Der Fluchtweg der Päpste
Als die Stellvertreter Gottes um ihr Leben liefen
Ein Templer blickt hinter die Mauern des Vatikans und fragt, was von geistlicher Macht bleibt, wenn Schwerter sprechen und selbst ein Papst Schutz vor seinen christlichen Gegnern suchen muss.
Wer heute durch Rom spaziert, die gewaltige Kuppel des Petersdoms betrachtet und die Engelsburg besucht, begegnet einem Bauwerk, dessen wahre Bedeutung vielen Besuchern verborgen bleibt. Zwischen dem Vatikan und der Engelsburg zieht sich eine rund 800 Meter lange, mächtige Mauer durch das Stadtviertel Borgo. Auf den ersten Blick erscheint sie wie ein gewöhnlicher Bestandteil der mittelalterlichen Stadtbefestigung. Doch in ihrem Inneren verbirgt sich ein außergewöhnliches Zeugnis der Kirchengeschichte: der Passetto di Borgo, jener befestigte Fluchtweg, auf dem sich Päpste vor ihren Feinden in Sicherheit bringen konnten. Er erinnert an eine historische Wirklichkeit, die nur schwer mit dem Bild einer unerschütterlichen geistlichen Autorität vereinbar erscheint. Denn hier begegnen wir nicht dem Papst als unangefochtenem Oberhaupt der Christenheit, sondern einem Menschen, der verfolgt wurde, der Angst um sein Leben hatte und dessen Überleben von bewaffneten Männern, dicken Mauern und einem rechtzeitig erreichten Zufluchtsort abhing.
Für uns Templer besitzt dieser Ort eine besondere Bedeutung. Unsere eigene Geschichte ist untrennbar mit dem mittelalterlichen Papsttum verbunden. Päpste gewährten unserem Orden bedeutende Privilegien, stellten ihn unmittelbar unter ihren Schutz und bestätigten seine besondere Stellung innerhalb der Kirche. Doch dieselbe Institution, die den Templerorden über Generationen hinweg gefördert hatte, ließ ihn im Jahre 1312 unter Clemens V. aufheben. Die Erinnerung an den Passetto di Borgo führt uns deshalb zu einer grundsätzlichen Frage: Was geschieht, wenn eine geistliche Institution zugleich weltliche Macht ausübt? Und was bleibt von ihrem Anspruch auf moralische Autorität, wenn sie sich in denselben politischen Kämpfen wiederfindet wie Könige, Fürsten und Feldherren?
Eine Mauer, die mehr über die Kirche verrät als tausend Predigten
Die Geschichte des Passetto reicht bis in jene Zeit zurück, als Rom keineswegs die sichere Hauptstadt eines mächtigen Kirchenstaates war. Im Jahre 846 drangen muslimische Angreifer bis zu den außerhalb der damaligen Stadtmauern gelegenen bedeutenden Kirchen vor und plünderten unter anderem die Petersbasilika. Papst Leo IV. ließ daraufhin im 9. Jahrhundert neue Befestigungen zum Schutz des vatikanischen Gebietes errichten. Die sogenannte Leoninische Mauer sollte verhindern, dass die wichtigsten Heiligtümer der westlichen Christenheit erneut schutzlos einem Angriff ausgeliefert waren.
Im Laufe der Jahrhunderte wurden diese Befestigungen verändert, erhöht und erweitert. Eine entscheidende Bauphase wird mit Papst Nikolaus III. verbunden, unter dem 1277 die gesicherte Verbindung zur Engelsburg ausgebaut wurde. Spätere Päpste ließen weitere Veränderungen vornehmen. Unter Alexander VI. entstand schließlich auch ein überdachter Durchgang, der den päpstlichen Rückzug noch besser schützen sollte. Die Entwicklung dieses Bauwerks erstreckte sich somit über mehrere Jahrhunderte.
Man muss sich einmal vor Augen führen, welche politische Wirklichkeit hinter dieser Architektur stand. Die obersten Würdenträger einer Kirche, die den Menschen den Frieden Christi verkündete, hielten es für notwendig, einen eigenen befestigten Fluchtweg anzulegen. Sie wussten, dass ihre geistliche Stellung weder einen Aufstand noch einen militärischen Angriff verhindern konnte. Sie wussten auch, dass politische Bündnisse zerbrechen und christliche Herrscher gegeneinander Krieg führen konnten. Der Passetto war daher weit mehr als eine architektonische Besonderheit. Er war ein steinernes Eingeständnis, dass die weltliche Macht des Papsttums keineswegs unangreifbar war.
Dabei sollten wir nicht übersehen, dass Schutzmaßnahmen an sich weder verwerflich noch ungewöhnlich waren. Auch Klöster, Burgen und Städte errichteten Befestigungen, um ihre Bewohner vor Gewalt zu bewahren. Der Widerspruch entsteht erst dort, wo geistliche Unantastbarkeit und politische Herrschaft miteinander verwechselt werden. Eine Kirche, die ihre geistliche Sendung erfüllt, braucht Schutz für ihre Menschen. Eine Kirche, die sich als weltliche Großmacht behaupten will, gerät dagegen zwangsläufig in Machtkämpfe, die mit ihrem ursprünglichen religiösen Auftrag nur noch wenig zu tun haben können.
Der 6. Mai 1527 – Als die christliche Welt gegen Rom marschierte
Am Morgen des 6. Mai 1527 verwandelte sich die Umgebung des Vatikans in ein Schlachtfeld. Die Truppen Kaiser Karls V., zu denen deutsche Landsknechte und spanische Soldaten gehörten, griffen Rom an. Das Heer war durch ausbleibenden Sold, mangelnde Versorgung und eine weitgehend zusammengebrochene militärische Disziplin geprägt. Was folgte, ging als Sacco di Roma, die Plünderung Roms, in die Geschichte ein.
Besonders bemerkenswert ist, dass es sich nicht um einen Angriff einer fremden Religion auf das Zentrum der Christenheit handelte. Die Angreifer standen im Dienst eines katholischen Kaisers, der sich als Verteidiger des christlichen Glaubens verstand. Der Gegner war Papst Clemens VII., ebenfalls ein Mann der katholischen Kirche, der durch seine politischen Bündnisse in Gegensatz zu Karl V. geraten war. Hier kämpften Christen gegen Christen, während die Bevölkerung Roms die Folgen eines Konflikts zu tragen hatte, in dem politische Interessen längst eine entscheidende Rolle spielten.
Die Soldaten drangen in die Stadt ein, plünderten Häuser und Kirchen, misshandelten Einwohner und zerstörten bedeutende Kunst- und Kulturgüter. Auch Geistliche und Ordensangehörige wurden Opfer der Gewalt. Die Katastrophe offenbarte auf grausame Weise, wie wenig die gemeinsame Zugehörigkeit zum Christentum die Menschen vor militärischer Brutalität schützen konnte.
In diesem Augenblick wurde der Passetto di Borgo zum entscheidenden Rettungsweg des Papstes. Clemens VII. verließ den bedrohten Vatikan und gelangte über den befestigten Verbindungsgang zur Engelsburg. Die rund 800 Meter zwischen päpstlicher Residenz und Festung waren plötzlich wichtiger als alle Titel, Privilegien und geistlichen Würdezeichen.
Während Clemens VII. floh, leisteten Angehörige der Schweizergarde Widerstand. Nach der überlieferten Zählung fielen 147 der insgesamt 189 Gardisten. Die übrigen 42 begleiteten den Papst und sicherten seine Flucht. Bis heute erinnert die Schweizergarde durch ihre traditionelle Vereidigung am 6. Mai an dieses Geschehen.
Hier stellt sich eine Frage, die uns Templer besonders berühren muss. Wer war in diesen Stunden der wahre Träger ritterlicher Tugend? War es jener Mann, der mit den Insignien höchster geistlicher Würde in die Festung eilte, oder waren es jene Männer, die auf ihrem Posten blieben, obwohl sie wussten, dass ihr Widerstand sie das Leben kosten konnte?
Natürlich lässt sich daraus kein einfaches moralisches Urteil über die Flucht des Papstes ableiten. Ein bedrohtes Kirchenoberhaupt durfte versuchen, sein Leben zu retten. Auch die Schweizergardisten erfüllten ihren Auftrag gerade dadurch, dass sie seinen Rückzug ermöglichten. Doch ihr Opfer erinnert uns daran, dass ritterliche Größe nicht zwangsläufig an einem hohen Amt zu erkennen ist. Sie zeigt sich vielmehr in der Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und einer übernommenen Pflicht selbst unter größter Gefahr treu zu bleiben.
Ein Papst hinter Mauern – Gefangen in der eigenen Machtpolitik
Clemens VII. erreichte die Engelsburg lebend. Doch die gewaltigen Mauern bedeuteten noch keine Freiheit. Während die Soldaten Rom verwüsteten, blieb der Papst in der Festung eingeschlossen. Er war zwar körperlich geschützt, politisch jedoch nahezu handlungsunfähig. Schließlich musste er Ende Mai 1527 weitreichenden Bedingungen zustimmen. Erst im Dezember gelang ihm die Flucht nach Orvieto.
Welche Ironie der Geschichte! Ein Papst, der als Oberhaupt der westlichen Kirche auftrat, musste erkennen, dass seine geistliche Stellung ihn nicht vor der Macht eines christlichen Kaisers bewahren konnte. Er konnte Segen erteilen, Bullen verkünden und über kirchliche Ämter entscheiden. Doch gegen Kanonen, Landsknechte und militärische Übermacht half ihm all dies wenig.
Das bedeutet selbstverständlich nicht, dass geistlicher Glaube wertlos gewesen wäre. Es bedeutet vielmehr, dass geistliche Autorität und politische Gewalt zwei unterschiedliche Dinge sind. Ein Mensch kann religiöse Überzeugung besitzen und dennoch militärisch unterliegen. Eine Kirche kann geistliche Wahrheiten verkünden und gleichzeitig politische Fehler begehen. Wer beide Bereiche miteinander verwechselt, läuft Gefahr, seine religiöse Überzeugung an den Erfolg weltlicher Macht zu binden.
Gerade das Mittelalter liefert uns dafür zahlreiche Beispiele. Päpste führten Kriege, Könige beanspruchten die Herrschaft über die Kirche, Bischöfe regierten Territorien und geistliche Würdenträger schlossen Bündnisse, die ihren politischen Interessen dienten. Die Geschichte des Papsttums ist deshalb niemals ausschließlich eine Geschichte von Gebeten, Konzilien und theologischen Entscheidungen gewesen. Sie ist zugleich eine Geschichte von Diplomatie, Reichtum, Herrschaft und militärischen Konflikten.
Der Passetto di Borgo macht diesen Zusammenhang sichtbar. Wer durch seinen engen Korridor geht, begegnet keiner abstrakten theologischen Lehre, sondern einem ganz konkreten Ausdruck menschlicher Unsicherheit. Hier wurde nicht auf ein Wunder vertraut, sondern auf Mauerwerk, Wachen und einen gesicherten Zugang zur Festung.
Was der Fluchtweg mit dem Schicksal der Templer zu tun hat
Für uns Templer wird diese Geschichte besonders nachdenklich, wenn wir sie mit den Ereignissen zu Beginn des 14. Jahrhunderts vergleichen. Etwas mehr als zweihundert Jahre vor der Flucht Clemens’ VII. hatte ein anderer französisch geprägter Papst, Clemens V., den Templerorden aufgehoben. Damals stand das Papsttum unter erheblichem Druck König Philipps IV. von Frankreich, der 1307 die Verhaftung zahlreicher Templer veranlasst hatte.
Die historische Situation war selbstverständlich eine andere. Dennoch zeigt sich eine gemeinsame Problematik: Auch die höchste geistliche Autorität der Kirche war in politische Machtverhältnisse eingebunden. Die Aufhebung des Templerordens durch die Bulle Vox in excelso vom 22. März 1312 erfolgte nicht aufgrund eines abschließenden gerichtlichen Schuldspruchs gegen den gesamten Orden, sondern als päpstliche Entscheidung angesichts der angespannten und belasteten Situation. Für das Schicksal der Templer wurde diese Entscheidung verhängnisvoll.
Was hätte Jacques de Molay wohl empfunden, wenn er hätte erleben können, wie ein späterer Papst vor den Soldaten eines christlichen Kaisers fliehen musste? Wir wissen es nicht und sollten ihm keine Worte in den Mund legen. Doch der Vergleich zwingt uns zu einer unbequemen Erkenntnis: Weltliche Machtverhältnisse können sich verändern, und Institutionen, die heute über andere entscheiden, können morgen selbst unter den Druck mächtiger Gegner geraten.
Darin liegt keine Aufforderung zur Schadenfreude über das Schicksal Clemens’ VII. Das Leid der Bevölkerung Roms und der gefallenen Schweizergardisten verbietet eine solche Haltung. Vielmehr erinnert uns die Geschichte daran, wie gefährlich es ist, geistliche Verantwortung den Interessen politischer Herrschaft unterzuordnen.
Als heutige Templer müssen wir deshalb zwischen dem christlichen Glauben und den historischen Handlungen kirchlicher Machthaber unterscheiden. Wir können das Evangelium achten, ohne jede Entscheidung eines Papstes für richtig halten zu müssen. Wir können die religiöse Überlieferung des Christentums bewahren, ohne die weltliche Politik des mittelalterlichen Papsttums zu rechtfertigen.
Diese Unterscheidung ist entscheidend. Denn unsere Aufgabe besteht nicht darin, die Fehler vergangener Jahrhunderte zu wiederholen, sondern aus ihnen zu lernen.
Der Gegensatz zwischen dem Zimmermann aus Nazareth und den Herren des Vatikans
Jesus von Nazareth besaß weder eine befestigte Residenz noch einen eigenen Fluchtkorridor, der ihn vor den Folgen seiner Auseinandersetzungen mit den Mächtigen seiner Zeit hätte schützen können. Nach den Evangelien lebte er ohne die äußeren Zeichen weltlicher Herrschaft. Seine Botschaft richtete sich an Arme und Reiche, an Kranke und Ausgestoßene, an Menschen, die nach Wahrheit, Gerechtigkeit und Hoffnung suchten.
Als Jesus vor Pilatus stand, erklärte er nach dem Johannesevangelium: „Mein Königtum ist nicht von dieser Welt“ (Johannes 18,36). Dieser Satz gehört zu den bedeutsamsten Aussagen über das Verhältnis von geistlicher Sendung und weltlicher Gewalt.
Wie weit hatte sich das spätere Papsttum von dieser ursprünglichen Situation entfernt! Aus einer verfolgten religiösen Gemeinschaft war im Laufe der Jahrhunderte eine Institution geworden, die Territorien beherrschte, Steuern erhob, Heere unterhielt und mit Königen um politischen Einfluss rang. Der Papst war nicht nur geistlicher Hirte, sondern auch Landesherr. Er musste sich mit denselben Fragen beschäftigen wie andere Herrscher seiner Zeit: Wer sind meine Verbündeten? Wer bedroht mein Gebiet? Wie sichere ich meine Residenz? Was geschieht, wenn ein feindliches Heer vor meinen Mauern steht?
Man sollte diese Entwicklung historisch verstehen, ohne ihre Widersprüche zu verschweigen. Jede größere Institution benötigt Organisation und Schutz. Doch die Geschichte zeigt, dass aus notwendigen Verwaltungsstrukturen politische Herrschaft erwachsen kann und dass die Bewahrung dieser Herrschaft schließlich mehr Aufmerksamkeit beansprucht als die ursprüngliche Aufgabe.
Der Passetto di Borgo wird dadurch zu einem Sinnbild jener Entfernung zwischen dem einfachen Wanderprediger aus Galiläa und einer päpstlichen Hofhaltung, deren Sicherheit von Festungen und Soldaten abhing.
Was bleibt von Macht, die sich für unvergänglich hielt?
Inzwischen hat der Passetto seine ursprüngliche militärische Bedeutung verloren. Die politischen Verhältnisse haben sich verändert, der Kirchenstaat des Mittelalters und der frühen Neuzeit existiert nicht mehr, und die Engelsburg ist heute ein historisches Museum. Was einst ein geheimer oder zumindest streng geschützter Fluchtweg war, kann heute im Rahmen von Besichtigungen betreten werden.
Damit hat sich auch seine Bedeutung gewandelt. Die Mauer schützt nicht mehr das Leben eines verfolgten Papstes, sondern bewahrt die Erinnerung an eine Epoche, in der geistliche und weltliche Herrschaft eng miteinander verflochten waren.
Und doch besitzt sie eine Botschaft, die weit über Rom hinausreicht. Die Geschichte kennt unzählige Herrscher, die sich für unangreifbar hielten. Sie ließen Paläste errichten, umgaben sich mit Soldaten und glaubten, ihre Macht werde die Jahrhunderte überdauern. Die meisten ihrer Reiche sind verschwunden. Was geblieben ist, sind Ruinen, Denkmäler, Urkunden und die Berichte jener Menschen, die unter ihrer Herrschaft lebten.
Auch Päpste waren von dieser Vergänglichkeit nicht ausgenommen. Ihre Namen stehen in Geschichtsbüchern, ihre Wappen schmücken alte Gebäude, ihre Entscheidungen beeinflussten das Schicksal ganzer Völker. Doch ihre weltliche Macht war stets begrenzt. Kein noch so mächtiger Kirchenfürst konnte verhindern, dass politische Bündnisse zerbrachen, Armeen einmarschierten und Menschen gegen seine Herrschaft aufstanden.
Für einen Templer ergibt sich daraus eine Lehre von bleibender Bedeutung: Nicht das Amt macht einen Menschen groß, sondern die Art, wie er es ausübt. Nicht die Größe eines Palastes entscheidet über den moralischen Wert seines Bewohners, sondern dessen Handlungen. Und nicht der Anspruch, im Namen Gottes zu sprechen, entbindet einen Menschen davon, Verantwortung für seine Entscheidungen zu tragen.
Wir sollten uns deshalb davor hüten, äußeren Glanz mit innerer Größe zu verwechseln. Eine kostbare Krone kann einen unwürdigen Menschen schmücken. Ein einfacher Mantel kann einen wahrhaft edlen Charakter bedecken. Ein Kirchenfürst kann in seiner Macht versagen, während ein unbekannter Soldat durch seine Pflichttreue ein Beispiel menschlicher Größe gibt.
Das war im Mittelalter nicht anders als heute.
Die eigentliche Lehre für uns heutige Templer
Wenn wir über die Geschichte des Passetto di Borgo nachdenken, dürfen wir uns nicht darauf beschränken, vergangene Päpste zu beurteilen. Wir müssen dieselben Maßstäbe auch an uns selbst anlegen. Denn Machtstreben, Eitelkeit, Selbstüberschätzung und das Verlangen nach äußerer Anerkennung sind keine Eigenschaften, die ausschließlich in päpstlichen Palästen anzutreffen waren. Sie können überall dort entstehen, wo Menschen Rang, Titel und Ansehen miteinander verbinden.
Auch ein Ritterorden ist vor dieser Gefahr nicht geschützt. Ein Kreuz auf dem Mantel macht aus seinem Träger noch keinen gerechten Menschen. Ein wohlklingender Rang verleiht noch keine Weisheit. Und eine feierliche Zeremonie ersetzt weder persönliche Verantwortung noch moralische Haltung.
Der wahre Tempelritter sollte deshalb nicht danach streben, über andere zu herrschen, sondern zunächst sich selbst zu beherrschen. Er sollte nicht seine Würde aus äußeren Zeichen ableiten, sondern aus seiner Bereitschaft, für Wahrheit, Gerechtigkeit und menschliche Würde einzutreten. Er sollte historische Autoritäten respektieren können, ohne deshalb auf sein eigenes Urteil zu verzichten.
Vor allem aber muss er lernen, zwischen Glauben und Macht zu unterscheiden. Der Glaube kann einem Menschen Halt geben, selbst wenn alle äußeren Sicherheiten zusammenbrechen. Politische Macht dagegen bleibt abhängig von Umständen, Bündnissen und menschlichen Entscheidungen. Wer sein gesamtes Leben auf Macht gründet, wird eines Tages um ihren Verlust fürchten müssen.
Vielleicht liegt gerade darin die tiefere Symbolik des päpstlichen Fluchtweges. Ein Mensch, der auf dem Höhepunkt kirchlicher Herrschaft stand, musste einen schmalen Korridor benutzen, um sein Leben zu retten. In diesen Stunden verlor sein Amt nichts von seiner formellen Würde, aber die Grenzen seiner weltlichen Macht wurden offenbar.
Der Weg durch die Mauer erinnerte daran, dass auch ein Papst ein sterblicher Mensch war.
Was bleibt? Die Mauer, die Erinnerung und eine unbequeme Wahrheit
Wenn wir heute vor dem Passetto di Borgo stehen, sehen wir ein Bauwerk aus Stein. Doch wer seine Geschichte kennt, sieht weit mehr. Er sieht die Soldaten, die 1527 vor dem Vatikan kämpften. Er sieht die Schweizergardisten, die bei der Verteidigung ihres Schutzbefohlenen starben. Er sieht die Bevölkerung Roms, die der Gewalt eines außer Kontrolle geratenen Heeres ausgeliefert war. Und er sieht einen Papst, der den Schutz einer Festung suchte, weil ihm seine geistliche Stellung keine Sicherheit bieten konnte.
Aber wir sollten auch jene Templer nicht vergessen, denen zwei Jahrhunderte zuvor der Schutz der höchsten kirchlichen Autorität nicht geholfen hatte. Ihre Geschichte mahnt uns, wie verletzlich Menschen werden können, wenn sie sich vollständig auf die Gunst einer mächtigen Institution verlassen.
Was bleibt also vom Passetto di Borgo? Es bleibt zunächst ein beeindruckendes Denkmal mittelalterlicher Baukunst. Es bleibt die Erinnerung an die Schrecken des Sacco di Roma und an das Opfer der Schweizergarde. Es bleibt aber auch eine grundsätzliche Erkenntnis über das Wesen menschlicher Herrschaft.
Keine Macht ist so groß, dass sie ihren Träger über die Gesetze der Vergänglichkeit erheben könnte. Keine geistliche Würde macht einen Menschen unfehlbar in seinen politischen Entscheidungen. Und kein noch so hoher Anspruch auf göttliche Autorität ersetzt die Verpflichtung zu Gerechtigkeit und Menschlichkeit.
Für uns Templer besitzt diese Erkenntnis eine besondere Bedeutung. Wir verehren nicht die Macht um ihrer selbst willen. Wir sollten vielmehr nach jenem inneren Maßstab suchen, der auch dann Bestand hat, wenn äußere Herrschaft zusammenbricht. Ritterlichkeit zeigt sich nicht darin, unverwundbar zu erscheinen, sondern darin, auch angesichts der eigenen Verletzlichkeit an seinen Grundsätzen festzuhalten.
Der Papst besaß einen Fluchtweg aus Stein. Die Schweizergardisten besaßen ihre Pflicht. Die Menschen Roms besaßen vielfach nichts als die Hoffnung, die Gewalt zu überleben.
Und wir? Wir besitzen die Möglichkeit, aus ihrer Geschichte zu lernen.
Vielleicht ist das die wichtigste Botschaft dieser alten Mauer: Man kann vor einem Heer fliehen, vor einem Feind Zuflucht suchen und hinter dicken Mauern Schutz finden. Doch vor den Folgen der eigenen Entscheidungen, vor dem Urteil der Geschichte und vor der Verantwortung des eigenen Gewissens gibt es keinen Passetto di Borgo.
Denn die Geschichte fragt am Ende nicht, wie mächtig ein Mensch gewesen ist. Sie fragt, was er mit seiner Macht getan hat.
