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Der Flammende Stern

Betrachtungen eines Templers über das Pentagramm

Im Namen des Lichtes, das über allem Irdischen steht, und im Schatten jenes Geheimnisses, das nur der Eingeweihte zu tragen vermag, will ich sprechen über ein Zeichen, das älter ist als unsere Chroniken, älter als jedes Banner, das in den Winden Jerusalems flatterte: das Pentagramm, in gnostischen Schulen auch genannt der Flammende Stern.

Denn dieses Symbol ist nicht bloß ein geometrischer Zierrat, wie ihn der Unwissende auf Pergament kritzelt. Nein – es ist ein Siegel. Ein Spiegel. Ein Schwert.

Das Zeichen der geistigen Herrschaft

In den verborgenen Lehrhäusern der Gnosis gilt das Pentagramm als Sinnbild intellektueller Allmacht und Autokratie. Wer es versteht, regiert – nicht mit Eisen und Blut, sondern mit Geist.

Es ist der Stern der Magier, das Emblem der Weisen, die nicht nur die Schrift, sondern auch die Natur und die unsichtbaren Welten lesen. Es steht für das Wort, das Fleisch geworden ist – eine Anspielung auf jene heilige Wahrheit, dass Geist sich in Materie offenbart und Materie durch Geist erlöst werden kann.

Doch wie jedes absolute Zeichen trägt es die Doppelklinge in sich: Es ist zugleich Ordnung oder Verwirrung, Licht oder Abgrund.

Ordnung oder Chaos: Der Stern als Richter

Die Richtung seiner Spitzen entscheidet über sein Wesen.

  • Zeigt eine Spitze nach oben, so offenbart sich das Pentagramm als Zeichen des Heilandes, als Stern der Führung, als Krone des Geistes über den Elementen.

  • Ragen jedoch zwei Spitzen empor, so verwandelt sich derselbe Stern in das Zeichen des Bocks, des Sabbats, der Verkehrung, des Satanischen – des Zerrbildes des Menschen.

So kann derselbe Stern sein:

  • Lucifer oder Vesper – Morgenstern oder Abendstern

  • Maria oder Lilith – reine Himmelskönigin oder nächtliche Verführerin

  • Sieg oder Tod, Tag oder Nacht

Der Flammende Stern ist nicht gut oder böse aus sich heraus: Er ist ein Prüfstein. Der Träger entscheidet, ob er zum Banner der Einweihung oder zur Fahne der Entweihung wird.

Der Mensch als Pentagramm

Ein Templer erkennt in diesem Zeichen auch die Gestalt des Menschen.

Das Pentagramm ist das Bild des menschlichen Körpers:

  • vier Spitzen für Arme und Beine

  • eine Spitze für das Haupt, den Geist

Dies ist entscheidend: Das Zeichen zeigt die Herrschaft des Geistes über das Tierische, des Kopfes über die Glieder, des Lichts über die Triebe.

Wird aber diese Figur umgekehrt, Kopf nach unten, so offenbart sie nicht mehr den Menschen – sondern die Verdrehung des Menschen: den Dämon.

Denn ein Mensch, der seinen Geist unter seine Begierden zwingt, der den Kopf zu Boden wirft und die Glieder aufrichtet, stellt dar: intellektuelle Subversion, Unordnung, Wahnsinn.

Das Siegel des Mikrokosmos

Die Kabbalisten nennen das Pentagramm das Zeichen des Mikrokosmos, und im Buch Zohar ist es verbunden mit dem Begriff des Microprosopus – jener „kleinen Erscheinung“, die als Abbild des großen göttlichen Antlitzes gilt.

Wer den Flammenden Stern vollständig begreift, so heißt es, hält den Schlüssel zu den zwei Welten:

  • der sichtbaren Welt der Natur

  • der unsichtbaren Welt der Ursachen und Geister

Darum ist das Pentagramm nicht nur Magie, sondern auch Philosophie und Naturwissenschaft – allerdings nicht in der kalten Sprache der Laboratorien, sondern in der höheren Wissenschaft des Zusammenhangs.

Vom Gewicht der Rituale

Manche lachen über die Strenge alter Zeremonien. Ein moderner Geist nennt sie willkürlich.

Doch ich sage als Templer: Das kleinste Versäumnis entweiht die größte Arbeit. Denn in der Kunst des Unsichtbaren ist das Gesetz unerbittlich: Form ist Macht. Ordnung ist Wirkung.

Wenn ein Symbol absolut ist, dann sind auch seine Bedingungen absolut.

Der Flammende Stern soll – nach alter Lehre – aus den sieben Metallen bestehen oder wenigstens aus reinem Gold auf weißem Marmor gezeichnet werden. Warum?

Weil Gold das Metall der Unverweslichkeit ist und Marmor die Reinheit der Materie trägt: Das Zeichen soll nicht dem Verfall, sondern dem Ewigen gehören.

Die Weihe durch die Elemente

Das Pentagramm wird mit den vier Elementen geweiht:

  • Erde

  • Wasser

  • Luft

  • Feuer

Es wird fünfmal angehaucht, als ob der Geist selbst in das Zeichen geblasen würde, denn die Fünf ist Zahl des Menschen und Zahl der Macht im Mikrokosmos.

Dann wird es:

  • mit Weihwasser besprengt

  • im Rauch von fünf Düften getrocknet:

    • Weihrauch

    • Myrrhe

    • Aloe

    • Schwefel

    • Kampfer

Man fügt hinzu – wenn man im Besitz jener seltenen Stoffe ist – etwas weißen Harz und Ambra.

Die fünf Genien und ihre Namen

Während der fünf Atemzüge werden Namen gesprochen, die fünf geistigen Kräften zugeordnet sind:

  • Gabriel

  • Raphael

  • Anael

  • Samael

  • Oriphiel

Ob diese Namen Engel, Genien oder kosmische Prinzipien bezeichnen, ist eine Frage der Schule – doch das Gesetz ist dasselbe: Der Name ist nicht bloßer Klang. Der Name ist Bindung.

Denn der Eingeweihte ruft nicht.
Er ordnet.

Schlusswort: Stern oder Sturz

So ist das Pentagramm kein Schmuckzeichen und kein Spielzeug der Neugier. Es ist entweder:

  • Initiation – oder Prophanation

  • Segen – oder Verderben

  • Krone – oder Sturz

Als Templer kenne ich das Gewicht des Zeichens: Wir schworen einst, heilige Orte zu bewahren – doch noch heiliger als Steine ist das Gesetz des Geistes.

Darum merke dir, Leser: Der Flammende Stern brennt nicht im Himmel allein. Er brennt im Menschen.

Und wer ihn aufrecht trägt, wird erhoben.
Wer ihn stürzt, wird verschlungen.

Möge das Licht dich führen – und dein Geist stets über deinen Schatten herrschen.

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