raum.
Für den Templer ist dies der innere Tempel.
Er entsteht in der Stille, in der Meditation, im Gebet, in der Gewissenserforschung und im ernsthaften Studium. Dort muss der Mensch nicht vor anderen erscheinen. Dort gibt es keine Titel, keine Ämter und keine gesellschaftliche Stellung.
Dort begegnet der Ritter sich selbst.
Deshalb gehört die Stille zu den wichtigsten Werkzeugen jeder ernsthaften geistigen Schulung. Wer ständig spricht, hört irgendwann nur noch seine eigene Stimme. Wer schweigen kann, beginnt vielleicht jene leiseren Bewegungen wahrzunehmen, die gewöhnlich vom Lärm des Alltags überdeckt werden.
Der Stein der Weisen
Am Ende der alchemistischen Suche steht das große Symbol des Steins der Weisen, des Lapis Philosophorum. In populären Vorstellungen wird er zum wunderbaren Stoff, der unedle Metalle in Gold verwandeln und möglicherweise sogar ein Lebenselixier hervorbringen könne.
Die philosophische Deutung reicht weiter.
Der Stein kann zum Symbol des vollendeten Werkes werden – einer neuen Einheit, die nach den zahlreichen Trennungen, Reinigungen und Vereinigungen entstanden ist.
Für uns Templer bedeutet Vollendung jedoch niemals, dass ein Mensch plötzlich fehlerlos geworden wäre. Solange wir leben, bleibt die Arbeit bestehen.
Der wahre Stein ist vielleicht gerade jene innere Festigkeit, die entsteht, wenn ein Mensch erkannt hat, wer er ist, wem er dient und wofür er steht.
Ein solcher Mensch wird nicht mehr von jeder äußeren Strömung fortgerissen. Er besitzt einen Mittelpunkt.
Der Schlüssel liegt nicht im Buch
Der Titel Clavis Artis – Schlüssel der Kunst enthält schließlich selbst eine Botschaft. Ein Schlüssel besitzt nur dann einen Wert, wenn es eine Tür gibt, die geöffnet werden soll.
Wir können hunderte Bücher über Alchemie lesen, Symbole sammeln und ihre historischen Bedeutungen studieren. Wir können Drachen, Schlangen, Planetenzeichen und geheimnisvolle Gefäße benennen. Doch wenn dieses Wissen keine Veränderung unseres eigenen Wesens bewirkt, haben wir vielleicht die Bilder verstanden, aber nicht die Kunst.
Das gilt ebenso für unsere templarische Schulung.
Der Lehrbrief ist nicht das Ziel.
Der Grad ist nicht das Ziel.
Der Titel ist nicht das Ziel.
Auch der Orden selbst ist letztlich nicht das Ziel.
Sie alle sind Werkzeuge auf einem Weg, dessen eigentliche Arbeit im Menschen stattfindet.
Vielleicht besteht darin das größte Geheimnis der Clavis Artis. Der Suchende beginnt seine Reise in der Hoffnung, irgendwo einen verborgenen Schlüssel zu finden. Er sucht ihn in alten Büchern, geheimnisvollen Symbolen und überlieferten Lehren. Erst nach langer Zeit erkennt er, dass diese Dinge ihm lediglich zeigen sollten, wo er suchen muss.
Denn das eigentliche Laboratorium trägt er in sich.
Die Materie trägt er in sich.
Den Drachen trägt er in sich.
Das Feuer trägt er in sich.
Und auch das Gold, das aus dieser Arbeit hervorgehen kann, trägt er bereits als Möglichkeit in sich.
Der wahre Schlüssel der Kunst öffnet deshalb nicht zuerst die Geheimnisse der Welt. Er öffnet den Menschen für die Erkenntnis seiner selbst.
Und genau dort beginnt auch der Weg des Ritters.

