Der Gelehrte und der Bootsmann
Wenn Wissen allein nicht genügt
Es wird erzählt, dass ein berühmter Gelehrter ein Boot mietete, um hinaus auf das Meer zu fahren. Während das Boot ruhig über die Wellen glitt, begann er den einfachen Bootsmann auszufragen.
„Sagen Sie“, fragte er mit stolzem Ton, „kennen Sie die Geheimnisse der Astronomie?“
„Nein, Herr“, antwortete der Bootsmann bescheiden.
„Wie bedauerlich“, erwiderte der Gelehrte. „Dann haben Sie ein Viertel Ihres Lebens verschwendet.“
Nach einer kurzen Pause fragte er weiter:
„Und was wissen Sie von der Physik?“
„Gar nichts.“
„Dann ist die Hälfte Ihres Lebens verloren!“
Doch der Gelehrte gab sich noch immer nicht zufrieden.
„Und die Chemie? Haben Sie sich wenigstens mit ihr beschäftigt?“
„Nein, Herr. Davon verstehe ich nichts.“
Der Gelehrte schüttelte den Kopf.
„Drei Viertel Ihres Lebens sind vergeudet! Welch traurige Unwissenheit!“
Während der Gelehrte seine Überlegenheit genoss, hatte sich das Boot immer weiter vom sicheren Ufer entfernt. Plötzlich verdunkelte sich der Himmel. Ein heftiger Sturm brach los. Gewaltige Wellen schlugen gegen das kleine Boot, und der Wind peitschte das Meer auf.
Der Bootsmann blickte den Gelehrten ernst an und fragte:
„Mein Herr – können Sie schwimmen?“
Der Gelehrte wurde bleich.
„Nein“, stammelte er. „Ich habe es nie gelernt.“
Der Bootsmann nickte ruhig.
„Dann fürchte ich, mein Herr, dass Sie nun Ihr ganzes Leben verlieren werden.“
Die Lehre für einen Templer
Diese alte Erzählung ist weit mehr als eine amüsante Geschichte. Sie zeigt einen Unterschied, der heute wichtiger ist denn je: den Unterschied zwischen Wissen und Weisheit.
Der Gelehrte besaß umfangreiches theoretisches Wissen. Er konnte über Sterne, Naturgesetze und chemische Prozesse sprechen. Doch als das Leben ihn prüfte, fehlte ihm die eine Fähigkeit, die über Leben und Tod entschied: Er konnte nicht schwimmen.
Auch auf unserem geistigen Weg begegnen wir vielen Menschen, die unzählige Bücher gelesen haben. Sie kennen religiöse Begriffe, philosophische Systeme und historische Daten. Sie diskutieren stundenlang über Symbole, Dogmen und Geheimnisse.
Doch wenn das Schicksal sie in einen Sturm führt – Krankheit, Verlust, Angst, Einsamkeit oder Zweifel –, zeigt sich, ob ihr Wissen wirklich zu innerer Stärke geworden ist.
Der Orden lehrt mehr als Theorie
Der Alte Souveräne Templer Orden versteht Studium niemals als bloßes Ansammeln von Informationen.
Ein Lehrbrief ist kein Selbstzweck.
Ein Ritual ist keine Theateraufführung.
Ein Symbol ist keine Dekoration.
Alles soll den Menschen verändern.
Ein Templer soll lernen, sein eigenes Leben zu meistern. Er soll lernen, ruhig zu bleiben, wenn andere in Panik geraten. Er soll Mitgefühl entwickeln, Verantwortung übernehmen und Entscheidungen treffen, wenn sie notwendig sind.
Man könnte sagen:
Der Gelehrte wusste alles über das Meer.
Der Bootsmann wusste, wie man darin lebt.
Das wahre Schwimmen
Jeder Mensch wird früher oder später in einen Sturm geraten.
Nicht jeder erlebt denselben Sturm, aber niemand bleibt davon verschont.
Dann helfen keine auswendig gelernten Worte mehr.
Dann zählt:
- der Mut, trotz Angst weiterzugehen,
- die Disziplin, den eigenen Prinzipien treu zu bleiben,
- die Fähigkeit, Hoffnung zu bewahren,
- der Glaube, der auch in der Dunkelheit trägt,
- und die Weisheit, zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem zu unterscheiden.
Das ist das geistige Schwimmen.
Wissen muss zur Erfahrung werden
Schon die alten Templer wussten, dass Erkenntnis erst dann wertvoll wird, wenn sie gelebt wird.
Man kann hunderte Bücher über Nächstenliebe lesen – oder einem Bedürftigen helfen.
Man kann Vorträge über Mut halten – oder selbst für das Richtige einstehen.
Man kann über Gebet sprechen – oder tatsächlich beten.
Man kann über Gott diskutieren – oder lernen, in seiner Gegenwart zu leben.
Erfahrung verwandelt Wissen in Weisheit.
Unser Auftrag
Die Welt ist voller Informationen. Noch nie hatten Menschen so einfachen Zugang zu Wissen wie heute.
Doch gleichzeitig fehlt vielen die innere Orientierung.
Gerade deshalb braucht unsere Zeit Männer und Frauen, die nicht nur klug reden, sondern klug handeln.
Der Templer soll beides verbinden:
den klaren Verstand des Gelehrten und die praktische Lebensweisheit des Bootsmanns.
Denn das Ziel unseres Weges besteht nicht darin, möglichst viel zu wissen.
Unser Ziel ist es, zu einem Menschen zu werden, der auch im Sturm seinen Kurs hält und anderen den Weg in den sicheren Hafen zeigen kann.
Denn der wahre Schatz der Weisheit besteht nicht darin, alles erklären zu können – sondern das Leben so zu meistern, dass man auch in den schwersten Stürmen den Glauben, die Hoffnung und die Liebe nicht verliert.
